Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1782 - Karl Philipp Moritz
London

 

2.Juni 1782 … Und nun die Aussicht von London.
    Es zeigte sich im dicken Nebel. Die Paulskirche hob sich aus der ungeheuren Masse kleinerer Gebäude wie ein Berg empor. Das Monument, eine turmhohe runde Säule, die zum Gedächtnis der großen Feuersbrunst errichtet wurde, machte wegen ihrer Höhe und anscheinenden Dünnigkeit einen ganz wohnten und sonderbaren Anblick.
    Wir näherten uns mit großer Schnelligkeit, und die Gegenstände verdeutlichten sich alle Augenblicke. Die Westminsterabtei, der Tower, ein Turm, eine Kirche nach der andern, ragten hervor. Schon konnte man die hohen runden Schornsteine auf den Häusern unterscheiden, die eine unzählige Menge kleiner Türmchen auszumachen schienen.
    Von Greenwich bis London war die Landstraße schon lebhafter als die volkreichste Straße in Berlin, soviel reitende und fahrende Personen und Fußgänger begegneten uns. Auch erblickte man schon allenthalben Häuser, und an den Seiten waren in verhältnismäßiger Entfernung Laternenpfähle angebracht. Was mir sehr auffiel, waren die vielen Leute, die ich mit Brillen reiten sah, unter denen sich einige von sehr jugendlichem Ansehen befanden. Wohl dreimal wurden wir bei sogenannten Turnpikes oder Schlagbäumen angehalten, um einen Zoll abzutragen, der sich doch am Ende auf einige Schillinge belief, obgleich wir ihn nur in Kupfermünze bezahlten.
    Endlich kamen wir an die prächtige Westminsterbrücke. Es ist, als ob man über diese Brücke eine kleine Reise tut, so mancherlei Gegenstände erblickt man von dort. Im Kontrast gegen die runde, moderne, majestätische Paulskirche zur Rechten erhebt sich zur Linken die altfränkische, längliche Westminsterabtei mit ihrem ungeheuren spitzen Dach. Zur rechten Seite, die Themse hinunter, sieht man die Blackfriarsbrücke, die dieser an Schönheit nicht viel nachgibt. Am linken Ufer der Themse schön mit Bäumen besetzte Terrassen und die neuen Gebäude, welche den Namen Adelphi-Buildings führen. Auf der Themse selbst eine große Anzahl kleiner hin und her fahrender Boote mit einem Mast und Segel, in welchen sich Personen von allerlei Stand übersetzen lassen, wodurch dieser Fluß beinahe so lebhaft wird wie eine Londoner Straße. Große Schiffe sieht man hier nicht mehr, denn die gehn am andern Ende der Stadt nicht weiter als bis an die Londoner Brücke.
    Wir fuhren nun in die Stadt über Charingcross und den Strand, nach eben den Adelphi-Buildings, die von der Westminsterbrücke einen so vortrefflichen Prospekt gaben: weil meine beiden Reisegefährten auf dem Schiff und in der Post-chaise, ein Paar junge Engländer, in dieser Gegend wohnten und sich erboten hatten, mir noch heute in ihrer Nachbarschaft ein Logis zu verschaffen.
    In den Straßen, durch die wir fuhren, behielt alles ein dunkles und schwärzliches, aber doch dabei großes und majestätisches Ansehen. Ich konnte London seinem äußern Anblick nach in meinen Gedanken mit keiner Stadt vergleichen, die ich sonst je gesehen. Sonderbar ist es, daß mir ungefähr vor fünf Jahren, beim ersten Eintritt in Leipzig, gerade so wie hier zumute war: vielleicht, daß die hohen Häuser, wodurch die Straßen zum Teil verdunkelt werden, die große Anzahl der Kaufmannsgewölbe und die Menge von Menschen, welche ich damals in Leipzig sah, mit dem eine entfernte Ähnlichkeit haben mochten, was ich nun in London um mich her erblickte.
    Allenthalben gehen vom Strand nach der Themse zu sehr schön gebaute Nebenstraßen, worunter die Adelphi-Buildings bei weiten die schönsten sind. Unter diesen führt wieder eine Nebenabteilung oder angrenzende Gegend den Namen York Buildings, in welchen Georg Street befindlich ist, wo meine beiden Reisegefährten wohnten. Es herrscht in diesen kleinen Straßen nach der Themse zu, gegen das Gewühl von Mensehen, Wagen und Pferden, welches den Strand beständig auf und niedergeht, auf einmal eine so angenehme Stille, daß man ganz aus dem Geräusch der Stadt entfernt zu sein glaubt, welches man doch wieder so nahe hat.
    Es mochte ungefähr zehn oder elf Uhr sein, als wir hier ankamen. Nachdem mich die beiden Engländer noch in ihren Logis mit einem Frühstück, das aus Tee und Butterbrot bestand, bewirtet hatten, gingen sie selbst mit mir in ihrer Nachbarschaft herum, um ein Logis für mich zu suchen, das sie mir endlich bei einer Schneiderwitwe, die ihrem Hause gegenüber wohnte, für sechzehn Schilling wöchentlich verschafften. E war auch sehr gut, daß sie mit mir gingen, denn in meinen Aufzug, da ich weder weiße Wäsche noch Kleider aus meinen Koffer mitgenommen hatte, würde ich schwerlich irgendwo untergekommen sein.
    Es war mir ein sonderbares aber sehr angenehmes Gefühl daß. ich mich nun zum erstenmal unter lauter Engländern be fand, unter Leuten, die eine fremde Sprache, fremde Sitten um ein fremdes Klima haben, und mit denen ich doch nun umgehen und reden konnte, als ob ich von Jugend auf mit ihnei erzogen wäre. Es ist gewiß ein unschätzbarer Vorteil, die Sprache des Landes zu wissen, worin man reist. Ich ließ es mir nicht sogleich im Hause merken, daß ich der englischen Sprach mächtig war; je mehr ich aber redete, desto mehr fand ich Liebe und Zutrauen.
    
