Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1858 - Theodor Fontane
Die Romanze in Stein und Mörtel: Abbotsford

Schottland

 

Drei englische Meilen westlich von Melrose liegt Abbotsford, jene »Romanze in Stein und Mörtel«, wie Walter Scott seinen selbst errichteten Wohnsitz mit einem gewissen Selbstgefühl genannt hat. Der ganze Bau übernimmt wider Willen die Beweisführung, dass sich eines nicht für alle schickt und dass die Wiederbelebung des Vergangenen, das Ausschmücken einer modernen Schöpfung mit den reichen, poetischen Details des Mittelalters, auf einem Gebiete bezaubern und hinreißen und auf dem andern zu einer bloßen Schnurre und Absonderlichkeit werden kann. Diese Romanze in Stein und Mörtel nimmt sich, um in dem Vergleich zu bleiben, den der Dichter selbst gewollt hat, nur etwa aus, als habe er in einem seiner Schreibtischkästen hundert hübsche Stellen aus allen möglichen alten Balladen gesammelt, in der bestimmten Erwartung, durch Zusammenstellung solcher Bruchstücke eine eigentliche Musterromanze erzielen zu können. Es fehlt der Geistesblitz, der stark genug gewesen wäre, die widerstrebenden Elemente zu etwas Einheitlichem zusammenzuschmelzen. Wie man Gesellschaftsgedichte nach Endreimen macht und das Papier umklappt, um völlig außer Zusammenhang mit dem zu bleiben, der vor uns seine Zeile geschrieben hat, so ist Abbotsford einem halben Hundert Schlagwörtern zuliebe gebaut worden. Das alles soll seinem Erbauer kein Vorwurf sein; aber man bedauert allerdings, der Stein-Romanze gegenüber nicht den Ton der Liebe und Verehrung anschlagen zu können, an den sich die Lippen fast gewöhnt haben, wenn sie den Namen Sir Walters nennen.
  Wir haben in Melrose ein zierliches, zweiräderiges Wägelchen gemietet, und vom Eisenbahn-Hotel aus, wo wir abgestiegen sind, geht es nun westlich die Straße nach Abbotsford hinaus. Der Weg, den wir passieren, hat ganz den Charakter der englischen und südschottischen Landschaft: Tal und Hügel in raschem Wechsel, Hecken und Baumgruppen, Wiesenflächen und Kieswege und ein Wasserstreifen, der in Schlangenwindungen das Ganze durchzieht. Nirgends frappante Schönheit, aber überall lachende Lieblichkeit und die milde Hand der Kultur, von der man sich wie von einem Westwind gestreichelt fühlt. Tausend Schritt hinter Melrose zweigt eine Art Feldweg nach Chiefswood ab, einem reizend gelegenen Häuschen, das zu Lebzeiten Sir Walter Scotts von dessen Schwiegersohn, Mr. Lockhart, bewohnt wurde. Walter Scott liebte es, wenigstens einmal in der Woche hier vorzusprechen und einen Nachmittag, oft auch länger, bei Tochter und Schwiegersohn zu verbringen. Mr. Lockhart selbst hat in sehr anschaulicher Weise diese Besuche beschrieben. »Der wohlbekannte Hufschlag Sibylle Greys«, so erzählt er, »und das Bellen von „Senf" und „Pfeffer" (seine zwei Lieblingshunde), vor allem dann sein lauter Jägergruß unter unserem Fenster, ließen uns wissen, dass er die Last der Arbeit