Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1787 - Horace Bénédict de Saussure
Die dritte Besteigung des Montblanc

 

Um vier Uhr nachmittags erreichten wir das zweite von den drei großen Schneetälern, über die wir gehen mußten. Da hielten wir Nachtlager, 1455 Klafter hoch über P., 1995 Klafter über dem Meer, und 90 Klafter höher als der Gipfel des Berges auf Teneriffa. Wir gingen nicht bis zum letzten Schneetal, weil man da den Lawinen ausgesetzt ist. das erste große Schneetal, durch das wir gekommen waren, ist ebenfalls nicht frei davon. Wir waren über zwei von den Lawinen gegangen, die seit der letzten Reise des Balmat [Erstbesteiger des Montblanc im Jahr 1786] gefallen waren und deren Trümmer das Tal in seiner ganzen Breite bedeckten.
   Meine Führer machten sich sogleich daran, den Platz auszuhöhlen, wo wir die Nacht zubringen wollten; sie fühlten aber bald die Wirkung der dünnen Luft. Diese starken Leute, denen ein Gang von sieben oder acht Stunden, wie wir gemacht hatten, völlig wie nichts war, hatten kaum fünf oder sechs Schaufeln mit Schnee ausgeworfen, als sie es unmöglich fanden, fortzufahren; sie mußten sich alle Augenblicke ablösen. Einer von ihnen, der zurückgegangen war, ein Fäßchen voll von dem Wasser zu holen, das wir in einem Schrunde angetroffen hatten, befand sich im Hingehen übel, kam ohne Wasser zurück, und brachte den Abend in der schmerzlichsten Beängstigung zu. Ich selbst, der ich die Bergluft so gewohnt bin, und mich in ihr besser als in der Luft im Tal befinde, war von Müdigkeit erschöpft, als ich meine meteorologischen Werkzeuge beobachtete. Die Unpäßlichkeit verursachte uns einen brennenden Durst, und wir konnten nicht anders als durch Schneeschmelzen Wasser verschaffen, denn das Wasser, das wir im Heraufsteigen gesehen hatten, war, als man wieder hinging, gefroren, und die kleine Kohlenpfanne, die ich hatte mitnehmen lassen, tat nur einen sehr langsamen Dienst für 20 durstige Leute.
   Aus der Mitte diese Schneetals, das vom äußersten Gipfel des Montblanc gegen Mittag, von desselben hohen Absätzen gegen Morgen und vom Dome du Goute gegen Abend eingeschlossen ist, sieht man fast nichts als Schnee, er ist rein, von einer blendenden Weiße, und sticht auf den oberen Gipfeln von dem in diesen hohen Gegenden fast schwarzen Himmel gar sonderlich ab. Man sieht hier kein lebendes Wesen, keine Spur von Gewächsen; hier ist die Wohnung des Erstarrens und der Stille. Als ich mir den Doktor Paccard und Jakob Balmat vorstellte, wie sie zuerst gegen Ende des Tages in diese Wüste kommen, kein Dach, keine Hilfe, nicht einmal Gewißheit haben, ob an den Örtern, wo sie hindenken, Menschen leben können, und doch unerschrocken auf ihrer Bahn hinwandern - da bewunderte ich die Stärke ihres Geistes und ihren Mut.
   Meine Führer, noch immer von Furcht vor der Kälte eingenommen, verstopften alle Fugen des Gezeltes so genau, daß ich von der Hitze und der von unserem Atem verdorbenen Luft sehr viel litt. Ich war in der Nacht genötigt, hinauszugehen und frische Luft zu schöpfen. Der Mond schien an einem Himmel, der schwarz wie Ebenholz war, in größten Glanze. Jupiter stieg ebenfalls in strahlendem Lichte über den höchsten Gipfel von Morgen des Montblanc herauf, und das Licht, das von dem ganzen Schneebecken zurückgeworfen wurde, war so blendend, daß man nur die Sterne der ersten und zweiten Größenordnung unterscheiden konnte. Wir fingen endlich an einzuschlafen, als wir von dem Getöse einer großen Lawine aufgeweckt wurden, welche einen Teil des Abhanges bedeckte, den wir am folgenden Tag zu ersteigen hatten. Bei Anbruch des Tages war das Thermometer drei Grad unter dem Gefrierpunkt.
