Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1838 - George Sand
Die Klause von Valldemosa
Mallorca

 

Von Palma nach Valldemosa rechnet man drei Meilen, aber drei majorcanische Meilen, wozu man, wenn man einen noch so guten Trab fährt, nicht unter drei Stunden braucht. In den ersten zwei Stunden geht es unmerklich bergan, in der dritten kommt man ins Gebirge, und da geht es auf einer zusammenhängenden Steige (wahrscheinlich ein Werk der früheren Karthäuser) fort, die aber sehr schmal, furchtbar steil und noch gefährlicher ist als die ganze übrige Strecke. Hier berührt man die Alpenseite von Majorca, allein trotz der über Abhänge herhängenden Gebirge und des von Fels zu Fels herabstürzenden Waldstromes nimmt diese Gegend nur mitten im Winter die wilde Gestalt an, die die Majorcaner ihr zuschreiben. Im Dezember glich der Strom, trotz des erst gefallenen Regens, noch einem reizenden Flüßchen, das zwischen Gebüsch und Blumen dahinfloß, das Gebirge hatte ein lachendes Aussehen und der Talkessel von Valldemosa lag gleich einem Garten im Frühling vor uns.
   Um die Karthause zu erreichen, muß man aussteigen, denn kein Fuhrwerk kann den gepflasterten Weg heraufgebracht werden, der zu derselben führt, ein Weg, der durch seine kühnen Wendungen und die bezaubernden Ansichten, die sich nacheinander entfalten und immer schöner werden, je weiter man hinaufkommt, äußerst interessant wird. Noch nie sah ich zugleich etwas Lachenderes und Melancholischeres als die Aussichten, wo grüne Eichen, Johannisbrotbäume, Pinien, Olivenbäume, Pappeln und Zypressen in tiefen Gründen untereinander stehen, wo der Waldbach unter unendlich schönen Gebüschen hinströmt. Unvergeßlich wird mir eine Stelle bleiben, wo man bei einem Blicke rückwärts auf der Höhe eines jener arabischen Häuschen, wovon ich schon gesprochen, in seinen Feigenbäumen halb verborgen, und einen großen Palmbaum sieht, der über den Abgrund in das Luftmeer hinaus hängt. So oft der Kot und der Nebel von Paris mir den Spleen verursachen wollen, schließe ich die Augen und träume mich nach diesen grünenden Gebirgen, diesen gelben Felsen und diesem einsamen Palmbaum zurück.
   Die Gebirgskette von Valldemosa erhebt sich plateauweise bis zu einer Art Trichter, die von hohen Bergen umgeben und gegen Norden durch ein anderes Plateau geschlossen ist, an dessen Eingang das Kloster liegt. Die Karthäuser haben mit unsäglicher Mühe das Wilde dieses romantischen Tales gemildert. Sie machten aus dem Tälchen am Ende der Bergkette einen großen Garten, von Mauern umgeben, welche aber die Aussicht nicht hindern, dem eine Einfassung von pyramidenartigen Zypressen, die je zu zweien stehen, das geordnete Ansehen eines Kirchhofes auf dem Theater gibt. Dieser Garten aus Palmen- und Mandelbäumen nimmt die ganze hohle Fläche des Tales ein, und erhebt sich stufenweise zu den ersten Bergabhängen. Beim Mondschien, wenn Schatten diese Abstufungen unbemerklich machen, könnte man glauben, ein für einen Gigantenkampf eingerichtetes Amphitheater vor sich zu haben.
   In der Mitte befindet sich unter einer Gruppe schöner Palmbäume ein steinerner Wasserbehälter; in diesem sammelt sich das Quellwasser vom Gebirge und wird den niedrigen Plateaux in plattenbelegten Kanälen mitgeteilt, welche denen in der Gegend von Barcelona gleichen. Diese Werke sind zu beträchtlich und zu geistreich, als das sie nicht, auf Majorca wie in Catalonien, eine Arbeit der Araber sein sollten. Sie ziehen sich durch die ganze Insel hindurch, und diejenigen, welche vom Garten der Karthäuser ausgehen, bringen jederzeit frisches Wasser nach Palma.
