Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1638-62 - Jean Baptiste Tavernier
Die Diamantminen von Golconda
Indien

 

Die erste von den Minen, wo ich war, ist in den Landen des Königs von Visapour in der Provinz Carnatica; der Ort wird Raolconda genannt, fünf Tagereisen von Golconda und acht oder neun von Visapour. Indem aber diese beiden Könige von Golconda und Visapour vormals des Moguls Vasallen und dieser Provinzen Landvögte gewesen sind, deren sie sich durch Empörung bemächtigt haben und die sie als Eigentum besitzen, so war man der Meinung, welches auch etliche sagen, daß die Diamanten aus des Großen Moguls Landen kommen. Es sind ungefähr nur zweihundert Jahre, daß man die Minen zu Raolconda entdeckt hat nach Aussage derer im Lande, die mir solches berichteten.
   Das Erdreich um den Ort, wo man die Diamanten findet, ist sandig, voll Felsen und Gehölz, fast wie die Gegend um Fontainebleau in Frankreich. In solchen Felsen gibt es unterschiedliche Adern bald einen halben, bald einen ganzen Finger breit. Die Minierer aber haben kleine, am Ende gekrümmte Eisen, wo mit sie in die Adern hineinfahren und den Sand oder die Erde herausscharren, welche man in Gefäße tut und dann die Diamanten darin findet. Weil aber erwähnte Adern nicht gerade, sondern bald auf- und bald abwärts gehen, so müssen sie die Felsen brechen und immer der Spur solcher Adern nachfolgen. Wenn sie nun alle geöffnet haben und die Erde oder den Sand, der darin gewesen sein mochte, gesammelt haben, waschen sie solchen zwei- oder dreimal und suchen in selbiger Erde Diamanten zu bekommen.
   In dieser Mine werden die Steine von der schönsten Wasserfarbe angetroffen. Das schlimmste aber ist, daß sie sie mit einem großen eisernen Heberiegel so stark stoßen, damit sie den Sand desto leichter aus den Felsen bringen, hierdurch aber den Diamant erschrecken und splitterig machten. Weswegen man auch bei dieser Mine so viele schwache Steine findet; denn sobald die Minierer einen Stein sehen, der einen Splitter hat, schneiden sie ihn entzwei, wo mit sie viel besser als wir umgehen können, welches die Steine sind, die wir schwach nennen und die doch ein stattliches Ansehen haben.
   Wenn der Stein rein ist, lassen sie das Rad nur oben und unten drüber gehen, bringen ihn aber in keine Form, damit sie ihm an Gewicht nichts nehmen. Wenn er einen kleinen Splitter oder ein Mal, ja sogar etwas schwarzen oder roten Sand hat, so schneiden sie ihn vieleckig, damit man seine Fehler nicht sehe, ist aber der Splitter gar klein, schneiden sie ihn so, daß just eine Ecke oder Spitze an diese Stelle komme. Man muß aber wissen, daß der Kaufmann lieber ein schwarzes als rotes Mal hat; ist es rot, so brennt man den Stein, dadurch wird es schwarz. Dieser Vorteil wurde mir so bekannt, daß, wenn ich etliche Steine sah, die aus der Mine kamen und einige darunter so vieleckig geschnitten waren, zumal, wenn sie gar kleine Ecken hatten, konnte ich sicher sein, daß diese Steine etliche kleine Male oder Splitter haben müssen.
   Es gibt bei solcher Mine viele Diamantenschneider; jeder hat nur ein Rad, welches von Stahl und so groß ist wie unsere gewöhnlichen Teller. Auf jedes Rad setzen sie nur einen Stein und besprühen das Rad immer mit Wasser, bis es den Stein recht angreift. Wenn er nun angegriffen ist, nehmen sie Öl und sparen kein Diamantenpulver oder -staub so wohlfeil, damit der Stein desto geschwinder laufe, legen ihm aber viel mehr Schwere auf als wir.
