Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1790 - Johann Caspar Steube, Soldat in der k.u.k-Armee

An der Grenze zum Osmanischen Reich oder: Quarantäne und Handel mit den Türken
In der Nähe des Eisernen Tores der Donau

 

Ein bloßer von der Szerna [Cerna, Nebenfluß der Donau] angehender und gerade vor der Contumaz [Grenzwache] vorbei gegen das Dorf Schelnitza fortlaufender Zaun, welcher mit starken Palisaden befestigt und mit großen Dornfaschinen belegt ist, macht bei Schuppaneck die Grenze. Hinter der Contumaz, welche in dem geendigten Türkenkriege ganz abgebrannt worden ist, da wo der Weg aus der Türkei kömmt, und dort die Unterredung genannt wird, ist dieser Zaun doppelt und bildet ein etwa sechs Quadratklaftern enthaltendes längliches Viereck, welches mit zwei Gattern versehen ist, davon das eine auf türkischem, das andere auf kaiserlichem Boden steht. Von dieser Unterredung ging etwa ein hundert Schritte langer Weg in das Contumazgebäude, und es durften die Hineinfahrenden weder auf die eine noch andere Seite ausweichen. Sobald jemand vom türkischen Gebiete herüberkam, wurde er in das gleich an den äußern Palisaden befindliche Zimmer geführt, wo er visitieret und sodann in das Innere der Contumaz gebracht wurde. Dieses große Contumazgebäude bestund in sehr vielen Abteilungen oder Zimmern, welche alle par terre lagen und wo immer eins von dem andern durch besondere Palisaden unterschieden war und wenigstens eine Klafter voneinander abstunden, damit, wenn ja ein Exponierter seine Hand durch irgendeine Öffnung hindurchsteckte, er die des andern, der ein gleiches tun möchte, nicht erreichen und solchergestalt durch Berührung die Pest weder bekommen noch sie einem andern mitteilen konnte.
   Zwischen diesen Abteilungen befanden sich wieder breite Gänge und Plätze, wo die Exponierten spazieren gehen konnten, doch mußten sie sich hüten, im Fall sie die Contumazzeit bald überstanden hatten, sich mit den Neuankommenden zu vermengen; denn in diesem Falle, der freilich wegen der Einrichtung nicht wohl möglich war, mußten sie ihre Contumaz von neuem anfangen. Mitten in diesem Gebäude befanden sich große Schuppen, unter welche die aus der Türkei kommenden Kaufmannsgüter gebracht und von dem Warenbeschauer visitiert wurden. Waren nun diese, wie es sehr oft geschah, ganz voll, so mußten die Wagen so lange auf dem türkischen Gebiete stehen bleiben, bis es Platz darinnen gab, und es sah deswegen bei der Unterredung oft aus, als wenn Jahrmarkt da gehalten werden sollte. Nicht allein alle aus der Türkey kommenden Personen, wes Standes sie auch immer sein mögen, sondern auch jeder, der das türkische Gebiete nur im mindesten berührt, müssen sich den strengen Contumazgesetzen unterwerfen, ja es darf einer nur den Zaun da, wo er einfach ist, berühren, so muß er (es versteht sich, wenn es ein Reinigungsknecht gewahr wird) sogleich Contumaz machen; und das nämliche geschieht, wenn jemand einen Exponierten anrührt, sollte es auch nur mit dem Rockzipfel sein. Unter einem Exponierten versteht man jeden, der entweder in der Contumaz ist, um sie selbst zu halten, oder auf irgendeine Art mit diesen in Verbindung steht, als da sind: der Contumazfeldscher, der Warenbeschauer und alle Reinigungsknechte. Letztere sind nicht allein dazu bestimmt, den Contumazmachenden an die Hand zu gehen, sondern auch diejenigen Dinge, so keine Contumaz machen, an der Unterredung zu reinigen.
   Was die Lebensmittel betrifft, so erhielten sie selbige auf folgende Weise: Neben dem Contumazgebäude war ein Wirtshaus so angebaut, daß es einige Schuhe von denen das Contumazgebäude umgebenden Palisaden entfernt war. Der Wirt, welcher dort Arendator genannt wird, hatte einen im Falsen laufenden Tisch, welcher bis in die äußern Palisaden reichte; wollte nun jemand etwas haben, so schob der Wirt den Tisch, auf welchem Schalen mit Essig standen, hinüber; hier legten solche das Geld in den Essig und sagten zugleich, was sie haben wollten, welches er ihnen so hinüberschob. Auf diese Art konnten sie alle Bedürfnisse erhalten, ohne die Contumaz zu verlassen. Trifft es sich, daß jemand in eine Contumaz kommt, ohne die Mittel zu haben, sich die 21 Tage selbst zu beköstigen, so muß ihn die Contumazdirektion verpflegen, welche Verpflegung freilich zuweilen ziemlich mager ausfällt.
