Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1834 - Leo von Klenze
Aufräumungsarbeiten auf der Akropolis, Athen

 

Es kostete noch lange Mühe und Zeit, bis eine wirkliche Räumung dieser hehren Burg von der militärischen Besatzung erlangt und diese der Autorität, welcher sie eigentlich angehörte, der Conservation der hellenischen Altertümer, übergeben wurde.
   Als nun diese Schwierigkeiten beseitigt waren, ließ ich sogar die Arbeiten beginnen, und zwar in der Art, daß an der nördlichen Seite des Parthenon begonnen wurde den Schutt und die Trümmer von dem Stufenbau hinwegzuräumen und die Säulentrommeln freizumachen, welche hier fast unversehrt und in der Ordnung, wie die Gewalt der Pulverexplosion die Säulen umgestürzt hatte, lagen.
   Die Propyläen, dieses hohe Meisterwerk der Architektur perikleischer Zeit, sind bekanntlich ebenfalls durch eine Pulverexplosion zerstört worden, welche den ganzen Oberteil des Baues, Dach, Gesimse, Decken, viel Säulen-Knäufe und endlich den ganzen inneren ionischen Einbau verwüstete. Während die Vorderfront, an welcher der Hauptzugang der Akropolis vorüberführt, eben deshalb wohl aufgeräumt wurde, und die antiken Stufen freiliegend zeigt, ist die innere Seite bis etwa zur halben Höhe der Säulen von völlig von den Gesimse-und Deckenstücken des Gebäudes verschüttet.
   Zwischen die äußeren und inneren Säulen und die inneren Seitenwände des Ganzen aber sind von Venetianern und Türken Kasematten mit bombenfesten Gewölben eingebaut, so daß man von diesem Innern gar nichts erkennen konnte und auf oft mißlungene Konjekturen beschränkt blieb, deren sich besonders Stuart und Revett schuldig machten. Da diese Anlage aber jetzt eine der am besten erhaltenen, und man kann besonders bei dem im höchsten Grade ruinösen Zustand der davor sich hinziehenden Batterie sagen, die Hauptbefestigung der Akropolis an der einzigen zugänglichen Stelle ausmachte, so beschloß ich sie auch vor allem anderen anzugreifen, und ließ zu dem Ende mit allem Eifer den Durchbruch des mittleren Intercoloniums beginnen.
   Achtzig bis neunzig griechische Arbeiter wurden nun unter der unmittelbaren Leitung des mir zugewiesenen Ingenieur-Offiziers nebst einigen Soldaten der technischen Compagnie angestellt, und arbeiteten so gut und schnell als es die ungeheure Sonnenhitze und der höchst mangelhafte Zustand der Werkezeuge gestattete. Hebel von schlechtem Holze, einige schwache eiserne Brechstangen und aneinander geknotete Seile waren übrigens Alles, was zu Gebote stand, und es war demnach oft die Kraft aller Arbeiter nötig, um Lasten von sechs bis acht Centnern zu bewegen.
   Ich sandte deshalb nach Nauplia, um aus dem dortigen Arsenal einige mechanische Hilfsmittel, Hebgeschirre, Flaschenzüge u.s.w. zu erlangen, und es wurde auch sogleich das Stärkste und Beste, was vorhanden war, mit aller Bereitwilligkeit abgegeben und herübergeschickt. Aber gleich beim ersten nur sehr mäßigen Gebrauch zeigte es sich, daß alle diese von einem Triestiner Handlungshaus gelieferten Sachen von so schlechter Qualität waren, daß sie mir bald völlig unbrauchbar wurden, und daß wir auf die Kraft der Menschenhände beschränkt blieben.
   Es mußte einem jeden, der in Griechenland reiste, auffallen, wie hier der Absatzpunkt für allen Ausschuß und alles Schlechte war, was französische, deutsche und englische Fabriken nur erzeugen konnten. Nicht von den garde-boutiques der Mode- und Kramläden aller Art zu reden, mit welchen besonders Marseille und Livorno das arme, in dieser sowie in jeder anderen industriellen Beziehung auf das Ausland angewiesene Griechenland gegen ungeheure Preise überschwemmten, kam fast Alles, was außer Stein, Wasser, Kalk und Sand zum Bau und zur Ausstattung der Gebäude gehörte, aus jenen Häfen, oder aus Triest, Venedig und allenfalls aus Odessa.
   Es ist aber nicht zu beschreiben, welche elende Ware der Schlosser-, Schreiner-, Glaser- und Möbelarbeiten man einführt, und welcher betrügerische Handel mit denselben getrieben wird.
   Es schien also, daß die Triestiner Lieferanten der Arsenalwerkstätten von Nauplia keine Ausnahme von dieser Regel machen wollten, und die armen Griechen mußten deshalb die Schutt- und Trümmerhaufen der Akropolis mit doppelt starken Strömen von Schweiß benetzen.
   Teils diese Anstrengungen, teils die Jahreszeit selbst aber machten, daß heftige Fieber sich unter diesen Arbeitern einstellten, und daß wir mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, um zur bestimmten Zeit fertig zu werden.
   
Klenze, Leo von
Aphoristische Bemerkungen, gesammelt auf einer Reise nach Griechenland
Berlin 1838

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