Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1789 - Nikolai Michailowitsch Karamsin, russischer Bildungsreisender

Über die preußischen Postillione
Stolp/Slubsk, Pommern

 

Die Reisenden sprechen immer mit großer Mißbilligung von der Grobheit der preußischen Postillione. Auch hat der jetzige König durch eine Kabinettorder befohlen, daß die Postmeister den Reisenden höflich begegnen und keinen über eine Stunde auf der Station aufhalten sollen; den Postillionen aber wird jedes eigenmächtige Anhalten unterwegs streng untersagt. Denn die Grobheit der letzteren war unerträglich. Bei jeder Schenke kehrten sie ein, um einen Krug Bier zu trinken, und die armen Reisenden mußten stundenlang warten oder sie durch Geld heraus zu locken suchen. Dieser Befehl hat zwar gute Folgen gehabt; doch wird er nicht ganz pünktlich erfüllt. Wir waren zum Beispiel kaum noch eine Meile von Stolp entfernt, als wir wenigstens eine Stunde auf die Postillione warten mußten, die ganz ruhig im Wirtshause aßen und tranken, ohne auf unser Schreien zu achten. Da wir hier anlangten, so gingen alle meine Reisegefährten auf den Postmeister los und forderten, daß er sie bestrafen solle. „Mit einem Verweise?" fragte der Postmeister, — „Mit dem Stocke", antworteten die Offiziere. — „Ich habe nicht das Recht, sie zu schlagen." — „Dummer Schnack!" sagte der Kapitän. „Ich selbst werde, mit ihnen fertigwerden." Dabei stieß er auf eine fürchterliche Weise mit seinem Stocke auf den Boden. „Gewalt! Gewalt!" schrie der Postmeister. „Man will mich prügeln, man will mich schlagen." Auf einmal änderte der Kapitän seinen Ton und sagte ganz sanft: „Prügeln will ich Sie nicht, aber ich werde Ihretwegen in Berlin mit dem Minister sprechen."

 

Karamsin, Nikolai Michailowitsch
Briefe eines russischen Reisenden
Band 1, Leipzig 1802

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