Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1791 - Elizabeth Lady Craven, englische Schriftstellerin
Der Tag in Madrid

 

Das öffentliche Leben in Madrid ist ein eigenthümliches, wie selbst aus flüchtigen Andeutungen hervorgehen wird.
   Morgens um zehn Uhr beginnen alle Glocken der Stadt zu läuten; Processionen setzen sich in Marsch; die Wachen treten ins Gewehr, ganz Madrid eilt in die Messe. Das Glockengeklingel, das diese Feierlichkeiten ankündigt, hat etwas Betäubendes. Ich bin dabei so oft unwillig geworden, daß ich’s am Ende für Pflicht hielt, über diesen Unwillen nachzudenken. Es scheint, daß alle religiösen Ceremonien den Geist vielmehr erheben, als ihn betäuben sollen. Darum klang mir eine Art Verkehrtheit in die Ohren. Vielleicht aber würde die Inquisition ein solcher Gedanke schon als Ketzerei erscheinen; also klagte in Madrid niemand über die Glocken. Das Geklingel kann nützlich seyn. „Der Ruhm, große Glocken zu haben, ist etwas Kindisches“, sagt ein italienischer Schriftsteller; ich weiß nicht, ob der Ruhm viele Glocken zu haben, großartiger ist. Töne des Ruhmes gehen nicht davon aus.
   In den Morgenstunden reinigt und stärkt der Spanier seine Seele durch Messehören und Processionen; der Mittag erinnert ihn an seinen Leib und er setzt sich um ein Uhr zu Tische, wo viel Safran, einige Liebesäpfel, Oehl und Pimientos (Kapseln des spanischen Pfeffers), nach hiesigen Begriffen schon für ein üppiges Mahl gelten. Dergleichen Mahlzeiten finden nicht selten auf den öffenltichen Plätzen statt, wo die Lastträger, Mauleseltreiber und dergleichen stolze Spanier ihre tables d’hôte haben. Wein von La Mancha ist ein selbst den Ärmern erschwingliches Labsal. Wein von Xeres (der beste darunter, Tinto de Rota), Malvasier, Alicante und von den canarischen Inseln sind vinos generosos, d.h. edle Weine, die nur auf die Tafeln der Reichen kommen. Schwelgerische Gastmahle, wie in England, wo die Gäste mehrere Stunden nach der eigentlichen Mahzeit noch beisammen bleiben, sind hier nicht Sitte. Der Spanier ist mäßig, und will unmittelbar nach Tisch der Ruhe pflegen.
   Die Siesta oder der Nachmittagsschlaf erzeugt um zwei Uhr eine Todtenstille in den Gassen. Die Krämerschänke, die Trödelbuden, die Kaufgewölbe, die Häuser werden geschlossen, die Fensterladen angezogen, die Vorhänge niedergelassen. Aller Verkehr der Menschen wird unterbrochen. Jedermann wirft sich, nach Stand und Vermögen, aufs weiche oder harte Lager, die Großen auf seidene Polster, die oft zerrissen, gewöhnlich schmutzig sind, die Armen auf weniger anspruchsvolle Strohsäcke; selbst der gewerbfleißige Lastträger streckt sich der Länge nach auf seine Matte und fällt in tiefen Schlaf.
   Es ist soviel Anlaß, dem Spanier seine Liebe zum Nichsthun vorzuwerfen, daß man geneit seyn könnte, auch die Gewohnheit der Siesta aus dieser Ursache herzuleiten. Indessen trägt in diesem Fall das Klima die Schuld an der Ermattung: selbst Ausländer fühlen isch in den Nachmittagsstunden betäubt und niedergedrückt; und nichts als der Schlaf kann ihre Kräfte wieder erfrischen.
   Gegen vier Uhr erwacht die Madrider große und kleine Welt und sezt sich in Bewegung, das wichtige Geschäft der Unterhaltung und Zerstreuung zu beginnen. Alles ist Fröhlichkeit und Leben. Tausende drängen sich zum Stiergefechte, worauf der Spanier, als auf ein Nationalschauspiel, stolz ist, wie denn nicht selten die Menschen auf Barbareien sich am meisten einbilden. Andere, die im Circus keinen Platz finden, oder geradenicht aufgelegt sind, an der Wuth gehezter kämpfender Thiere sich zu ergötzen, lustwandeln am Canal, der die Flüße Manzanares und Xarama verbindet, und ein beliebter Spaziergang ist. Oder sie besuchen den Prado, einen mit Alleen, Springbrunnen und Statuen gezierten langen Platz, der als öffentliche Promenade weltberühmt ist, Hier lassen die Romanendichter häufig die Abenteuer ihrer Verliebten beginnen.Der Platz liegt am östlichen Theile von Madrid, in der Niederung zwischen den Höhen der Stadt und jenen von Buen Retiro, erstreckt sich, in der angegebenen Länge, vom Thore von Atocha und wird von fünf der schönsten Straßen durchscnnitten. Von der Straße Alcala gewährt der Prado einen überraschenden Anblick. Die umgebenden Palläste und Klöster mit