Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1842 - Ida Pfeiffer, Wiener Weltreisende

Häßliches Zypern

 

24. Mai 1842 .Als ich um fünf Uhr morgens auf das Verdeck kam, sah ich die Insel Cypern, die, je mehr man ihr naht, desto häßlicher erscheint. Sowohl die Gebirge als auch der Vordergrund sahen höchst traurig und öde aus. Um zehn Uhr fuhren wir im Hafen von Larnaka ein. Die Lage dieses Städtchens ist ebenso häßlich; einer arabischen Sandsteppe ähnlich, ragen einzelne fruchtlose Dattelpalmen über die steinernen, dachlosen Häuser.
   Ich würde gar nicht ans Land gestiegen sein, wenn nicht der Herr Doktor F., den ich in Konstantinopel kennengelernt und der vier Wochen vor meiner Abreise als Quarantäne-Arzt hierher gekommen war, mich abgeholt hätte. Die Straßen von Larnaka sind nicht gepflastert, und wir mußten im eigentlichsten Sinne des Wortes bis über die Knöchel in Sand und Staub herumwaten. Die Häuser sind klein, die Fenster unregelmäßig, bald hoch und bald niedrig angebracht und mit sehr engen hölzernen Gittern versehen. Die Dächer bilden Terrassen. Diese Bauart fand ich in der Folge in ganz Syrien.
   Von einem Garten oder grünen Plätzchen war nirgends eine Spur. Die Sandfläche erstreckt sich bis an die Gebirge, die, von dieser Seite gesehen, ein ebenso farbloses, ödes Bild gewähren. Hinter diesen Bergen soll die Insel das Bild einer üppigen Landschaft bieten. Dahin und nach Nikosia, der Hauptstadt der Insel, von Larnaka sechs Stunden entfernt, kam ich nicht.
   Herr Doktor F. führte mich in seine Wohnung, die viel besser aussah, als ich vermutete, indem sie aus zwei sehr großen, hohen Zimmern, man könnte sagen Sälen, bestand. Eine behagliche Kühle war überall verbreitet.
   Öfen oder Kamine sah ich nicht, denn hier vertritt schon eine ziemlich laue Regenzeit die Stelle des Winters. Im Sommer soll die Hitze oft unerträglich sein und bis über 36 Grad Reaumur [45 °C] steigen; heute hatten wir in der Sonne 30 Grad nach Reaumur [38 °C].
   Auf eine glückliche Rückkehr in mein teures Vaterland ward mit echtem altem Cypernwein getrunken. Ach, werd' ich es wieder erblicken? - Gewiß, wenn meine Reise nur halb so glücklich fortgeht wie bisher. Syrien ist zwar ein böses Land und das Klima schwer zu ertragen, aber mit Mut und Vertrauen zu Begleitern hoffe ich doch meine Aufgabe zu lösen. - Der gute Doktor war in großer Verlegenheit, daß er mir nichts als Cypernwein und einiges Biskuit aus seinem Vaterlande servieren konnte. Obst gibt es zu dieser Zeit noch nicht, und die Kirschen gedeihen hier nicht mehr, weil das Klima schon zu heiß ist. In Smyrna aß ich die letzten für dieses Jahr. Als ich mich des Nachmittags wieder eingeschifft hatte, kam Mister B. in Gesellschaft des englischen Konsuls an Bord, um, wie er sagte, eine so wackere Frau, die es wagen könne, eine so große, beschwerliche Reise ganz allein zu unternehmen, kennenzulernen. Noch mehr wuchs sein Erstaunen, als er hörte, ich sei eine ganz bescheidene Wienerin. Er war so gütig, mir für den Fall der Rückreise sein Haus als Absteigequartier anzubieten und mich zu fragen, ob er mir mit einigen Empfehlungsschreiben an englische Konsuln in Syrien dienen könne. Wie sehr rührte mich diese herzliche Teilnahme von einem ganz fremden Manne, und noch dazu von einem Engländer, die man für kalt und unhöflich hält!

 

Pfeiffer, Ida
Reise in das Heilige Land
Wien 1995; Originalausgabe Wien 1844

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!