Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1907 - Luigi Barsini, Journalist und Teilnehmer an der Peking-Paris-Wettfahrt im Team des Fürsten Borghese

Mit dem Auto in Kjachta
Sibirien

 

Kiachta konnte nicht mehr weit sein. Es war 4½ Uhr nachmittags. Wir wollten rechtzeitig eintreffen, um vor Einbruch der Nacht noch die Geschäfte auf dem Zollamt zu erledigen und auf russischem Boden zu schlafen. Wir suchten daher die Fahrt zu beschleunigen, aber der Weg führte uns über Dünen, in denen die Räder einsanken. Der Sand lag lose und hoch und leistete uns einen immer größeren Widerstand. Die Laufräder begannen sich zu drehen, ohne sich fortzubewegen; sie schleiften auf dem Boden. Der Motor strengte sich an und erhitzte sich, und der Dampf strömte zischend aus dem Kühler. Es fehlte uns an Wasser, und aus Furcht, einen Teil der Maschine zum Schmelzen zu bringen, gewährten wir dem Motor lange Ruhepausen. Er verbreitete eine Hitze, die sich schon von fern bemerkbar machte, jedesmal aber warteten wir die Abkühlung ab. Während dieser Ruhepausen arbeiteten wir, ebneten den Weg vor den Rädern mittels des Spatens und schaufelten so viel Sand weg, bis wir auf eine feuchte, härtere Schicht stießen. Dann ging es wieder vorwärts; wir unterstützten die Anstrengungen der Maschine durch Schieben. Zentimeter auf Zentimeter rückten wir vor. Wir brauchten eine Stunde, um einen halben Kilometer zurückzulegen, und gelangten dann in steilem Aufstieg zum Gipfel.
   Auf halber Höhe zeigte sich uns Kiachta. In der Entfernung von zwei Kilometern lag es in ein Tal eingebettet, um vor den Stürmen geschützt zu sein. Daher hatten wir es auch vorher nicht gesehen. Sie verbarg sich vor uns, die stolze Stadt!
   Wir empfingen in der Tat von Kiachta den Eindruck stolzer Großartigkeit. Das Bild wuchs in unserer Phantasie ins Riesengroße, zu einem wahren Schönheitstraum. Wir sahen spitze Glockentürme, weiße Häuser mit Fenstern, Giebeldächer, Fabriken mit hohen Schornsteinen - alles wunderbare, unglaubliche Dinge! Diese Formen setzten uns in Erstaunen, weil sie uns vertraut waren. Es schien, als sei uns Europa bis zur Mongolei entgegengekommen.
   So waren wir also angelangt! Wir fühlten Freude und Stolz darüber. Wir betrachteten diese Stadt, die zwischen dem Grün der Bäume weiß hervorschimmerte, als hätten wir sie erobert. Ihr Erscheinen war eine Überraschung, ihr Anblick eine Offenbarung.
   Vor Kiachta dehnt sich eine niedrige, regellose Menge kleiner Häuser aus: es ist Maimatschen, die letzte chinesische Stadt. Urga ist eine dreifache, Kiachta eine doppelte Stadt. Die Häuschen von Maimatschen drängen sich auf der Grenze der beiden Reiche an die slawischen Gebäude heran, als wollten sie sich deren Einmarsch entgegenstellen. Die russische und die chinesische Stadt liegen nicht wie in Urga weit voneinander entfernt, sondern berühren einander. Es sieht aus, als stießen sie sich, als suchten sie einander vom Platze zu drängen, als machten sie sich das Gelände Zoll um Zoll streitig. Die neutrale Zone ist nur wenige Meter breit - ein kleiner Rasenstreifen, auf dem sich einer Schildwache gleich der hohe Pfeiler erhebt, der die Grenze bezeichnet. Die Nachbarschaft hat kein vertrautes Verhältnis im Gefolge gehabt. Auf der einen Seite Stockchinesentum, auf der andern Stockrussentum. Eine Ansiedlung, die an der Wolga liegen könnte, ist mit einer solchen vereinigt, die sich am Jang-tse-kiang befinden könnte!
