Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1853 - Matthew Calbraith Perry, Kommodore der US-Marine
Erzwungene Öffnung des Landes
Bucht von Jeddo/Tokio, Japan

 

Der Empfangstag, Donnerstag, der 14. Juli, brach an. Als gute Vorbedeutung stieg die Sonne siegreich durch die Nebel empor, und bei ihren Strahlen sah man die Früchte der beharrlichen Nachtarbeit der Japaner.
   Ornamentale spanische Wände waren so errichtet, daß Forts und Bastionen vergrößert erschienen, und zwei große Empfangszelte. Die spanischen Wände waren dicht über Holzpfosten gespannt, jeder Zwischenraum zwischen den Pfosten sah aus wie Tafelwerk. Auf diesem scheinbaren Tafelwerk waren die kaiserlichen Wappen gemalt, abwechselnd mit einer scharlachroten Blume mit breiten herzförmigen Blättern. Flaggen und Wimpel, auf denen Zeichnungen in heiteren Farben waren, hingen auf den verschiedenen Winkeln der Wände. Dahinter stand eine Menge Soldaten in einem Kostüm, das wir noch nicht gesehen hatten und das wohl eine Art Paradeuniform vorstellen sollte. Der Hauptbestandteil dieser Uniform war ein dunkler Rock mit kurzen Schößen, die Arme waren nackt.
   Auf den Schiffen war alles schon zu frühester Stunde auf den Beinen, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Die Anker wurden beschwert, um die Schiffe in die richtige Stellung bringen zu können, damit ihre Kanonen den Empfangsplatz beherrschten. Die Segelschiffe waren der Windstille wegen nicht in diese Stellung zu bringen. Nun wurden die Offiziere und Mannschaften, so zahlreich wie möglich, bestimmt, welche den Kommodore begleiten sollten. Die Offiziere waren alle in Paradeuniform, während die Mannschaft in Marinetracht, blau und weiß, war. Das ganze Gefolge bestand nun aus ungefähr 300 Personen. Ehe es 8 Uhr geschlagen hatte, bewegten sich die Susquehanna und die Mississippi langsam die Bucht entlang.
   Zu gleicher Zeit bemerkte man 6 japanische Boote, die in derselben Richtung fuhren, jedoch mehr dem Lande zu. Zwei davon hatten die blaue Regierungsflagge gehißt, die anderen schienen das Gefolge an Bord zu haben. Sie steuerten auf den Empfangsplatz zu, wo große Vorbereitungen getroffen waren, um sich auch in kriegerischer Machtentfaltung zu zeigen. Das Empfangsgebäude, nahe dem Dorfe Gori-Hama, sah frisch und neu aus - von weitem mit seinen Dächern einem sehr großen Getreideschober nicht unähnlich.
   Als die Dampfer sich der Mündung der Bucht näherten, kamen zwei japanische Boote auf die Susquehanna zu, und Kayama Yezaiman [lokaler Gouverneur] kam mit den zwei Dolmetschern an Bord, gefolgt von Nagazima Saboroske [lokaler Vizegouverneur] und einem Adjutanten. Sie alle wurden mit gebührenden Ehren an der Fallreepstreppe empfangen und zu Sitzen auf das Hinterdeck geführt. Alle waren in Gala. Ihre Kleidung war reichgeschmückter, hellfarbiger Seidenbrokat, mit gelbem Sammet verbrämt, und der ganze Anzug war reich mit Goldspitzen an Rücken, Ärmeln und Brust besetzt Saboroske, der Vizegouverneur von Uraga, trug weite, aber kurze Beinkleider, die wie ein geschlitzter Unterrock aussahen. Die unteren Gliedmaßen waren teilweise nackt, teilweise mit schwarzen, wollenen Socken bedeckt Er machte so, trotz der Last von Gold und Seide, die er am Körper trug, nur etwa den Eindruck eines ungewöhnlich reichgeschmückten Trompeters. Sie Susquehanna hißte nun Signale, um die Boote der anderen Schiffe herbeizurufen, und nach Verlauf einer halben Stunde lagen sie alle Seite an Seite der Susquehanna mit Offizieren, Soldaten und Marinesoldaten an Bord.
