Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1809 - Johann Konrad Friederich, deutscher Offizier in französischen Diensten
Der Papst wird verschleppt
Rom

 

Anfangs Juli bekam ich in aller Frühe den Befehl, sogleich mit meiner Compagnie nach Albano abzumarschieren, wo sich eine bedeutende Truppenmasse versammelte. Nachdem wir daselbst zwei Tage zugebracht, ohne zu erfahren auf was es eigentlich abgesehen sey, erhielten alle hier und in der Umgegend liegenden Truppen den 5ten Juli gegen Abend Ordre sich marschfertig zu halten, und wurden vor dem nach Rom führenden Thor versammelt. Die leichte Infanterie bildete die Avantgarde, dann kam die Linie und Reiterei, und Artillerie machte den Beschluß. In dieser Ordnung marschierten wir [von der Feste Velletri in den Albaner Bergen] nach Rom ab.
   Vor dem Thor San Giovanni angekommen, wurde Halt gemacht und scharf geladen. Es mochte ungefähr eine gute Stunde vor Mitternacht seyn, als wir in der größten Stille in Rom einmarschierten, selbst die Hufe der Pferde und die Räder der Kanonen hatte man mit Stroh umwickelt, daß sie keinen Lärm machten. So marschierten wir gegen Monte Cavallo, in den Straßen auf starke Patrouillen der französischen Garnison stoßend. Daselbst angekommen, wurde ein Theil der Infanterie und die Cavallerie in die zum Quirinal führenden Straßen vertheilt, und die Kanonen, welche die entgegengesetzte Richtung vom päpstlichen Pallast erhielten, mit brennenden Lunten zur Seite, aufgepflanzt. Die Patrouillen bedeuteten den Einwohnern, die hier und da die Fenster öffneten oder sich an der Thüre blicken ließen, sich sofort zurückzuziehen, widrigenfalls man Feuer auf sie geben würde. Es herrschte nun eine feierliche Stille, und wir waren alle in einer seltsamen Spannung was wohl geschehen würde. Ich stand mit meiner Compagnie noch auf dem Campo Vaccino, als mir eine Ordonnanz die Ordre überbrachte, mich mit 20 auserwählten Grenadieren sogleich zum General Miollis zu verfügen. Bei diesem, der sich zu Fuß mit mehreren Generälen und Chefs, unter denen sich auch der Gendarmerie-General Radet am Piedestal der Colosse auf dem Monte Cavallo befand, angekommen, nahm mich letzterer, dem ich von meinem Oberst besonders empfohlen worden war, bei Seite, und eröffnete mir, daß diese Anstalten getroffen worden seyen, um im Fall sich der Papst weigern würde, die Entsagungsacte über alle weltliche Herrschaft, Macht und Ansprüche auf den Kirchenstaat zu unterzeichnen, seine Gefangennehmung zu bewerkstelligen, die in diesem Fall vom Kaiser [Napoleon] dekretiert und auch von Murat befohlen sey. Er habe mich auf Empfehlung meines Obersten erwählt, thätigen Anteil an dieser Expedition zu nehmen, die er sogleich anführen werde und wozu er nur noch einige Offiziere und erlesene Mannschaft erwarte. Ich gestehe, daß mir diese Eröffnung nicht gerade die angenehmste war, da ich Pius VII. als einen würdigen und achtungswerthen Mann und Souverän kennen gelernt und durch meine frühere Audienz ihn persönlich leib gewonnen hatte, aber hier befahl der Dienst, und war keine Einwendung zu machen.
   Es währte nur wenige Minuten bis die zu dieser Expedition erlesene Mannschaft beisammen war, etwa 8-10 Offiziere, 120 Mann aus Elitecompagnien und ein halbes Dutzend Sapeurs. Radet führte das Commando an. Wir mußten mit Leitern über die hohen Gartenmauern steigen, da der Papst schon früher die Eingänge des Pallastes hatte vermauern lassen, und derselbe so zu sagen zu einer kleinen Festung umgeschaffen wurde; aber auch die innern, in den Garten gehenden Thüren mußten die Sapeurs erbrechen. Wir stießen zuerst auf die einige 40 Mann starke Schweizergarde, die sich nicht zur Wehr setzte, sondern auf die an sie ergangene Aufforderung die Hellebarden streckte. Wir durcheilten mehrere Gänge und Säle, Radet erwischte einen Kammerdiener des heiligen Vaters, den er zwang, uns in die Gemächer des Papstes zu führen und das Zimmer zu öffnen, in welchem sich Pius VII. befand. Wir traten ein, der wirklich ehrwürdige Oberpriester saß noch völlig angekleidet, die Stola umhabend, an einem Tisch und war mit Schreiben beschäftigt. Radet näherte sich ihm, redete ihn französisch an, das Pius geläufig sprach, und machte ihn mit seinem Auftrag bekannt, wobei er ihm die zu unterschreibende Acte mit der Erklärung überreichte, daß er im Weigerungsfall strenge Ordre habe, seine Heiligkeit gefangen abzuführen. Des Papstes Antwort war: Mi taglierete piu tosto in mille pezzi. (Ihr werdet mich eher in tausend Stücke hauen.) Da Radet sah, daß alles Zureden vergeblich war, ließ er die Sapeurs eintreten, ein auf die Straße gehendes Fenster einschlagen, hieß sodann den Papst und den Cardinal Pacca auf zwei Armstühle setzen, sie fest auf denselben anbinden, und beide durch das Fenster auf die Straße hinablassen. Der General selbst aber eilte schnell auf dem Weg, den er gekommen war, mit uns hinab, empfing den Papst und den Cardinal unten, und nöthigte beide sich in einen mit vier Pferden bespannten Wagen zu setzen, auf dessen Bock er stieg, und jagte so mit einer starken Reiter-Eskorte umgeben, im gestreckten Gallopp davon, durch die nächsten Straßen, zur Porta Salara hinaus, um die Stadtmauern herum bis an die Porta Popolo und von da auf der Straße nach Florenz weiter. Die Truppenabtheilungen, welche zu der Garnison Roms gehörten, verfügen sich in ihre Quartiere, die aber von Neapel gekommen waren, marschierten gegen Morgen nach Albano zurück und erfuhren erst nach einigen Tagen was eigentlich vorgegangen war. Roms Bewohner waren nicht wenig bestürzt, als sie am andern Tag erfuhren, daß ihr Souverain abgereist sey, aber es blieb alles ruhig, und man redete sich nur mit einem: „Il papa é via“ (Der Papst ist fort) an.

 

Friederich, Johann Konrad
Vierzig Jahre aus dem Leben eines Todten. Hinterlassene Papiere eines französisch-preußischen Offiziers
Band 2, Tübingen 1848

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