Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1900 - Carsten Borchgrevink, norwegischer Natur- und Polarforscher

Die erste Besteigung der Eisbarriere
Antarktis

 

Die Barriere mußte erstiegen und untersucht werden.
   Um 6.40 traten Savio, Colbeck und ich unsern Marsch nach Süden an, indem wir einem kleinen Tal in der Barriere folgten, das in gerade Linie bis zu einer Höhe von 640 Metern emporstieg.
   Schlitten und Ski glitten leicht über die ebene Fläche hin. Es war das erstemal im antarktischen Kreise, daß wir mit unseren Schlitten in gerader Linie fuhren.
   Hier gab es keine Schraubungen, keine Unebenheiten, die uns auf unserem Marsch hinderlich waren. Die Masten der „Southern Cross“ verschwanden schnell hinter der Barriere im Norden, während wir drei mit unsern Schlitten allein auf der weißen Oberfläche dahineilten.
   Als wir eine Höhe von 35 Metern erreicht hatten, schien die Eisfläche nicht mehr zu steigen. Sie hielt sich aber auf der derselben Höhe.
   Hier und da hob sich eine Fläche zu kleinen Hügeln von 6 bis zu 10 Metern. Sie waren kegelförmig wie kleine Vulkane und bewiesen durch ihr Vorhandensein, daß hier ein kolossaler Druck Duck herrschte. Möglicherweise war der Meeresboden unter diesem Punkt innerhalb des Gebietes des Barriereneises derartig, daß das auslaufende Inlandeis hier auf Grund geriet, wodurch beim Treiben des Inlandeises nach Norden der Druck entstand.
   Kurz nachdem wir den ersten kleinen Eiskegel entdeckt hatten, wurden wir auf etwas Dunkles in Südost aufmerksam, das aus der Oberfläche der Eiswüste förmlich emporragte.
   Anfänglich glaubte ich, daß es Land in der Ferne sei, nachdem wir aber eine Stunde weiter gefahren waren, bemerkten wir, daß der Punkt nicht das sei, was wir gedacht hatten, und bald entpuppte er sich als eine große emporragende Eiswand.
   Während wir Halt machten, um diese die große weiße Fläche unterbrechende Unregelmäßigkeit näher zu betrachten, ertönte in der Ferne ein Knall wie von einer Kanone, und kurz darauf wiederholte der Knall sich mehrmals bei der hohen Eiswand im Südost.
   Hier herrschte jedenfalls ein ungeheurer Druck, und ich erwartete jeden Augenblick, daß die Spitzen der Gipfel, die Sir James Clark Ross gesehen haben wollte, auftauchen würden, aber vergebens. Der Himmel war bewölkt und der Horizont verschwommen.
   Trotzdem hätten wir von unserem Standpunkt unzweifelhaft Land gesehen, wenn es dagewesen wäre …
   Jetzt entstand die Frage: war es wirklich Land, was Ross und seine Gefährten gesehen hatten, oder waren es die Unebenheiten in der Oberfläche der Barriere, die auf größere Entfernung leicht für hohe Bergspitzen gehalten werden konnten.
   Selbst für uns, die wir uns auf der Barriere bewegten, erschienen die Unebenheiten in ihren dunklen Schatten in blau und grau wie weit entfernte Berge, bis wir plötzlich zu unserem großen Erstaunen die Erhöhungen ganz nahe vor uns sahen und sie verhältnismäßig niedrig fanden.
   Aber obgleich wir in diesen südlichsten Gegenden keine Bergspitzen sahen, bin ich persönlich doch der Ansicht, daß sie existieren und sich von den Vulkanen Erebus und Terror in einem Bogen südlich nach dem Grahamsland, südlich von Kap Horn hinziehen.
   Wahrscheinlich erstreckt sich diese Barriere, die Ross in Unkenntnis ihrer wirklichen Natur für den äußeren Rand hielt, weiter östlich, indem sie der Küstenlinie des Südpolarlandes bis zum Grahamsland folgt.
   Es ist wahrscheinlich, daß die Barriere dieser gewaltigen Gletscher des Südpols eine noch größere Ausdehnung hat, als man bis jetzt annahm. An der Robertsonbucht und den Küsten des Südpolarlandes entlang vom Kap Adare bis zu den Vulkanen Erebus und Terror fand ich immer bei verhältnismäßig kleinen Gletschern, daß die Eismassen, die sich in ihren Lagern bewegen, stets die Tendenz haben, sich wieder zu einer zusammenhängenden Eisfußbarriere zu vereinen, nachdem sie das Meer erreicht haben, wo die Massen neuen Kräften, neuem Druck ausgesetzt werden.
