Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1892 - Arthur Baessler
Im Reservat der Resignierten
Wallaga Lake, New South Wales, Australien

 

Bekanntlich sind die Eingeborenen Australiens im Aussterben begriffen, wenn auch das Abschießen derselben wie wilde Tiere jetzt verboten ist. In Neu-Süd-Wales und Victoria ist den wenigen noch vorhandenen Überresten der eingeborenen Rasse ein kleiner Teil des Landes, das ihnen die Weißen einst entrissen, zurückgegeben worden, d.h. für ihre unermeßlich großen Gebiete sind ihnen einige kleine Länderstriche angewiesen, die ihnen solange gehören, bis der letzte Schwarze gestorben sein wird. Auf diesen den „Reservations“ der amerikanischen Indianer entsprechenden Ländereien werden die „Natives“ soweit unterstützt, daß sie nicht gerade Hungers sterben. Hiermit glauben die Eroberer ihrer Pflicht und ihrem Gewissen Genüge zu tan haben. Den Distrikten steht meistens ein Regierungsbeamter vor, der sie patriarchalisch verwaltet, wobei ihm für andere Beschäftigung noch Zeit genug übrig bleibt.
   Eine solche Reservation bildet die Station Wallaga Lake. Sie ist von Sydney aus nicht schwer zu erreichen. Ein Küstendampfer bringt den Reisenden bei gutem Wetter in zwanzig Stunden nach dem im Süden von Neu-Süd-Wales gelegenen kleinen Hafenort Birmagoi, von wo aus er in mehrstündigem Ritt durch astralischen Dickicht – oder auf kürzerem Weg den sandigen Strand entlang, wobei jedoch ein Teil des Sees schwimmend zu passieren ist – den vom Meer nur durch große Sanddünen getrennten Wallaga-See erreichen kann. […]
   Der liebenswürdige Superintendent empfing mich mit der angenehmen Nachricht, daß er noch am Abend, als er die Ankunft des Dampfers erfahren, einen Boten zu den Schwarzen gesandt habe, um sie für den nächsten Tag zum Picknick einzuladen. Wir hätten aber nicht nötig, zeitig aufzubrechen, da die Herren es liebten, lange in den Tag hinein zu schlafen.
   So bestiegen wir denn am folgenden Morgen, nach kräftigender Ruhe auf einfachem, aber guten Lager wieder die Pferde, um in einstündigem Ritt den verabredeten Ort zu erreichen. Es war ein auf einem kleinen Hügel hübsch am Ufer des Sees gelegener freier, von rieseigen Urwaldbäumen eingeschlossener, und darum kühler Platz, von dem aus man fast den ganzen See überblicken konnte. Ein kleines hölzernes Haus war hier errichtet, die vom Superintendenten erbaute Schule, in welcher er die schwarzen und halbschwarzen Kinder unterrichtete; sonst war nichts zu sehen. Von den Schwarzen war noch keiner erschienen, wir machten uns daher auf den Weg, sie herbeizuholen.
   Ihre Hütten lagen nur wenig abseits an den Ufern einer hügeligen hübschen Bucht; jeder derselben möglichst weit von der anderen entfernt. Die Australneger sind ungemein mißtrauisch und schließen sich daher so viel wie möglich voneinander ab. Die Wohnungen sahen nicht einladen aus, entsprachen aber ganz dem Zustand ihrer verlotterten Besitzer. Die meisten waren aus starken, rohen Pfosten und aus Baumrinde hergestellt, ganz so wie die Schwarzen bei den im Busch lebenden Weißen es gesehen hatten. Nur ein Raum ist in der kleinen Hütte, zur Seite eine kaminartig angebaute Feuerstelle, deren Schornstein den Rauch aus dem Innern führt. Andere waren zeltartig aus Brettern oder auch nur aus dicker Baumrinde errichtet, die früher den Eingeborenen eigentümlichen Lagerstätten, eine Art Windschirm, war durch dicke, nach der Wetterseite zu an einem Querbalken befestigte Baumrindenstücke den dahinter Sitzenden Schutz vor Wind und Regen gewährte, fanden sich dagegen nicht vor. Das Innere der Hütten war schmutzig, europäisches Gerümpel stand überall herum, Löcher in den Wänden, und am Dach ließen Wind und Regen freien Zutritt.