   Nicht alle Briefe kommen durch den gewöhnlichen Weg in die Contumaz; denn kommt einer von einem andern als dem Contumazwege herüber, so nimmt die erste Post, wo er abgegeben wird, einen langen, vorne aufgespaltenen Stock, worauf der Brief in den Spalt gesteckt und von dem Soldaten bis zur zweiten Post so vor sich hin getragen wird; nun gibt er seinem Kameraden entweder den Stock samt dem Briefe, oder dieser nimmt einen ähnlichen und klammert den Brief in die Spalte, und dieses geht so von Wachthaus zu Wachthaus bis in die erste Contumaz, wo er entweder durch Essig gezogen, oder mit Pestkraut beräuchert wird. Von den exponierten Personen darf außer dem Feldscher, Warenbeschauer und den Reinigungsknechten niemand aus der Contumaz herausgehen, und die Freiheit der erstem besteht bloß darinne, daß sie sich auf einige Schritte von dem Gebäude entfernen dürfen. Es ist ein wahrer Spaß, in Gesellschaft einer solchen exponierten Person zu sein, denn man darf ihnen nie so nahe kommen, daß sich die Kleider berühren können, weil in diesem Falle die Person, deren Kleid ein Exponierter berührt, sogleich Contumaz machen muß; man sieht daher, daß sich ein solcher Exponierter immer zurückzieht, wenn ihm jemand zu nahe kommt, weil er voraus setzen muß, daß ihn die sich nähernde Person nicht kennt. Bei meinem Aufenthalte befand sich ein sehr geschickter Feldscher namens Jäger darinnen, der, weil er lahm war und nur mit Mühe gehen konnte, allemal drohte, wenn ihm jemand zu nahe kam, stehen zu bleiben und durch die Berührung zu machen, daß man in die Contumaz müsse. Wenn ein Exponierter einem Nichtexponierten eine Prise Tabak geben will, so setzt er die Dose hin und tritt einen Schritt zurück, worauf sich der andere nähert, um sie zu nehmen, doch muß sich dieser hüten, die Dose zu berühren, denn dieses würde gleich verursachen, daß er Contumaz machen müßte. Ohngeachtet dieser strengen Gesetze trifft das Sprüchwort „Keine Regel ohne Ausnahme“ auch hier ein.
   Ich weiß selbst einen solchen Fall der Ausnahme. Nämlich eine Tante des Contumazdirektors hatte einst einen Reinigungsknecht im Vorbeigehen berührt, als diese nun in die Contumaz sollte, widersetzte sie sich mit ganzer Macht, worauf sich der Direktor seiner Gerechtsame, des Pestmantels, bediente, unter welchen sie sich setzen und durch Pestkraut beräuchern lassen mußte. Doch betrifft diese Ausnahme nur die, welche eine exponierte Person angerühret, nicht aber solche, die das türkische Gebiet betreten haben.
   Das Personale der Contumaz besteht in einem Direktor, Arendator, zwei Feldschern, zwei Warenbeschauern und achtzehn bis zwanzig Reinigungsknechten. Von diesen sind der Direktor und Arendator niemals exponiert, sondern können überall herumgehen, müssen sich aber demohngeachtet ebensowohl in Acht nehmen, eine exponierte Person anzurühren. Was den Feldscher anbetrifft, so wechselt dieser dergestalt ab, daß er ein halb Jahr in und das andere halbe Jahr außer der Contumaz zubringt. Nach Verlauf dieser Frist muß der herauswollende ebensowohl seine Contumaz machen, worauf er von dem andern abgelöst wird. Dieser und der Warenbeschauer, die als exponiert betrachtet werden, pflegen ihre Zeit mehrenteils mit der Jagd und Spazieren in dem türkischen Gebiete zuzubringen; wollen sie aber auf kaiserlicher Seite herumgehen, so müssen sie sich, wie schon gesagt, sehr in acht nehmen, daß sie durch Berührung niemanden in Ungelegenheit und in die Contumaz bringen.
   Da die Einrichtung derer weiter rechts liegenden Contumazgebäude zu Uipalanka, Kubin, Pancsowa and Semlin die nämliche ist, als die zu Schuppaneck war, so brauche ich sie nicht besonders zu erwähnen.

