Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1928 - Hermann Köhl
Der erste Flug nach Amerika: Start von Baldonnel bei Dublin

 

Ich brauchte nicht lange zum Anziehen und beeilte mich, zum Frühstück in die Offiziersmesse zu kommen. Dort waren schon alle die lieben und tapferen irischen Kameraden beim Frühstück versammelt, die zum Teil in der Nacht überhaupt nicht zu Bett gegangen waren. Das kräftige Frühstück bestand aus drei Eiern, Tee und Butterbrot. Die Ergänzung des Frühstücks durch Obst war erst nach dem Abflug vorgesehen und in der Maschine verstaut.
   Mein Tagebuch, in das ich alle die Wetterbeobachtungen bisher eingetragen hatte, schloß ich ab und schrieb auf die letzte Seite eine Million Grüße und Küsse an mein Heldenfrauchen zu Hause. Ich übergab es dann im Briefumschlag meinem Freund Schünzinger zur Weiterbeförderung an meine Frau.
   Nun ging's zum Flugzeug. Einige Unbekannte nahmen mich in ihrem Auto mit zum Flugplatz, wo sie mir beim Verlassen des Wagens noch kräftig die Hand schüttelten. Die Tatsache, daß ich der Captain Köhl war und dies dem Posten in vollster Überzeugung sagen konnte, ließ mich schnell durch die Postenkette hindurchkommen.
   Vor mir stand, silbergrau glänzend, im ersten Morgenzwielicht zwischen den großen Flugzeughallen aufgebaut, die "Bremen". Ich ging zu ihr und lieb wie ein Kind streichelte ich den schlanken Propeller. In Gedanken sagte ihm: "Du und ich, wenn wir beide nicht versagen, dann wird es glücken." Mutig blitzte mich des Propellers helles Funkeln an.
   Nun kam noch vor dem Unternehmen Begrüßung und Abschiednehmen. Dem irischen Staatspräsidenten und seinen Damen durfte ich die Hand schütteln. Unser deutscher Generalkonsul und viele andere liebe Bekannte drückten mir noch schnell die Hand und sagten mir "Auf Wiedersehen".
   Fünf Minuten vor fünf war es, als ich in die "Bremen" kletterte. Dort richtete ich mich in aller Ruhe häuslich ein und brachte die vielen Kissen, Thermosflaschen und Paketchen, die alle auf dem zweiten Sitz aufgetürmt waren, fein säuberlich so an Ort und Stelle, daß sie während des Fluges von meinem Sitz aus zu erreichen waren.
   Der Start war auf fünf Uhr angesetzt, aber es war doch noch nicht ganz so hell, daß ich die Fähnchen, welche entlang der Startbahn aufgebaut standen, sehen konnte. Deshalb warteten wir noch etwas mit dem Start. Ich hoffte auch immer noch auf aufkommenden Südwind; denn der Windwimpel hing hoffnungslos schlapp herunter. Deshalb machte ich mich auch auf einen langen, langen Start gefaßt, Es war ein richtiges Pech. Alle die vielen Tage hatte ein Wind geblasen, der uns fast die Kleider vom Leibe riß und nun: Windstille,Windstille. - Um 5.10 drehten Weller und Lengrich mit sehnigen Händen den Propeller an. Auf das dritte "Frei" sprang er an und sollte nun nimmer ruhen, bis er nach trotzigem Ringen mit den Elementen auf Greenly Island die dünne Eisdecke zerhieb.
   Hünefeld war inzwischen auch eingestiegen. Er verstaute den mitgenommenen Proviant in der Kabine. Meinem Freunde Fitzmaurice hatte ich noch fünf Minuten Urlaub gegeben, damit er nochmals von Weib und Kind Abschied nehmen konnte. Als er damit fertig war, stieg auch er mit ein. - Wir waren reisefertig.
   Zuerst wurde der Motor abgebremst. Er lief regelmäßig und machte seine normalen Touren, die von ihm gefordert wurden, 1375 in der Minute. Beide Magnete wurden geprüft, sie waren gut. Ich nahm nochmals den Gashebel zurück. Fitzmaurice und ich zählten an unseren fünf Fingern ab, ob alle Hähne richtig gestellt waren, ob der Benzintank voll war und ähnliches mehr. Wir sahen uns an und nickten, und nun kam der Augenblick, in dem wir den Gashebel vorschoben.
   Von draußen her blickten mich voll ernsten Glaubens die übernächtigten Augen unseres lieben Weller an. Ernst waren sie und alle die vielen Augen der Anwesenden, die gespannt den Ereignissen folgten.
   Jetzt hatte ich keine Furcht mehr, mir hüpfte das Herz vor Freude, denn endlich war es wieder einmal so weit: Auf zum Kampf und Sieg, für der Luftfahrt schnelleres Werden, für der Menschheit Friedenswerke!