   Was uns in Maimatschen in Erstaunen setzte, war der Umstand, daß sich hier die am schärfsten ausgeprägten Charakterzüge Chinas finden. Es gleicht weniger einem Orte der Provinz Tschili als einem von Hu-pe; es gehört mehr dem Süden als dem Norden des Reiches an. In der Tat stammen seine Bewohner aus der Umgebung von Hankou, aus dem eigentlichen Herzen Chinas. Sie kommen aus dem Lande des Tees und sind des Tees wegen nach Maimatschen gewandert. Kiachta und Maimatschen verdanken ihr Dasein einzig und allein dem Tee, der auf langen Reihen von Kamelen durch die Wüste kommt (oder besser kam). Kiachta nimmt ihn in Empfang, Maimatschen übergibt ihn. Dieser Ort ist Jahrhunderte hindurch der Mittelpunkt eines der größten Weltmärkte gewesen. Der Handel mit Tee hat fabelhafte Reichtümer von Hankou nach Moskau gebracht; sein Transport hat die Saat des Wohlstandes auf zwei Kontinenten zurückgelassen. Der Tee ist eine der reichsten Quellen des Gewinnes zweier Völker geworden, die in jenen Einöden ein dauerndes Kompaniegeschäft gegründet haben. Es sind China und Rußland, die miteinander im Vertragsverhältnisse stehen.
   Die Bewohner von Maimatschen haben alle ihre Gewohnheiten, ihre Gebräuche, ihre Geschmacksrichtungen mitgebracht. Die Außenwände der Häuser sind roh, einförmig kahl und grau, weil der Chinese seinen Luxus nicht für die Vorübergehenden zur Schau stellt. Aber durch jede offene Tür sehen wir in das Innere großer, buntbemalter Höfe hinein und auf den Türpfosten, auf den spanischen Wänden, die die Blicke der Fremden abhalten sollen, auf den Pfeilern drehen und winden sich Drachen und andere lebhaft gefärbte Fabeltiere, gestikulieren bizarre Gestalten, fliegen Phönixe inmitten eines Gewirrs traditioneller Ornamente, erglänzen große vergoldete chinesische Schriftzeichen, die „langes Leben“ und „viel Glück“ bedeuten - die ganze ins Auge fallende Zusammenstellung von Dingen, die in China die Aufgabe haben, das Böse zu vertreiben und das Gute anzulocken. Eine derartige überströmende ornamentale und symbolische Fülle ist den echt chinesischen Ortschaften Chinas jenseit des Gelben Flusses eigen, wohin der tatarische Einfluß nicht gedrungen ist.
   Die Bevölkerung von Maimatschen wurde durch unsere Ankunft in Aufregung versetzt. Man hatte uns von den sandigen Hügeln herunterkommen sehen, und alle Chinesen in ihren blauen Kleidern liefen, die Fächer bewegend, auf die Straße, kamen uns entgegen und drängten sich um uns, während wir durch die Stadt fuhren. Keine Frau befand sich unter ihnen. Es ist eine Eigentümlichkeit Maimatschens, die auffallendste, die sich in einer Stadt, die Tausende von Einwohnern zählt, denken läßt: es gibt hier keine Frauen. Ich weiß nicht, ob dies auf einer Bestimmung der Verträge mit Rußland beruht, das an seiner ganzen östlichen Grenze die Eroberungszüge der Fruchtbarkeit der gelben Rasse fürchtet, oder auf einem freiwilligen Entschluß der Chinesen, die davor zurückscheuen, sich fern von ihrer Heimat anzusiedeln, um nicht nach dem Tode gemäß ihren Anschauungen das schmerzlichste Exil, das der Seele, zu erdulden. Tatsache ist, daß Maimatschen eine Männerstadt ist.