Da auf unserer Seite der sechs Stunden von hier gelegene Ort Mehadia der nächste ist, wo wir etwas von Lebensmitteln erhalten konnten, Orsowa aber nur eine halbe Stunde von hier entfernt liegt, so bekamen wir deren sehr viel von türkischer Seite. Wenn schon gehandeltes Kaufmannsgut herüberkommt, so wird solches, wie schon gedacht, sogleich in die Contumaz gebracht und daselbst visitieret, wo es 21 Tage liegenbleibt und dann erst nach erhaltenem Paß des Contumazdirektors weiterversendet werden darf. Will man aber bei der Unterredung selbst etwas kaufen, so legt es der Türk in schon erwähntes Viereck nieder und tritt dann auf seine Seite zurück; hierauf geht der Käufer hin und besieht es, doch ohne es anrühren zu dürfen; nach dem Besehen tritt er auf seine Seite zurück. Nun legt sich der Türk auf den jenseitigen und der Christ auf den diesseitigen Zaun, fordern und bieten so lange, bis sie des Handels einig werden. Sind es Dinge, die Contumaz machen müssen, so werden sie hineingebracht, und nach verflossenen 21 Tagen erhält man es wieder; sind es aber Sachen, die davon frei sind, als Wein, Milch, Essig. Obst und dergleichen, so läßt man solche auf der Erde liegen, ruft sodann einen Reinigungsknecht, um sie zu reinigen. Diese Reinigung besteht darinne, daß sie eine mit Essig angefüllte Schale nehmen und von demselben etwas drüber her spritzen. Ohngeachtet ich mehrmals gesehen habe, daß sie ihren Essig aus der Szerna geschöpft haben, so darf doch niemand vor dieser Reinigung das mindeste davon nehmen oder anrühren. Nun zählt man das Geld für die erkauften Waren entweder im Wege hin oder wirft es dem Türken, in etwas eingewickelt, über den Zaun hinüber. Wenn die türkischen Untertanen etwas von uns kaufen, so wird in Ansehung des Handelns ebenso verfahren, nur daß sie ihre erhandelten Sachen sogleich nehmen und Gebrauch davon machen können, weil sie auf ihrer Seite keine Contumaz haben und auch keine brauchen; denn teils können sie voraussetzen, daß sie die Pest von uns nicht hinüberbekommen, und wenn auch dieses geschehen sollte, so weiß beinahe jedermann, wie wenig sie gewohnt sind, sich davor in acht zu nehmen. Das Geld aber für die erhandelten Dinge dürfen sie uns nicht in den Weg hinlegen, weil, obgleich das Geld keine Contumaz macht, man es doch nicht so nehmen darf, sondern man hält ihnen eine Schale mit Essig hin, in die sie das Geld zählen, welches man nachgehends herausnimmt.
   Viele Leute stehen in dem Gedanken, daß die Türken sowohl in Ansehung ihrer Kleidung als körperlichen Gestalt sehr von uns verschieden und halbe Ungeheuer wären, bei denen weder Treue noch Glauben anzutreffen sei, und wundern sich oft, warum sie Gott nicht von der Erde vertilge. Weil ich nun Gelegenheit gehabt habe, mehr Jahre mit diesen Leuten umzugehen, so kann ich nicht allein versichern, daß sie, überhaupt genommen, ebenso gebildet sind als wir, daß die meisten unter ihnen recht gute Leute sind, welches man unter andern daraus abnehmen kann, daß sie alle ein dickes und fettes Ansehen haben, und daß ihre Kleidung weit beständiger und dem Körper angemessener ist als die unsrige; sondern daß sie auch, was Treue und Glauben betrifft, die Christen oftmals beschämen. Denn ich habe es nicht etwa vom Hörensagen, sondern oftmals selbst erfahren, wie pünktlich sie ihr Wort halten; und ich kann nicht umhin, den Türken auf Kosten der Christen hiermit ein Kompliment zu machen, daß ich von ihnen oft besser als von meinen eigenen Religionsverwandten behandelt worden bin. Wenn man von einem Türken etwas kaufen will, das er nicht hat, und eine Zeit bestimmt, in welcher er es bringen will, so kann man ohne Besorgnis eines Betrugs den Handel berichtigen und allenfalls das Geld vorausbezahlen, weil sie nie ermangeln, es auf die bestimmte Zeit zu bringen, ohne sich durch Wind, Regen oder Schnee davon abhalten zu lassen. Dieses ist um soviel mehr zu loben, weil sie wissen, daß wir im entstehenden Falle durchaus nicht hinüber auf ihre Seite gehen dürfen, und ich glaube, daß, wenn wir unsere Butter und Käse unbekannten Bauersleuten im voraus bezahlen wollten, wir trotz aller so hoch gepriesener deutschen Redlichkeit oft lange genug warten müßten oder gar nichts bekommen würden, welches um so viel schlechter wäre, weil sie wissen, daß es uns freistehen würde, sie selbst aufzusuchen und sie an ihr Versprechen zu erinnern.

 

Steube, Johann Caspar
Wanderschaften und Schicksale
Gotha 1791

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