Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1851 - Heinrich Barth
In Agadez, Niger

 

Die Stadt Agades liegt ganz auf einer flachen Ebene, welche durch einige kleine , aus Schutt und Gerümpel gebildete Hügel unterbrochen wird; aus der Linie, die von den flachen [Dach-] Terrassen der Häuser gebildet wird, ragt außer etwa 50 Häusern von zwei Stockwerken nur der hohe Thurm der Me-ssalladje. Von der Terrasse unseres Hauses, die ich fast täglich besuchte, hatte ich einen interessanten Überblick über die vor mir ausgebreitete Stadt.
   Zur Zeit ihrer höchsten Blüte, d. h. vor der Eroberung durch Mohammed Asskia im Jsahre 1515, hatte die Stadt einen Umfang von etwa 3 ½ Meilen [27 km] und mag wohl 50.000 Einwohner oder selbst mehr gezählt haben. Auch noch bis Ende des vorigen Jahrhunderts, etwas bis 1790, soll sie ein bedeutender, wohlhabender Ort gewesen sein. Damals aber, heißt es, habe sich der größte Theil der Bewohner nach den Nachbarstädten von Haussa, namentlich Katsena, Tessaua, Maradi und Kano, übergesiedelt. Die Epoche dieser bedauerlichen Auswanderung und Verödung der Stadt kann nicht mit der großen Revolution in Zusammenhang gebracht werden, welche im mittleren Sudan durch das Auftreten des Djihadi oder des Reformators Othamn da-n-Fodie hervorgerufen wurde; vielmehr geht sei in dieser Begebenheit etwa um 15 Jahre voraus. Dagegen folgt sie in kurzem Zwischenraum auf die bereits erwähnte Eroberung Gogos durch die Auelimmiden; die gänzliche Zerstörung dieser Stadt mußte auch Agades einen gewaltigen Stoß geben, indem dadurch der bedeutenste Handelsweg abgeschnitten wurde.
   Die jetzige Stadt ist nur noch ein Gerippe dessen, was sie früher war; die Zahl der noch bewohnten Häuser schätze ich auf 600 bis 700 und die Menge der Bevölkerung, die Sklaven natürlich eingerechnet, auf etwa 7.000. Die bewaffnete Macht des Platzes beträgt etwa 600 Mann. Eine bedeutende Anzahl der männlichen Bewohner aber ist fast immer in kaufmännischen Geschäften von Hause abwesend. Einen Anhalt, die Bevölkerung zu berechnen, gewährt auch die Anzahl der Knaben, die in fünf oder sechs Schule etwas Lesen und Schreiben lernen. Solcher Knaben im Alter von 7 bis 10 Jahren waren zur Zeit meiner Anwesenheit 250 bis 300, wobei zu beachten ist, daß nicht alle Knaben in die Schule geschickt werden, sondern nur diejenigen, deren Familien sich in leidlichen Umständen befinden.
   Die Erhebung der Hochfläche, auf der Agades liegt, kann wohl nicht geringer als zu 2.500 Fuß angenommen werden. Der Sandstein scheint in einer gewissen Tiefe stark mit Salz geschwängert zu sein; dies beweisen nicht nur die Teiche, sondern auch die Brunnen, und deshalb wird alles Trinkwasser von den außerhalb der Mauern gelegenen Brunnen geholt.
   Der südliche Theil der Stadt, der jetzt fast ganz verlassen ist, bildet das älteste Viertel, und Katanga scheint die nördliche Grenze der Stadt gewesen zu sein. Die Mauern, welche an der Süd- und Ostseite der Stadt gänzlich verfallen sind, haben an der Westseite noch eine gewisse Höhe bewahrt, aber an vielen Stellen könnte man auch hier leicht über sie wegklettern. Am meisten wird die Stadtmauer an der nordwestlichen Seite in einem leidlichen Zustande erhalten, weil sie hier die „fada“ oder den Palast des Sultans umgiebt; aber selbst hier ist sie schwach und gewährt nur unzulänglichen Schutz. In geringer Entfernung außerhalb des westlichen Thores liegen die halb von Sand verschütteten Ruinen einer ausgedehnten Vorstadt namens Ben-Gottara. Unweit von hier ist ein Platz Namens Asamad-arangh“, d.h. „Rabenstein“, wo gelegentlich der Kopf eines rebellischen Häuptlings oder eines Mörders von der Hand des Scharfrichters, „doka“, fällt; indeß, so viel ich erfahren konnte, ist dies in Agades ein sehr seltener Fall.