   Diese Seltsamkeit hat ein Gegenstück, das vielleicht nicht ganz außer Zusammenhang mit ihr steht: drei Li [1 Li = 575 m] von Maimatschen entfernt liegt in der Ebene ein Jurtendorf, das einzig und allein von mongolischen Frauen bewohnt ist.
   Ein junger Chinese winkte uns zu, wir möchten halten, und redete uns englisch an. Er wollte die Ehre haben, uns zu beherbergen, wenn auch nur auf wenige Minuten, wie alle seine Kollegen von Kalgan bis Urga diese Ehre gehabt hatten: es war der Vorsteher des Telegraphenamtes.
   „Ich habe den Polizeikommissar von Kiachta von Ihrer Ankunft benachrichtigen lassen“, sagte er, als er uns in seiner Privatwohnung empfing; „inzwischen können Sie sich erfrischen, sich waschen und etwas trinken.“
   Wir befanden uns allerdings in einem unbeschreiblichen Zustande. Unsere Gesichter waren buchstäblich schwarz von Staub, und auf unseren Kleidern lag eine dicke Kruste der verschiedenen Schmutzarten, mit denen wir auf unserer Fahrt in vertraute Berührung gekommen waren: schwarzer Schmutz aus den Sümpfen, gelber aus dem Chara-gol, weißer aus dem Iro. Man brachte uns warmes Wasser, kaltes Wasser, Seife, Kämme, Handtücher, Kleiderbürsten und dann Zigaretten, Wein, Milch, Biskuits, eingemachte Früchte. Wir versuchten und kosteten alles; wir verwandelten uns äußerlich und innerlich. Endlich machten wir uns auf die Ankündigung hin, daß der Kommissar uns erwarte, dankbar und neu gestärkt wieder auf den Weg.
   Eine Minute später verließen wir das Himmlische Reich.
   Neben dem Grenzpfeiler stand als Posten der erste Gorodowoi (Schutzmann), den wir zu Gesicht bekamen, in weißer Uniform, mit flacher Mütze, den Säbel am Wehrgehenk, die Brust mit roten Verschnürungen geschmückt. Er erhob die Hand und befahl:
   „Stoi!“ - „Halt!“
   Er grüßte steif, indem er zwei Finger an den Schirm seiner Mütze legte und die Hacken zusammenschlug, und sprang auf das Automobil. Auf dem Trittbrett stehend, gab er die einzuschlagende Richtung an und kommandierte:
   „Vorwärts, rechts!“
   Das Automobil bewegte sich gehorsam wie ein Rekrut.
   Wir betraten den Boden des Russischen Reiches.
   Der Polizeikommissar von Kiachta empfing uns in seinem Amtszimmer und erklärte uns mit finsterem Gesicht, er befinde sich in der Notwendigkeit, mit uns von ernsten Dingen sprechen und uns einige wichtige Dokumente überreichen zu müssen.
   Der Fürst und ich sahen uns fragend an. Der Ton unseres Gastfreundes hätte den Glauben erwecken können, als handle es sich um einen Verhaftungs- oder Ausweisungsbefehl. Aber bald sollten wir bemerken, daß er stets eine würdige, feierliche Haltung annahm, wenn er von amtlichen Geschäften sprach, welcher Art sie auch sein mochten, während er sich heiter und gewandt über alles sonstige unterhielt. Er ließ zwei getrennte Persönlichkeiten erkennen, die des Bureaukraten und des gebildeten Mannes, von denen jede ihre besondere Umgangsform und Sprechweise hatte. Im übrigen war er ein sympathischer Beamtentypus und wurde einer unserer besten Freunde in Kiachta. Er war ein kleiner, dicker, alter, gesprächiger, gebildeter und sprachenkundiger Herr. Jetzt hatte er sich in seinen amtlichen Ernst wie in eine Uniform gehüllt.