    London, den 5. Juni. So weit ich diese paar Tage über London durchstrichen bin, habe ich, im Ganzen genommen, nicht so schöne Häuser und Straßen, aber allenthalben mehr und schönere Menschen als in Berlin gesehen. Es macht mir ein wahres Vergnügen, so oft ich von Charingcross den Strand hinauf und so weiter, vor der Paulskirche vorbei, nach der Königlichen Börse gehe, wenn mir vom höchsten bis zum niedrigsten Stand fast lauter wohlgestaltete, reinlich gekleidete Leute im dicksten Gedränge begegnen, wo ich keinen Karrenschieber ohne weiße Wäsche sehe und kaum einen Bettler erblicke, der unter seinen zerlumpten Kleidern nicht wenigstens ein reines Hemd trägt.
    Ein sonderbarer Anblick ist es, unter diesem Gewühl von Menschen, wo jeder mit schnellen Schritten seinem Gewerbe oder Vergnügen nachgeht und sich allenthalben durchdrängen und stoßen muß, einen Leichenzug zu sehen.
    Die englischen Särge sind sehr ökonomisch gerade nach dem Zuschnitt des Körpers eingerichtet; sie sind platt, oben breit, in der Mitte eingebogen, und unten nach den Füßen zu laufen sie spitz zusammen, ungefähr wie ein Violinkasten.
    Einige schmutzige Träger suchen sich mit dem Sarg, so gut sie können, durchzudrängen, und einige Trauerleute folgen. Übrigens bekümmert man sich so wenig darum, als ob ein Heuwagen vorbeiführe. Bei den Begräbnissen der Vornehmen mag dies vielleicht anders sein.
    Übrigens kommt mir ein solcher Leichenzug in einer großen volkreichen Stadt immer desto schrecklicher vor, je größer die Gleichgültigkeit der Zuschauer und je geringer ihre Teilnahme dabei ist. Der Mensch wird fortgetragen, als ob er gar nicht zu den übrigen gehört hätte. In einer kleinen Stadt oder auf dem Dorf kennt ihn ein jeder, und sein Name wird wenigstens genannt.
    Die Influenza, welche ich in Berlin verließ, habe ich hier wieder angetroffen, und es sterben viele Menschen daran. Noch immer ist es für die Jahreszeit ungewöhnlich kalt, so daß ich mir noch täglich Kaminfeuer machen lassen muß. Ich muß gestehen, daß mir die Wärme von den Steinkohlen im Kamin weit sanfter und milder vorkommt als die von unsern Öfen. Auch tut der Anblick des Feuers selbst eine sehr angenehme Wirkung. Nur muß man sich hüten, gerade und anhaltend hineinzusehen; denn daher kommen wohl mit die vielen jungen Greise in England, welche mit Brillen auf der Nase auf öffentlichen Straßen gehen und reiten und sich so schon in ihrer blühenden Jugend der Wohltat für das Greisenalter bedienen, denn unter diesen Namen (the Blessings of old Age) werden die Brillen in den Läden verkauft.
    Ich esse jetzt beständig zu Hause und muß gestehen, daß meine Mahlzeiten ziemlich frugal eingerichtet sind. Mein gewöhnliches Gericht des Abends ist eingemachter Lachs (Pickled Salmon), den man mit Öl und Essig aus der Brühe ißt, eine sehr erfrischende und wohlschmeckende Speise.