ihren anliegenden Gärten, so wie die Springbrunnen mit ihren marmornen Bildsäulen erhöhen den Eindruck. Indessen soll man den Prado nicht mit unserm James-Park oder mit dem Prater in Wien vergleichen. Die Vegetation ist hier ausgetrocknet, dürr und bestäubt; sie steht dem üppigen Pflanzenwuchs an dern Themse und an der Donau weit nach; und der Luxus ist, wenn man an London denkt, kleinlich und ärmlich. Die lebendigen Scenen aber, die hier ein südliches, romantisches Volk in bunter, unerschöpflicher Mannichfaltigkeit aufführt, sind desto anziehender, und ergötzen durch Originalität, selbst wo sie grotesk oder phantastisch wären, wie die hiesigen alten Carossen, welche im übrigen Europa schon seit hundert Jahren nicht mehr in Mode sind.
   Die Art des Spazierengehens der Spanier hat etwas eigenes. Gewöhnlich begnügen sie sich eine kurze Allee auf und abzugehen, und setzen sich dann auf eine Bank, um die Vorübergehendenund die Gruppen anderer Sitzenden zu kritisiren oder zu bespötteln. Man sagt, der Spanier besitze viel Talent das Lächerliche der Menschen aufzufassen und durch satyrische Schilderungen anschaulich zu machen. Daß er selbst dabei oft die lächerlichste Personage ist, erlaubt ihm sein Stolz nicht zu bemerken. Jede Stadt in Spanien hat zu diesem Behuf, oder zur Versammlung in freier Luft, einen kurzen Spaziergang, Alameda genannt. In dem volkreichen Madrid ist mehr Rührigkeit auf großen Plätzen; hier hat die Anwesenheit vieler Fremden und der Umgang mit ihnen im Allgemeinen schon mehr überpyrenäische Gewohnheiten eingeführt; doch hält auch hier der echte Castilianer treu auf alte Sitten, die er von Gothe und Arabern geerbt hat. Ein anstrengender Spaziergang wäre gegen seine Nationalvorrechte. Er will nicht schnell eine große Strecke zurücklegen; er will sich langsam im engen Kreise, immer auf dieselbe Art, mit nichtssagender Gravität bewegen oder vielmehr nicht bewegen. Ich stelle mir vor, daß die Chinesen ziemlich wie die Spanier seyn müssen.
   Die Spaziergänge in dem Garten von Buen Retiro sind unstreitig die schönsten in ganz Madrid. Man übersieht hier einen großen Theil der Stadt, den Prado und die umliegende Gegend. Die Reinheit der Luft, die erfrischende Kühle und die Nähe des Prado laden eine Menge Menschen hierher; besonders ist dieß der Versammllungort der feinen Welt. Die Damen dürfen in französischer Kleidung erscheinen, müssen aber zu Folge einer vom Grafen von Aranda getroffenen Verordnung, beim Eingange sich entschleiern; sowie die Herren ihre Hüte abzunehmen und ihn eine Zeitlang in der Hand zu behalten verpflichtet sind. Es ist dieß eine spanische Huldigung der königlichen Würde, weil ein König, (ich glaube es war Philipp V.) den Garten angelegt hat.
   Bei dem Eintritt des Abends geht jeder fromme Einwohner von Madrid wieder in die Kirche, in der löblichen Absicht, der heiligen Jungfrau seine Aufwartung zu machen. Zur Erinnerung an diese Pflicht ertönen von Neuem alle Glocken der Stadt.
   Nach dieser Andacht begibt man sich ins Theater oder besucht die Tertulias. Leztere sind Versammlungen gebildeter Männer und Frauen zur vertraulichen Unterhaltung. Ähnlicher Art sind die Refrescos, wo Spiele, Gespräche, bisweilen Concerte und Bälle, die Gegenstände der Zerstreuung darbieten. Auch Damen nehmen daran Theil, mit Ausnahme der Bälle und Concerte aber versammeln sich Damen und Herren in abgesonderten Sälen.
   Das Volk belustigt sich in dieser Zeit auf den Straßen, die es in bunten Gruppen füllt, wo mancherlei nicht sehr harmonische Musik ertönt, und die beliebten Tänze Fandango, Volero, Guarraca, der Eiertanz und dergleichen nicht immer von graziösen Tänzern und Dilettanten zur Lust oder für einige Maravedis aufgeführt werden. Zugleich ist kein Mangel an magischen Laternen, Taschenspielern, Gaunklern, abgerichteten Hunden und kunstfertigen Affen. Dies Gewühl dauert bis gegen ein Uhr; dann verliert es sich, und dem singenden, klingenden schreienden, hüpfenden, tanzenden Leben folgt eine Grabesstille, die nur bisweilen durch die einsamen Töne einer verliebten Gitarre unterbrochen wird.

 

Craven, Elizabeth
Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Anspach in zwei Bänden
Band 1, Stuttgart 1826

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