   Er forderte unsere Pässe, um sie zu prüfen. Dann teilte er uns mit, daß die Zollverwaltung den Befehl erhalten habe, uns zollfrei passieren zu lassen, und überreichte uns, nachdem wir eine regelrechte Empfangsbescheinigung ausgestellt hatten, einige Schriftstücke, die von Petersburg gekommen waren und die ebenso viele Beweise des wohlwollendsten amtlichen Schutzes darstellten. Die russische Regierung hatte, als die Fahrt Peking–Paris projektiert worden war, durch das Ministerium des Auswärtigen es abgelehnt, die Verantwortung für die persönliche Sicherheit der Reisenden zu übernehmen, namentlich während ihrer Fahrt durch Sibirien. Wir waren daher angenehm überrascht, als wir in Kiachta ein amtliches Schreiben des Ministers des Innern erhielten, eine Podoroschnaja, einen Reisepaß, der alle Behörden ersuchte, uns im Notfalle Hilfe zu leisten, nebst einem Schreiben des Generaldirektors der Reichspolizei, das uns des väterlichen Schutzes aller Polizeiämter versicherte, und drei besonderen Erlaubnisscheinen, kraft deren es einem jeden von uns gestattet war, zwei Revolver bei sich zu führen.
   Nachdem die Überreichung vor sich gegangen war, lachte der Kommissar, rieb sich die Hände und nahm die freundliche Miene eines liebenswürdigen Privatmannes an.
   Er erzählte uns die letzten Neuigkeiten aus der Welt, um uns auf dem Laufenden zu erhalten: die Duma war aufgelöst worden; in Petersburg herrschte Ordnung; in Südfrankreich war Revolution; in der Nähe von Neapel hatte sich ein Automobilunglück zugetragen. Dann ließ er Champagner bringen und stieß mit uns auf den Erfolg unserer Fahrt an. Auch begleitete er uns persönlich nach dem Zollamte und stellte uns vielen Beamten, Herrn Sinitzin, dem Agenten der Russisch-Chinesischen Bank, und den angesehensten Persönlichkeiten der Stadt vor. Kurz, er war ein gefälliger und liebenswürdiger Führer.
   Auf dem Zollamte mußten wir eine Erklärung unterzeichnen, in der wir, Fürst Borghese und ich, uns solidarisch verpflichteten, das Automobil über die Grenzen des Reiches zu bringen. Es war dies unser sehnlichster Wunsch, der hier protokolliert und zum Gegenstande einer feierlichen Amtshandlung gemacht wurde.
   An der Maschine wurde eine Tafel mit einer Zahl - Nummer 1 - angebracht, und dieselbe Zahl wurde auf die Scheiben der Laternen gemalt. Dann wurden wir für frei erklärt. Herr Sinitzin lud uns in sein Haus ein, ein großes Holzhaus, in dem sich auch die Geschäftsräume der Russisch-Chinesischen Bank befinden. Nie werden wir den patriarchalischen, liebevollen Empfang vergessen, der uns hier zuteil wurde.
   Das alte Haus war in voller Aufregung; es zitterte und knirschte vom Boden bis zum Keller unter den eiligen Schritten der barfüßigen Mägde, die in die charakteristischen traditionellen Trachten Sibiriens gekleidet waren; die Herdfeuer brannten beständig, weil die Tafel immer gedeckt blieb. Es kamen Schüsseln auf den Tisch, die homerischer Gastmähler würdig gewesen wären; riesige Rinderbraten, große gesottene Fische, Lammviertel, dampfende Borschtsuppe in Terrinen, die so groß waren wie Fischteiche, Berge von Kaviar, von Stör, von Lachs, von Eiern, von Pirowski, und Flaschen, gefüllt mit jederlei Art Wein und jederlei Art Likör, köstliche Früchte, die eigens aus Italien bezogen waren. In der Mitte des Ganzen summte ein riesiger Samowar wie eine zufriedene Katze. Was uns aber noch mehr zusagte, das war die ungeheuchelte, aufrichtige Herzensgüte, die Zuvorkommenheit, die Liebenswürdigkeit, von der wir umgeben waren. Wir empfanden in allem die Sympathie, die man uns entgegenbrachte, die Freundlichkeit, die Vertraulichkeit, das beständige Bestreben, uns vergessen zu lassen, daß wir Fremde und fern von der Heimat seien. Unsere Neigungen, unser Geschmack wurden studiert, und oft kam man ihnen zuvor. Ein beständiges Lächeln belebte aller Blicke. Die gute Frau Sinitzin, die in ihrer Unermüdlichkeit mitunter ihre Staatstoilette ablegte, um sich den üblichen Pflichten der Hausfrau zu widmen, war unaufhörlich um uns besorgt. Sie verschwendete an Fremde die Schätze ihres mütterlichen Empfindens, weil sie an die Schwelle des Greisenalters gelangt war, ohne Mutter gewesen zu sein. Sie hatte Falia, ein Burjatenmädchen, als Tochter angenommen, und dieses, einem wilden Stamme entsprossene Kind erheiterte ihr die Einsamkeit des Lebens. Falia brachte uns Blumen, und wenn sie uns nachdenklich und ernst sah, kam sie zu uns und lächelte uns an.