   Südviktorialand ist ja sozusagen ein vorspringender Punkt des Südpolarlandes, das mit diesen mächtigen Vulkanen die zusammenhängende Eismauer durchbrochen hat, und wahrscheinlich gibt es viele solcher Punkte an der Peripherie der Eismauer um den Südpol, wo das Polarland dunkel und deutlich hervortritt.
   Aber nach den Studien, die es mir glückte, an den Gletschern der Robertsonbucht zu machen, und nach dem Vergleiche mit den Studien, die ich auf meiner Reise nach Süden auf der Höhe der großen Barriere anstellte, nehme ich an, daß die Eismassen des großen Inlandeises um den Südpol, welche die unzähligen Gletscherlager füllen, sich, nachdem sie das Meer erreicht haben, zu einer zusammenhängenden Fläche vereinen.
   Zum Teil geschieht dies meiner Meinung nach dadurch, saß sich die Eismassen, nachdem sie sich von dem Druck zwischen den Felsen befreit haben, ausbreiten, und teils dadurch, daß die tiefe Eisschicht, aus der das Inlandeis des Südpolarlandes besteht, festen Boden findet und zusammengestaut wird, bis die Eismassen der verschiedenen Gletscher sich treffen und zu dem gesammelten Ganzen zusammengeschweißt werden, das den Eisfuß bildet und im Norden in der perpendikulären grünen, blauen Eiswand abschließt, die eine Höhe von 40 Metern über dem Wasserspeigel hat, während ihr Kiel den Meeresboden 320 Meter unter der Oberfläche des Polarmeeres berührt.
   Als wir eine halbe Stunde südöstlich auf der großen Eismauer weiter gezogen waren, stießen wir auf einige tiefe Spalten, die von Südost in einem Bogen nördlich liefen, worauf sie nach Südwest abbogen. Das starke Getöse im Eise wiederholte sich regelmäßig in einem Zwischenraum von 20 Minuten. Nach den Rissen zu urteilen, kam der Druck von Süden.
   Wir setzten unsere Reise südöstlich fort, bis wir den Punkt erreichten, wo die Eisfläche durchbrochen war und die Eiswand hervorragte.
   Hier schien ein fürchterlicher Druck zu herrschen. Zahlreiche Spalten und Schlünde umgaben diese Stelle, und unzweifelhaft war das Polarmeer hier verhältnismäßig flach. Hier stand zweifellos das Eis auf Grund.
   Die Temperatur hatte sich, seitdem wir das Schiff verlassen hatten, auf -24,4 °C gehalten. Als aber ein Südwind aufkam und den leichten Nebel lüftete, der sich über die unendliche Fläche gesenkt hatte, fiel die Temperatur schnell auf -32 °C. Wir setzten die Reise südlich, ohne Land zu Gesicht zu bekommen, über eine ununterbrochene Ebene fort und erreichten 78 ° 50 ‘ südlicher Breite und 164°°32‘ 45‘‘ westlicher Länge.
   Es war am 17. Februar 1900.
   Wir machten hier Halt und beratschlagten.
   Es war die höchste Breite, die bisher ein menschlicher Fuß betreten hatte. Der Weg den wir hinter uns hatten, und der Weg. der vor uns lag, boten die besten Aussichten, weiter zu kommen, und deshalb kostete es mich eine große Überwindung, mich zur Umkehr nach dem Schiffe zu entschließen.
   Mein Plan war ausgeführt, unser Ziel war erreicht. Wir hatten die Barriere bestiegen und waren auf ihr genügend seit nach Süden vorgedrungen, um uns über ihre wahre Natur klar zu sein. Wollten wir unseren Weg südlich fortsetzen, so liegen wir Gefahr, von Schiffe abgeschnitten zu werden und uns vielleicht einer neuen Überwinterung auszusetzen. Deshalb gebot die Vernunft, umzukehren.
   Wieder knallten die Peitschen in der kalten Luft. Die Hunde heulten, und zum erstenmal ging es zurück nach Norden.
   
Borchgrevink, Carsten
Das Festland am Südpol – Die Expedition zum Südpolarland in den Jahre 1898 bis 1900
Breslau 1905

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