abgeschüttelt habe, um, wie er sich ausdrückte, in unserem Gasthause mal wieder nach Lust und Bequemlichkeit zu leben. Dann stieg er ab, und seine und unsere Hunde um sich her, nahm er zunächst unter einer alten Eiche Platz, die fast den ganzen Raum zwischen dem Bach und unserem Hause überschattete. Hier war es, wo dann gemeinhin Tom Purdie, der Förster, zu ihm trat und in langem Vortrag auseinandersetzte, warum dieser oder jener Baum gefällt und diese oder jene Stelle bepflanzt werden müsse. Am andern Morgen nach dem Frühstück zog er sich in eins der oberen Zimmer zurück, schrieb oder beendete ein Kapitel des „Piraten“ und schickte es direkt zum Druck an seinen Freund und Verleger John Ballantyne. Dann begab er sich in die Plantage oder irgendwo hin, wo er sicher sein konnte, einem halben Dutzend unserer Arbeiter zu begegnen, und begann sofort, an ihrer Arbeit mit Axt, Säge und Grabscheit teilzunehmen. Gegen Mittag brach er auf, entweder um noch mit uns zu plaudern, oder um in Abbotsford Gäste zu empfangen, an denen nie Mangel war.«
  Während uns unser Kutscher noch von Chiefswood und Sir Walter nach seiner besten Kenntnis unterhält, haben wir abermals eine Abzweigung des Weges erreicht, von wo aus man bereits die hübschen Ufer des Huntly-Bachs und dahinter die sogenannte »Reimer-Schlucht« (Rhymer's Glen) erkennt. Beide, Ufer und Schlucht, bezeichnen den Platz, wo »Thomas der Reimer« der Elfenkönigin begegnete und das viel gesungene, alt-schottische Lied, in welchem diese Begegnung beschrieben wird, hat einen Teil seiner Popularität auch auf den Schauplatz, der uns jetzt zur Seite liegt, übertragen.
  Unser Karren rollt weiter und hält erst wieder vor einer weit ausgedehnten Umzäunung, die uns die Welt wie mit Brettern verschließt. Wir steigen ab. Ein einfaches Gittertor öffnet sich und fällt wieder zu; der Rayon von Abbotsford, ein landschaftliches Bild von nicht gewöhnlicher Schönheit, liegt vor uns. Des schlossartigen Hauses mit seiner Fülle von Zinnen und Giebeln werden wir nicht sogleich ansichtig; »die Romanze in Stein und Mörtel« tritt uns erst entgegen, nachdem wir ein freistehendes gotisches Portal passiert haben, das von einem alten Douglas-Schlosse herstammt und nach Art der römischen Triumphbögen wie ein selbstständiger Torbau mitten in den Weg gestellt ist.
  Wir passieren also dies Portal und haben nun das berühmte Abbotsford in nächster Nähe vor uns. Wenn der Bau nicht just so sein sollte, wie er ist, so würde man sofort ausrufen müssen: »Wie verbaut!« Das Ganze löst sich in eine Unzahl von Teilen auf und von einer Total-Wirkung kann eigentlich keine Rede sein. Die Einzelheiten drängen sich so vor, dass die Gesamt-Dimensionen verloren gehen und der Bau um vieles kleiner erscheint, als er in Wahrheit ist. Das Material, aus dem er aufgeführt wurde, ist ein graublauer Basalt, der im Schottischen „Whinstone" heißt; alle Fenster- und Portal-Einfassungen aber bestehen aus derbem Sandstein.