   "Lieber Gott, nun hilf du mir". - Ich fragte nochmal: "Klötze weg?" "Frei" schallte es von draußen, und langsam schoben wir den Gashebel vorwärts. Erst langsam, dann aber immer schneller setzte sich die "Bremen" in Bewegung. Sie will schon gleich zu Anfang links ausbrechen. Die gefährliche Bahn zwischen den großen Hallen ist zurückgelegt, nun geht es hinaus in die weite Welt. Nochmals will die "Bremen" ausbrechen, vor dem in schmaler Breite ausgefüllten Graben will sie links weggehen. Ich drehe stark dagegen, sie gehorcht und kommt langsam, langsam auf die richtige Bahn. Sie hat nun mehr Fahrt und nun gehorcht sie immer. Geradeaus den Fähnchen entlang geht es, hinweg über die vielen Stellen, die ich so oft abgegangen bin und die ich so genau kenne wie meine Hosentasche. Aber bei 400 Meter, wenn auch wenig, so doch aufwärts. Ich sehe, auf Fahrt. Die "Bremen" rollte so langsam. Wenn ich bedenke, daß sie 130 Kilometer Stundengeschwindigkeit braucht, um sie vom Boden wegzuheben! Es geht die ersten 400 Meter, wenn auch wenig, so doch aufwärts. Ich sehe, mit einer solch schweren Maschine ist ein Start bergauf sehr schwer. Nach den ersten 400 Metern, weiß ich, ist der Platz eben und dann fällt er, und nach den ersten 400 Metern, da geht's dann auch schneller und schneller. Der zitternde Geschwindigkeitsmesser, der zuerst nicht über 80 kam, er steigt nun langsam und zittert sich über 100. Aber noch immer ist nicht die Geschwindigkeit erreicht, die mir Schünzinger vorrechnete, die Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern. Es geht schon abwärts und dem Platzrande zu. Ich sehe den weißen Strich inmitten der grünen Grasnarbe, dort, wo wir für 70 gute englische Pfund die Mauer haben niederreißen lassen, näher und näher kommen, und immer noch kann ich die "Bremen" nicht abheben. Der Geschwindigkeitsmesser zittert erst um 110 Stundenkilometer herum. Aber ich weiß: nach der Mauer, nach dem weißen Strich sind es nochmals 700 Meter und da hoffe ich bestimmt das Flugzeug vom Boden wegzubringen. Es wird schon gehen! Da - mitten in diesen Überlegungen - was war das? Fitzmaurice, der rechts neben mir sitzt und rechts aufpassen muß, reißt das Höhensteuer an, die Maschine hebt sich 1 bis 2 Meter hoch und senkt sich, weil noch nicht genügend Fahrt darauf ist, zu Boden, sie kommt ins Springen. Warum dies? Weshalb? Es ist keine Zeit für mich, diese Fragen jetzt zu klären. Jetzt hilft nur kalte Ruhe und Halten, Halten, ruhiges Halten des Steuers. Nach mehreren Sprüngen, deren ungeheurer Gefahr ich mir voll bewußt war, kommt die Maschine wieder in ruhiges Abrollen und holt die verlorene Fahrt auf. Wird die Wiese ausreichen, die hinter der niedergerissenen Mauer sich dehnt? Werden wir rüberkommen über den sechs Meter hohen Wall am Ende dieser Wiese, oder ist dort schon das Ende des Ozeanfluges? Oder soll ich vielleicht vorher doch noch das Gas wegziehen und, wenn auch nicht die Maschine, so doch unser Leben dadurch retten? In den kurzen Sekunden geht dies alles durch den Kopf, und bei dieser angestrengten Gehirnarbeit halte ich den schweren Vogel so ruhig ich kann. Nur noch ganz kurze Entfernung bis zum Wall - da schwebt die "Bremen". Sie schwebt wirklich, und im gleichen Moment müssen wir, beide Piloten, langsam das Steuer anziehen, um, die Hecke fast streifend, das erste Hindernis im FIuge zu überwinden. - Der Start geglückt? Nein, noch nicht, da steigt vor uns ein Berg hinan. Die "Bremen" steigt zwar auch, aber der Berg, auf den wir zusteuern, steigt schneller. Die "Bremen" kann ihn so nicht überflügeln. Sie muß erst ihre freien Flügel im Luftmeer dehnen, sie muß auf Fahrt kommen, und in dieser Zeit kommt der Berg heran. Wieder kommen Sekunden des Zweifels, ob und wie wir diesem neuen Hindernis ausweichen. Wir kommen nicht hinüber, wir müssen abbiegen. Die "Bremen" neigt sich und dreht rechts ab vor dem nicht weichenden Berg, hinaus ins tiefe Tal. Bei der Kurve ist der Boden vom rechten Flügel kaum mehr einen halben Meter entfernt. Wir streifen damit die grünen Büsche, aber es geht schon abwärts und dies ist unsere Rettung. Nun kann die "Bremen" auf Fahrt kommen. Der Propeller wühlt in der frischen irischen Morgenluft und die FIügel tragen uns hinaus in die irische Landschaft, dem nahen Ozean entgegen.

 

Hermann Köhl, James C. Fitzmaurice, E.G. Freiherr v. Hünefeld : Unser Ozeanflug - Lebenserinnerungen - Der erste Ost-Westflug über den Atlantik der "Bremen"
Berlin 1928

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