Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1910 - Fritz Kummer
Die Ankunft in Yokohama
Japan

 

Wir sind im Hafen von Jokohama. Noch ist es Nacht, vom Morgengrauen kaum ein Schimmer. Die Schiffsbevölkerung liegt noch tief im Schlaf, als ob sie sich noch einmal tüchtig ausruhen wollte, ehe sie hinausgeht in die unbekannte Welt. Rings umher liegen Dampfer aus aller Welt; ihre Flaggen sind vorderhand nicht zu erkennen. Gleich neben uns schaukelt ein klotziger schwarzer Kasten. Vor seiner Nase lagert ein hoher Dampfer in blendend weißem Kleide. Wer ist dieser schmucke Meerriese? Der Morgenwind hilft die Antwort finden. Sachte, zärtlich neckend, umsäuselt er die Flagge des großen Unbekannten, um sie schließlich sekundenlang zu entfalten. schwarz- weiß--rot! Ein schwimmendes Stückchen Heimat in fremder Welt. Wie wohl das tut!
   Aber wo ist Japan? Eine kleine Ewigkeit stehe ich nun im schwer verpönten Nachtkleid auf dem klatschnassen Deck und spähe erfolglos. Es will aber auch gar nicht Tag werden. So ist es immer: wenn man sich ein halbes Menschenalter auf eine wichtige Begebenheit vorbereitet, sie erwartet, ersehnt hat, werden einem die letzten Augenblicke zu schier unertragbaren Unendlichkeiten. Da hatte ich auf zwei Erdteilen die Bilder von Landschaften, Küsten, Städten, Dörfern und Menschen gesammelt, in mein Gehirn gepreßt, sie während des wochenlangen Schaukelmarsches durch die Wasserwüste, Stilles Weltmeer genannt, gepflegt, wieder lebensfrisch gemacht, um sie in der japanischen Welt zu Vergleich und Kritik zu gebrauchen. Und nun steht der Ausführung dieser Absichten ein schwarzgraues Dunkel im Wege!
   Doch auch der Ungeduld wird Sieg. Leicht beginnt es zu dämmern. Ich erblicke einen prächtigen Strandspazierweg, von Bäumen und Gärten gesäumt, mit zwei-, drei-, ja vierstöckigen Häusern, reinen Palästen, die hohe Glasfenster und breite Steintreppen haben, von deren Ziegeldächern Flaggenmasten in die Wolken schießen. Soll das Japan sein? Ich staune heute wie damals, als ich zum ersten Male Amerika an der fundländischen Küste sah. Dort wunderte ich mich, daß die Landstraßen waren wie in Europa, mit Gräben, Steinhaufen und Bäumen; heute wundere ich mich über das europäische Aussehen der Straßen und Häuser in Japan. Aber das war nichts japanisches, sondern die Hauptstraße des europäischen Viertels Jokohamas mit seinen großen Hotels, Gesandtschaftsgebäuden und Sitzen der Schiffsgesellschaften. Daß Japan ganz anders aussieht, sollte ich gleich erfahren.
   Das Himmelsgewölbe ändert seine Farbe. Aus dem dunklen Grau wird ein lichtes Rot, ein glänzendes Hellgelb.Jenseits des Hafendammes wird das Wellengekräusel zu einem in tausend Verschiedenheiten glitzernden Spiegel: Mutter Sonne schiebt sacht ihren glänzenden Scheitel über die Wasserfläche. Hurtig eilen die Sonnenstrahlen über die nasse Bahn. Die Nebel flüchten eiligst vor der unwiderstehlichen Macht des Lichts. Nur in weiter Ferne, deucht einem, verminderten sie die Schleunigkeit ihrer Flucht. Noch ein leichtes Necken zwischen Nebelballen und Lichtstrahlen, ein Scharmützel zwischen Nacht und Tag: der Tag siegt.
   Ein prächtiger, sanfter, ein japanischer Sommermorgen bricht an.
   Eine neue, lachende, anziehende und einzigartige Welt tut sich auf; Inseln, Meerfelsen, Dünen, Buchten, Wiesen, Gärten und Felder bilden den wechselvollen, farbenprächtigen Saum von Hügeln und Bergen, die sich in friedlicher Eintracht um einen weißköpfigen Riesen (den Fudschijama, Japans höchsten Berg) lagern. Das Naturbild ist reizend in seiner Zierlichkeit. Es hätte aus einer Puppenstube genommen sein können.
