Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1861 - Queen Victoria
Ausflug von Balmoral nach Fettercairn

Schottland

 

20. September 1861: Um sieben Uhr früh sahen wir gespannt nach dem Wetter; es hatte ein bisschen geregnet, es lag noch der Nebel auf den Hügeln, und das Wetter sah unsicher aus. Albert meinte aber, es sei am besten, die Pläne nicht zu ändern. Also standen wir gleich auf, und gegen acht Uhr schien die Sonne und der Nebel begann, sich rundum zu lichten. Um halb neun gab es Frühstück und um halb zehn fuhren wir in zwei viersitzigen Wagen los: Alice [Tochter von Victoria] und Louis [Prinz von Hessen-Darmstadt, Ehemann von Alice] in der ersten mit Grant auf dem Kutschbock, Lady Churchill [Hofdame] und General Grey [Privatsekretär] in der zweiten mit Brown auf dem Kutschbock. Wir fuhren zur Brücke von Muich, wo sechs Ponys und fünf Gillies auf uns warteten. Wir ritten auf der Torfstraße über den Hügel von Polach und wieder hinunter, etwa neun Kilometer, und gerieten dann an sehr feuchte Stellen, aber mit großer Vorsicht konnten wir die morastigen Flecken vermeiden. Ich war die ganze Zeit zu Pferde. Albert und Louis mussten absitzen und etwa 200 m laufen. Die Hügel von Lochnagar waren in starken Nebel gehüllt, aber Mount Keen lag in großer Schönheit vor uns, und als wir das Glen von Corrie Vruach erreichten und nach Glen Tamar heruntersahen, war die Landschaft großartig und wild. Mount Keen ist ein merkwürdig kegelförmiger Berg mit einem tiefen Einschnitt. Er ist etwa 1.000 m hoch, und wir hatten einen sehr steilen und holprigen Aufstieg über die Schulter, nachdem wir Tanar Water überquert hatten. Von der Brücke von Muich bis nach Corrie Vruach sind es 10 km.
   Als wir wieder uns auf ebenem Gelände befanden, das fest und trocken war, stiegen wir alle ab und gingen zu Fuß über die Schulter des Mount Keen. Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir Lord Dalhousie [Herr über ein benachbartes Gut] auf einem Pony entdeckten (General Grey hatte ihn vertraulich über unseren Besuch informiert). Er begrüßte uns an den Grenzen seiner Ländereien, stieg ab und lief mit uns mit. Nach einiger Zeit bestiegen Alice und ich wieder unsere Ponys (Albert war zwischendurch immer mal wieder geritten) und wandten uns nach links, wo sich der Blick auf eine neue Landschaft bot. Wir sahen in ein sehr schönes Tal hinab: Glen Mark. Wir stiegen über einen sehr steilen Pfad in Serpentinen ab, der Ladder genannt wird, großartig und wild. Das Wasser, das sich hier herunterstürzt, heißt Ladder Burn. Es sieht wirklich sehr schön aus und ist etwas Besonderes. Am Fuß steht ein kleines Försterhaus. Der Pfad ist an vielen Stellen sehr eng und holprig, aber man konnte dem Zickzack folgen. Unten am Grund überquerten wir das Flüsschen, wo eine malerische Gruppe von Erntehelfern saß, überwiegend Frauen. Die älteren rauchten. Sie kamen aus dem Süden nach Hause zurück. Wir ritten zu dem Häuschen, und in einem kleinen Zimmer mit dem üblichen Alkovenbett nahmen war ein Frühstück ein. Dieser Ort heißt Invermark [das Häuschen heißt heute Glenmark Cottage] und ist gut sieben Kilometer von Corrie Vruach entfernt. Nach dem Frühstück zeichnete ich die schöne Aussicht. Der steile Hang unmittelbar an diesem Haus, den wir herunter gekommen waren, heißt Craig Boestock, und ein sehr schöner allein stehender Hügel, der sich zur Linken erhebt und ein schmales und wildes Glen überragt, heißt Hill of Doun.