   Ich habe gesehen, daß sie einen Stein mit anderthalb Zentner Blei beschwerten; der Stein war zwar groß und hatte, nachdem er geschnitten worden, noch hundertdrei Karat. Die Mühle war auf unsere Art gemacht, und vier Mohren mußten das große Rad treiben. Die Inder sind nicht wie wir gesinnt und glauben nicht, daß die Schwere den Steinen einige Splitter verursacht. Wenn die ihrigen keine bekommen, so verhindert das, daß ein Junge mit einer kleinen Schachtel in der Hand das Rad mit Öl und Diamantenstaub stets befeuchtet und bestreut. Zudem geht ihr Rad nicht so schnell wie die unsrigen, weil das hölzerne Rad, durch das das stählerne getrieben wird, nur drei Werkschuh in die Runde hat.
   Sie können Steine nicht so glänzend polieren wie wir in Europa, was meines Erachtens daher kommt, daß ihr Rad nicht gleich und flach läuft wie die unsrigen. Denn da das ihrige von Stahl ist und notwendigerweise alle vierundzwanzig Stunden mit Schmirgel gerieben werden muß, können sie es nicht so just wieder anstecken, daß es so flach liefe, wie es sollte. Wenn sie auch eiserne Räder wie wir hätten, wofür man keinen Schmirgel sondern nur eine Feile braucht, und es zum Befeilen nicht abnehmen darf, könnten sie ihre Steine vielleicht auch besser polieren.
   Ich habe erwähnt wie man das Rad notwendigerweise alle vierundzwanzig Stunden entweder mit Schmirgel reiben oder befeilen muß; es wäre aber besser, wenn solches alle zwölf Stunde geschähe und der Arbeiter nicht faul sein wollte. Denn wenn der Stein eine Zeitlang gelaufen ist, wird die Stelle auf dem Rad, wo er gegangen ist, wie Spiegelglas so glatt, und wenn man mit Schmirgel oder Feile keine neuen Streifen macht, kann der Staub nicht haften; wenn er dagegen daran bleibt, kann man in einer Stunde mehr als sonst in zwei ausrichten.
   Obwohl ein Diamant von Natur aus hart ist, nämlich daß er fast einen Knorren oder Ast hat wie man im Holz sieht, so schneiden ihn die indischen Steinschneider dennoch, worüber unsere europäischen viel Wesens machen, ja es öfters gar nicht auf sich nehmen: doch gibt man den Indern auch etwas mehr für solche Arbeit.
   Nun komme ich auch auf die Polizei in den Bergwerken. Der Handel wird allda frei und ohne Betrug betrieben. Dem König zahlt man von allem, was man kauft, zwei aufs hundert; auch die Kaufleute erlegen ein gewisses, damit sie dort graben und minieren lassen dürfen.
   Die Kaufleute, wenn sie mit ihren Knappen oder Minieren, welche die Orte wissen, wo Diamanten zu finden, nachgesucht haben, nehmen eine Stelle von ungefähr hundert Schritten im Umkreis ein, wozu sie fünfzig, zuweilen auch wohl hundert Miniere gebrauchen, wenn sie schleunig arbeiten lassen wollen. Von dem Tag an, da man anfängt zu graben, bis aufgehört wird, zahlen solche Kaufleute dem König täglich zwei Pagoden für fünfzig und vier für hundert Mann.
   Diese armen Leute gewinnen alle Jahre nicht mehr als drei Pagoden und müssen doch ihre Arbeit wohl versehen. Indem sie nun so kleinen Lohn haben, machen sie sich kein Gewissen und suchen im Sand, ob sie irgendeinen Stein zu ihrem Nutzen verstecken mögen. Weil sie aber ganz nackend sind und nur um die Scham ein klein leinen Tuch haben, so sehen sie, wie sie welche verschlucken.
