Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1892 - Paul Wilhelm von Keppler
Geschrei auf dem Syntagma

Athen, Griechenland

 

Die Erweiterung der Stadt zeigt es, und die Statistik berechnet es, daß sie als Residenz einen mächtigen Aufschwung genommen; innerhalb 50 Jahren ist die Einwohnerzahl von 20.000 auf 90.000 gestiegen. Ist das eine natürlich Blüte, aufquellend aus der Kraft des Volkes, das sich wieder gefunden, aus dem Reichtum des Landes, aus lebenskräftiger Industrie und regem Handel, oder Treibhausblüte? Sicher eher das letztere. Athens Industrie und Handel will nichts bedeuten. Das Land ist fast unheilbar verarmt. Die Stadt zehrt aus dem Ruhm und den Ruinen des alten Athen, lebt von den großartigen Stiftungen der Mäzenaten, von Almosen der Reichen. Der Volkscharakter bietet nicht viele Garantien der Zukunft; mehr Geschrei als Tatkraft, mehr Einbildung als Bildung, mehr Freiheitsillusionen als freiheitlicher Sinn.
   In diesem Gefühl bestärkte uns eine Sonntagserfahrung, die wir in Athen machten. Wir schlenderten durch die Straßen und ergötzten uns an den farbenreichen, malerischen Kostümen der Griechen und Albanesen, unter denen besonders die phantastische Fustanella auffällt, das reich gefältelte weiße Schoßröckchen bis an die Knie, dem Ballettröckchen ähnlich, das merkwürdigerweise auch ein Truppenteil, das Jägerbataillon, trägt. Der Menschenschlag klein; aber manche schöngewachsene Gestalt und manches fein geschnittenes Antlitz erinnern noch an den klassischen Typus. Einmal kreuzt ein pompöser Leichenzug unseren Weg. Ein hoher Staatsbeamter wird zu Grabe geleitet, der Leichnam liegt in ungeschlossenem Sarge auf dem offenen Leichenwagen, und Griechenlands Sonne spielt zum letztenmal über das bleiche Antlitz hin. Das ist athenische Sitte. Kurz nachher aber fielen uns starke Truppenbewegungen auf. Kavallerieposten von 30 bis 50 Mann fassen an allen Straßen rings um das königliche Schloß Posto. Adjutanten sprengen im Galopp hin und her. Die Offiziere scheinen sehr ernsten Gesichts einer nahenden Gefahr entgegenzusehen. Aus der Ferne braust er heran wie Meeressturm. Nun überschwemmt eine ungeordnete Volksmasse tumultarisch den großen Platz unterhalb des Schlosses, Platz der Verfassung genannt. Hunderte von Equipagen und Wagen, grün verziert, alle mit einer Unmasse von Bildern behangen, die dasselbe Porträt eines Mannes zeigen. Es ist das Bild des Trikupis; zu seinen Ehren ist die Demonstration veranstaltet; der "souveräne Volkswille" begehrt ihn vom König anstatt des Delyannis, der in Volksungnade gefallen. Die Wagen sind vorwiegend mit jungem Volk besetzt bis herab zu Gassenbuben, die offenbar ihrer Stimmen wegen beigezogen wurden. Diese bezahlten Schreier umwogen eine Menge von Tausenden, die teils in den Ruf " Hoch Trikupis, nieder Delyannis!" einstimmen, teils gegenteilige Rufe ausstoßen, zischen und pfeifen und Stöcke schwingen und dadurch den Skandal auf den Höhepunkt treiben. Der Zug will sich Bahn brechen zum königlichen Schlosse, um dem König direkt den Willen des Volkes zu vermelden; aber der König hat alle Ursache, sich solch zärtlichem tête-à-tête, so nahen Umarmungen seines Volkes zu entziehen. Die Offiziere haben gemessene Befehle; ebenso ruhig wie entschieden verweigern sie den Durchgang, und wie Mauern stehen ihre Mannschaften hinter ihnen. Hat man anfangs nicht ohne Bangen dem Tumult zugesehen, so erkennt man bald die völlige Ungefährlichkeit desselben, und von da an bekommt er einen starken Stich ins Lächerliche und Komische. Die Kraft dieser Volksmassen liegt im Schreien; darin leisten sie das Menschenmögliche. Von fünf Uhr abends schreien sie ununterbrochen fort. Die Sonne geht herrlich unter, und goldene Abendröte umwebt Berg und Tal - sie schreien weiter. Die Nacht senkt sich herab, von geisterhaftem Glanz umflossen, mahnen die Ruinen der Akropolis an die große Vorzeit - sie schreien immer noch. Wir gehen zur Ruhe, und noch in unser Schlafgemach tönt das heisere Hyänengeschrei herein: "Trikupis, Trikupis!" Es mischt sich in unsere Träume, und nachts zwei Uhr erwachen wir an den Rufe: "Trikupis, Trikupis!" O Solon! O Themistokles! O Demosthenes! Schon die alten Athener hatten ja gewiß große Unarten, aber die Jung-Athener scheinen entweder keinen oder nur den unartigsten Tropfen alt-athenischen Blutes mehr in den Adern zu haben.
   
Paul Wilhelm von Keppler
Wanderfahrten und Wallfahrten im Orient
Freiburg/Br.1922

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