   Die Karthause, welche oben auf dem Berge liegt, grenzt nördlich an ein geräumiges Tal, das sich bis zu der schroffen Seite, an deren Grund die Brandung sich bricht, erweitert und in sanftem Abhang hinzieht. Ein Arm der Gebirgskette geht in der Richtung nach Spanien, ein anderer nach Osten, also beherrscht diese pittoreske Karthause das Meer von zwei Seiten. Während man nördlich die Wogen brausen hört, erschienen dieselben jenseits der Bergabdachung und der unermeßlichen Ebene im Süden wie ein schmaler glänzender Streifen; ein erhabenes Bild, das oben von schwarzen, waldbewachsenen Felsen, etwas tiefer von kühnen, mit herrlichen Bäumen bedeckten Bergspitzen und ganz unten von glänzenden Warzensteinen eingerahmt ist, welche die untergehende Sonne prachtvoll beleuchtet, und auf deren Oberfläche man noch auf einen Meile Entfernung das Miniaturbild der Bäume sieht, so fein wie Schmetterlingsfühlhörner und so schwarz wie ein Federzug mit chinesischer Tinte auf einem hellen Grunde.
   Dieser lichte Grund ist die Ebene, und wenn Ausdünstungen des Gebirges einen durchsichtigen Schleier über den Abgrund zu werden beginnen, so glaubt man gerade, dieses sei schon das Meer. Allein das Meer ist noch weit entfernt, und zieht beim Wiederaufgang der Sonne, wo die Ebene einem bläulichen See gleicht, einen hellen Silberstreif um diese bezaubernde Ansicht.
   Es ist dieses eine jener Ansichten, die ermüdend sind, weil sie gar nichts zu wünschen und der Einbildungskraft keinen Spielraum lassen. Ein unermeßliches Ganzes, unendliche Details, eine unerschöpfliche Abwechslung, verworrene Formen, tausenderlei unbestimmte Farben und Schattierungen, alles bunt durcheinander, so daß der Kunst nichts mehr hinzuzufügen übrig bleibt. Es gehört nicht immer bloß Geist dazu, die Werke Gottes zu fühlen und zu begreifen; bei genauer Selbstprüfung erkennt der Mensch seine Ohnmacht, einen Ausdruck für diese Unermeßlichkeit zu schaffen, die ihn berauscht und überwältigt. Leuten, welche auf ihre Kunst eitel sind, möchte ich raten, solche Ansichten oftmals und aufmerksam zu betrachten. Da müßten sie, glaube ich, für die göttliche Kunst, welche die Schöpfung leitete, eine Hochachtung bekommen, die ihnen bisher noch mangelte. Ich selbst habe die Nichtigkeit leerer Worte nie tiefer gefühlt als in solchen Stunden des Anschauens auf der Karthause. Da überwältigte mich ein hehres religiöses Gefühl, aber ich konnte nichts als die Worte stammeln: Guter Gott, gepriesen seist du dafür, daß du mir gute Augen gegeben.
   Ich glaube indes, daß, während der zufällige Genuß dieses erhabenen Schauspiels wohltuend und erhebend, das fortwährende Schwelgen in demselben gefährlich wirkt. Man gewöhnt sich daran, sich der Empfindsamkeit ganz hinzugeben, und die unausbleibliche Folge davon ist Abspannung. Hieraus läßt sich auch die Gleichgültigkeit erklären, welche die Mönche gewöhnlich gegen das Poetische ihrer Klöster und die Landleute und Hirten gegen die Schönheit ihrer Berge an den Tag legen.
   Wir hatten keine Zeit, uns sattzusehen, denn beinahe jeden Abend breitete sich bei Sonnenuntergang ein Nebel über das Schauspiel, und beschleunigte das Ende der ohnehin schon so kurzen Tage, die wir in diesem Trichter hatten. Bis zum Mittag waren wir in den Schatten des großen Berges zur Linken eingehüllt, und um drei Uhr warf der zur Rechten seinen Schatten auf uns. Allein wie schön waren nicht die Lichteffekte, die wir beobachten konnten, wenn die Strahlen durch die Felsenritzen schief hereinfielen, oder sich zwischen den Berggipfeln durchstahlen und goldene und purpurne Streifen um unser Gebiet zogen! Manchmal schwammen unsere Zypressen mit ihren Wipfeln in dem Glutmeere; die Kronen unserer Palmen glichen Rubinenbüscheln, eine große Schattenlinie ging mitten durch das Tal und teilte es in zwei Zonen, die eine in hellem Frühlingslicht strahlend, die andere bläulich und kalt gleicheiner Winterlandschaft.
