Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1621 - Heinrich von Poser, schlesischer Indienreisender
In Kandahar
Afghanistan

 

Den 21. September kamen wir in die erste indianische Stadt Candahar. Es ist kein Wunder, daß der persianische König diesen Ort mit neidischen Augen ansieht. Er liegt an dem Berg Lacca, die Caravanen gehen täglich mit viel tausend Camelen ab und zu. Das Erdreich ist an Beeten und Bäumen überaus fruchtbar. Die grosse Besatzung kann allhier gar leicht unterhalten werden. Das Castel liegt auf einem hohen Orte und zeigt des daselbst Hof haltenden Badar Chans köstliches Haus auf einer prächtigen Höhe. Allhier habe ich meine Lust an viel Elefanten schon gesehen.
   Der Fürst hat einen schönen Garten. Man trifft viele, aber nicht nach der Persianer Ordnung gebaute Basarden oder Märkte. Es wird viel Leinwand gekauft und verkauft. Man pflegt ein königliches Grab, mit grosser Andacht allhier zu besuchen. Bald hieß derselbige König Schach Maseur Latta, bald Dervisch. Ich lasse es an seinem Orte ruhen, welches der rechte Name sey, und erzähle nur, daß mir daselbst zu bleiben nicht lange erlaubt worden.
   Der Ort ist sehr schön. Den 24. September stahl ich mich gleichsam in dieses Castel unter dem Vorwand, als ob ich etwas Notweniges bey den persianischen, jetzt bey dem Fürsten sich befindenden Kaufleuten zu thun hätte. Ich kann nicht sagen, wie fest und herrlich diese Festung ist.
   Den 25. September ging ich mit meinem Herrn Claudio spazieren und lernte, daß diese Stadt in vier Theile zu theilen sey, in des Fürsten Castel, und die fast unzählige Menge der Häuser. Die zum ersten Thore hinaus gehen, finden eine mit zwei Thoren beschlossene und wegen grossen Handels berühmte neue Stadt. Der vierte und letzte Theil der Stadt Candahar besteht in den wasser-und handlungsreichen Vorstädten. Die köstlichen Häuser der grossen Herren und die hohen Thore, durch welche die die Menge der Elefanten gar sicher aus- und eingehen, gaben der Stadt ein nicht geringes Ansehen. Das Lasterhaftigste war allhier die unmässige Sauferei des Tambacks [Tabaks] und des gewöhnlichen Tranks Bose. Setze hinzu der Huren feilgebotene, doch ungestrafte Geilheit.
   Der 26., 27., 28., 29. September waren mir lauter Tage der Bekümmernis. Ich sollte reisen. Je emsiger ich war, meine Sachen auf Camele zu dingen, je williger sich unterschiedliche dazu fanden, je lügenhafter fand ich sie dazu. Man schlug die Paucken und bließ die Trompeten zu Beladung der Camele. Ich hatte noch keine. Endlich half mir ein jesdensischer Kaufmann [aus Jesd in Persien], daß ich mit der Caravane in die Herberge Giakür kommen konnte. Hier wuchs unsere Caravane bis in zweytausend.
   Den 1. Oktober fing ich mit einem hitzigen Fieber an. Den 3. kam es mit größerer Heftigkeit wieder. Man reiste weg und ich Kranker mußte auf Begehren meines jesdenischen Kaufmanns auch mit fort.

 

Poser, Heinrich von
Der beeden Königl. ErbFürstenthümer Schweidnitz und Jauer in Schlesien Hochverordneten LandesBestelltens …Tage-Buch seiner Reise von Constantinopel aus durch die Bulgarey/ Armenien/ Persien und Indien ans Liecht gestellet …
Jehna, 1675

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