Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1859 - Ernst Haeckel
Capri

 

Will ich nun versuchen, Euch ein einigermaßen anschauliches Bild von dem Capri-Märchen zu entwerfen, so weiß ich kaum, wo ich anfangen soll, so reizend und reich sind alle Seiten desselben. Um es erst im allgemeinen zu charakterisieren, kann ich am besten sagen, daß es zum Teil eine poetische Realisierung jener schönen Träume eines ursprünglichen, halb wilden Naturlebens ist, denen ich von früher Jugend an mit besonderer Vorliebe nachgehangen habe. Die Gedanken eines unmittelbaren Hingebens an die reine, köstliche Natur, eines harmonischen Zusammenlebens mit ihrem einfachen und doch so reichen Stilleben, wie ich sie schon als Kind beim Lesen des Robinson Crusoe empfing und später nach der Lektüre von Humboldts Naturansichten weiter ausspann, endlich einmal eine Zeitlang in einem Aufenthalt in einem tropischen Urwald zu verwirklichen hoffte, die ich dann durch meine großen Alpenwanderungen, wenn auch in anderer Weise, zum Teil befriedigte, finde ich hier in Capri, wieder von einer andern Seite, teilweise verwirklicht. Man könnte Capri wirklich ein kleines Paradies nennen, so rein und unschuldig, so einfach und natürlich, so rein und wahr stellt sich hier das Menschenleben in der köstlichsten Natur überall dar. Man kann sich auch in dieser Beziehung keinen größeren Gegensatz denken als Capri und Neapel. Die einfache Menschenwelt Capris kommt mir fast wie ein unverdorbenes Urvolk vor. Dank sei den steilen, rauhen Felsen, die wie eine unübersteigliche Mauer das Klippeneiland von allen Seiten umgürten und abschließen. Dank den steilen, beschwerlichen, steinigen Treppenpfaden, die den kleinsten Weg nicht ohne mühevolle Anstrengung zurücklegen lassen, dank der ärmlichen, alles Komforts entbehrenden Lebensweise und der anspruchslosen Einrichtung der nur für Künstler berechneten beiden kleinen Gasthäuser; - der große, alles verderbende Schwarm der Touristen und Engländer geht hier noch spurlos vorüber - nachdem sie pflichtmäßig in einer Stunde die Blaue Grotte besucht, kehren sie möglichst rasch wieder nach Neapel zurück und wissen dann von der eigentlichen wunderbaren Naturschönheit des Inselkleinods so viel wie vorher; - aber sie können mit beruhigtem Gewissen erzählen und in ihr Tagebuch schreiben, daß sie in der Blauen Grotte gewesen; und doch ist diese nur eine einzige von den vielen hundert großartigen Naturschönheiten, die hier in wunderbarer Fülle auf kleinstem Raum zusammengedrängt sind. Neapolitaner kommen nun vollends gar nicht her, und das ist das größte Glück: diese Menschenrasse hat weder für Kunst noch für Natur das geringste Interesse - sie leben inmitten ihres Paradieses wie die Blinden, und daß einmal ein echter Neapolitaner, zumal ein sogenannter «Gebildeter» in Pompeji oder Bajae, auf dem Vesuv oder Camaldoli, auf Ischia oder Procida gewesen wäre, gehört zu den größten Seltenheiten. Höchstens fahren sie einmal mit dem Dampfschiff nach Sorrent oder mit der Eisenbahn nach Castellammare, besonders aber nach Caserta, welches langweiligste aller steifen Zopfschlösser für sie die größte Schönheit ist. Nach Capri verliert sich aber nun vollends keiner; das liegt ganz außer ihrem Gesichtskreis - obgleich es ihnen von allen Punkten ihres schönen Golfes aus vor der Nase liegt. So kommt es denn, besonders seit ein Dampfschiff die Fremden sehr bequem nach der Blauen Grotte und noch am selben Tag nach Neapel zurückbringt, daß fast ausschließlich Maler Capri zu ihrem Aufenthaltsort wählen, die dann alle mit einer von schönen Bildern vollen Mappe und dankbaren frohen Herzen nach längerem Aufenthalt das reizende Eiland wieder verlassen ...
   Ich habe das netteste Zimmerchen im ganzen Haus bekommen. Es ist zwar nur sehr klein, öffnet sich aber durch zwei weite, hohe Flügeltüren in eine große, lichtvolle, hochgewölbte Loggia, aus deren beiden weiten, nur durch einen schmalen Pfeiler getrennten Bogenfenstern (die nur durch Gardinen verschließbar sind) ich den schönsten Blick auf die stille Natureinsamkeit der Mitte der Südküste habe: links den großen Tuoroberg mit dem Telegraphen obenauf, darüber hervorragend aus dem Meer die wilde, öde Faraglioniklippe, wie eine uralte, halbzertrümmerte Pyramide, dann in der Mitte die Certosa, eine mittelalterliche Klosterruine mit schönen Rundbogengängen, rechts vor mir im Garten des Hauses die schönste Palme, die man sich denken kann, darüber im Hintergrund der steile Berg Castiglione, der die malerischen Ruinen einer alten Burg trägt. Und nun in der Mitte zwischen den beiden Bergen über dem Karthaus das himmlisch blaue Meer, dessen unendlich weiter, offener Spiegel, nur selten von einem einsamen Segel belebt, mir fast noch nirgends so unermeßlich großartig erschienen ist wie gerade hier.
