Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1806 - Michael Friedrich Adams, Botaniker
Das erste Mammut
Lena-Mündung, Sibirien

 

Ich würde mir Vorwürfe darüber machen, wenn ich länger mit der Bekanntmachung einer zoologischen Entdeckung anstände, welche die Existenz einer Thierart, die oft ein Gegenstand des Streites unter erfahrenen Naturforschern gewesen ist, außer Zweifel setzt.
   Herr Popoff, Vorsteher der Kaufleute in Jakuzk, erzählte mir, man habe an der Küste des Eismeeres, neben dem Ausflusse der Lena, ein außerordentlich großes Thier entdeckt, dessen Fleisch, Haut und Haare noch erhalten wären, und das man für das Thier hielte, von dem die sogenannten fossilen Mammuths-Hörner (Cornes de Mammouth) herstammten.
   Zugleich theilte mir Herr Popoff die Zeichnung und Beschreibung eines Thieres mit, welches beides ich dem Präsidenten der kaiserlichen Academie in St. Petersburg zu übersenden für Pflicht hielt. Die Nachricht von dieser interessanten Entdeckung bestimmte mich, die Reise, welche ich längs der Lena bis zum Eismeere vorhatte, zu beschleunigen, um diese kostbaren Überbleibsel, die vielleicht völlig verloren gehen könnten, noch zu retten.
   Ich hielt mich deshalb in Irkuzk nur kurze Zeit auf, und reiste den 7. Junius 1806 mit den nothwendigen Briefen, theils an die obrigkeitlichen Behörden, theils an Kaufleute, von denen ich bei meinen Untersuchungen Unterstützung erwarten konnte, versehen, ab. Am 16. Junius war ich in dem Städtchen Schigansk, und am Ende des Monats in Kumak-Surka. Von hier machte ich eine besondere Exkursion nach dem Mammouth, und ich theile hier das sich dahin Beziehende aus meinen Reisejournalen mit.
   Meine Abreise von Kumak ward durch die contrairen Winde, welchen den ganzen Sommer herrschten, verzögert. Damals wohnten an diesem Orte etwa 40 bis 50 tungusische Familien von dem Batulinschen Stamme. Ihre gewöhnliche Beschäftigung war der Fischfang, und ich bewunderte die außerordentliche Thätigkeit dieses Völkchens. Weiber, Greise, selbst Kinder arbeiteten mit unermüdlicher Ausdauer an Gewinnung des Wintervorraths. Die Stärkeren giengen auf den Fischfang, indeß die Schwächeren mit Ausnehmen und Trocknen der Fische beschäftigt waren. Die ganze Küste war mit Gerüsten zum Trocknen bedeckt, und die Hütten waren so voller Menschen, daß man nur mit Mühe hinein konnte. Überall herrschte Munterkeit, Frohsinn und rastlose Thätigkeit. Das Netz warfen die Fischer mit Gesange und die Anderen tanzten dazu ihren Naitonaltanz, die Charja. Vergebens würde ich den angenehmen Eindruck schildern, den die umgebende Freude auf mich machte. Ich überzeugte mich hier, daß die Nomaden des Nordens auch mitten unter dem Eise des Pols Glück genießen können.
   Noch mehr fesselte meine Aufmerksamkeit der pittoreske Anblick des gegenseitigen Ufers der Lena. Majestätisch rollen ihre Wogen, sie ist bekanntlich einer der größten Flüsse Sibiriens, durch die Werschejanskische Bergkette; sie ist hier unfern ihrem Ausflusse ganz frei von Inseln und schmaler, tiefer und reißender als auf irgend einem anderen Puncte ihres Laufs. Die Gebirge bieten eine Menge von Ansichten dar, welche die Seele erheben. Ihre mit Schnee, der eine azurne Tinte zu haben scheint, bedeckten Gipfel contrastiren mit den düstern, wilden Gründen höchst lebhaft. Oft erhebt sich der Granit säulenförmig bis in die Wolken, oft bildete er Ruinen alter Schlösser und verstümmelte Rest grotesker Figuren. In der Ferne schließt sich der Horizont mit einer hohen Gebirgsreihe, auf denen ewiges Eis und Schnee in der Sonne glänzen.
   Der Character dieser Gegend ist besonders schön. Vergebns würde ein verständdiger Maler an irgen einem andern Puncte Sibiriens etwas Ähnliches suchen. Ich wundere mich daher nicht, daß die pittoreske Lage von Kumak Surka der Gegenstand eines Volksliedes, das nur an der Küste des Eismeeres ertönt, geworden ist, und was ich in meiner ausführlichen Reisebeschreibung mittheilen werde.