   Zierlichkeit ist ein Merkmal des Landes. In Japan ist alles klein: Menschen, Häuser, Gärten, Berge, Wagen, Eisenbahnen; nur die Bäume (und die Geldstücke, die der Fremde zu geben hat) sind groß.
   Nun ist's auch an Bord lebendig geworden. Den meisten Schiffsgästen ist es nach einigem Mühen gelungen, zwischen sich und die Schlafkiste eine Treppe zu bringen. Der Zauber der Natur preßt ein: 'Isn't it wonderful? ' (ist es nicht wundervoll) durch die Zähne der überall mit ihrem ekligen Stecken Nationalstolz wandernden Yankees. Eine allgemeine Erregung greift Platz. Selbst die gelassenen Engländer und eiskalten Quaker und Shaker (Missionare) können sich ihr nicht entziehen. Alles jauchzt und schreit und rennt und packt die Koffer. In der Aufregung geht selbst das wichtigste Zeichen, das der glückliche Seereisende kennt, der Ruf zum Essen, verloren. Jetzt ist weder Zeit noch Muße, sich mit einer so gemein menschlichen Sache aufzuhalten. Man möchte hinweg, hinüber ans Land fliegen, um die so verlockend angekündigten Wunder in nächster Nähe zu schauen. Noch darf niemand fort; der Hafenarzt muß erst die Ankömmlinge untersuchen. Erst der Einzug der hoch oben flatternden gelben (Quarantäne-) Flagge erlaubt den Auszug der Fahrgäste.
   Laute Stimmen dröhnen an den Schiffswänden entlang. Ein Blick über Bord zeigt, daß sich inzwischen unten am Schiff eine Masse Menschen angesammelt hat. Eine große Zahl Sampans (Boote der Eingeborenen) ist angekommen. In diesen schwankenden Nußschalen stehen aufrecht die Bootsmänner, kleine braune Gestalten, und häßlich obendrein. Denn Strupphaar, Schlitzaugen, vorstehende Backenknochen und dergleichen wird ein Kaukasier schwerlich für Zeichen männlicher Schönheit halten. Ihre Kleidung ist zwar nicht einzigartig. Abgesehen von dem großmächtigen Strohhut, der an die Spitze eines runden Strohschobers erinnert, war ihre Gewandung schon dem biblischen Adam bekannt. Da für Japaner Feigenblätter zu viel Deckfähigkeit haben, wird anstatt dieser ein Tuchstreifen zwischen den Gehwerkzeugen durchgezogen und an einem Hüftengurt befestigt. Dadurch wird auch den bösartigen Insekten die Niederlassung an edlen Plätzen verboten, was im Paradies nicht nötig war.
   Die Sampans erregen Neugierde. Welchen Zweck hat das Häuschen, diese eingelegte Sänfte, am Ende des Bootes? Es ist der Aufenthaltsort des Gastes. Bei Sturm und Wetter schlängelt er sich da hinein, schließt die Tür und den Schiebeladen am Dache. Der Bootsmann steht hoch aufgerichtet hinten am Ruder. Wie närrisch da gerudert wird! Anstatt daß das Ruder im Winkel zur Längsseite des Fahrzeuges läge und direkte Stöße gegeben würden, liegt das Ruder, eine sehr lange Stange mit flachem Brett am Ende, in Fahrtrichtung und wird leicht hin und her geschwänzelt. Es scheint, als ob diese Art Ruderei die nämliche Wirkung hätte wie das Kreuzen eines gegen den Wind fahrenden Segelschiffes.
   Auch schmucke Motorboote kommen herangeschnurrt und keilen sich zwischen die Sampans. Während die Bemannung der Motorboote zu den Kajütenmenschen hinaufschreit, knüpfen die Sampanleute mit den Zwischendecklern (Japanern und Chinesen) Geschäftsverbindungen an. Aber weder die einen noch die andern lassen die gelbe Flagge aus dem Auge. Wie diese von ihrer lustigen Höhe herabsteigt, stürzt die Mannschaft von den Booten die Treppen und Leitern herauf. Man wird einfach überfallen. Zwanzig Hotelmensehen sprechen gleichzeitig auf einen ein. Sie sprechen in allen Sprachen und man versteht sie doch nicht. Der Wortschwall verblüfft, ängstigt. Man zieht sich rückwärts. Und so tut der Hotelmenschentroß. Doch nur, um einen ganz im Kundenfang Geriebenen allein vorzuschicken:
   »Vertreter des Grand Hotel, reinste Lage, billigste Preise!« knallt es mir an die Ohren.
   »Wieviel den Tag?« frage ich.
   »Neun Jen.« (1 Jen = 2 Mk.)
