Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1907 - Johann Peter Koch
Pearys Warte und der nördlichste Punkt Grönlands:
Mit der Mylius-Erichsen Expedition an der Ostküste

 

Am 7. Mai erreichten wir die östliche Ecke von Peary-Land. Das Land war niedrig und flach und schneebedeckt. Hier und da gab es jedoch vom Schnee entblößte Flecken, wo man sah, daß der Boden aus Strandkies und feinem Lehm bestand. Erst ein paar Meilen von der Küste erhoben sich die Berge; sie waren ziemlich niedrig, kaum über 500 m hoch. Inlandeis, wie wir es von Grönland her kannten, sahen wir auf Peary-Land nicht, nur hie und da kleine Gletscher.
   Sofort bei der Ankunft am Land legten wir ein einem Depot so viel Proviant und Petroleum nieder, wie wir für unsere Rückreise über das Meer brauchten, sowie eine Anzahl Kleidungsstücke. Auf dem Schlitten behielten wir das Zelt, Schlafsäcke, Instrumente, Hundefutter für fünf Tage, Proviant und Petroleum für acht bis neun Tage. Indessen waren sowohl wir als auch die Hunde auf halbe Rationen gesetzt, so daß die Vorräte nicht viel wogen, im ganzen wohl kaum über 150 Pfund für den Schlitten. Bei einer so geringen Schlittenlast sollte man auf eine Tagesreise von acht bis neun [dänische] Meilen [60-68 km] rechnen können; jetzt konnten wir kaum erwarten, daß wir unseren ausgemergelten Hunden eine halb so lange Strecke zurücklegen würden.
   Eine Chance gab es indessen, die Jagd, und die suchten wir sofort zu erproben, indem wir über das niedrige, schneebedeckte Land hinauf zu den Bergen zogen.
   Lockwood und Peary haben die westliche und nördliche Küste des Peary-Landes bereist; Peary war sogar im Jahre 1900 eine Stecke an der Ostküste herabgekommen; aber keiner von ihnen hatte Großwild angetroffen, weder Bären noch Moschusochsen; in diesem nördlichsten Land unseres Erdballs kannte man nur Hasen. Die Aussicht auf eine Jagdernte, die irgendwelche Bedeutung für uns haben konnte, war also nicht besonders gut – aber das Land konnte ja besser als sein Ruf sein.
   Auf dem letzten Lagerplatz vor unserer Ankunft auf Peary-Land hatten wir eine Aufrechnung unseres Proviantvorrates vorgenommen. Ja, das hatten wir in der letzten Zeit jeden Tag getan, wir waren also vertraut mit dieser Aufgabe. Aber diesmal mußte die Aufrechnung mit besonderer Sorgfalt ausgeführt werden. Sobald wir nämlich an Land kamen, mußten wir die Vorräte deponieren, die wir notwendig brauchten, um die Rückreise über das Meer nach unserem Depot im Andrups-Land machen zu können – als Stütze für diesen Teil der Reise hatten wir nur eine knappe Tagesration bei der Nordostrundung.
   Das Ergebnis der Untersuchung war folgendes: Auf den Schlitten hatten wir Vorräte für sieben Tage und bei der Nordostrundung Vorräte für einen Tag, also im ganzen Furage und Proviant für acht Tage. Daß dies etwas knapp für eine Reise nordwärts bis zu Pearys Warte und zurück zum Andrups-Land werden würde, darüber waren wir bereits längst im klaren gewesen, und wir hatten uns daher auch auf halbe Rationen gesetzt, seitdem wir von Mylius-Erichsen geschieden waren.
   Bei halben Rationen reichen achttägige Vorräte ja für sechzehn Tage aus, und wenn wir außerdem bei jeder Mahlzeit einen Bissen für jeden Mann zur Seite legen würden, dann würden wir, so meinten wir, auf diese Weise uns selbst um eine weitere Ration für den siebzehnten Tag betrügen können.