   Der Wind hatte sich endlich gedeht, und ich dachte nun an die Fortsetzung meiner Reise. Ich ließ daher meine Rennthiere auf die andere Seite des Flusses bringen, und reiste den folgenden Morgen in Gesellschaft des tungusischen Oberhauptes, Osspi Schumachoff, des Kaufmanns Bellkoff von Kumak-Surka, meines Jägers, dreier Cosacken und zehn Tungusen ab.
   Der tungisische Häuptling hatte das Mammuth zuerst entdeckt, und das Land, wodurch wir mußten, gehörte ihm. Der Kaufmann von Kumak-Surka hatte beinahe sein ganzes Leben am Eismeere zugebracht. Sein Eifer und sein Rath verdienen meinen völligsten Dank, und einmal rettete er mir in einem sehr gefährlichen Augenblicke das Leben.
   Anfänglich war es mir sehr schwer, auf einem Rennthiere zu reiten. Denn da der Sattel nur mit einem einzelnen Ledergurt befestigt ist und sich leicht verschiebt, stürzte ich mehrere Male sehr schmerzhaft. Außerdem war meine Lage sehr unbequem, weil die Tungusen keine Steigbügel zu brauchen pflegen.
   Unser Weg führte über hohe steile Berge, druch Thäler, die von kleinen Bächen gebildet waren und über dürre, wilde Flächen, auf denen man nicht einen Strauch sah. Nach einem zweitätigen Marsche langten wir an der Küste des Eismeeres an, welche die Tungusen Angardam, d.i. festes Land, nennen. Um zu dem Mammuth zu gelangen, mußten wir noch über eine Landzunge hinweg, welche Bykoffskoi-Mys oder Tamut heißt. Sie läuft in einen weiten Busen hinein, liegt rechts vom Ausflusse der Lena, und erstreckt sich, wie man mir sagte, in der von S.O. gegen N.W.  auf 80 Werste [1 Werst  = 1,07 km] lang. Ihren Namen hat sie wahrscheinlich von zwei Spitzen, in Form von Hörnern, die an der Nordspitze dieses Vorgebirges liegen. Die Spitze linker Hand, welche wegen ihres größeren Umfanges von den Russen vorzugsweise Bykoffskoi-Mys genannt wird, bildet drei weite Buchten, an denen einige Jakuten wohnen. Die gegenüberstehende Spitze, wegen der Menge des anschwimmenden Holzes Mantsai genannt, ist nur halb so groß. Ihre Küste ist niedriger und die Gegend ist ganz unbewohnt. Die Distanz voneiner Spitze zur anderen wird vier jakutische Meilen (Kos) oder 45 Werste geschätzt. Der höhere Theil der Halbinsel Tamut wird von Hügeln gebildet. Alles Übrige nehmen Seen oder Moräste ein. […]
   Der Isthmus, von dem geredet worden ist, ist an einigen Stellen so schmal, daß man auf beiden Seiten das Meer sieht. Alle Jahre ziehen die Rennthiere regelmäßig aus diesen Gegenden über das Eismeer nach Borchaja und Nitnjansk, und versammeln sich deshalb ggen den Herbst in großen Truppen. Um sie nun bequemer zu jagen, haben die Tungusen die ganze Halbinsel durch Pallisaden in gewisse Umzäunungen vertheilt, in die sie die Rennthier durch Schreien, durch Hetzen mit Hunden und durch Scheuchen, die an den Pallisaden fest gemacht sind und im Winde flattern, treiben, und wo sie dann leicht gefangen werden. Die auf dem Eise entrinnen wollen, werden nieder geschossen.
   Am dritten Tag unserer Reise schlugen wir unsere Zelte einige hundert Schritte vom Mammuth auf einem Hügel auf, der Kembisaga-Shaeta, d.i. breite Seite eines Steines, heißt.