   Im Innern der Stadt, an der nördlichen Grenze des verlassenen südlichen Viertels, befinden sich drei kleine Teiche stehenden Wassers. Die tiefen Löcher, in denen es sich angesammelt, sind wahrscheinlich dadurch entstanden, daß man hier das Material zu den Hauptgebäuden der Stadt in unregelmäßigem Gestein herausgenommen hat. Die Gestalt der Teiche ist ein ziemlich regelmäßiges Oval. Die westlichste und größte dieser drei Gruben ist eben so wie das südwestliche Quartier der Stadt nach dem einst so mächtigen Berberstamm der Masrata benannt. Der östliche Teich wird nach den hier wohnenden Dolmetschern Terjeman genannt, und eben so heißt das ihn umgebende Quartier. Denn in der That sind hier alle drei Sprachen, die Tema-schirht- oder Targie- [Tuareg-], die Gober- oder Haussa- und die Ssonrhai-Sprache, merkwürdig miteinander vermengt; rechnet man dazu außer den weniger verbreiteten Idiomen der handeltreibenden Völker, so begreift man, daß der wenige gewandete Kaufmann in diesem Völkergemisch wohl eines Dolmetschers, „terjeman“, bedurfte, und wird also auch begreifen, daß hier im belebten Mittelpunkt der Stadt ein ganzes Viertel von solchen Dolmetschern bewohnt wird.
   Der Gesammteindruck, den das heutige Agades macht, ist der einer verödeten Stadt; überall sieht man die Spuren eines verschwundenen Glanzes. Selbst in dem wichtigsten Stadttheile, dem Mittelpunkte der ganzen Stadt, liegen die meisten Wohnhäuser in Ruinen, von den sonst zahlreichen Moscheen sind nur noch wenige übrig; auf den Zinnen der verfallenen Mauern rings um die Marktplätze sitzen hungrige Leute, lauernd und bereit, sich auf jeden Abfall hinabzustürzen. Anfangs trug diese ungewohnte Erscheinung dazu bei, den Eindruck der Verödung bei mir nur noch zu erhöhen; später jedoch fand ich, daß diese Raubvögel die beständigen Bewohner aller Marktplätze sind, nicht nur hier, sondern auch in allen Städten des Innern.
   Das charakteristischste und merkwürdigste Gebäude in Agades ist die Me-ssalladje, das Bethaus mit dem hohen, weithin sichtbaren Thurm. So lange der Sultan anwesend und die Stadt mit vielen, zum Theil fanatischen Fremden angefüllt war, hielt ich es für bedenklich, diesem Gebäude zu nahe zu treten; sobald aber der Sultan abgezogen und die Stadt ruhiger geworden war, drang ich fortwährend in Hamma, mir die Besichtigung der Moschee und die Ersteigung des Thurmes möglich zu machen. Wenige Tage vor meiner Abreise, am 27. Oktober, machte ich mich endlich mi Hamma auf und konnte ungestört das merkwürdige Gebäude betrachten.
   Die Me-ssalladje erhebt sich von der niedrigen Plattform oder Terrasse, die das Dach der Moschee bildet, zu einer Höhe von 90 bis 95 Fuß. An seiner Basis mißt der Thurm etwa 20 Fuß in’s Gevierte, an der Spitze aber scheint er nicht mehr als acht Fuß im Quadrat zu messen. Der viereckige Bau verjüngt sich also allmählich nach oben hin, aber etwas oberhalb der Mitte seiner ganzen Höhe hat er eine kleine Anschwellung oder Entasis, ganz wie das schöne Meisterwerk der Natur, die große Fächerpalme Central-Afrikas, Borassus flabelliformis Aethiopicus. Das Innere des Baus wird durch sieben Öffnungen an jeder Seite erhellt. Wie ein Theil der Häuser in Agades ist auch der Thurm ganz aus Lehm erbaut; um aber einem so hohen Bau aus diesem Material hinreichende Stärke zu verleihen, hat man die vier Wände desselben durch dreizehn Schichten kreuzweis gelegter Bretter aus Dumstämmen verbunden; diese ragen an jeder Seite noch 3 bis 4 Fuß hervor und bieten somit ein, wenn auch sehr unbequemes, Mittel dar, um auf die Spitze zu gelangen. Der Thurm wird nicht dazu benutzt, um zum Gebet zu berufen, was von der Terrasse der Moschee ausgeschieht, sondern seine ursprüngliche Bestimmung war vielmehr die eines Wachtthurmes.
   Das Gebäude ist verhältnismäßig neu, denn es ist erst im Jahre 1844 errichtet und war zur Zeit meines Besuches im Innern noch nicht ganz vollendet; wenigstens sagte man mir, daß wie ich im weiteren Verlauf meiner Reise entdeckte, dieser Thurm in Agades wie derjenige, welche sich in Gogo, der früheren berühmten Hauptstadt des Ssonrahi-Reiches, über dem Grabmal des großen Eroberers Hadj Mohammed Asskia erhebt.
   Etwa 50 Schritte von der Me-ssalladje entfernt steht noch der Stumpf eines ältern Thurmes, welcher immer noch eine ansehnliche Höhe, aber zugleich eine so schiefe Lage hat, daß die berühmten Thürme von Bologna und Pisa dagegen zurücktreten; muthmaßlich wird er daher bei seinem leicht verwüstlichen Material in wenigen Jahren den Angriffen des Sturmes und Rgens unterliegen.

 

Barth, Heinrich
Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849 bis 1855
Im Auszuge bearbeitet
1.Band, Gotha 1859

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