   Danach stellten wir eine Aufrechnung über die Tagesreisen an, und es zeigte sich, daß wir, wenn wir Glück hatten, wenn wir nicht durch Nebel, Schneesturm oder Unfälle irgend welcher Art aufgehalten wurden, nach Pearys Ware und wieder zurück zum Andrups-Land in zwanzig Tagen kommen konnten.
   Also siebzehn Tage halbe Rationen und drei Tage nichts, das waren keine guten Aussichten, aber es war doch nicht schlimmer als das, worein sich so mancher arktischen Reisende hat finden müssen; und es ist nicht schlimmer, als daß man es aushalten kann, ohne alle Kräfte zuzusetzen.
   Das war also vorläufig kein hinreichender Grund, von unserem Programm abzuweichen, um so weniger, da es ja möglich war, daß wir Jagdglück hatten. Aber auf der anderen Seite mußten wir auf Schneesturm gefaßt sein und auf etwas noch Schlimmeres: auf die schlechte Schlittenbahn, die der Sturm meistens im Gefolge zu haben pflegt. Ja, dann konnte es schlimm genug werden; wir mußten dann wohl zu dem zweifelhaften Ausweg greifen, unsere Hunde zu schlachten.
   Daß wir unter diesen Verhältnissen starkes Interesse für Jagd hatten, ist selbstverständlich. Wir zogen daher über das flache Vorland auf die fernen Berge zu. Wir dachten, daß wir vielleicht an deren Fuß Moschusochsen treffen könnten. Jedes Lebenszeichen war für uns ein günstiges Vorzeichen, und im übrigen hielten wir Ausschau nach jeder Spur, die darauf deuten konnte, daß hier Wild war.
   Ganz unten am Strande hatte ein Schwarm Schneesperlinge uns zwitschernd willkommen geheißen; etwas weiter hinauf flatterte eine Schneeeule an uns vorüber; die Hinterlassenschaften der Hasen lagen überall verstreut; hier war doch wenigstens Leben.
   Dann kamen wir an dem Skelett eines Moschusochen vorbei; das gab uns frischen Mut; aber das Skelett brauchte ja nur zu bedeuten, daß Moschusochsen hier gewesen waren, vielleicht vor vielen Jahren. Dann fanden wir zusammengefrorene Urinmasse im Schnee: Noch glaubten wir jedoch nicht recht daran; aber es dauerte jetzt nicht mehr lange, und wir fanden Exkremente, die häufiger und häufiger wurden, je mehr wir uns dem Fuß der Berge näherten. Dann hielt Tobias plötzlich seinen Schlitten an, drehte sich nach uns anderen um und sagte: „Zwei Moschusochsen.“ Sein scharfes Auge hatte sie in einer Entfernung von einer halben Meile entdeckt, wo sie friedlich grasten.
   Jetzt wurde klar zur Jagd gemacht. Bertelsen war so liebenswürdig, zurückzubleiben, um auf die Hunde zu passen, während Tobias und ich mit sechs Hunden davonzogen; die Hunde waren so müde, daß sie sich jeden Augenblick niederlegten; wir mußten sie förmlich an den Zugriemen hinter uns herziehen. Noch als wir auf dreißig Meter an die Ochsen herangekommen waren, hielten die Hunde sich hinter uns zurück. Wir machten sie los und eröffneten darauf das Feuer auf die Tiere; vier ausgewachsene Kühe und zwei Kälber.
   Jetzt erst kam Leben in die Hunde; sie stürzten vor und fielen von allen Seiten über die Ochsen her. Die armen Kühe mußten still stehen und sich gegen die Hunde wehren und wurden so leicht eine Beute für unsere Kugeln. Sie befolgten die gewöhnliche Taktik der Moschusochsen: Sie stellten sich in einem Karree mit den Kälbern in der Mitte auf und machten ab und zu gegen die zudringlichsten Hunde Ausfälle – eine Taktik, die unzweifelhaft vorzüglich gegenüber Wölfen und Bären ist, die aber gegenüber riffelbewaffneten Schützen nicht viel taugt.