   Das ganze Geschwader mit den vielen Uniformen an Bord bot einen festlichen und malerischen Anblick, zugleich Achtung einflößend. Kapitän Buchanan führte das Geschwader in seiner Barke an; zu beiden Seiten hatte er die japanischen Boote, worin der Gouverneur und der Vizegouverneur von Uraga samt ihrem Gefolge sich befanden; diese Würdenträger machten die Zeremonienmeister und schrieben der amerikanischen Flottille ihren Weg vor. Die anderen Boote folgten ihnen unter dem Spiel der Musikkapellen, auch die Kutter. Die Boote glitten flink über das ruhige Wasser, doch mußten sich unsere Ruderer sehr anstrengen, um mit den japanischen Booten Schritt zu halten. Als die Boote halbwegs am Ufer waren, wurden die 13 Kanonen der Susquehanna gelöst, und die Hügel gaben das Echo davon wieder.
   Dieser Salut war das Zeichen der Abfahrt des Kommodore, der jetzt an Land ging. Die Führer in den japanischen Booten entschieden sich für den Landungsplatz, der in der Mitte des wellenförmigen Ufers lag und mittelst Sand-und Strohsäcken als provisorische Werft hergerichtet zu sein schien.
   Als erster sprang Kapitän Buchanan ans Land, ihm folgte Major Zeilin. Nun wurden auch die übrigen, 300 an der Zahl, gelandet. Die Japaner waren nach Angabe des Gouventeurs von Uraga 5000 Mann stark; aber augenscheinlich waren es noch viel mehr. Ihre Reihen dehnten sich um die ganze Bucht herum vom äußersten Ende des Dorfes bis zu Erhöhung der Hügel, welche an der nördlichen Seite der Bucht lagen, während eine unendliche Menge Soldaten sich in und zwischen den spanischen Wänden drängte. Ihre Aufstellung zeugte von wenig Disziplin, doch waren sie alle gut bewaffnet und equipiert. Ihre Uniform unterschied sich kaum von der gewöhnlichen japanischen Tracht. Bewaffnet waren sie mit Schwertern, Speeren und Lunten. Die Infanterie stand im Vordergrunde. Darauf kamen Bogenschützen und Speerwerfer; dahinter sehr viel Kavallerie, wie als Reserve. Die Pferde waren von guter Rasse, feurig und lebhaft, und die Kavallerie mit ihren reichen Schabraken bot einen stattlichen Anblick. Hinter den Soldaten bemerkte man eine Menge Landleute aus den umliegenden Dörfern, die mit großer Neugier auf die fremden Besucher starrten, die da von einer anderen Hemisphäre gekommen waren.
   Bei der Ankunft des Kommodore bildete sein Gefolge Spalier und schloß sich ihm dann an. Zwei riesige Bootsleute trugen die amerikanische Flagge, und zwei Schiffsjungen, der Zeremonie entsprechend gekleidet, gingen dem Kommodore voran; sie trugen in einer Umhüllung von rotem Tuch die Büchsen, welche das Beglaubigungsschreiben, sowie das Schreiben des Präsidenten der Vereinigten Staaten enthielten. Diese Dokumente in Foliogröße waren auf Pergament geschrieben und in blauen Seidensammet gebunden. Jedes Siegel hatte gold- und silberdurchwirkte Bindfäden mit hängenden goldenen Quasten und lag in einer runden Schachtel aus reinem Golde, die sechs Zoll hoch und drei Zoll lang war. Jedes der Dokumente lag wieder samt seinem Siegel in einer ungefähr einen Fuß langen Schachtel von Rosenholz, die goldene Schließen und Beschläge hatte. An jeder Seite des Kommodore schritt ein großer wohlgeformter Neger, der bis zu den Zähnen bewaffnet war, als Leibgarde. Diese Schwarzen waren für diese Gelegenheit ganz besonders ausgesucht und zwei der schönsten Burschen, die das Geschwader besaß.