   Kurz nach drei Uhr bestiegen wir wieder unsere Ponys und ritten Glen Mark hinunter, hielten an einer sehr reinen Quelle an, die White Well genannt wird, und überquerten den Fluss mehrfach. Als wir uns dem Pfarrhaus von Loch Lee näherten, weitete sich das Tal, und die alte Schlossruine von Invermark war gut zu sehen und wirkte sehr malerisch. Darum herum gab es Wald und Getreidefelder, wo die Leute ernteten, und alles war sehr malerisch. Wir wandten uns nach rechts und ritten auf die Ruine zu, die halb von Efeu bedeckt ist, und dann zu Lord Dalhousies Jagdschlösschen, wo wir absaßen. Es ist neu und ein sehr schönes Haus, aus Granit gebaut, an einer sehr schönen Stelle mit guter Aussicht auf das Tal und mit hügeliger Wildnis im Rücken. Miss Maule war da. Wir gingen durch den Salon und ein paar Meter auf einem Flur, von dessen Ende man Loch Lee sehen kann, ein naturbelassener, aber nicht großer See, von Bergen eingeschlossen, an seinem Rand ein Bauernhaus und ein paar Pächterhäuschen. Halle und Speisezimmer sind sehr hübsch ausgestattet mit Sporttrophäen und mit hellem Holz ausgekleidet. Es gab ein paar kleine Schauer, die um die Hügel zogen.
   Dann stiegen wir in unsere Kutsche. Die unsere war eine, in die acht Personen passen, aber es war sehr eng darin. Wir fuhren das Tal hinunter, am North Esk entlang (aus Ey und Mark wird der North Esk), passierten zur Rechten ein anderes sehr hübsches Tal, Glen Effach, das gut bewaldet ist, und die ganze Landschaft war erschien in wunderbarem Licht. Vor uns war alles hell und sonnig und hinter uns schienen Regen und Nebel schwer über die Berge zu rollen.
   Dann kamen wir an Poul Skeinnie Bridge und Tarf Bridge vorbei, beides steile Hochlandbrücken. Rechts neben letzterer ist eine neue Free Kirk, dann Captain Wemysses merkwürdiges Sommerhaus, links Mill Dane, und auf einer kleinen Anhöhe das Schloß von Auch Mill, dass heute wie ein altes Bauerhaus aussieht, aber noch Gartenterrassen erkennen lässt. Die Hügel darum herum und an der Straße entlang waren kleine runde Erhebungen. Ein bisschen weiter unten kamen wir wieder in Wald, wo wir ausstiegen und an einem Bach entlang spazierten. Der Pfad windet sich durch den Wald gerade oberhalb einer höchst merkwürdigen engen Schlucht, die anders ist als die sonstigen Täler. Die Felsen sind anders und der Bach ist eine ganze Strecke lang sehr eng, mit Erweiterungen, die völlig von Bäumen überwachsen sind. Wald und Gelände sehen aus wie in Wales. Wir spazierten durch den Wald und ein Stück die Straße entlang, bis die Kutsche uns einholte.
   Es waren noch knapp 5 km bis Fettercairn, insgesamt 65 von Balmoral. Wir kamen in flaches Land, wohl mit vielen Wiesen und Feldern, aber es war zu dunkel, irgendetwas zu erkennen.
   Um viertel nach sieben Uhr erreichten wir das ruhige Städtchen, oder besser Dorf, denn es war schon sehr klein. Keine Menschenseele war zu sehen, und wir stiegen bei dem freundlichen kleinen Gasthaus Ramsay Arms aus, ohne dass uns jemand gesehen hätte, und gingen sogleich in den ersten Stock. Dort gab es einen kleinen Salon und daneben ein Speisezimmer, beides sehr reinlich und aufgeräumt. Dann nach links in unserer wirklich winziges Schlafzimmer, aber auch sehr sauber und ordentlich. Alice bekam ein hübsches Zimmer, das genauso groß war wie unseres; dann kam ein Krümel von einem Zimmer mit einem Alkovenbett, das Albert als Ankleidezimmer benutzte, und dann Lady Churchills Schlafzimmer gegenüber. Louis und General Grey bekamen Zimmer in einem Hotel gegenüber, Temperance Hotel genannt. Wir dinierten um acht, es gab ein sehr nettes, appetitliches Mahl. Grant und Brown bedienten uns. Beide waren ein bisschen nervös, aber General Grey und Lady Churchill legten vor, und sie mussten nur die Teller wechseln, was Brown bald gut von der Hand ging. Ein kleines Mädchen vom Haus kam, um zu helfen, aber Grant drehte sie um, damit sie uns nicht sehen sollte! Wirt und Wirtin wussten, wer wir waren, aber sonst nur der Kutscher, und sie behielten das Geheimnis trefflich für sich.
