Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1602 - Georg Tectander, Mitglied einer kaiserlichen Delegation aus Prag

In Moskau

 

Am 9. November Gott Lob, sind wir glücklich in Moscaw angelangt, ungefähr um 2 Uhr Mittag, und mit einem großen Comitat der Moscawiter ein Meilweges ausserhalb angenommen worden, das uns bis in unser Losament, wo alles schön ausgeputzt und zugerichtet, geführt, von wo wir weder spazieren noch sonst uns umsehen durften; wenn wir etwas für die Reise [nach Persien] einkaufen wollten, ist es uns von den Wächtern zugetragen worden. Was Essen und Trinken anbelangt, hat man uns Met, Bier, Branntwein, auch Fleisch, Brot, Butter und andere Notdurft vom Großfürsten täglich im Überfluss zugetragen und uns ganz kostenfrei gehalten, so dass uns gar nichts gemangelt.
   Was die die Stadt Moscaw anbelangt, so ist dieselbe sehr groß, überaus volkreich und mit keiner Stadt Deutschlands zu vergleichen; sie umgreift 4 deutsche Meilen [30 km ], ist die Hauptstadt und königlicher Sitz im Reussenlande. Sie besteht aus drei Teilen: Erstlich einem hölzernen geschlossenem Bollwerk, ringsumher an die fünfzehn Ellen hoch, geteilt vom Fluss Moscovia, von dem die Stadt ihren Namen hat. Die andere oder mittlere Stadt ist mit einer ziemlich starken Mauer umgeben und zum Dritten gibt es das königliche Schloß, so im Zentrum auch mit einer besonderen Mauer und tiefem Wassergraben umfangen ist.
   Man findet in der erwähnten Stadt über die tausend Kirchen und Klöster, unter denen zwei im Schloss, darinnen ihre Könige begraben, sehr herrlich und schön erbaut, mit sieben Türmen, herrlich vergüldeten Dächern, auch schönen großen Glocken, von denen eine die zu Erfurt an Größe und Klang übertrifft. Auf dem Platz vor dem Schlosstor gibt es zwei große Geschütze, in die ein Mann mit geringer Mühe hinein kriechen kann.
   Am 17. November hat mein Herr, der kaiserliche Legat, bei dem Großfürsten Boris Foedrouitzsch [Boris Fjodorowitsch Godunow], welchen die Moscowiter Zar oder Kaiser nennen, gnädigste Audienz gehabt; dem hat man morgens gar früh neun schöne Rosse, die sehr wohl geputzt gewesen, ins Losament gebracht; eines mit einer köstlichen Satteldecke von rotem Samt und mit Gold bestickt, das Zeug alles mit Silber beschlagen und mit Edelsteinen versetzt. Die andern Rosse aber, auf denen wir geritten sind, waren etwas geringer, jedoch schön geputzt. Ungefähr zwei Stunden später ist unser Provisor, ein vornehmer ansehnlicher alter Mann, nebst anderen vornehmen Moscowitern von Adel zu uns gekommen und hat uns zur Audienz geladen. Vor dem Losament aber haben viel Vornehme von Adel in ansehnlicher schöner Kleidung mit wohl geputzen Rossen gehalten, die uns bis in den Palast hinein geleitet haben; der war mit Tapeten und herrlichen schönen Gemälden bereitet. Der Tür oder dem Eingang gegenüber ist der Thron gleich in der Mitte neben einem andern zugerichteten Stuhl auf der linken Seite, mit vier Stufen erhöht, darauf saß der Großfürst in seiner Majestät mit einer güldenen Krone, einem güldenen Stück bis auf die Füße, in der Hand einen schwarzen Stab oder Regiment, mit gutem Golde beschlagen wie mit einem Zacken; neben ihm saß sein Sohn, Foeder Borissovitz [Fjodor Borissowitsch] genannt, in einem gesprenkelten Kleide wie eine Luchshaut. Auf jeder Seite standen zwei Heiducken mit ihren Parten [Streitäxten] in weißen Kleidern und dann rings umher die vornehmsten Räte, auch alle in köstlichen Kleidern und schwarzen Fuchsmützen.
   Nachdem nun der kaiserliche Gesandte seine gebührliche Reverenz verrichtet und dem Großfürsten das kaiserliche Credenzschreiben überantwortet hatte, ist der Großfürst aufgestanden und hat gefragt, wie es dem großmächtigen römischen Kaiser Rudolf [II.], seinem viel geliebten Herrn Bruder und seinen löblichen Herren Brüder ginge und ob derselbe auch noch in vollkommener Gesundheit wäre? Desgleichen hat der junge Fürst auch getan. Darauf hat mein Herr der Legat geantwortet, daß seine Kaiserliche Majestät noch (Gott Lob) frisch und gesund wären, und hat also seine Legation wie anbefohlen verrichtet.
   Kurz danach sind über vierhundert Personen mit Speisen und allerlei Trank von des Großfürsten Tafel gekommen, die sie uns in des Großfürsten Namen verehrt; wir haben nach der Audienz (jedoch auf des Großfürsten Unkosten) noch vier Wochen warten müssen und sind neben drei anderen Dienern, die mein Herr angenommen, nach Persien fortgereist.

 

Tectander, Georg
Iter Persicum; Kurtze und warhafftige Beschreibung der Reiß …
Leipzig 1608; Faksimile 1978

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