 Die Lage des Hauses, halb umgeben vom Tweed (der hier eine Biegung macht) und überall von Hügelabhängen, von Baum- und Parkpartien eingeschlossen, ist anziehend und malerisch genug; dieser naturgeschaffenen Romantik sollte aber nachgeholfen werden, und so entstand jenes Kuriosum, zu dessen näherer Betrachtung wir jetzt schreiten. Zunächst die Außenseite. Im Prinzip ist zwischen ihr und dem Innern des Hauses nicht der geringste Unterschied, und der Sammel-Charakter, den das Ganze hat, tritt auch äußerlich so entschieden hervor, dass man gelegentlich glauben könnte, die Wände seien von Glas und der Kuriositätenkram, der etwa wie Tulaer Arbeit [Glas- und Metallarbeiten aus Russland] äußerlich in sie eingelassen ist, schimmre von innen durch die Glaswand hindurch. Man hat eine Empfindung wie in Häusern, wo Korridore, Waschkammern und Gesindestuben mit altmodischen Kupferstichen überfüllt sind, weil die Liebhaberei des Besitzers zu einer Fülle führte, die er schließlich nicht bewältigen konnte, und die er doch wiederum zu hoch hielt, um sich ihrer ohne weiteres zu entäußern. Wie in den Wohnungen jener Landpastoren, die eine Eiersammlung und einen Glasschrank voll ausgestopfter Vögel haben, der Hausflur gemeinhin dazu benutzt wird, um einen Steinadler, einen Alligator oder eine Walfischrippe aufzustellen, so hat Sir Walter Scott alles das an die Außenwände seiner romantischen Burg verwiesen, was zu groß, zu massig, zu ungeschlacht gewesen wäre, um unter dem Nippes der Zimmer-Ausschmückung zu erscheinen. Unter diesen Ornamenten im Riesenspielzeug-Charakter befindet sich unter andern der Torflügel des Tolbooth-Gefängnisses in Edinburgh, das im Jahre 1817 niedergerissen wurde. Dies alte, eisenbeschlagene Stück Holz ist wie ein Reliefbild, und zwar in Mittelhöhe der Wand, in die Mauer eingelassen, und zeigt dadurch, dass es eine Art eingerahmtes Bildwerk und keine Tür sein will. An einer andern Stelle der Mauer befindet sich ein Spitzbogen-Portal (ebenfalls blind), das aus denselben Steinen gebaut worden ist, die bis zum Jahre 1817 das wirkliche Portal des Tolbooth-Gefängnisses bildeten. Inschriften befinden sich zahlreich an jeder der vier Wandflächen und die an der Ostseite, die da lautet: »Up with the sutors of Selkirk«, teilt den schmalen Raum einer Sandsteinplatte mit einem darüber befindlichen, roh in den Stein hineingekratzten Schwert.
  Alle diese Dinge, deren Seltsamkeit ich bereits zu Anfang dieses Aufsatzes betont habe und deren Absichtlichkeit keinen besonders günstigen Eindruck möglich macht, sind doch nicht ganz so seltsam, wie sie dem erscheinen müssen, der all die Umstände und Veranlassungen nicht kennt, die den Ankauf oder die Überreichung solcher Kuriositäten begleiteten. Das Steinportal und der hölzerne Torflügel des niedergerissenen Edinburgher Tolbooth-Gefängnisses nehmen sich wunderlich genug aus; wenn man aber weiß, dass »Tolbooth-Gefängnis« nur der prosaische Name ist für das, was wir alle unter dem Namen »das Herz von Midlothian« kennen (niemand weiß genau, warum das Gefängnis zu diesem poetischen Namen kam), so ändert sich dadurch die Sache ein wenig und wir können nicht umhin, es sinnig und liebenswürdig zu finden, dass der Edinburgher Magistrat jene beiden Stücke, wie Bausteine oder zwei Reliefbilder, zur Ausschmückung des Ganzen beigesteuert hat. Eine Reihe von Geschichten und Anekdoten muss man stets gegenwärtig haben, um alle diese Schnurren nicht noch schnurriger zu finden, als sie ohnehin schon sind.
  Auch das in Stein gekratzte Schwert, mit der Umschrift: »Auf, ihr Schuster von Selkirk«, ist keineswegs bedeutungslos. Die Schuster von Selkirk – der Name jener reizenden Stadt und Grafschaft, worin Sir Walter eine Zeit lang als Sheriff fungierte – zeichneten sich in der Unglücksschlacht von Flodden durch ihren Mut und ihre Hingebung aus, etwa wie die 400 Pforzheimer in der Schlacht bei Wimpfen. Im Volke hieß es damals, dass die Schlacht durch einen Verrat des Grafen Home verloren gegangen sei, und so entstand jenes Volkslied »Die Schuster von Selkirk«, das sich in den Scottschen Sammlungen vorfindet.
  Der Eintritt in die »Kunstkammer«, wie man Abbotsford vielleicht am richtigsten bezeichnet, geschieht durch ein vorspringendes Spitzbogen-Portal (diesmal nicht blind), das einem der Haupteingänge von Linlithgow-Palace nachgebildet ist.