   Das Oberhaupt unter denen, die da minieren lassen, wies mir einmal einer dergleichen Minierer, der schon viele Jahre für ihn gearbeitet und einen Stein gestohlen hatte, welcher ungefähr ein Mengelin oder fast zwei Carat mochte gewogen haben. Er verbarg ihn in dem Winkel seines Auges, woraus er ihm genommen wurde, als man den Diebstahl entdeckte. Zur Verhütung solcher Mauserei werden allezeit zwölf oder fünfzehn besoldete Personen, auch fünfzig Minierer vom Kaufmann gehalten, die Achtung geben, daß niemand etwas entwendet. Wenn sie unversehens einen Stein finden, der mehr als sieben oder acht Mengelinen schwer ist, laufen sie und überbringen ihn dem Herrn, der minieren läßt; welcher ihnen einen Sapo verehrt, welches ein Stück Leinwand zu einem Bund oder einer Mütze ist ungefähr zehn oder zwölf gute Groschen, dazu auch gemeiniglich eine halbe oder eine ganze Pagode, wenn sie ihnen keinen Reis und Schüssel voll Zucker geben.
   Die Kaufleute, welche nach dem Bergwerk reisen, um allda etwas zu handeln, bleiben in ihrer Herberge, die Herren aber, die daselbst minieren lassen, kommen alle Morgen zwischen zehn und elf Uhr, wenn sie ihr Mittagmahl gehalten (denn die Banianen gehen niemals aus ihren Häusern ehe sie gebadet und gespeist haben), und bringen ihnen Diamanten, damit sie sie sehen. Wenn es viele sind und manche Steine darunter sind, die von zwei- bis fünfzehn- oder sechzehntausend Taler wert sein möchten, so lassen sie ihm die und vertrauen sie dem fremden Kaufmann auf sieben oder acht Tage an, auch wohl länger, damit er sie recht betrachten und besichtigen könne. Wenn der sie nun besehen hat und sie sich wieder zum Kaufmann begeben, so muß dieser, wenn ihm die Steine gefallen, ohne Zeitverlust und fein bald den Kauf abschließen; sonst nimmt jener wieder die Steine an sich, bindet sie in das Ende seiner Gürtel oder Mütze, auch wohl in sein Hemd, und geht davon, so daß man sie niemals wieder zu sehen bekommt; oder sie sind mit anderen vermengt, wenn er sich wieder bei ihm einfindet und man ihm einen neuen Haufen bringt.
   Nach abgeschlossenem Kauf gibt ihnen der Käufer einen Zettel, so viel die Summe beträgt, damit sie dieses Geld bei dem Cheraf empfangen, welches der ist, der die Wechselbriefe auszahlt und auch erteilt. Wenn man versprochen, sie in drei oder vier Tagen zu zahlen, läßt sie aber länger warten, so muß ihnen alsobald anderthalb monatlicher Zins auf das hundert erlegt werden. Wenn sie wissen, daß der Kaufmann zu bezahlen hat, werden sie gar oft viel lieber einen Wechselbrief nach Agra, Golconda oder Visapour, sonderlich aber nach Suratte nehmen, allwo sie wie in den vornehmsten Hafen die einen und anderen ihnen anständige und aus fremden Landen in Schiffen dahin gebrachte Waren einkaufen.
   Es ist eine rechte Lust zu sehen, wie alle Morgen junge Kinder von zehn bis fünfzehn oder sechzehn Jahren der Kaufleute und anderer im Lande sich unter einen dicken, mitten auf dem Platz des Marktfleckens stehenden Baum setzen. Jedes hat sein Diamantengewicht in einem kleinen Säckchen auf einer Seite und auf der anderen einen Beutel an seinem Gürtel hängen, deren etliche fünf- bis sechshundert Pagoden in Gold darin haben.