   Als die vier Kühe erlegt waren, stürzten die Hunde sich sofort auf das eine der Kälber, zerrissen es und fraßen es an Ort und Stelle auf. Als ich dies sah, hob ich die Büchse, um das andere sofort zu erschießen; aber in demselben Augenblick kam es fröhlich auf mich zu gesprungen; ich mochte es nicht kaltblütig hinmorden und senkte die Büchse wieder.
   Als Tobias und ich zu Bertelsen zurückgingen, wollten die sechs Hunde nicht mit; sie schwelgten in den Eingeweiden der Tiere und konnten es nicht übers Herz bringen, das herrliche Futter zu verlassen.
   Das Kalb dagegen begleitete uns; wir hatten schnell dadurch sein Zutrauen gewonnen, daß wir es gegen unserer Hunde beschützten; jetzt ging es ganz vergnügt zwischen uns die halbe Meile bis zu den Schlitten, wo es photographiert und – geschlachtet wurde.
   Wir fuhren natürlich sofort zu den Ochsen und ließen alle Hunde auf sie los, Jetzt gab es eine Festmahlzeit eigentümlicher Art. Die Hunde zerrten und rissen an den erlegten Tieren, während wir drei Männer dastanden, große Stücke schieres Fleisch herausschnitten und unseren Hunden ins Maul warfen. Nach und nach half es; die Hunde nahmen nichts mehr vom Fleisch, sondern rissen hier ein wenig vom Talg, dort ein wenig Haar ab und blieben offenbar nur beim Fressen, weil sie es nicht übers Herz bringen konnten, aufzuhören. Einzelne lagen jedoch bereits jetzt geschlagen auf der Walstatt – sie lagen lang auf der Seite, alle vier Pfoten von sich gestreckt, und schnappten vor Übersättigung nach Luft.
   Es war ein köstlicher Anblick. Wir lachten lauf auf vor Vergnügen, gingen herum, redeten leise mit den Hunden und trommelten auf ihrem gespannten Bauchfell.
   Eigentlich wurde es uns erst bei dieser Gelegenheit klar, wie schlimm es mit unseren Hunden stand. Gerade dadurch, daß die Haut sich um den überfüllten Bauch herum anspannte, kam die Magerkeit entsetzlich zutage; trotz des dicken Pelzes traten Rückgrat und Hüftknochen mit allzu unheimlicher Deutlichkeit hervor. Und das waren die Hunde die sich für uns abgeschleppt und abgerackert hatten, und die wir mit der Peitsche und mit Fußtritten bearbeitet und beinahe hatten verhungern lassen – es war nicht zu begreifen.
   Na, wir mußten auch ein wenig an uns selbst denken; wir schlugen das Zelt auf, kochten Moschusochsenfleisch und aßen uns gründlich satt. Wir waren jetzt 26 Stunden hintereinander auf den Beinen gewesen, waren fünfeinhalb Meilen [41 km] gereist, das heißt gegangen, und hatten auf drei Stationen gemessen. Uns mochte es schon not tun, in die Schlafsäcke zu kommen, aber erst mußte eine Arbeit verrichtet werden: die Ochsen mußten zerlegt werden, da sie bereits am anderen Morgen steifgefroren sein würden. Erschöpft und schläfrig, aber bei guter Laune, machten wir uns an diese gerade nicht sehr angenehme Beschäftigung. Als wir endlich in unsere Schlafsäcke krochen, hatten wir 30 Stunden hintereinander stramm gearbeitet. Es waren damals 17 Tage vergangen, seit wir zuletzt Rasttag gehalten hatten.