  Wir befinden uns, gleich nach Passierung des Portals, zunächst in einem kleinen niedrigen Vorflur, dessen nüchterne Wände mit allerhand Abbildungen englischer Husaren bedeckt sind. Der älteste, jung verstorbene Sohn Sir Walters war Offizier im 10. Husaren-Regiment, was die Anwesenheit dieser zahllosen »Husaren auf Vorposten«, »Husaren im Biwak« etc. erklären mag. Neben dem Vorflur gewahren wir, von der Größe eines mäßigen Wandschranks, eine Art Portierloge, in der ein alter Mann, ohne sich durch unser Erscheinen stören zu lassen, ruhig fortfährt, sein Frühstück zu verzehren und immer neue Schinkenschnitten abzuschneiden. Auf meine allerbescheidenste Anfrage, ob wir die Zimmer Sir Walters sehen können, antwortet er mit einem Knurrton, der keiner toten oder lebenden Sprache direkt angehörig, unverkennbar ausdrückt, dass wir gefälligst warten möchten, bis er fertig sei. Dieser uncomplaisante alte Herr war zu Lebzeiten Sir Walters eine Art Förster und Waldhüter, und was mehr sagen will, ein besonderer Liebling seines Herrn gewesen. An der Hand dieses Alten begannen wir nun unsere Wanderung.
  Aus dem Vorflur mit seinen Husarenbildern traten wir in die große Halle, deren Fußboden aus einer Art Steinparkett von schwarzem und weißem hebridischen Marmor besteht, während die Wände mit alten, reich geschnitzten Eichenpanelen aus Roslin Chapel und dem alten Königspalaste in Dumfermlin bekleidet sind. Das Dach oder die Decke der Halle setzt sich aus Bögen von bunt bemaltem Eichenholz zusammen. Zwischen diesen Bögen befinden sich die Wappenschilde der Scottschen Familie und aller derer, mit denen Walter Scott für gut fand, verwandt sein zu wollen.
  Am Fries der Halle laufen in langer Reihe andere Wappenschilde hin, die in bunten gotischen Buchstaben die gemeinschaftliche Inschrift tragen: »Dies sind die Wappen all der Clans und Häuptlinge, die in alter Zeit die schottischen Marken (das Grenzland) für den König wahrten und hielten. Sie waren treue Männer ihrer Zeit, und fest wie sie standen, so stand Gott zu ihnen.« Die verschiedenen Wappen gehören folgenden acht Familien an: den Douglasses, Kers, Scotts, Turnbulls. Maxwells, Chisholms, Elliots und Armstrongs, – lauter Namen, die in den alten Balladen des Landes, wie in den Dichtungen Walter Scotts, vielfach genannt werden.
  Aus der Halle treten wir in Walter Scotts Studier- und Arbeitszimmer. Die Mehrzahl seiner Romane wurde hier entweder komponiert oder niedergeschrieben. Das Zimmer macht durchaus den Eindruck des Wohnlichen und Behaglichen. Die Möblierung und Ausstattung ist gediegen, aber nicht reich und überladen. Der Arbeitstisch und ein lederüberzogener Armstuhl stehen noch an alter Stelle; einige Nachschlagebücher sind dicht zur Hand und eine leichte Galerie von Gusseisen (tracery work) umläuft, in Mittelhöhe des Zimmers, drei Seiten desselben und erleichtert das Herabnehmen der Bücher.