   Schumachoff erzählte mir die Entdeckung des Mammuths ohngefähr auf folgende Weise:
   Die Tungusen sind ein Nomadenvolk, das wenige Zeit an einem Orte bleibt. Die in den Wäldern leben, durchlaufen oft zehn Jahre und darüber, ohne inzwischen ein Mal nach Hause zu kommen. Jede Familie lebt isolirt. Ihr Haupt bekümmert sich lediglich um sie und kennt keine weitere Gesellschaft. Wenn sich nach einigen Jahren ein Paar Bekannte zufällig treffen, so erzählen sie sich ihre Begebenheiten, ihr Glück in der Jagd und wie viel Pelzwerk sie mit zurückbringen; leben dann wohl einige Tage bei einander, und trennen sich, wenn ihre kleinen Vorräthe aufgezehrt sind, fröhlich, indem sie wechselseitig an ihre Bekannte Grüße bestellen, und es der Vorsehung überlassen, ob sie sich je wiedersehen werden. Die Tungusen, welche an der Küste leben, unterscheiden sich von diesen, daß sie regelmäßigere und festere Wohnplätze habe, und daß sie sich für Fischerei und Jagd zu gewissen Zeiten versammeln. Im Winter wohnen sie in neben einander Hütten, die so gewissermaßen ein Dorf bilden.
   Einer dieser jährlichen Streifereien der Tungusen danken wir die Entdeckung des Mammuths. Schumachoff pflegt gegen das Ende des Augusts, wenn die Fischerei in der Lena aufhört, mit seinen Brüdern auf die Halbinsel Tamur zu gehen, wo sie sich mit der Jagd beschäftigen, und wo ihnen die See durch den Fischfang Nahrung giebt. Im Jahre 1799 hatte er für seine Frau einige Hütten am See Onkul bauen lassen; er selbst begab sich zu Wasser, um zu sehen, ob er nicht einige Mammuthszähne finden könnte. An einem Tag entdeckte er mitten im Eise einen unförmlichen Klumpen, der aber keine Ähnlichkeit mit den Haufen von Treibholze hatte, das man hier häufig trifft. Um dies näher zu untersuchen, stieg er ans Land, kletterte auf einen Felsen und betrachtete das Ding von allen Seiten, konnte aber nicht entdecken, was es war. Im folgenden Jahre fand er an derselben Stelle eine todte Seekuh (Trichecus Rosmarus), und bemerkte zugleich, daß die vor dem Jahre entdeckte Masse vom Eise freier geworden sey und zwei hervorragende Spitzen zeige. Doch wußte er immer noch nicht, was er daraus machen sollte. Gegen Ende des dritten Sommers war die eine Seite des Thiers und ein Hauer deselben deutlich aus dem Eise hervorgetreten. Nach seiner Rückkehr an den See Onkul theilte er seine seltsame Entdeckung seiner Frau und einigen Freuden mit, die aber die Sache auf eine Art ansahen, die ihn verdrießlich und traurig machte. Alte Leute erzählten nämlich, sie hätten von ihren Vätern gehört, daß sich ein ähnliches Unthier eben auf der Habinsel hätte sehen lassen, daß aber die ganze Familie dessen, der es zuerst erblickte, in kurzer Zeit ausgestorben sey. Man betrachtete daher den Mammuth einstimmig als Anzeichen eines bevorstehenden Unglücks, und unser Tunguse ward darüber so beängstigt, daß er ernsthaft krank wurde. Doch erholte er sich wieder, und sein erster Gedanke war nun an den Profit, den er durch den Verkauf der Zähne des Thieres, die sehr schön und ungewöhnlich groß waren, ziehen könnte. Er gab daher Befehl, den Ort, wo das Thier lag, sorgfältig zu verbergen, und alle Fremden davon untern andern Vorwänden zu entfernen; vertraute auch der Bewachung von treuen Leuten diesen Schatz an, damit ihn Niemand entwende.
   Aber der künftige Sommer war kälter und windiger als gewöhnlich. Deshalb blieb der Mammuth im Eise, das beinahe gar nicht schmolz. Endlich erfüllte der fünfte Sommer Schumachoff‘s heiße Wünsche. Das Eis, das zwischen dem Boden und dem Mammuth war, schmolz schneller, als das übrige. Daher wurde die Grundlage des erstern abhängig, und die ungeheure Masse stürzte durch ihre eingene Last herab und zerschellte auf dem Sande an der Küste. Zwei Tungusen, die mich in der Folge auf meiner Reise begleiteten, waren Zeugen davon. Im März 1804 begab sich Schumachoff zu seinem Mammuth, ließ ihm die Hauer absägen, und verkaufte sie für 50 Rubel an Waaren an den Kaufmann Baltunoff. Bei dieser Gelegenheit zeichnete man das Thier, aber sehr fehlerhaft ab. Man gab ihm spitze Ohren, kleine Augen, Pferdehufe und eine Mähne längs dem Rücken; so daß daraus die Figur eines Thiers ward, das die Mitte zwischen dem Schweine und dem Elephanten hielt. Zwei Jahre nachher, also im siebenten nach der Entdeckung des Thiers, traf es sich glücklich, daß ich diese entfernten und öden Gegenden druchreiste, und ich freue mich, eine Thatsache bezeugen zu können, die so wenig Wahrscheinlichkeit hatte.