   »Wieviel Mahlzeiten?«
   »Drei.«
   »Wieviel Gänge jede Mahlzeit?«
   »Zehn.«
   Nur 18 Mark den Tag - ohne Trinkgeld und Getränke natürlich - ist eigentlich wenig. Aber dafür auch nur 3 x 10 = 30 Gänge täglich.
   Na, schließlich ist der Magen eines deutschen Handwerksburschen daheim auch nicht überladen worden. So nehme ich denn an. Die nächste Minute findet mich mit Gepäck im Boote. Noch einen schwermütigen Abschiedsblick auf die gastliche Asia - und wir schnurren dem Zollhaus zu.
   Die Rücksichtslosigkeit der amerikanischen Zollbeamten sieht man glücklicherweise hier nicht. Im ‚herrlichsten Lande der Welt', Amerika - werden bei der Zollnachschau die Koffer aufgebrochen, zerhackt, gestülpt, die Lumpen herumgewühlt, herausgeworfen, wobei nach Noten geschanzt und gespuckt wird. In Jokohama geht's sittsam, zärtlich zu. Sachte werden die Koffer hingestellt, behutsam der Inhalt gemustert. Gründlich wird auch hier nachgesehen. Besonders auf Tabak und Zigarren geht die Jagd. Das Warum wird verständlich, wenn man hört, daß ein Zoll von 350 v. H. auf diesem Unkraut liegt. Daß in meinem Felleisen die Suche nach Edelsteinen, Perlen, Goldstangen, Damastwesten, seidenen Unterhosen und Schneuztüchern gänzlich ergebnislos verlaufen müsse, hatte ich mir schon längst gedacht; aber der Zollmensch brauchte doch eine Viertelstunde, sich meine Einsicht anzueignen. Er malte einen Hühnerfuß auf meine Kiste und entließ mich, gnädiglich schmunzelnd. So steuerte ich hinaus, neuen Zielen entgegen. Geradewegs der Stadt zu.
   Die Erfüllung der großen Erwartung war nun doch nahegerückt. Es drängte mich, dieses eigenartige Land, worüber ich so viel gelesen hatte, mit eigenen Augen zu sehen; vor allem brannte ich darauf, meine gelben Klassengenossen kennenzulernen. Wie sie wohl lebten und stritten? Wie wird sich wohl der erste Kollege vorstellen? Wann werde ich mit ihnen zusammenkommen? Welchen Eindruck - - - Rikscha! Rikscha! Rikscha! - Nanu, wer schreit denn so?
   Ein Dutzend brauner Gesellen fliegt auf mich zu. Jeder zieht ein leichtes zweirädriges Wägelchen hinter sich her. Im Nu haben sie mich umzingelt. Immer dichter schließen sie den Kreis. Die Wagendeichseln drohen mich aufzuspießen. Allem Anschein nach wollen sie mich mit ihrem Wagen in der Stadt herumfahren. Mit einem deutschen Handwerksburschen müssen sie noch nicht zusammengekommen sein, denn sonst wüßten sie sicherlich, daß dieser bestimmte Gründe hat, die Einladung zu einer Lustfahrt rundweg abzulehnen.
   Wir grinsten uns gegenseitig an. Meine abwehrende Handbewegung wurde recht mißverständlich aufgefaßt. Anstatt daß sie darauf den Rückzug angetreten hätten, drängten sie sich nur noch enger um mich. Schließlich deutete ich auf meine Beine. Das half ein wenig. Einige entfernten sich, ihr Wägelchen rückwärts aus dem Kreise schiebend. Sie hatten mich verstanden. Der Rest aber schien noch stark daran zu zweifeln, ob ich mit meinen Gehwerkzeugen imstande sei, den Fahrpreis, 15 Pfennig den Kilometer, selbst zu verdienen. Ihre beharrliche Ungläubigkeit hieß sie, mir stundenlang zu folgen.
   Das waren also die Rikschaleute. Viel Günstiges hatte ich nicht über sie gehört. Sie sollten ihre Fahrsätze allzusehr nach oben abrunden und dazu noch ein Trinkgeld von der Höhe des Fahrpreises fordern. Gram konnte ich ihnen deswegen nun nicht gerade sein. Sie folgten nur jenem naturgesetzlichen Trieb, mit dem Überfluß anderer die Leere des eigenen Beutels auszugleichen. Und dann brauchte mir vor einem Versuch, den Beutel der Weißen zugunsten des Beutels der Gelben zu entlasten, nicht bange sein, schon weil bei mir nicht viel zu entlasten war. Alles recht gut und richtig, aber zum Fluchen haben mich die Rikschaleute doch oft gebracht.