   Die Nacht war hell und mondbeschienen und sehr ruhig; wir wanderten durch das ganze Dorf, wo sich nichts rührte, über den kleinen Hauptplatz, in dessen Mitte eine Art Säule oder Marktkreuz auf Stufen steht, und Louis las mithilfe des Mondlichtes die Ankündigung zu einer wohltätigen Sammlung vor, die daran klebte. Wir gingen ein Stück einen Weg entlang, es war totenstill, kein Blatt bewegte sich, nur ein Hund bellte weit weg. Plötzlich hörten wir Trommeln und Pfeifen! Wir waren höchlichst alarmiert, weil wir fürchteten, unsere Anwesenheit wäre bekannt geworden, aber Louis und General Grey, die zurückgingen, konnten gar nichts sehen. Beim Heimweg aber hörten wir den Lärm immer wieder. Vor der Tür zum Gasthaus machten wir Halt und sahen sechs Männer, die mit Pfeifen und einer Trommel die Straße auf und ab marschierten, ohne dass jemand von ihnen Notiz nahm. Grant und Brown waren dabei, hatten aber auch keine Idee, was das denn wohl darstellen sollte. Albert fragte das kleine Mädchen, und die Antwort war, das wäre einfach eine Kapelle, die zweimal in der Woche so herummarschierte. Wie wunderlich! Sie spielte noch eine Weile weiter. Wir waren bis halb elf Uhr auf, ich mit Arbeit und Albert mit einem Buch, und zogen uns dann zurück.
   21. September: Nach zwei oder drei Uhr eingeschlafen. Der Morgen war trübe und neblig mit ein bisschen Regen; kaum jemand rührte sich, aber ein paar Leute waren bei der Arbeit. Nachts war ein Reisender angekommen und wollte in das Speisezimmer, das der Raum der Handlungsreisenden ist, und es war ihm nur mit Mühe klargemacht worden, dass er da nicht hineinkönne. Er setzte sich zu Grant und Brown und fragte, was sich denn hier täte, und Grant antwortete, es handle sich um Hochzeitsgäste aus Aberdeen. Im Temperance Hotel wollten sie unbedingt wissen, wer denn die Gäste seien. Alle außer General Grey frühstückten kurz vor neun Uhr. Brown bediente mich, bürstete meinen Rock und meine Stiefel und trug Nachrichten hin und her, und Grant agierte als Alberts Kammerdiener.
   Um viertel vor zehn ging es weiter, so wie gestern, nur dass wir in der Kutsche waren, die gestern Lady Churchill und der General benutzt hatten. Es war leider diesig und wir konnten nicht weit sehen. Die Dörfler hatten gerade entdeckt, wer wir waren, und einige begrüßten uns beim Vorbeifahren mit Hurras. Gleich hinter Fettercairn kamen wir am Anwesen von Sir J. Forbes vorbei, dann an Fasque, das Sir T. Gladstone gehört [aus der Familie des Premierministers], dem das Land offensichtlich viel verdankt, weil er viele gute Wohnhäuser gebaut hat. Dann kamen wir an einen langgestreckten Hügel namens Cairnie Month, mehr als 6 km lang, von wo man einen schönen Ausblick hat, der uns aber durch den Nebel verwehrt war. Ein Stück liefen wir zu Fuß, und dann saßen Alice und ich für eine Weile allein in der Kutsche. Dann kamen wir zur Brücke von Spittal, die merkwürdig hoch ist und Dye Water zur Linken hat, und den Spittal zur Rechten. Sir T. Gladstones Jagdschlösschen liegt nahe der Brücke von Dye, wo wir wieder die Kutschen wechselten, Albert und ich drinnen und Louis dahinter. Wieder ging es einen Hügel hinauf und wir sahen Mount Battok im Nordwesten und nicht weit von T. Gladstones Jagdschlösschen entfernt. Dann kommt man in offenes Gelände mit weiter Aussicht in Richtung Aberdeen und an eine sehr tiefe, holprige Furt, die den Feugh an einer Stelle überquert, die White Stones heißt. Es ist hübsch dort, ein schönes Tal mit Bäumen. Etwa dreieinhalb Kilometer weiter in Richtung Nordwesten liegt Finzean zur Linken, und gleich dahinter an der Straße King Durduns Stein; welche Geschichte damit verbunden ist, haben wir noch nicht herausfinden können. Dann kamen wir an Marys Quelle vorbei, an deren linker Seite Ballogie House liegt, ein schöner Besitz, der Mr. Dyce Nicol gehört. Die Ernte und alles andere sahen gut aus, und die Landschaft sehr hübsch. Wir stiegen in einem sehr kleinen Dorf ab, wo die Pferde Wasser bekamen, denn die Strecke war doch recht lang, und gingen ein Stück die Straße entlang. Alice, Lady Churchill und ich traten in das Haus eines Schneiders, das sehr ordentlich war. Die Frau darinnen war sehr freundlich und lud uns ein, auszuruhen. Sie hatte keinerlei Ahnung, wer wir waren.
