Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1842 - Johann Georg Kohl
In den Gassen von Edinburgh

 

Die Stadt flimmert selbst an den gewöhnlichen Wochentagen von zahllosen Lichtern wie ein gestirnter Himmel und wie andere Städte an hohen Festtagen. Es ist aber die Armut, die an diesem Lichterreichtum schuld ist. Denn alle diese großen, hohen Gebäude sind von armen Leuten bis unter das Dach gefüllt. Eine jede Stube wird von einer Familie bewohnt, und da diese Leute bis spät in die Nacht beschäftigt sind, so flimmert aus jedem Fenster ein Lichtlein, während in den Häusern der Reichen oft lange Zimmerreihen unbenutzt und dunkel daliegen.
   »Sie müssen selbst hineingehen in die Gassen dieser alten Stadt und müssen sehen, in welchem Elend, in welchem Schmutz dort das arme Volk lebt«, sagte mir ein deutscher Landsmann in Edinburgh. »Denn tun Sie das nicht, so kehren sie wahrscheinlich, wie so viele andere Fremde, nach Deutschland zurück und loben die Pracht dieser englischen Städte, die Gastfreiheit ihrer Bewohner, die herrlichen Diners, und was weiß ich noch sonst, und vergessen gänzlich die Armen, wie die Engländer sie vergessen. Ich sage Ihnen, wenn Sie mit mir in jenen Häusern herumkriechen wollen, werden sie unerhörte Dinge sehen, wie Sie sie noch nie gesehen haben. Denn es existieren dort menschliche Zustände, Schmutz und Elendsszenen, wie sie in einem ordentlichen Staat gar nicht vorkommen, und gar nicht vorkommen dürfen.«
   In der Tat, hätte ich die Zustände der Armen in den polnischen Städten nicht gesehen, und hätte ich nicht auch anderswo in der Welt viel Jammer, Schmutz und Elend mit der Armut verbunden gefunden, so würde ich sagen, die Armseligkeit und der jämmerliche Zustand der Armen in den alten Stadtteilen von Edinburgh sei das trübseligste, was man auf Erden sehen könnte. In der Masse von Armut und Elend, die es in diesem irdischen Jammertal gibt, mag man kaum darüber entscheiden. So viel aber ist gewiss, dass die Lebensweise dieser Armen von Edinburgh ihre ganz eigentümlichen Umstände hat, die vorzugsweise aus der merkwürdigen Bauart dieses Stadtteils entspringen.
   Diese Closes sind nämlich die engsten Gässchen, die irgendwo in der Welt vorkommen. Denn sowohl die engen Gassen in Genua als auch die der orientalischen Städte sind breite Landstraßen dagegen. Einige stellen in der Tat buchstäblich nur einen ein bis zwei Ellen breiten Spalt zwischen den Häusern vor. Sonst waren die Häuser an den Seiten dieser Closes von Edelleuten bewohnt, und viele tragen auch noch heute den Namen alter Familien; so z. B. heißt einer »Morrison's Close«, ein anderer »Grey's Close«, ein dritter »Stewart's Close«, ein vierter »Blyth's Close«. Diese Herren bauten sich mit Fleiß in so engen Räumen ein, um so sicherer zu sein und gelegentlich ihre Straße verrammeln zu können. Selbst der Name »Close« scheint auf diesen Zweck hinzudeuten. In einigen Closes sieht man noch die Wappen solcher alten Familien angebracht. Und in Blyth's Close wird noch der Palast der Königin Marie von Guise gezeigt, welche von 1554 bis 1560 Regentin von Schottland war. Er liegt jetzt halb in Ruinen und ist, wie alle die anderen Ritterhäuser, von oben bis unten mit armen Leuten bevölkert.
   In einem anderen Close, »Bakehouse Close« genannt, befindet sich das alte Haus der Earls von Gosford, ehemals ein Prachtgebäude, jetzt ebenfalls von den ärmsten Leuten bewohnt. Nahe dabei steht der Palast einer berühmteren Familie, der Earls von Moray, und nicht weit davon der der Herzöge von Queensberry, nun ein Haus für Bettler. Ähnliche berühmte und jetzt degradierte Häuser findet man überall.
   Die Armen habe ich noch nirgendwo reinlich gefunden, denn nur Wohlhabenheit gibt Liebe zur Ordnung und Reinlichkeit. In England gehört schon ein großer Grad von Wohlhabenheit dazu, bis diese Liebe zur Ordnung - zur Reinlichkeit und Sparsamkeit kann ich noch dazusetzen - eintritt. Die englischen Armen sind nur gar zu oft Verschwender, Trunkenbolde und in Schmutz begraben. Ich glaube, von den schottischen Armen gilt dies noch mehr. Dem allem nach kann man sich nun denken, welche Unlieblichkeit, welcher Gestank, welcher Schmutz einem aus jenen Closes entgegenatmet. Da die Sonne und der Wind nie hineinkommen, so sind sie fast immer feucht. An manchen Stellen sah ich Schmutz liegen, der jahrelang angehäuft zu sein schien. Auf wunderlichen Treppen, die oft wie Leitern von außen angesetzt sind, gelangt man in das Innere und Obere der Häuser, von denen einige inwendig ein Labyrinth von Gängen, steinernen Treppen und armseligen Höhlen enthalten. Aus diesen Löchern und Höhlen hat man zuweilen die herrlichsten und eigentümlichsten Aussichten und Durchblicke durch die besagten Straßenspalten auf die Neustadt und ihre Gärten und Berge. Denn, wie ich schon bemerkte, die meisten dieser Closes gehen am Berg hinab und sind daher zum Teil Treppengänge, und es ist so mitunter erlaubt, in die schöne Tiefe hinabzuschauen.
   Die Cholera grassierte schrecklich in diesen oft für den Arzt ebenso wie für die Polizei, für die Sonne und andere wohltätige Kräfte unzugänglichen Häusern, und auch jetzt noch, sagt man, sollen ansteckende Krankheiten hier nie ganz aufhören. Es sind auch viele Iren unter den Bewohnern dieser Ruinen, und da diese ohne die Schweine nun einmal nicht sein können, so nehmen diese ihre Lieblingstiere oft hoch unter die Dächer mit sich hinauf, wo sie sie in dem Schlafgemach irgendeines Hofmanns und Ritters, James des Fünften oder Sechsten, großfüttern. Man erzählt sich in Edinburgh, dass, als zur Cholerazeit die Polizei hineindrang und Ordnung und Reinlichkeit schaffen wollte, man einmal eine Partie Schweine vom vierten Stockwerk aus dem Fenster habe herablassen müssen, weil sie unversehens für die enge Passage der steinernen Stubentür zu dick und fett geworden seien.

 

Kohl, Johann Georg
Reisen in Schottland
Dresden & Leipzig 1844

Abgedruckt in:
Ulrike Keller (Hrg.)
Reisende in Schottland seit 325 v. Chr.
Wien 2008

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