   Die Rikscha verdankt Japan einem fremden Missionar. Er baute ein Wägelchen für seine kranke Frau, das die Japaner schnell aufgriffen und 'Jinrikscha' oder 'Kuruma', das ist Mannkraftwagen, tauften. Dieses leichte Wägelchen war und ist heute noch für den größten Teil des Mikadoreiches das einzige Beförderungsmittel. Wagen und Schubkarren kannte das alte Japan nicht; seine Bewohner gingen zu Fuß, ihre Waren schleppten sie auf dem Rücken.
   Der Andrang zum Rikschaberuf ist groß. Er bildet für verarmte Bauern, beschäftigungslose Feldarbeiter, für Soldaten und Krieger, die vom Vaterland mit leerem Magen entlassen werden, die einzige Hoffnung. Gewiß sind in diesem Erwerbszweig keine Schätze zu sammeln. Die Kleidung der Rikschaleute: Strohhut, Badehose und Laufsocken oder Bastsandalen, kann nicht als Zeichen der Wohlhabenheit gelten. Es muß Tag und Nacht, bei Wind und Regen, arbeitsbereit auf der Straße gestanden werden. Viele gehen in ihrem Dienst an Lungenkrankheiten zugrunde. Aber die andern ArbeiterJapans haben es noch schlechter. Selbst wenn das Glück täglich nur zwei Fahrgäste und damit, sagen wir, 50 Sen (= 1 Mk.) in den Beutel bringt, hat der Rikschamann immer noch so viel, wie viele Fabrikarbeiter bei vierzehnstündiger Fron. Dann verhindert der Beruf nicht, liebgewordene Gewohnheiten zu pflegen. Zwischen den Fahrten bleibt Muße genug zum Niederhocken am Straßensaum, ein bißchen zu plaudern, das Pfeifchen zu schmauchen sowie dem Reistopf zuzusprechen.
   Die Rikschaleute bilden die stärkste Gruppe unter der japanischen Arbeiterschaft. Sie setzt sich aus jungen, kräftigen Burschen zusammen. Der Geist der Unabhängigkeit sowie das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist bei ihnen verhältnismäßig gut entwickelt. Sie haben zwar keine Organisation, aber wenn es gilt, den Fahrpreis zu erhöhen oder gegen die Ausdehnung des Straßenbahnnetzes Stellung zu nehmen, sind sie einig.
   Der Rikschamann mit seinem Wägelchen ist überall zu sehen, am Strande, in den Bergen, in Städten, Dörfern, Gäßchen und Plätzen, besonders aber vor den Türen der europäischen Hotels. Das Erscheinen eines Fremden bringt ein Dutzend Rikschaleute in Galopp. Er, der die Eindrücke der fremden Welt allein, in Ruhe und Beschaulichkeit genießen will, winkt ab. Sie kehren um, nehmen ihr Wägelchen bei den Deichseln und folgen. Zurückweisung durch Wort oder Gebärde wird als Anwerbung aufgefaßt, Stillschweigen desgleichen. Wenn auch einer nach dem andern zurückbleibt, einer bleibt bestimmt, folgt wie ein treuer Fridolin. Bei jedem Halt an einem Schaufenster kommt er herangerannt und fragt: »Du willst bald meinen Wagen haben?« Beim Besuch eines Ladens tritt er mit ein, schreit die Verkäufer zusammen, wie wenn er als Führer bestellt wäre und schärft nebenbei dem Ladeninhaber ein, seine Gebühr (für die Zuführung des Fremden) auf den Warenpreis zu schlagen. Den ekelhaften Burschen zu versetzen, ist vollständig aussichtslos. Am Ende heischt er seinen Lohn. Weigerung bringt sofort einen Haufen seiner Zunft zusammen. Die widerliche Lage sucht man durch schleunige Zahlung zu beenden.
   An manchen Orten sind die Fahrsätze der Rikschaleute in englischer sowie in japanischer Sprache angeschlagen. Das hat aber keinen Wert. Der Fremde, der nur den festgesetzten Satz zahlen wollte, könnte üble Erfahrung machen. Reisehandbuchschreiber raten, bei jeder Fahrt gleich 50 v. H. als Trinkgeld zu geben. Ob man nun diesen einfältigen Rat befolgt oder mehrmals 50 v. H. Trinkgeld gibt, nie wird man die Kerle ohne häßliche Auftritte los. Man muß schon geraume Zeit im Lande sein, ehe man so viel Geduld, Erfahrung und Frechheit gesammelt hat, wie die Überwindung solcher Widerwärtigkeiten erfordert.