    Wer in England Kaffee trinken will, dem rate ich allemal vorherzusagen, wieviel Tassen man ihm von einem Lot machen soll, sonst wird er eine ungeheure Menge braunes Wasser erhalten, welches ich mit aller Erinnerung noch nicht habe vermeiden können. Das schöne Weizenbrot, nebst Butter und Chesterkäse, halten mich für die spärlichen Mittagsmahlzeiten schadlos. Denn diese bestehen für gewöhnlich aus einem Stück halbgekochten oder gebratnen Fleisch und einigen aus dem bloßen Wasser gekochten grünen Kohlblättern, worauf eine Brühe von Mehl und Butter gegossen wird; das ist wirklich die gewöhnliche Art, in England die Gemüse zuzurichten.
    Die Butterscheiben, welche zum Tee gegeben werden, sine so dünn wie Mohnblätter. Aber es gibt eine Art, Butterscheiben am Kaminfeuer zu rösten, welche unvergleichlich ist. Es wird nämlich eine Scheibe nach der andern so lange mit einer Gabel ans Feuer gesteckt, bis die Butter eingezogen ist, alsdann wird immer die folgende draufgelegt, so daß die Butter ein ganze Lage solcher Scheiben allmählich durchzieht: man nennt dies einen Toast.
    Vorzüglich gefällt mir die Art, ohne Deckbett zu schlafen. Man liegt zwischen zwei Bettlaken, wovon das obere die Unterlage einer leichten wollenen Decke ist, die, ohne zu drücken, hinlänglich erwärmt. Das Schuhputzen geschieht nicht im Hause, sondern durch eine benachbarte Person, deren Gewerbe dies ist, und die alle Morgen die Schuh aus dem Hause abholt und gereinigt wiederbringt, wofür sie wöchentlich ein Gewisses erhält. Wenn die Magd unzufrieden mit mir ist, höre ich zuweilen, daß sie mich draußen »the German«, den Deutschen, nennt, sonst heiße ich im Hause »the Gentleman«, oder der :Herr.
    Das Fahren habe ich ziemlich eingestellt, obgleich es lange nicht so viel kostet wie in Berlin, indem ich hier für einen Schilling über eine englische Meile hin- und herfahren kann, wofür ich dort wenigstens einen Gulden bezahlen müßte. Desungeachtet aber erspart man sehr viel, wenn man zu Fuß geht und sich mit Fragen zu behelfen weiß. Von meiner Wohnung in Adelphi bis an die Königliche Börse ist es wohl so weit wie von einem Ende Berlins zum andern, und bis an den Tower und St. Catharins, wo die Schiffe auf der Themse ankommen, ist es wohl noch einmal so weit, und diesen Weg habe ich wegen meines Koffers, der noch auf dem Schiff war, schon zweimal zu Fuß gemacht.
    Als ich den ersten Abend, wie es dunkel wurde, zurückkam, erstaunte ich über die herrliche Erleuchtung der Straßen, wogegen die unsrige in Berlin äußerst armselig ist. Die Lampen werden schon angesteckt, wenn es noch beinahe Tag ist, und die Laternen sind so dicht nebeneinander, daß diese gewöhnliche Erleuchtung einer feierlichen Illumination ähnlich sieht, wofür sie auch ein deutscher Prinz hielt, der zum erstenmal nach London kam und im Ernst glaubte, daß sie seinetwegen veranstaltet sei.
    
Moritz, Karl Philipp
Reisen eines Deutschen in England im Jahre 1782
Hrg. von Otto zur Linde
Berlin 1903

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