   Wer von den Bewohnern nicht mehr in Morpheus Armen ruhte, lag vor der Hütte im Gras und ließ sich von der Sonne bescheinen. An irgendwelche Arbeit dachte niemand, und nach dem Picknickplatz zu kommen, hatte sich noch kein Mensch entschließen können. Zu jeder einzelnen Hütte mußten wir reiten, überall unsere Einladung vorbringen und die Leute höflichst ersuchen, zum Fest zu kommen, da wir uns erlaubt hätten, Fleisch, Mehl, Zucker, Teer, Rosinen, Tabak usw. in großen Mengen mitzubringen. Zwar sagten alle zu, abe rmit sehr gleichgültigem Gesicht; nicht einer zeigte Freude oder gar dankbare Gefühle, nur eine alte, gelähmte, siebzigjährige Frau, die Gattin des „Königs“, war anscheinend über die Güte des Superintendenten gerührt; als dieser bei der Aufzählung der Genüsse auch Tabak erwähnte, rief sie einmal über das andere: „God bless you, God bless you!“ Da sie aber diese Worte bei jeder Gelegenheit wiederholte, konnte man schließlich nicht mehr unterscheiden, ob dies wirklich aus Dankbarkeit oder bloß Angewohnheit geschah. Vielleicht war auch damit der ganze englische Wortschatz der Alten erschöpft. Manche der Schwarzen hielten sogar mit allerhöchst ihrem Unwillen nicht zurück, daß sie so kurzer Hand zum Picknick eingeladen wurden, wobei sich allerdings herausstellte, daß der Bote, der am vergangenen Abend die Einladung überbringen sollte, durchaus nicht bei allen seinen Brüdern gewesen war, sondern nur bei seinen intimeren Freunden, damit er mit diesen den Löwenanteil bekäme. Zur Rede gestellt, entschuldigte er sich durch allerhand Ausflüchte; uns blieb somit nichts übrig, als den Herren Eingeborenen unser lebhaftes Bedauern über unser Verstoßen gegen die australische Etikette auszusprechen und sie ergebenst zu bitten, uns dies Versehen nicht nachzutragen und es sich schmecken zu lassen. Halb versöhnt, halb mürrisch ließen sich schließlich die meisten dazu bereit finden.,
   Wir waren schon längst wieder am Schulhause angelangt, als der erste Schwarze daselbst eintraf, und Mittag war vorüber, bis sich die Familien daselbst versammelt hatten. Jede ließ sich möglichst entfernt von der andern nieder und wartete der Dinge die da kommen sollten; an die Zubereitung Essens oder an die geringste Hilfeleistung dabei dachte niemand. Sie hatten erwartet, alles gekocht und gebacken vorzufinden und waren durchaus nicht einverstanden, diese Arbeit selbst vornehmen zu sollen. Im vergangenen Jahr hatte der Superintendent das Picknick auf seiner Farm abgehalten, und seine Frau hatte für die Schwarzen das Mahl zugerichtet. Das hatte den Gästen gefallen. Da sie sich aber dafür desto unverschämter benahmen, so konnte an die Wiederholung eines solchen Festes nicht gedacht werden. Die Schwarzen hatten dies aber als selbstverständlich angenommen und waren daher empört über die Zumutung, ein eßbares Geschenk zu erhalten, das nicht schon so weit fertiggestellt war, um nur in den Mund gesteckt zu werden.