   Als im Jahre 1853 der amerikanische Admiral Perry auf der Höhe von Jokohama ankerte, war dieses ein elendes Fischerdorf, so unbedeutend, daß den Fremden, als man sich über die Eröffnung des Landes geeinigt hatte, das weiter landeinwärts gelegene Kanagawa zugewiesen wurde. Da dieses an der Heerstraße lag, worauf die Feudalherren mit ihren bewaffneten Schlaraffen gen Tokio zu Eid- und Dienstleistung zogen, sah sich die japanische Regierung, um Reibereien zwischen Fremden und Eingeborenen hintanzuhalten, veranlaßt, die Fremdenansiedlung mehr seewärts, nach Jokohama, zu verlegen. So wurde dieses dank der Kraftentfaltung, dem Reichtum und der Arbeit der Fremden bald zum wichtigsten Hafenplatz Japans. Die leichten Bretterbuden machten steinernen Häusern Platz, die Papierlaternen der elektrischen Lampe. 1887 wurde die Wasserversorgung und 1905 die elektrische Straßenbahn gebaut. Die Bevölkerung stieg (1910) auf 399.000, worunter sich 6.716 Ausländer befinden. Der Reichtum der fremden Ansiedlung wirkte wie ein Magnet auf die Eingeborenen. Auf der Hinterseite der Stadt wuchs schnell japanische Industrie. Heute gibt es wohl nicht viele japanische Häuser in Jokohama, wo nicht gewerblich gearbeitet wird.
   So lehrreich nun auch die täglichen Streifzüge durch Jokohama waren, ich kehrte immer wieder gerne ins Grand Hotel zurück. Bei der großen Hitze war seine vom kühlen Seewind bestrichene Veranda doch noch anziehender. Zur Nachmittagsstunde sammelte sich dort eine aus Weltbummlern, Handelsherren, japanischen Kaufleuten und einem Schlossergesellen bestehende Gesellschaft. Sie tauschten ihre Erlebnisse in fremden Ländern aus. Durch eine mehrtägige Unterhaltung war hier mehr zu lernen als durch mehrjähriges Bücherlesen. Der Wirt sorgte durch mannigfaltige und gute Speisen für das leibliche Wohl der Gäste. Die Kühlung des Speisesaals wurde mittels großer, an der Decke schaukelnder Fächer bewerkstelligt. Sie waren durch einen Strick miteinander verbunden, dessen Ende durch die Wand führte und draußen von einem Hausknecht fortwährend gezogen wurde. Soweit alles recht gut, nur war wenig japanisches vorhanden.
   Ein Volk kann nur in seinem Heim und bei der Arbeit kennengelernt werden. Die Bestätigung dieses Erfahrungssatzes stieß hier auf ungeahnte Hindernisse. Der Bekannte, der mich am Landesteg abholen wollte, war nicht erschienen, und der, der mich gleich nach der Ankunft zu besuchen versprochen hatte, mußte sein Versprechen vergessen haben. Doch wenn die Not am größten, ist usw.
   Am dritten Tage früh sitzt im Empfangszimmer ein Fremdling, der sich mit seiner Kleidung nun nicht gerade auf der Linie des Gentleman bewegte. Er war barfuß - seine Trittlinge hatte er außen am Tore stehen lassen -. nur mit Kimono bekleidet, aus dessen Unterteil die bronzebraunen Gehwerkzeuge höchst unappetitlich hervorlugten. Die Misses und Mademoiselles hielten die Finger über die Augen, um das Erzeugnis japanischer Natur in unauffälliger Weise besichtigen zu können. Wie und warum kam diese unhochzeitlich gekleidete Gestalt hier herein? Meine Gefühle wurden auch nicht rosiger, als der Kellner berichtete, der Fremde wünsche mich zu sprechen. Erschreckt eile ich zu ihm: Genosse K.! Nach kurzer Begrüßung hört er, daß ich sofort eine Wohnung bei einem Arbeiter in einem Arbeiterviertel brauche. Das sei sehr schwierig, er selber wisse nichts, aber er habe in Tokio einen Freund, der in Amerika englische Worte, amerikanische Erfahrung und güldene Batzen gesammelt habe, der zwar auch nichts wisse, aber doch vielleicht Rat schaffen könne. Also: Auf nach Tokio!

 

Kummer, Fritz
Eines Arbeiters Weltreise
Erstausgabe Stuttgart 1913; Nachdruck Leipzig und Weimar 1986

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