   Ich fand den Mammuth noch auf derselben Stelle, aber ganz verstümmelt. Da der tungusische Häuptling wieder gesund geworden war, war auch das Vorurtheil verschwunden, und man gieng ohne Schwierigkeit zu dem Thiere hin. Der Entdecker war mit den Vortheile, den er davon gezogen hatte, zufrieden. Die benachbarten Jakuten machten daher das Fleisch ab, um die Hunde im Winter damit zu füttern. Eben so fraßen weiße Bären, Wölfe, Vielfraße und Füchse davon, wie ihre Spuren umher zeigten. Das beinahe ganz entfleischte Skelett war übrigens, mit Ausnahme eines Vorderfußes, ganz. Das Rückgrat, vom Kopfe bis zum Os coccygis, ein Schulterblatt, das Becken und die Überbleibsel von drei Extremitäten waren noch durch Sehnen und Ligamente, so wie durch die Haut an der äußern Seite des Gerippes befestigt. Den Kopf deckte ein trockenes Fell. Ein noch gut erhaltenes Ohr war mit einem Büschel Borsten versehen.
   Alles dieses hat freilich durch einen Transport von 11.000 Wersten [nach St. Petersburg, wo das Skelett später ausgestellt wurde] gelitten. Inzwischen sind die Augen conservirt, und bei dem linken konnte man noch den Augapfel unterscheiden. Die Spitze der unteren Lippe war zerfressen, und ihre oberer Theil ganz zerstört; daher konnte man die Zähnen sehen. Im Schädel war noch das Hirn, aber vertrocknet.
   Am wenigsten beschädigt ist ein Vorder- und ein Hinterfuß, die mit Haut bedeckt und noch mit der Sohle versehen sind. Nach der Versicherung des tungusischen Häuptlings war das Thier so dick und so gemästet, daß ihm der Bauch bis über die Kniegelenke herunter hing. Dieses Mammuth ist ein Männchen, mit einer langen Mähne am Halse, aber ohne Schwanz und ohne Rüssel. Die Haut, von der ich drei Viertheile besitze, ist dunkelgrau und mit röthlichen Haaren und schwarzen Borsten besetzt. Die Borsten haben durchdie feuchte Lage, in der sich das Thier so lange befand, von ihrer Dicke verloren. Das ganze Gerippe, von dem ich die Knochen noch an Ort und Stelle ordnete, ist vier Arschinen [1 arschin = 71 cm] hoch und sieben von der Nase bis zum Schwanzbeine lang, ohne doch hier die beiden Hauzähne in Anschlag zu bringen, deren jeder 1 ½ Klafter lang ist, und die zusammen 10 Pud (400 Pfund) wiegen. Der Kopf allein wiegt 11 ½ Pud.
   Meine Hauptsorge ging dahin, die Knochen zu trennen, sie in Ordnung und dann in Sicherheit zu bringen; was auch mit der eigensinnigsten Genauigkeit geschehen ist. Ich hatte das Glück, noch das andere Schulterblatt in einem Graben zu finden. Hierauf ließ ich die Haut von der Seite, auf der das Thier gelegen hatte, und die noch sehr gut erhalten war, ablösen. Diese Haut war so außerordentlich schwer, daß sie zehn Personen, die sie an das Ufer tragen mußten, um sie auf ein Floß zu bringen, daß sie nur mit größter Mühe bewegten. Hierauf ließ ich den Boden hier und dort aufgraben, um zu sehen, ob nicht noch einige Knochen zu finden waren, vorzüglich aber, um alle Borsten zu sammeln, welche die weißen Bären in den feuchten Boden hineingetreten hatten, als sie das Fleisch fraßen. Da wir kein Werkzeug zum Graben mithatten, so war die Operation etwas beschwerlich; doch brachte ich auf diese Weise über ein Pud Borsten zusammen. In einigen Tagen waren wir fertig, und ich sah mich im Besitz eines Schatzes, der mich reichlich für die Ermüdung und die Gefahren der Reise, so wie für die nicht geringen Unkosten entschädigte.

 

Adam, Michael Friedrich
Auszug aus M. Adam‘s Reise zum nördlichen Polarmeer, veranlasst durch die Entdeckung der Überbleibsel eines Mammuths
Allgemeine Geographische Ephemeriden 25, 3. Stück
Weimar 1808

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