   Sie bleiben darin so lang sitzen und warten, bis ihnen jemand entweder aus demselben Ort oder von anderen Bergwerken her einige Diamanten zum Verkauf bringt. Wenn man ihnen nun etwas zuträgt, gibt man es dem Ältesten als dem Haupt unter ihnen. Er besieht, was es sei, überreicht es sodann seinem Nächsten, und immer wieder von einer Hand zur nächsten, bis es wieder zum Ersten kommt, und keiner von ihnen sagt ein Wort. Hierauf begehrt er den Preis der Ware zu wissen, damit womöglich der Kauf gemacht werde; im Falle aber, daß er zu viel dafür gibt, ist der Schaden sein.
   Wenn es Abend ist, rechnen diese Kinder alles, was sie erkauft haben, besehen die Steine, und sortieren sie auseinander, je nachdem sie von einer Farb, Gewicht und Reinigkeit sind. Sodann schlagen sie auf einen jeden einen gewissen Wert, um welchen sie ihn den Fremden verkaufen möchten und sehen, wie hoch dieser den Einkauf übertreffe. Endlich bringen sie die Steine den Kaufleuten, die starken Handel damit treiben, auch allezeit eine große Menge auseinander zu sortieren haben, den Gewinn aber teilen die Kinder unter sich, doch bekommt der vornehmste immer einen vierten Teil aufs hundert mehr als die anderen.
   So jung sie sind, wissen sie doch den Wert jeden Steines; wenn einer von ihnen etwas gekauft hat und ein halbes aufs hundert verlieren will, so wird der andere ihm sein Geld wieder gut machen. Selten bringen sie Steine, die so ungefähr ein Dutzend sein mögen, darunter nicht vier oder fünf splitterig sind oder ein Mal oder einen sonstigen Fehl an den Ecken haben.
   Im übrigen sind diese Inder große Liebhaber der Fremden, zumal derjenigen, die sie Fringuisen nennen. Sobald ich beim Bergwerk war, besuchte ich den Statthalter allda, der auch über die Provinz im Namen des Königs von Visapour zu gebieten hatte. Er war ein Mahometist, empfing mich aber gar höflich und versicherte mir, daß ich ihm gar angenehm sei, indem er sich wohl auch einbildete, ich würde Gold mit mir führen (wobei man in allen Bergwerken von Golconda und Visapour von nichts anderem weiß als von neuen Pagoden, so eine Art von Goldmünze ist), er sprach, ich sollte es nur in meine Kammer tun, allwo es gar wohl verwahret sei, und wollte mir für alles, was ich haben wollte, gutsprechen.
   Zu meinen Dienern, die ich mit mir brachte, gab er mir noch vier andere dazu mit Befehl, daß sie Tag und Nacht fleißige Obsicht halten und mir in allem zu Gebot stehen stehen sollten. Kurz hernach, als ich von ihm weg war, ließ er mich wieder holen, sprechend: Ich habe dich deswegen rufen lassen, dir zu versichern, daß du nichts besorgen darfst, iß, trink, schlaf, pfleg deine Gesundheit. Ich vergaß, dich zu erinnern, daß du ja den König nicht betrügest, dem du zwei aufs hundert von allem, was du kaufen wirst, erlegen mußt.
   Mach es ja nicht, fuhr er ferner fort, wie etliche nach dem Bergwerk gekommene Mahometisten, die es mit den Kaufleuten und Unterhändlern angelegt hatten, den König um seine Gebühr zu betrügen und sagten, ihr Kauf erstrecke sich nur auf zehntausend Pagoden, da er doch über fünfzigtausend hinauslief.
   Nachgehens fing ich an zu handeln und sah, daß es Profit genug gab, indem alles auf zwanzig vom hundert wohlfeiler war als zu Golconda.
   
Tavernier, Jean Baptiste
Vierzigjährige Reisebeschreibung worinnen dessen durch Türken, Persien, Indien und noch mehr andere Oerter höchst löblich vollbrachte sechsmalige Länderreise …vorgestellt
Band 2, Nürnberg 1682

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