   Dann ging es wieder weiter, argwöhnisch beobachteten wir verdächtige Wolken, die sich aber später verzogen. Wir sahen Lord Huntlys Forst und die Hügel, die man von der Straße nach Aboyne sieht. Aber statt nach Aboyne weiter zu fahren, bogen wir nach links ab, mit der Brücke von Aboyne, die wir noch nicht kannten, zur Rechten. Ein kurzes Stück weiter, außer Sicht aller Häuser, stießen wir auf den Postmeister, der eine weitere Kutsche für uns hatte. Von Fettercairn waren es 35 km. Wir überquerten den Tanar und fuhren links Glen Tanar hinauf, ein wirklich schönes und dicht bewaldetes Tal, das zu Lord Huntlys Forst gehört. Wir fuhren noch 10 km weiter und hielten dann an, da es nach zwei Uhr war, um unser Frühstück zu uns zu nehmen. Der Tag war ganz schön trotz der drohenden Wolken und des sich bildenden Nebels. Die Stelle, an der wir speisten, war sehr hübsch. Als die Mahlzeit beendet war, gingen wir zuerst ein Stück zu Fuß, und fuhren dann in der Kutsche bis ans Ende des Tales und aus dem Wald heraus nach Eatnoch, einem Försterhaus. Das war ein sehr einsamer Ort, wo unsere Ponys warteten. Wir kamen gegen vier Uhr an. Ein armes blödes Mädchen war dort ganz allein, so groß wie Lady Churchill, aber vornübergebeugt und wie ein Kind angezogen mit einer Schürze und mit kurzem Haar. Sie saß auf dem Boden, die Arme um die Knie geschlungen, und wiegte sich hin und her und lachte dabei, dann stand sie auf und kam uns entgegen. General Grey stellte sich schützend vor mich, und sie ging zu ihm hin, hielt ihn am Mantel fest und steckte ihre Hände in seine Taschen, da mussten wir lachen, obwohl es doch so traurig war. Ein alter Mann kam eilig herbei, und als Lady Churchill ihn fragte, ob er das arme Mädchen kenne, sagte er ja, sie gehöre zu ihm und wäre schwach im Kopf, und brachte sie schnell weg.
   Wir liefen ein paar hundert Meter und stiegen weiter oben auf die Ponys und ritten über die andere Flanke des Hügels, den wir gestern hinuntergestiegen waren, überquerten den sumpfigen Teil und gingen über den Polach, genau wie bei der Ausfahrt. Der Nebel an den weiter entfernten Hügeln, Mount Keen und so weiter, ließ uns frösteln. Von der Torfstraße zur Bücke von Muich war der Ausblick in die Täler von Muich, Garin und Ballater wunderbar. Ich unterhielt mich ausführlich mit dem guten Grant.
   Wir trafen auf die Kutsche meiner liebsten Mutter, schön und groß war sie, die uns zurückbringen sollte. Das machte mich sehr traurig, und meine Augen füllten sich mit Tränen. [Die Mutter war vier Monate vorher gestorben.] Oh, umgeben von Heiterkeit fühle ich mich so traurig! Aber hier häufig an der frischen Luft zu sein und Neues und Schönes zu sehen, das tut mir gut.
   Wir kehrten um sieben Uhr nach Balmoral zurück, sehr zufrieden mit unserem Ausflug. Heute waren wir 68, gestern 64 Kilometer unterwegs gewesen, alles in allem 132.
   

Victoria, Königin von Großbritannien
Leaves from the journal of our life in the Highlands
London 1869
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Ulrike Keller (Hrg.)
Reisende in Schottland seit 325 v. Chr.
Wien 2008

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