Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1826 - Karl-Friedrich Schinkel
Eindrücke aus Schottland

 

Meinen Brief aus Edinburgh vom 4. Juli wirst Du empfangen haben. Seitdem habe ich eine große Land- und Meerreise ins schottische Hochland und zwischen den Inseln Ossians, Mull und Morvern bis Staffa und lona oder lcolmkill gemacht, wobei ich ohne starke Seekrankheit nicht wegkam, jetzt aber gesund wieder hier in Liverpool angekommen bin.
   Die Reise in dies wunderbar wüste, menschenleere Land, zwischen diesen schauerlichen Klippen, deren Höhlen von vielen Tausenden von Möwen stets umschwärmt werden; wo die höheren Berggipfel fast beständig in Nebel gehüllt sind, wunderliche alte, ganz rohe Kastells und Kirchen spärlich im Lande verteilt auf den Vorgebirgen stehn und seit Jahrhunderten nicht mehr bewohnt sind; wo die Hütten des Volks wie die der Wilden aussehn, ein ärmliches Volk in oft mehrere Meilen weit auseinander liegenden Hütten doch eine Art von modernem Anstrich hat, alles barfuß geht, aber doch Häubchen und beschleifte und bebänderte Hüte trägt; wo man oft, so weit das Auge reicht, keinen Baum sieht, sondern unendlich weit gestreckte Berglehnen und Täler aus Heide und Morast mit untermischten Felsen sich bis in die höchsten Gipfel der Berge hinaufziehn, von wilden Schafen, den Ziegen ähnlich, bewohnt; wo man auf den Straßen in elenden zweirädrigen Karren, von einem Pferde gezogen, fortgeschafft wird – das alles macht gegen das reich bebaute England einen sonderbaren Kontrast. Doch sieht man in den lumpigsten Orten und auf den Landstraßen sowie an den wüsten Vorgebirgen, wo die Schiffe Passagiere einzunehmen pflegen, auch viele Leute wandeln, die ganz so fein wie auf einer Londoner Promenade gekleidet sind; wo diese wohnen, wo sie aus der Wüste herkommen, das begreift man nicht. Hin und her findet sich wie eine Oase ein Landsitz mit einem Baumpark, dessen Besitzer vom Lande geboren sein muss, um sich recht heimlich dort zu fühlen.
   Seit 10 Jahren haben sich allein in Glasgow 60 Dampfboote für diese Nordgegenden etabliert, und bei deren regelmäßigem Gange erhalten diese weit gedehnten Wüsten so viel Verbindung, dass ihr Charakter sich bald bedeutend ändern wird und schon angefangen hat, zivilisiertes Ansehn zu bekommen. Diese Fahrzeuge sind stets voller Menschen, Schotten, die in die südlichen Gegenden gehn und sich in den neuen Prachtstädten Glasgow und Edinburgh umsehn wollen, oder Südländer, die das Hochland besuchen aus Neugierde. Vor 50 Jahren müssen die beiden oben genannten Städte ebenfalls noch den wüsten Charakter gehabt haben, denn wunderbar kontrastieren in diesen Städten die steinernen Hütten, mit Stroh bedeckt, in den alten Teilen, mit den Prachtstraßen voller Paläste, 20 Fuß breiten Trottoirs aus den feinsten Steinen, den Eisengittern und Gaslaternenträgern pp.

 

Riemann, Gottfried (Hrg.)
Karl Friedrich Schinkel – Reise nach England, Schottland und Paris im Jahr 1826
München 1986

Abgedruckt in:
Ulrike Keller (Hrg.)
Reisende in Schottland seit 325 v. Chr.
Wien 2008

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!