  Nischenartig abgezweigt von dem Studierzimmer und kaum so groß wie eine Schiffskoje, befindet sich neben demselben eine Art Kabinett, worin – in derselben Weise wie man in Greenwich den besternten Rock Lord Nelsons aufhebt, den er trug, als ihn die Todeskugel aus dem Mastkorb der Redoutable traf – unter einem Glaskasten das letzte Sommerkostüm Sir Walters aufbewahrt. Es ist sehr elegant und zeigt, neben vielem andern, wie großes Gewicht der Verstorbene auf Äußerlichkeiten legte. Dies Kostüm besteht aus einem olivenbraunen Frack mit Stahlknöpfen, weiß und schwarz kariertem Beinkleid (das bekannte Plaidmuster), braunen Gamaschen, gestreifter Samtweste und grauem, langhaarigem Seidenhut. Die feierliche Empfindung, mit der ich diese Sachen betrachtete, wurde durch die profane Bemerkung »all newly washed«, womit ein süffisanter Londoner Cockney sich selbst und das Maß seines Witzes beglaubigte, rasch unterbrochen, und wir verließen das Kabinett ziemlich verstimmt, um nunmehr in das Bibliothekszimmer einzutreten.
  Die Bibliothek ist ein sehr geräumiges und reich verziertes Zimmer, für dessen Dimensionen die 20.000 (meist sehr schön gebundenen) Bände sprechen, die mit ihren goldbedruckten Lederrücken so sauber geordnet um einen her stehen, als befände man sich in der berühmten Lese-Rotunde des Britischen Museums. Viele dieser Bände sind außerordentlich selten und kostbar; ein wesentlicher Bruchteil der ganzen Bibliothek besteht aus Werken über schottische Altertümer und Hexengeschichten. Über dem Kamin befindet sich das Portrait von Sir Walters ältestem Sohn, dem schon erwähnten Husaren-Offizier; die Züge sind fein, aber weichlich, fast kränklich, und der kecke Husarenschnurrbart, den man bekanntlich eben so gut im Ausdruck des Auges wie über der Oberlippe haben kann, fehlt diesem feinen Gesichtchen an beiden Stellen gleich sehr. In einer der Ecken steht eine Silberurne auf einem Prophyrpostament, die Urne selbst ein Geschenk von Lord Byron. Außerdem befinden sich die Büsten Shakespeares und Sir Walters im Zimmer, die letztere (von der Hand Chantreys) natürlich erst nach seinem Tode aufgestellt.
  Aus der Bibliothek treten wir in das Gesellschaftszimmer und aus diesem, das außer seinen Zedernholz-Panelen und reichem Schnitzwerk-Mobiliar nichts Besonderes bietet, in die Waffensammlung oder Rüstkammer.
  Diese Rüstkammer (armoury) besteht aus zwei Hälften, die durch eine Wand geschieden sind. Die breite, weit offen stehende Tür aber lässt beide Zimmer als eines erscheinen. Beide Räume sind sehr niedrig, die Decke (Holzwerk) im Tudorstil, und die Fenster mit Glasmalereien bedeckt. Hier, wie sich denken lässt, treffen wir auf den Kern, die Curiosissima des Curiosums. Die Wände sind mit Raritäten bedeckt, und jede Ecke ist benutzt. Unter den Gegenständen, die einer besonderen Notiznahme wert sind, nenne ich folgende: das Schwert, das Karl Stuart dem Marquis von Montrose überreichte; eine Pistole Grahams von Claverhouse, des bei Killicrankie gefallenen Stuart-Parteigängers, von dem seine Feinde, die Puritaner sagten, »das Wasser beginne zu zischen, so oft er ein Bad nehme«; ein eiserner Kasten, der in der Kapelle Marie von Guises (der Mutter Maria Stuarts) auf Edinburgh-Castle gefunden wurde; ein Pulverhorn Jakobs VI.; die Pistolen Napoleons, die nach Schlacht von Waterloo in seinem Wagen erbeutet wurden; ein Stutzen Andreas Hofers und die Flinte Rob Roys mit den eingravierten Anfangsbuchstaben seines gälischen Namens.