   Da die Karthause auf dem Valldemosagebirge nach der Regel der Karthäuser gerade dreizehn Ordensbrüder mit Inbegriff des Superiors zählte, so war sie von dem Edikte, das 1836 die Zerstörung aller Klöster gebot, die unter zwölf Mitglieder zählten, entgangen; allein gleich allen anderen war auch dieses Kloster unterdrückt, d. h. als Staatsdomäne behandelt worden. Da sie nicht wußten, welchen Gebrauch sie von den weitläufigen Gebäulichkeiten machen sollten, so hatten sich die majorcanischen Behörden entschlossen, die Zellen bis zu ihrem Verfall als Wohnungen zu vermieten. Allein, obgleich die Mietzinse einen Spottpreis betrugen, so machten die umliegenden Bewohner doch keinen Gebrauch von dieser Gelegenheit. Hieran mochte vielleicht ihre außerordentliche Devotion und das Bedauern, die Mönche verloren zu haben, vielleicht auch abergläubische Furcht schuld sein. Dessenungeachtet aber benutzen sie zur Karnevalszeit das Lokal zum Tanzen. Was ihnen hauptsächlich mißfiel, das war unsere unheilige Anwesenheit in den ehrwürdigen Mauern. Indes war die Karthause den Sommer über von Bürgersleuten aus Palma bewohnt, welche auf diesen Höhen und unter diesen dichten Gewölben eine reinere Luft suchen als auf der Ebene und in der Stadt. Der nahende Winter vertrieb sie jedoch wieder, und zu der Zeit, wo wir uns daselbst aufhielten, wohnte außer mir und meiner Familie niemand in der Karthause als der Apotheker, der Sakristan und die Maria Antonia.
   Maria Antonia war eine Person, die wahrscheinlich aus Not, von Spanien hierher gekommen war und sich eine Zelle gemietet hatte, um die jeweiligen Bewohner der Karthause zu brandschatzen. Ihre Zelle lag neben der unsrigen und diente uns zur Küche, während die Dame sich zu unserer Haushälterin aufwarf. Sie mochte in früheren Zeiten hübsch gewesen sein, sagte, sie sei von guter Familie, hatte ein süßliches Wesen, ordentliche Manieren, eine wohlklingende Stimme, eine einschmeichelnde Miene, übte aber eine ganz sonderbare Art von Gastfreundschaft aus. Sie bot allen neu Ankommenden ihre Dienste an und schlug mit beleidigter, beinahe schamhafter Miene jede Art von Belohnung für ihre Bemühungen aus. Sie handle, sagte sie, aus Liebe zu Gott, por l’assistencia und allein in der Absicht, die Leibe ihrer Nebenmenschen zu erhalten. Ihre Einrichtung bestand aus einigem Hausgerät, einem Gurtbett, einem Brasero [kleiner Ofen], zwei Strohsesseln, einem Kruzifix und einigen irdenen Gefäßen. Alles dieses bot sie den Fremden mit vielem Edelmute an, und diese konnten bei ihr sowohl ihre Bedienung einquartieren als ihre Gerätschaften aufbewahren. Bald aber mischte sie sich dergestalt in ihre Haushaltung, daß sie von Putz- und Eßwaren immer die besten Stücke für sich vorweg nahm. Nie kam mir eine Person vor, die mit größerer Gewandtheit Speisen aus einem siedenden Kessel hervorholte, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen, oder mit größerer Begierde ihren lieben Gästen den Kaffee wegtrank, wobei sie fortwährend ein Liedchen vor sich hinsummte. Die Sache wäre an und für sich nicht wenig ergötzlich gewesen, wenn wir nur immer gleichgültig hätten zusehen können, wie das saubere Kleeblatt, die ehrenwerte Antonia, die Catalina, eine abscheuliche Hexe von Valldemosa, die unsere Kammerzofe vorstellte, und die Ninna, ein kleines schmutziges Ungeheuer, das uns als Groom diente, sich unsere Mahlzeit teilte. Dieses geschah