Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1718 - Lady Mary Montagu, Diplomatengattin
Tunis, Tunesien

 

In Tunis wurden wir von dem dort residierenden englischen Konsul empfangen. Seine angebotene Gastfreundschaft nahm ich für einige Tage gern an, denn ich war äußerst begierig, diesen Teil der Welt und insbesondere die Ruinen von Karthago kennen zu lernen. Um neun Uhr abends trat ich bei Vollmond die Fahrt in der Chaise des Konsuls an. Ich sah das Landschaftsbild fast so deutlich wie bei Tag; die Sonnenhitze ist so unerträglich, dass es unmöglich ist, zu einer anderen Zeit zu reisen. Der Boden ist zum größten Teil sandig, bringt aber allenthalben reichlich Dattelpalmen, Oliven und Feigenbäume hervor, welche ohne Pflege gedeihen und dennoch die köstlichsten Früchte der Welt tragen. Die Weingärten und Melonenfelder werden von Hecken aus Feigenkaktus umschlossen, der einen prächtigen Zaun bildet, den kein Raubtier durchbrechen kann. Er wächst sehr hoch und sehr dicht, und seine Stacheln oder Dornen sind lang und scharf wie Pfrieme. Die Frucht wird von den Bauern gern gegessen und hat keinen unangenehmen Geschmack.
   Da jetzt die Zeit des türkischen Ramadan oder Fastens ist und die Leute hier alle Mohammedaner sind, fasten sie bis zum Untergang der Sonne und verbringen die Nacht mit Festlichkeiten. Wir sahen unter vielen Bäumen Gesellschaften des Landvolks, man aß, sang und tanzte zu wilder Musik. Die Leute sind nicht völlig schwarz, doch Mulatten und die entsetzlichsten Geschöpfe in Menschengestalt. Sie gehen fast nackt einher, nur ein Stück grobes Tuch umhüllt sie. Die Frauen haben an den Armen bis hinauf zu den Schultern, am Nacken und im Gesicht Blumen, Sterne und verschiedene Ornamente mit Schießpulver eingebrannt, eine bedeutende Erhöhung ihrer natürlichen Hässlichkeit. Bei ihnen freilich gilt dies als Zier, und ich glaube, dass sie darum nicht wenig Schmerz erdulden.
   Etwa sechs Meilen von Tunis sahen wir die edlen Überreste des Aquädukts, der in einer Länge von vierzig Meilen über mehrere hohe Berge das Wasser nach Karthago brachte. Viele Bogen sind noch unversehrt erhalten. Wir verwendeten zwei Stunden für die Besichtigung. Mr. Wortley [Lady Marys Ehemann] versicherte mir, dass sich die Wasserleitung von Rom nicht mit dieser messen könne. Die Quader sind von gewaltiger Größe, ganz behauen und so genau ineinandergepasst, dass nur sehr wenig Mörtel verwendet wurde, um sie zu verkitten. Sie mögen auch wohl noch tausend Jahre länger stehen, wenn nicht Gewalt angewendet wird, um sie einzureißen. Kurz nach Tagesanbruch kam ich nach Tunis, einer hübschen Stadt, aus fast völlig weißem Stein, doch ganz ohne Gärten; man sagt, sie wären bei der ersten Eroberung durch die Türken zerstört und seither nicht wieder bepflanzt worden. Der trockene Sand ist ein äußerst unangenehmer Anblick für das Auge und der Schattenmangel macht im Verein mit der natürlichen Hitze des Klimas den Aufenthalt schier unerträglich. Ich habe viel Mühe, mich daran zu gewöhnen. Man genießt wohl jeden Mittag die Kühlung der Seebrise, ohne die man nicht leben könnte; doch es gibt kein frisches Wasser, nur Regenwasser aus den Zisternen von den Septemberregen. Die Frauen in der Stadt hüllen sich vom Kopf bis zum Fuß in einen schwarzen Krepp-Schleier. Man sagt, viele von ihnen seien blond und hübsch, da häufig Renegatenblut in ihren Adern fließt.
   Die Stadt wurde 1270 von König Ludwig von Frankreich belagert, der unter ihren Wällen einem Seuchenfieber erlag. Nach seinem Tod hoben sein Sohn Philipp und unser Prinz Edward, Sohn Heinrichs III, die Belagerung unter ehrenvollen Bedingungen auf. Tunis verblieb in Besitz seiner angestammten afrikanischen Könige, bis er durch Verrat in die Hände von Barbarossa, Solimans des Prächtigen Admiral, fiel. Kaiser Karl V. vertrieb Barbarossa, doch der Türke bemächtigte sich während der Regierung Selims II. unter der Führung von Sinan Pascha wiederum der Stadt. Von dieser Zeit an blieb Tunis dem Großherrn tributpflichtig und wird von einem Bey regiert; der dem Namen nach türkischer Untertan ist, in Wirklichkeit aber unabhängig und unumschränkt herrscht, auch sehr selten Tribut zahlt. In der gleichen Lage befindet sich derzeit die große Stadt Bagdad, und der Großherr sieht dem Verlust dieser Gebiete ruhig zu, aus Furcht, auch das Anrecht auf sie einzubüßen.
   Gestern zog ich sehr zeitig am Morgen nach durchschlafener Nacht los, um die Ruinen von Karthago in Augenschein zu nehmen. Nichtsdestoweniger ward ich von der Sonne halb gebraten und schätzte mich überglücklich, in einen der unterirdischen Räume geleitet zu werden, welche man Elefantenställe nennt, aber ich kann nicht glauben, dass sie jemals diesem Zweck dienten. Dort fand ich viele Bruchstücke von Säulen aus edlem Marmor, manche auch von Porphyr. Ich kann mir nicht vorstellen, es habe sich irgendwer die nicht unbedeutende Mühe gemacht, sie dorthin zu bringen, andererseits erscheint es mir unwahrscheinlich, dass solch schöne Säulen in einem Stall gestanden haben sollen. Ich neige der Ansicht zu, dass wir es hier mit unterirdischen Sommergemächern zu tun haben, die bedingt durch die Hitze des Klimas angelegt worden waren. Jetzt dienen sie der Landbevölkerung als Getreidespeicher. Während ich dort saß, kamen zahlreiche Frauen von der nahen Stadt herbei, um mich zu sehen, und der gegenseitige Anblick unterhielt uns gleichermaßen. Ihre Haltung beim Sitzen, ihre Hautfarbe, das dünne schwarze Haar, welches ihnen in Strähnen ums Gesicht hängt, ihre Züge und Körperformen unterscheiden sich so wenig von denen ihrer Landsleute, der Paviane, dass ich nicht umhin kann, an irgendeine alte Blutsverwandtschaft zwischen beiden zu denken.

 

Montagu, Mary Wortley
Briefe aus dem Orient
Hrg. von Irmela Körner
Wien 2006
© Promedia Wien

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