  Aus der Rüstkammer treten wir in angrenzende Esszimmer, das statt allen andern Schmucks ein halbes Dutzend sehr wertvoller Gemälde enthält, und zwar Porträts von Lord Essex (dem Günstling der Elisabeth), Cromwell, Claverhouse, Karl II., Karl XII. von Schweden, Maria Stuart, Rob Roy etc.; außerdem mehrere Ahnenbilder der Familie Scott. Unter diesen zeichnet sich das Porträt eines Alten aus, der in der Familie unter dem Namen Langbart fortlebt, weil er nach der Hinrichtung Karls I. gelobt hatte, seinen Bart nicht mehr scheren zu lassen. In diesem Zimmer starb Sir Walter. Es ist dasselbe, in dem sich auch, wie in einem Uhr-und Juwelierladen, ein sechseckiger, großer Glaskasten befindet, der tischartig auf einem schweren Mahagoni-Fuß ruht. In diesem Glaskasten präsentieren sich weitere Raritäten: ein Riechfläschchen der Maria Stuart, ein ledernes Geldtäschchen (nach Art eines modernen Portemonnaies) des Rob Roy, ein paar goldene Sporen, die Prinz Charlie trug, verschiedene Miniatur-Porträts des Prätendenten und ein in grünen Samt gebundenes Album Napoleons I, ebenfalls bei Waterloo erbeutet. Bei all diesen Dingen genügt die Aufzählung; nur über das vorgebliche Porträt der Maria Stuart sei noch ein Wort gestattet. Es ist das abgeschlagene Haupt der unglücklichen Königin, das auf einer Metallschüssel ruht. In der rechten Ecke steht der Name Fotheringhay, als sei der Maler bei der Hinrichtung zugegen gewesen und habe unmittelbar nach derselben und an Ort und Stelle dies Bild angefertigt. Das Ganze erscheint mir aber als eine grobe Täuschung; das Bild ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein ganz modernes Produkt, oder aber die Leistung eines italienischen Meisters, vielleicht der abgeschlagene Kopf der Beatrice Cenci, die man hinterher umgetauft und nolens volens zu einer Maria Stuart gemacht hat.
  An der Tür des Esszimmers verabschiedeten wir uns von unserem Wildhüter und traten wieder ins Freie. Wir atmeten auf in der frischen Luft und fühlten uns wie von einem leisen Drucke befreit. Welcher Art dieser Druck war, worin er seinen eigentlichen Grund hatte, ist schwer zu sagen. Ob es die schwüle Luft der Zimmer oder die geistige Atmosphäre der »Romanze in Stein und Mörtel« war, ich mag es nicht entscheiden: Vielleicht wirkte beides zusammen. Als der Dichter selbst noch lebte, er, dem diese Dinge etwas bedeuteten, eine Herzenssache waren, belebten sie sich unter dem lebendigen Wort, das er ihnen entgegentrug, wie die alte Sage Fels und Baum unter dem Klang der Leier lebendig werden lässt; jetzt aber, wo diese Klänge schweigen, sind die Steine wieder Stein und selbst derjenige, der mit schottischer Dichtung und Geschichte wohl vertraut ist, schreitet durch diese Zimmer hin wie durch die Säle eines Wachsfiguren-Kabinetts.
  Ich schied von der »Romanze in Stein und Mörtel« ohne besondere Gehobenheit der Stimmung, jedenfalls ohne alle Begeisterung; dennoch blick' ich mit Freuden auf jenen stillen grauen Tag zurück. Die Fahrt nach Abbotsford war eine Pilgerfahrt, eine erfüllte Pflicht, ein Zug, zu dem das Herz drängte. Was wäre der Ruhm Schottlands ohne die Erscheinung Walter Scotts! Er hat die Lieder seines Landes gesammelt und die Geschichte desselben durch eigene Dichtungen unsterblich gemacht. Eine volle und reine Befriedigung gewährt es mir jetzt, das Zinnen- und Giebelhaus durchwandert zu haben, das auch eine Schöpfung seines dichterischen Genius war und das – wie weit es gegen andere Schöpfungen seines Geistes zurückstehen mag – doch immer die Stätte bleibt, wo der Wunderbaum der Romantik seine schönsten und vor allem gesundesten Blüten trieb.

 

Fontane, Theodor
Jenseits des Tweed. Bilder und Briefe aus Schottland
Berlin 1860

Abgedruckt in:
Ulrike Keller (Hrg.)
Reisende in Schottland seit 325 v. Chr.
Wien 2008

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