   Von den 101 Männern, Frauen und Kindern, die im Camp wohnten. Waren 14 Männer, 9 Frauen, 8 Mädchen und 7 Knaben hier versammelt, und alle, die Kinder und eine gelähmte Frau ausgenommen, wären zu jeder Arbeit tauglich gewesen, aber auch nicht einer fand sich gutwillig bereit, ein Feuer anzumachen, nicht eine, ein Stück Fleisch zu kochen oder einen „Damper“ (flaches, metzenartiges Brot) herzurichten. Ihr Leben fließt dermaßen in Faulheit dahin, daß sie viel zu träge sind, diese einmal auch nur für eine Viertelstunde abzuschütteln. So machte denn die ganze Gesellschaft einen höchst unsympathischen Eindruck.
   Unter den Männern befanden sich ganz hübsche kräftige Gestalten, aber obgleich sie in den besten Jahren standen, ließ ihr schleichender Gang mit lässig gebücktem Körper auf Kraftlosigkeit schließen, obgleich sich später herausstellte, daß dies gar nicht der Fall war; sie waren einfach zu bequem, um sich gerade zu halten. Auf Schönheit konnten weder Frauen noch Männer Anspruch erheben; doch gab es unter beiden Geschlechtern Leute, die durchaus nicht abstoßend gewesen wären, hätten sie mehr Sorgfalt auf ihr Äußeres verwendet. Die Hautfarbe der Vollblutaustralier war dunkelbraun, bei dem mit weißem Blut gemischten heller: Während meines Aufenthaltes am Wallage-See gelang es mir, im ganzen 45 Leute zu messen: 23 Männer und Jünglinge von vielleicht 80 bis herab zu 18 Jahren, 10 Knaben unter 13 Jahren, und 21 Frauen und Mädchen im Alter von 70 bis 16 Jahren. Von den Männern waren 13 Vollblutaustralier, 10 Mischblut; von den Knaben 2 Vollblut, 8 Mischblut; von den Frauen 5 Vollblut, 16 Mischblut. Der größte Vollblutmann maß 177 Zentimeter, kleinste 155 Zentimeter. Das Durchschnittsmaß betrug 162,8 Zentimeter; die Mischblüter erreichten im Durchschnitt 168 Zentimeter, von den Frauen die ersteren 158,4, die letzteren 157,5 Zentimeter. Volle Gestalten fand man, bis auf zwei Frauen, unter den Vollblütern nicht, sie waren durchgehends schmächtig, die Arme und Beine der älteren ungemein mager, während jüngere Männer mit gut entwickelter Muskulatur sich, bei etwas mehr Anstrengung, leicht zu kräftigen Gestalten hätten entwickeln können. Was sie trotz ihrem schlechten Ernährungsstand leisten konnten, sah ich später deutlich, wenn es galt, einem Vergnügen nachzugehen. Beim Klettern, Springen und Ballwerfen kannten sie keine Müdigkeit, und kam die Zeit der Pferderennen, so konnten sie tagelang laufen, um einem solchen beizuwohnen. Während man sie sonst nicht bewegen konnte, für guten Lohn eine kleine Wegstecke zurückzulegen, war ihnen dann keine Entfernung zu weit.
   Auf dem Ritt von der Farm nach dem Camp waren wir mehrfach an gefällten, teilweise auch schon zersägten Bäumen vorbeigekommen. Das war die Arbeit der Schwarzen gewesen, die sich vom Superintendenten nach langen vergeblichen Mühen hatten bereden lassen, sich mit dem Holz, das in Hülle und Fülle überall herumstand, neue regendichte Hütten zu bauen. In einer Anwandlung von Arbeitslust hatten sie die Bäume wirklich gefällt und Bretter daraus gemacht, dann aber war ihre Tatkraft zu Ende. Von dem Fällungsort mochten sie das Holz nicht bis an das Ufer des Sees karren, sie verlangten darum von ihrem weißen Bruder, daß er es ihnen dahin schaffe. Da dieser Besseres zu tun hatte, so verrotteten die Bretter im Urwald, und die Hütten blieben in ihrem früheren trostlosten Zustand.
   
Baessler, Arthur
Südsee-Bilder
Berlin 1895

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