   Fortwährend kamen neue Gäste zu Tische. Die Freunde betraten das Zimmer, nahmen nach kurzer Begrüßung Platz und verkehrten in der Familie mit einer Vertraulichkeit, die auf langjährigen Umgang schließen ließ. Man begreift, daß bei diesen Leuten alle Türen und Tore offenstehen; sie sprachen in einem Tone ernster, ruhiger Freundschaft, aus dem man ersehen konnte, daß auch die Tore des Herzens geöffnet waren. Viele der Erschienenen waren Teehändler; auch unser Gastfreund Sinitzin gehörte dazu. Alle diese einfachen und bescheidenen Männer von ungeschlachtem Körperbau, mit bärtigen Gesichtern und dem sanften Blick des russischen Muschik, die in Blusen aus sibirischer Seide gekleidet waren und riesige Stiefel an den Füßen hatten, waren Millionäre. Der Teehandel hatte sie reich gemacht.
   Kiachta ist ein Städtchen von Millionären. In den kleinen, mit lebhaften Farben bemalten Holzhäusern, die sich längs der aus Brettern hergestellten Fußsteige hinziehen und durch ländliche Höfe voller Telegas und Schlitten voneinander getrennt sind, führen Familien, die einen Palast in Moskau oder Petersburg besitzen könnten, ein Leben wie Verbannte. Der Tee geht fast gar nicht mehr durch Kiachta; die Quelle ihres Reichtums ist seit etlichen Jahren versiegt, aber sie bleiben. Sie harren aus in dem Lande, das ihnen Wohlstand gebracht hat, sie bleiben in der Nähe ihrer alten prächtigen Kathedrale, die mehr Schätze birgt als alle Kirchen Sibiriens zusammengenommen. Die Liebe zu dem Orte hält sie hier zurück, die Unbekanntschaft mit dem Luxus, die Gewohnheit und auch die unbestimmte Hoffnung, daß die uralte Wüstenstraße sich wiederum mit Karawanen bevölkern, daß die kleine, jetzt so stille Stadt wieder zu geschäftigem Lärm erwachen werde.