gewöhnlich um die Stunde des Angelus, welches sie immer pflichtgemäß ableierten, die beiden alten im Duett, wobei sie zugleich in allen Platten herumgriffen, während die junge das Amen dazu rezitierte und mit einer Gewandtheit ohnegleichen ein Kotelett oder eine eingemachte Frucht wegstibitzte. Es war zum Malen und wohl der Mühe wert, daß wir täten, als ob wir nichts sähen, allein da die Regengüsse häufig unsere Kommunikation mit Palma unterbrachen und die Lebensmittel rar wurden, so begann die Assistentin der Maria Antonia und ihre Sippschaft uns etwas unangenehmer zu werden, und ich und meine Kinder sahen uns mehrmals genötigt, einander im Wachdienst abzulösen, um unsere Lebensmittel zu retten. Es ist mir noch ganz gut erinnerlich, wie ich einmal einige Teller mit Brötchen zu unserem Frühstück am nächsten Tage unter meinem Kopfkissen aufbewahrte und mit der ängstlichsten Sorgfalt über einige Fische wachte, um diese Raubvögel davon abzuhalten, die uns nichts als das Nachsehen gelassen haben würden.
   Der Sakristan war ein plumper, unbeholfener Bursche, der vielleicht schon als Knabe den Karthäusern bei der Messe ministriert und seitdem die Schlüssel zu dem Kloster in Verwahrung hatte. Man erzählte sich eine skandalöse Geschichte von ihm; er sollte nämlich eine Señorita, welche mit ihren Eltern einige Monate lang auf der Karthause lebte, zu Fall gebracht haben und wollte sich nun damit entschuldigen, daß er sagte, es sei bloß sein Geschäft, die gemalten Jungfrauen zu bewachen. Obwohl er nichts weniger als schön war, wollte er doch gewissermaßen den Stutzer spielen, dieses aber tat er natürlich in seiner Art: statt des schönen halb arabischen Kostüms, das sonst Leute seines Standes tragen, brüstete er sich mit europäischen Beinkleidern und einem Paar Hosenträger, die nach seiner Ansicht unfehlbar den Mädchen, die ihn sahen, in die Augen stechen mußten. Seine Schwester war die schönste Majorcanerin, die ich sah. Beide wohnten nicht im Kloster; sie waren reich und stolz und hatten ein Haus im Dorfe; aber sie machten täglich ihre Runde und besuchten die Maria Antonia, welche sie dann immer zu unserem Essen einlud, wenn sie gerade keinen Appetit hatte.
   Der Apotheker war ein Karthäuser, der sich gewöhnlich in seine Zelle einzuschließen pflegte, wo er sodann seine einst weiß gewesene Kutte überwarf und ganz allein das Hochamt ableierte. Pochte jemand an der Türe und verlangte Eibisch oder Hundsgras (die einzigen Specifica, die er besaß) von ihm, so warf er seine Kutte hastig auf das Bett und erschien in schwarzen Beinkleidern, Strümpfen und einem Wams, ganz in dem Kostüm eines Quacksalbers nach Molière. Er verkaufte sein Hundsgras zu einem enormen Preise an uns, tröstete sich aber bei seinen Prellereien damit, daß er von seinem Armutsgelübde entbunden worden sei. Seine Zelle lag weit von der unsrigen, am Eingang des Klosters in einer Art Verschlag, dessen Türe hinter einer Hecke von Wunderbaum und anderen medizinischen Gewächsen versteckt war. Hier lauerte er gleich einem alten Hasen, der die Hunde auf die Fährte zu bekommen fürchtet, und zeigte sich niemals, und hätten wir nicht einige Male seines Kühltrunks bedurft, so würden wir nie vermutet haben, daß sich noch ein Mönch in dieser Karthause befände.

 

Sand, George
Ein Sommer im südlichen Europa oder die Insel Mallorca
Stuttgart 1847

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