   Am nächsten Tag schossen Bertelsen und Tobias elf Moschusochsen; aber ehe wir dazu kamen, die Magen aus ihnen herauszunehmen, wurden wir von einem Schneesturm überrascht und mußten uns schleunigst in unser Zelt zurückziehen. Der Sturm zwang uns, zwei Tage im Zelt zu bleiben, und ein Tag ging damit hin, die elf Ochsen zu zerwirken und Fleisch als Depot niederzulegen. Erst am 11. Mai, zur Mittagszeit, waren wir fertig, die Reise nach Norden fortzusetzen. Die Hunde hatten sich ausgeruht; sie kommen erstaunlich schnell zu Kräften, wenn sie soviel zu fressen bekommen, wie sie mögen, aber mit uns andern hielt es schwer; die Beine wollten nur nicht recht mit, als wir nordwärts durch den tiefen Schnee wateten, den der Sturm mit sich gebracht hatte.
   Als wir am Abend des 12. Mai an der Küste entlang gefahren kamen, erblickten unsere Hunde auf dem niedrigen schneebedeckten Strand vorn einen kleinen dunklen Punkt. Wie gewöhnlich liefen sie auf das für sie Auffällige zu und beschleunigten die Fahrt, und wir ließen ihnen ihren Willen. Bald wuchs der Punkt und erhielt die Gestalt eines Kegels, und als wir auf den Stand hinaufschwenkten und zu dem Platz fuhren auf dem geleerte Konservenbüchsen herumlagen, gab es keinen Zweifel mehr: wir standen vor Pearys Warte.
   Hier standen wir also auf der Stelle, auf der der berühmte amerikanische Forscher vor sechs Jahren auf seiner Reise im Norden von Grönland, von Westen kommend, haltgemacht hatte. Unser Ziel war erreicht; der Anschluß an die Entdeckungen des amerikanischen Entdeckers war gelungen; Grönlands äußere Küste war jetzt in ihrer ganzen Ausdehnung bereist.
   Aus dem Bericht, den Peary in der Warte deponiert hatte, ersahen wir, daß er zusammen mit dem Kap-Yorker Eskimo Anhgmalokto und dem Mulatten Matthew Henson mit drei Schlitten und sechzehn Hunden hierher gelangt war. Er hatte sich hier des Nebels wegen zwei Tage lang aufgehalten und war dann durch Proviantmangel zur Umkehr gezwungen worden.
   Ich nahm den Bericht heraus und legte den Bericht meiner Reise an seine Stelle. Die Warte steht auf 82 Grad 59 Minuten.
   Der Nebel hatte Peary an der Vermessung der Strecke zwischen Kap Bridgman und der Warte gehindert, Wir beschossen daher, die Reise nach Norden fortzusetzen, um die amerikanischen Messungen zu vervollständigen, was übrigens nur zum Teil gelang, da auch wir von Nebel stark belästigt wurden.
   Früh morgens am 15. Mai machten wir vor dem Kap Bridgman halt. Der Nebel war so dicht, daß wir nichts sahen.
   Wir hatten Proviant und Hundefutter genug, um die Reise zwei bis drei Tage fortsetzten zu können, nach Westen längs der Küste oder über das Meereis nach Norden; aber weder im Westen noch im Norden gab es bedeutende Aufgaben für uns. Es war jedoch unsere Absicht, wenn das Wetter sich aufklären würde, eine Tagereise westwärts zu fahren, damit Bertelsen Gelegenheit erhielt, einige Skizzen von der scharfen, felsigen Küste zu machen, die hier beginnt; aber der Nebel wollte sich nicht zerstreuen; es klärte sich nur soviel auf, daß wir gerade noch die notwendigen astronomischen Betrachtungen machen konnten.
   Hier auf dem nördlichsten Punkt Grönlands und dem Endziel unserer Reise, bauten wir eine Warte, und ich legte in dieser einen Bericht über den Verlauf der „Danmark-Expedition“ nieder.
   
Enthalten in:
Friis, Achton
Im Grönland-Eis mit Mylius-Erichsen
Berlin 1910 

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