    „Sie haben keinen Begriff“, sagte ein Zollbeamter zu mir, „was Kiachta vor sieben bis acht Jahren war! Sehen Sie diese breiten, öden Straßen? Sie reichten an manchen Tagen nicht aus, um das riesige Gewirr des Kommens und Gehens zu fassen. Es wurden täglich bis zu 50.000 Kisten Tee verladen. Jährlich kamen 25.000.000 Kilogramm Tee durch. Der große Umsatz begann im Oktober, und im November und Dezember war ganz Kiachta ein einziger großer Jahrmarkt und ein einziger Festplatz. Nicht einmal des Nachts begab man sich zur Ruhe. Oft schneite es, und die Leute freuten sich darüber, weil der Schnee die Straßen zu Schlittenbahnen umwandelte. Sinitzin und viele andere mieteten jeder im Sommer bis zu 500 Kamele, um die ersten zu sein, den neuen Tee auf die Messe nach Nischnij-Nowgorod zu schicken. Sehen Sie jene großen Gebäude aus Ziegeln, hinter der Kirche? Das waren die Lagerspeicher, der Gostinij Dwor. Hunderte von Arbeitern waren dort Tag und Nacht beschäftigt, die Ladungen aus der Mongolei zu öffnen, den beschädigten Tee auszusondern und die Kisten für die Reise durch Sibirien wieder zurechtzumachen, indem sie sie mit Kamelfellen bedeckten. Dort fanden die Versteigerungen statt, und Hunderttausende von Rubeln liefen um, als wären es Kopeken. Riesige Schlittenkarawanen gingen nach dem Baikalsee ab. Alle Höfe standen voll von Pferden. Am Abend fanden dann große Bälle und unaufhörliche Gastereien statt; in Troizkossawsk, der nächsten Stadt, befand sich ein Theater. Man trank, man lachte, man gab Geld aus, ohne zu rechnen. Jetzt, nachdem dieses Leben zweieinhalb Jahrhunderte gedauert hat, ist Kiachta eine tote Stadt.“
   „Ist dieses Jahr wenig Tee durchgekommen?“
   „Nichts.“
   „Alles geht nach Wladiwostok?“
   „Alles geht mit der Eisenbahn. Vor zwei Jahren trat während des Krieges ein Aufschwung ein, weil alle Eisenbahnlinien für die Truppen in Beschlag genommen waren. Aber jetzt ist es vorbei. Wie soll man mit der Eisenbahn den Kampf aufnehmen? Die Straßen sind ganz verödet, es benutzt sie niemand mehr. Sie werden es mit eigenen Augen sehen.“
   
   „Aber die Verbindungen mit der transsibirischen Eisenbahn? Kiachta wird kein weltabgeschiedener Flecken bleiben!“
   „Nein, aber jetzt benutzt man den Flußweg. Es gibt Dampfboote, die den Verkehr zwischen Werchne-Udinsk und Ust-Kiachta auf der Selenga vermitteln, und von hier bis Ust-Kiachta ist die Straße für Telegas noch gangbar.“
   Die Auskünfte über die Straßen, die wir von allen Seiten erhielten, konnten nicht entmutigender lauten.
   „Über die Maßen schlecht, schauderhaft, unwegsam!“ hatte uns der Polizeikommissar mit seiner dröhnenden Stimme gesagt. „Haben Sie Sümpfe in der Mongolei angetroffen? Sie werden noch schlimmere finden. Wissen Sie, welche Art von Sümpfen die Engländer mit ‚Bog‘ bezeichnen? Nun, Sie werden auf ‚Bogs‘ stoßen, wie Sie in Ihrem Leben noch nicht gesehen haben! Und Abhänge, daß Sie sich den Hals brechen können! Anhöhen, auf die Sie das Automobil nur mit Seilen hinaufziehen können! Und Sand, einen Meter hoch! Wollen Sie noch mehr wissen? Noch heute will ich durch meine Agenten die einzigen Leute befragen lassen, die jene Straße benutzen, die Telegraphenarbeiter, die die Linie auszubessern haben. Sie sollen alle Einzelheiten erfahren. Ich für meine Person bin unerschütterlich fest davon überzeugt, daß Ihr Automobil nicht durchkommt.“
   „Ist es möglich?“ riefen wir mit schmerzlichstem Erstaunen aus und dachten dabei an jene hübschen Doppellinien der Landkarte. „Wir haben doch alle Schwierigkeiten der Straße zwischen Urga und Kiachta überwunden.“
   Unsere Unfälle in der Mongolei interessierten alle Teemillionäre. Die Nachricht von der Fahrt Peking–Paris hatte in Kiachta ein Publikum gefunden, das darüber in Aufregung geriet. Neue Hoffnungen erwachten. Man erwartete mit Spannung die Erprobung des Automobils auf mongolischem Boden. Sollte es nicht möglich sein, das Kamel durch das Automobil zu ersetzen und die Konkurrenz der Eisenbahn bei der Teebeförderung zu besiegen? Unsere Ankunft versetzte die alten Teekaufleute in hochgradige Erregung. Wir hatten die Strecke von Kalgan bis Kiachta in 7 Tagen zurückgelegt, während die Karawanen 20 brauchten. Sie fragten uns nach tausenderlei Dingen, über die Kosten des Benzins, über die Möglichkeit, schwere Lasten zu befördern, über den Preis der Maschine. Sie diskutierten eifrig untereinander. Aus ihren Reden ersahen wir, welches der Hauptgrund gewesen war, der sie in Kiachta zurückgehalten hatte: sie erwarteten, daß die russische oder die chinesische Regierung die mongolische Bahn bauen würde, eine Bahn, die von der Logik der Dinge gefordert und daher unausbleiblich war.