   Die Prozession mußte einen Umweg machen, um das Empfangsgebäude zu erreichen. Natürlich bot dies eine gute Gelegenheit, den Zug vorteilhaft zu entwickeln. Am Eingang der Empfangshalle waren zwei kleine kupferne Kanonen hingestellt, welche anscheinend alt und europäischen Ursprungs waren. An jeder Seite stand eine Kompagnie Japaner, deren Kleidung verschieden war von der der anderen Soldaten. Die rechtsstehenden waren mit Tunikas bekleidet, die um die Taille von breiten, seidenen Schärpen zusammengehalten wurden; dazu trugen sie sehr lange und sehr weite graue Hosen und auf dem Kopfe eine Art weißen Turban.
   Nun betrat der Kommodore die Empfangshalle, die mit rotem Tuch ausgeschlagen war. Die violetten Vorhänge zeigten das kaiserliche Wappen. Sie hingen an drei Seiten des Raumes, während die vierte Seite, die zum Vorzimmer führte, offengelassen war. Als der Kommodore und sein Gefolge das Empfangszimmer betraten, erhoben sich die beiden Würdenträger zur Linken, verbeugten sich und führten den Kommodore und sein Gefolge zu den Stühlen, die rechts bereitstanden. Die Dolmetscher gaben die Namen und die Titel der hohen japanischen Würdenträger laut bekannt. Toda-Idzu-no-Kami - Toda, Fürst von Idzu, und Ido Iwami-no-Kami - Ido, Fürst von Iwani. Der Erstgenannte mochte etwa 50 Jahre alt sein, der andre etwa 10 Jahre älter, Fürst Toda war der hübscheste von den zweien; er hatte ein intelligentes Gesicht, seine Züge trugen einen liebenswürdigen Ausdruck und boten so einen großen Gegensatz zu dem finsteren und weniger geistreichen Gesicht seines Genossen, des Fürsten von Iwani. Beide trugen schwere, reich mit Gold gewobene Brokatkleider, in denen erhaben gearbeitete silberne und goldene Figuren eingewoben und gestickt waren. Von Anfang bis zu Ende der Zeremonie trugen die Fürsten eine fast steinerne Ruhe und Würde zur Schau; sie sprachen kein Wort und standen nur von ihren Sitzen auf beim Eintritt und beim Fortgang des Kommodore, wo sie eine gravitätische Verbeugung machten, Yezaiman und seine Dolmetscher machten jetzt die Vermittler. Sie gingen ans obere Ende des Gemaches und knieten neben einer großen roten, mit Goldfirnis bedeckten Truhe nieder, die auf goldenen oder kupfernen Füßen stand. Nachdem der Kommodore sich niedergelassen hatte, entstand ein minutenlanges Stillschweigen. Tatsnoske, der erste Dolmetscher, unterbrach das Schweigen, indem er Mr. Dutch, den holländischen Dolmetscher, fragte, ob die Briefe übergeben werden könnten? Der Fürst Toda würde sie empfangen und sie möchten in die scharlachrote Truhe niedergelegt werden. Der Kommodore winkte, und die beiden Schiffsjungen traten mit ihren Sandelholzkistchen vor, die den Brief des Präsidenten und die anderen Dokumente enthielten. Die beiden großen Neger folgten auch, gingen auf die scharlachene Truhe zu und empfingen aus den Händen der Träger die Kästchen, öffneten sie, nahmen die Briefe heraus, breiteten Schriften und Siegel aus und legten sie auf den Deckel der Truhe, alles in vollkommenem Stillschweigen. Der Brief des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Milard Fillmore, hatte zum Zweck, freundliche Beziehungen, insbesondere Handelsbeziehungen, anzubahnen. Dann folgte das Beglaubigungsschreiben für den Kommodore sowie ein Brief von ihm, welche Zusicherungen freundlicher Absicht enthielten.