   Steige ich nun aus meiner Loggia nur wenige Stufen hinauf, auf das über ihr sich wölbende niedrige Kuppeldach, so habe ich dazu noch den reizendsten Überblick des ganzen Städtchens, mit seiner hohen Kuppelkirche, den maurischen gewölbten Kuppeldächern, dem Fort S. Michele und vor allem dem mächtigen, breiten Felsgürtel des Monte Solaro, der Ost- und Westhälfte der Insel so scharf voneinander trennt, daß beide nur durch eine einzige, aus etwa 600 Stufen bestehende, sehr steile Felstreppe verbunden sind. Besonders am Abend ist der Aufenthalt auf diesem Dach so reizend, daß wir allabendlich 1-2 Stunden daselbst verplaudern, und in voriger Woche, als der köstlichste Vollmondschein sein reines Silberlicht in südlicher Glanzesfülle über die ganze Insel goß, die Nächte im Zimmer aber sehr schwül und heiß waren, habe ich ein paarmal oben geschlafen, und auch Allmers hat, meinem Beispiel folgend, ein paar köstliche Nächte oben zugebracht. Diese Vollmondabende waren überhaupt so zauberisch schön, daß ich nie ähnliche im Norden gesehen zu haben meine, vor allem der goldige Spiegel im Meere, der wie ein goldenes Vlies auf den dunkel stahlblauen Wellen hin und her zitterte, daß Gjertsen und nachher auch Allmers und ich ein paarmal von dem hohen Castiglionefelsen aus dem wunderbaren Spiele stundenlang zugesehen haben. Dabei ist der Himmel immer so rein dunkelblau, daß es schließlich fast langweilig wird und man sich nur der Abwechslung halber wieder ein paar Wolken wünscht. Regen habe ich nun seit fast 3 Monaten keinen mehr gesehen, und Gewitter ist nur ein einziges dagewesen. Die Bäume bleiben trotzdem (durch den sehr starken Nachttau und die feuchte Seeluft) recht frischgrün; die niedere Vegetation verbrennt aber gänzlich, und der Boden ist daher, abgesehen von den immergrünen Sträuchern und Kräutern und einigen Fettpflanzen, überall nur mit dürren, vertrockneten Grashalmen und Blättern bedeckt. Im ganzen erhält er aber dadurch jenen wundervollen, in lebhaftem Gelb, Rot und Braun spielenden warmen Farbenton, welcher mit dem stillen Violettgrün der nackten Felsen wunderbar schön kontrastiert und der Landschaft ihren echt südlichen, warmen Charakter aufprägt.
   Wenn nun auch in botanischer Hinsicht das Maikleid der Insel mit seiner prachtvollen Frühlingsflora - den hohen, weißen Asphodelus-Lilien, den wunderbar geformten, purpurnen Orchideen, den silberblätterigen Strandwinden, den bunten Erikablütenwäldern und all den andern köstlichen, bunten und duftigen Frühlingsblumen, die alles damals so reizend kleideten, viel interessanter war, so hat die Landschaft doch in malerischer Hinsicht durch dies rotbraune und glutgelbe Herbstkleid sehr gewonnen und ihren südlichen Charakter erst recht ausgeprägt. Von dieser mächtigen, wunderbaren Farbenglut, in der die Felsen und Berge hier, besonders im Morgen- und Abendrot, in allen möglichen Nuancen spielen, und von dem wunderbaren Kontrast, den diese warmen Farbenstufen mit dem kühlen Grau und Violett anderer Stellen und dem Violettblau der Schlagschatten bilden, hat unser blasser, kalter Norden doch kaum eine Ahnung, und nur viele Alpenwunder können sich dieser Naturpracht ebenbürtig an die Seite stellen. Und nun dieser Zauber der schönsten Linien, der schwungvollsten Formen: man muß diese Bergkonturen, diese Felsbildungen selbst sehen, um sich von ihrem vollendeten Formenzauber einen Begriff zu machen. Unter anderm zeichne ich jetzt einen Berg, den Tuoro Grande, der durch den kühnen Schwung und rhapsodischen Fall seiner Umrisse mit dem als dem schönsten Europas gerühmten Berge, dem Monte Pellegrino bei Palermo, kühn wetteifern kann. In dieser wildesten, großartigsten Gebirgswelt der Felsen fühle ich mich so recht glücklich und heimisch und kann im Zeichnen und Malen ihrer unübertrefflichen Formen gar nicht müde werden, so daß sich selbst die Maler darüber verwundern. Ein großes Aquarell ist mir auch so gelungen, daß Allmers gar nicht glauben wollte, daß ich es allein gemacht hätte, und schließlich meinte, wenn es wirklich wahr wäre, so wäre die größte Gefahr vorhanden, daß ich den Quallen und Seesternen untreu würde. Und in der Tat, der Gedanke, noch auf meine alten Tage Landschaftsmaler zu werden, ist mir nie so nahe getreten wie grade jetzt hier, wo ich in das heitere, harmlose, phantasievolle Künstlerleben einen so reizenden Blick getan und dessen Lichtseiten gegenüber dem ernsten, kalten, verständigen Wissenschaftlichen des Gelehrten so recht schätzen gelernt habe.

 

Haeckel, Ernst
Italienfahrt. Briefe an die Braut 1859/1860
Leipzig 1921

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