   Es kann noch viel Zeit vergehen, aber kommen wird die Bahn. Dann würde Kiachta, durch den Schienenstrang mit Hankou verbunden, allen chinesischen Tee direkt aus den Produktionsorten an sich ziehen. In die ruhige und geduldige Erwartung der mongolischen Linie warf das Automobil ein Fieber neuer Ideen und neuer Pläne hinein. Augenblicklich jedoch ist das Automobil, wenn es sich auch selbst in der Wüste als schnelles Verkehrsmittel bewährt hat, noch kein praktisches Beförderungsmittel. Die „Itala“ hätte nach Kiachta nicht mehr als 200 Kilogramm Tee bringen können, und zwar mit einem Kostenaufwand von Mark 1,20 bis 1,60 für das Kilogramm.
   Wie das dem Fürsten in Peking zugegangene Telegramm in Aussicht gestellt hatte, erhielten wir in Kiachta eine ausführliche Liste unserer Ersatzvorräte mit Angabe der Menge der einzelnen Gegenstände und der Entfernungen von einem Depot zum andern in Werst. An der Spitze der Liste stand Kiachta. Aber in Kiachta war auch nicht ein Tropfen unseres Benzins angekommen! Das Brennmaterial, das wir noch in den Behältern hatten, hätte vielleicht hingereicht, uns bis zum Baikalsee zu bringen, aber wir waren nicht sicher. Die sehr schwierige Straße von Urga hierher hatte den Motor oft zu angestrengter Tätigkeit gezwungen und den Benzinverbrauch erhöht. Wenn der künftige Weg ebenso schlecht war, so würde unser gesamter Reservevorrat aufgebraucht werden, bevor wir das nächste Depot erreichten! Hätten wir es dann in Wirklichkeit und nicht nur auf der Karte auffinden können? Würden wir nicht gezwungen sein, vielleicht auf Wochen hinaus festzuliegen?
   Das Glück war uns günstig. Einer der reichsten Kaufleute von Kiachta hatte vor Jahren den Einfall gehabt, sich ein Automobilwägelchen und mit ihm eine große Menge Benzin kommen zu lassen. Das kleine Automobil hatte den guten Gedanken gehabt, infolge eines Schadens, dem der Schmied des Ortes bisher nicht hatte beikommen können, die Arbeit einzustellen; das Benzin war im Keller eines Magazins liegengeblieben und wartete sozusagen auf die unwahrscheinliche Gelegenheit, daß ein Automobil durchkäme. Herr Sinitzin, der als Agent der Russisch-Chinesischen Bank unser Depot hätte in Empfang nehmen sollen, erinnerte sich des Wägelchens seines Freundes und verschaffte uns das wertvolle Brennmaterial, nachdem wir das halbe Russische Reich vergebens mit dringenden Telegrammen bestürmt und uns schon entschlossen hatten, unser Glück zu versuchen. So vervollständigten wir unsere Vorräte.

 

Barsini, Luigi
Peking-Paris im Automobil. Eine Wettfahrt durch Asien und Europa in sechzig Tagen
Leipzig 1908

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