   Wir gingen erst spät ab, weil wir noch Schnee zum Frühstück und für die Reise schmelzen mußten. Er war immer so wie geschmolzen auch getrunken, und eben die Leute, die den Wein, den ich hatte herauftragen lassen, so heilig bewahrten, stahlen mir beständig das Wasser weg, das ich für mich behalten wollte.
   Wir fingen an, zum dritten und letzten Schneetal heraufzusteigen, und schlugen uns hernach zur Linken, um auf den höchsten Fels auf der Morgenseite des Gipfels zu kommen. Er ist außerordentlich steil, an einigen Stellen 39 Grad; allenthalben stößt er an Abgründe, und die Oberfläche des Schnees war so hart, daß die Vorangehenden keinen sicheren Tritt hatten, ohne erst mit der Axt einzuhauen. Wir brauchten zwei Stunden, eine Höhe von ungefähr 250 Klaftern hinan zu klimmen. Als wir auf dem letzten Felsen waren, schlugen wir uns wieder nach rechts nach Westen, um den letzten Abhang zu erklettern, dessen senkrechte Höhe beinahe 150 Klafter ist. Dieser Abhang hat nur eine Neigung von 28 bis 29 Grad und ist gar nicht gefährlich; aber die Luft daselbst ist so dünn, daß die Kräfte im Augenblick erschöpft sind; am Gipfel konnte ich kaum 15 oder 16 Schritte tun, ohne nach Luft zu schnappen. Ich fühlte sogar von Zeit zu Zeit eine angehende Ohnmacht, die mich zwang, mich zu setzen. Sowie ich aber wieder zu Atem kam, stellten sich die Kräfte wieder ein; und wenn ich mich auf die Beine machte, glaubte ich in einem fort bis oben auf den Berg gehen zu können. Alle meine Begleiter befanden sich nach Verhältnis ihrer Kräfte in eben dem Zustande. Wir brauchten etwa zwei Stunden, von dem letzten Felsen bis zum Gipfel zu gelangen, und es war 11 Uhr, als wir hinaufkamen.
   Mein erster Blick ging nach Chamonix, wo, wie ich wußte, meine Frau und ihre beiden Schwestern, die Augen unverwandt durchs Fernrohr gerichtet, alle meine Schritte mit einer vielleicht zu großen, aber darum nicht minder heftigen Unruhe verfolgten. Ich spürte eine sanfte und trostvolle Bewegung, als ich die Fahne wehen sah, welche sie mir in dem Augenclick aufzustecken versprochen hatten, wenn sie mich auf dem Gipfel sähen und ihre Besorgnisse wenigstens unterbrochen wären.
   Ich konnte also ohne Kummer das große Schauspiel genießen, das ich vor Augen hatte. Ein leichter Dunst, der in den niederen Gegenden der Luft schwebte, raubte mir zwar den Anblick der niedrigsten und entferntesten Gegenstände, wie die Ebenen von Frankreich und der Lombardei; ich bedauerte aber diesen Verlust nicht sehr. Was ich gesehen hatte und mit der größten Klarheit sah, war das Ganze aller dieser hohen Gipfel, deren Bau ich schon solange zu kennen wünschte. Ich glaubte meinen Augen nicht, hielt es für einen Traum, als ich die majestätischen Gipfel, die fürchterlichen Hörner, den Midi, die Argentiere, den Geant, zu deren Fuß der Zugang mit ehemals so mühsam und gefährlich gewesen war, jetzt unter meinen Füßen sah. Ihre Lage gegen einander, ihre Verbindungen, ihr Bau waren mir deutlich, und ein einziger Blick hob Zweifel, die Jahre von Arbeit nicht hatten aufklären können.

 

Saussure, Horace Bénédict de
Kurzer Bericht von einer Reise auf den Gipfel des Montblanc im August 1787
Strasburg 1788

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