   Nachdem die Dokumente auf den Deckel der Truhe gelegt worden waren, erläuterte Mr. Portmann, der holländische Dolmetscher, dem japanischen Dolmetscher die verschiedenen Dokumente, worauf Tatznoske und Kayama Yezaiman, noch immer kniend, ihr Haupt beugten. Letzterer stand auf, näherte sich dem Prinzen von Iwami, kniete vor ihm und erhielt aus dessen Händen eine Rolle Papiere, mit der er zum Kommodore ging, wieder auf die Knie fiel und sie dem Kommodore übergab. Der holländische Dolmetscher fragte, was diese Papiere bedeuteten. Die Antwort war, es sei die kaiserliche Empfangsbescheinigung.
   Nach einer Minute Stillschweigens ließ der Kommodore durch seine Dolmetscher den Japanern sagen, daß er mit seinem Geschwader in drei Tagen nach Liu-kiu [Riyu-Kiyu-Inseln] absegeln würde, er böte der Regierung seine Dienste an, falls sie dort etwas zu besorgen hätte; nächstes Frühjahr gedächte er selbst wieder nach Japan zu kommen. Nun stellten die Japaner die Frage, ob er mit allen Schiffen wiederkommen würde, worauf der Kommodore erwiderte, mit allen vieren, wahrscheinlich aber mit mehreren, da diese nur ein Teil des Geschwaders wären. Dann kam die Rede auf die Revolution in China, und was deren Grund sei, worauf der Kommodore erwiderte: sie käme auf Rechnung der Regierung.
   Nun erhoben sich Yezaiman und Tatsnoske von ihren Knien, verbeugten sich, machten die Truhe zu und ließen durch den Dolmetscher sagen, jetzt wäre alles in Ordnung. Darauf gingen sie aus dem Gemach, sich zu beiden Seiten verbeugend. Auch der Kommodore stand auf, und als er wegging, erhoben sich auch die beiden Fürsten und blieben stehen, bis die Fremden gegangen waren. Die Prozession stellte sich nun wie zuvor auf, der Kommodore wurde zu seiner Barke geleitet und zu seinem Schiff gerudert, gefolgt von den beiden japanischen Booten, in denen der Gouverneur von Uraga und seine Begleiter saßen, während die Musik nationale Weisen spielte. Während der Dauer der Ausschiffung nahmen die Soldaten es wahr, sich in Mengen an verschiedene Stellen des Ufers heranzudrängen, sei es aus Neugier, sei es um eine größere Anzahl zu zeigen, und es muß zugestanden werden, daß sie, wenn es in der Absicht der Japaner gelegen hätte, durch ihre große Anzahl ohne Schwierigkeit die Amerikaner hätten einschließen können. Doch ging die ganze Zeremonie, die etwa eine halbe Stunde gedauert hatte, in größter Ruhe und Höflichkeit vor sich.
   Ehe der Kommodore wegfuhr, hatte er Befehl gegeben, daß zwei Dampfschiffe die Bucht zu beherrschen und jedes klar zum Gefecht sein sollte. So wurden Haubitzen in die Boote gestellt, die sofort abgefeuert werden konnten, sobald am Lande etwas Beunruhigendes sich ereignete. Auch die Kanonen waren instand gesetzt, gleich zu feuern, falls die Japaner Feindseligkeiten anfingen.
   Der Rechtsanspruch des Kommodore, so empfangen werden, wie es dem Abgesandten einer so großen Nation zukam, war jetzt durch das kaiserliche Dokument anerkannt worden, und so das japanische Gesetz der Abschließung durchbrochen. Um zu zeigen, wie wenig er um die Befehle der japanischen Fürsten, abzureisen, kümmert, befahl der Kommodore, noch tiefer in die Bucht hereinzufahren. Der Kanal Jeddo gegenüber sollte erforscht werden, und gleichzeitig sollte den Japanern durch Entfaltung des Geschwaders imponiert werden, um so den Brief des Präsidenten Fillmore wirksam zu unterstützen.

 

Perry, Matthew Calbraith
Die Erschließung Japans. Erinnerungen des Admirals Perry von der Fahrt der amerikanischen Flotte 1853-54
Hamburg 1910

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