Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1877 - Friedrich von Duhn
Die Hermes-Staue des Praxiteles
Olympia

 

Von halber Höhe des Hügels, auf dem das Dorf Druva, die Wohnstätte unsrer deutschen Ausgräber, lag, erblickten wir die heilige Altis, erkannten die Stätte des Zeustempels, welche schon frei aufgedeckt dalag, sahen östlich und westlich von ihr große Trümmermassen hell schimmern, vom deckenden Erdreich befreit, am Nordrand, hart unter dem bewaldeten Hügel des Kronion, andre liegende Säulenreihen, aufgehende Mauerstücke und dazwischen die leuchtende Fläche von Steinplatten: das Heraion; dazwischen und auch nach andern Richtungen laufende dunkle Streifen: die Gräben, mit denen wir nach damals noch geübtem älterem System das Ausgrabungsgebiet durchfurchten, um zunächst nach den wichtigeren Bauten zu suchen. Am Rande des Grabungsfeldes Holzschuppen zur Aufnahme der Fundstücke, andre kleinere längs des Kronionabhanges, die für Unterkunft und Verpflegung der vielen Arbeiter dienten. Überall reges Leben, Grabende und Schiebkarrenzüge, diese ein bis dahin in Griechenland unbekanntes Bild; die Schiebkarre, seitdem auch dort überall eingeführt, verdankt das Land erst unsern Olympiaarbeiten. Besonders wurde unser Blick gefesselt durch den Transport einer hell leuchtenden Marmorstatue eines Jünglings von augenscheinlich weichen, von der uns schon durch Photographien, die wir in Athen sahen, vertrauten Art der Giebelskulpturen des Zeustempels ganz verschiedenen Formen. Die Statue lag frei auf einem niedrigen Rollwagen, durch Unterlagen geschützt, und wurde vorsichtig längs des westlichen Kronionfußes nach einem nahen Schuppen im Kladeostal am Aufgang nach Druva geschoben. Bei Fortsetzung unsers Rittes nach Druva hinauf blieben unsre Blicke und Fernstecher auf dies Bild gerichtet, das uns als etwas so ganz Eigenartiges, sonstiger olympischer Art Fremdes begrüßte. Es war der 8.Mai. Da es dunkelte, konnten wir nicht mehr hinab, trafen oben schon mit den damals die Ausgrabung leitenden Herren zusammen und drückten Dr. Gustav Hirschfeld, dem damaligen Führer der Olympiaexpedition, und seiner uns liebenswürdig im Expeditionshause begrüßenden jungen Frau unsre Freude aus, gerade zu einem augenscheinlich für Olympia merkwürdigen neuen Funde zurechtgekommen zu sein. «Ja», meinte Hirschfeld, «sonderbar genug, hier einer doch wohl römischen Statue zu begegnen, die trotzdem recht schön zu sein scheint.» Die bedingte Form der letzten Worte war berechtigt angesichts der noch ausstehenden Reinigung der Figur. Noch öfter während des munteren abendlichen Zusammenseins kam die Rede auf den neuen Fund, aber auch auf vieles andre. Es war für uns eine Freude, nach den etwas mühevollen Wochen und so manchem doch recht zweifelhaften Quartier behagliche deutsche Häuslichkeit zu genießen und in zweifellos reinen guten Betten zu schlafen.
   Der folgende Morgen fand uns früh auf. Als wir nach dem Frühstück hinunterstiegen, bat ich Hirschfeld, doch gleich in jenen Schuppen treten zu dürfen, um auf die neue Statue einen neugierigen Blick zu werfen. Trotz der noch nicht entfernten Decke von Erdreichresten, Kalkspuren, Sinter usw., fielen mir zwei Eigentümlichkeiten sofort auf: die wundervolle Ausführung des Nackten, soweit es sichtbar war, sowie des Gewandes, das teils mit der Statue verbunden, teils in losen Streifen daneben lag, doppelt wirkungsvoll in dem prachtvollen leuchtenden parischen Marmor, alsdann in auffallendem Gegensatz dazu die Vernachlässigung der Rückseite und des Haares. Ich verhehlte Hirschfeld meine Meinung nicht, daß das Werk für eine römische Arbeit zu lebensvoll, zu gut und dabei zu ungleich sei. Es müsse griechisch sein. «Nun ja», meinte Hirschfeld, «wir müssen sehen.» Es wurde Auftrag erteilt, mit vorsichtiger Reinigung der Statue zu beginnen. Wir gingen weiter, von dem beglückten Leiter der nun schon in ihrem zweiten Jahre stehenden Grabung auf das liebenswürdigste überall umhergeführt unter Betrachtung des schon Gewonnenen und Vermutungen über die Lage des noch Verborgenen. Rasch war der Vormittag herum. Als wir, um zur Mittagspause hinaufzureiten, die Altis verlassen wollten, bat ich Hirschfeld, noch einmal vor die neue Statue treten zu dürfen. Etwas ungeduldig meinte er lächelnd: «Man merkt, daß Sie gerade von Rom kommen» - ich war mehrere Jahre mit Sammlung und Verarbeitung von Antiken in römischem Privatbesitz beschäftigt gewesen - «und solch späte Dinge Sie besonders interessieren.» - Die Reinigung hatte Fortschritte gemacht und meinen ersten Eindruck verstärkt. Ich verteidigte einen Ansatz in die erste Zeit nach Alexander, glaubte im sich enthüllenden Gesicht Anklänge an Lysippos zu sehen, der die Folgezeit besonders kraftvoll beherrscht hat. Hirschfeld hielt gerade die mangelhafte Ausführung der Rückseite und die mehr abbozziert wirkende Art des Haares für Zeichen einer nur auf den Schein der Ansichtsseite arbeitenden, gleichmäßig gewissenhafte Durcharbeitung vernachlässigenden Kunst, die er nur als römisch glaubte ansehen zu können. Ich widersprach. Beim Frühstückstisch setzte sich die Verhandlung lebhaft fort, an der auch die beiden Architekten sich beteiligten, das Interesse an diesem neuen Funde drängte alles andere zurück. Ich fragte nach der Bestimmung des neu gefundenen Baues, jener Säulen und Fußbodenfläche am Kronionfuß, wo die Statue gefunden war. Hirschfeld erklärte, noch zu schwanken, da er in jener Gegend das Pelopion suchte, sich dasselbe aber nicht mit so alten Säulen umgeben denken könne. Es wurde der Name Heraion aufgeworfen. Hirschfeld gab die Möglichkeit zu, obwohl es ihn beschwerte, daß der große Graben, mit dem man, vom Zeustempel ausgehend, diesen Bau gefunden hatte, dann das Pelopion dort, wo es Pausanias verzeichnet hatte, hätte durchqueren müssen, ohne daß man es gemerkt hätte, eine Annahme, die sich später als zutreffend herausstellte, Als es hieß: vielleicht also Heraion, bat ich Hirschfeld, doch mal gleich im Pausanias nachzusehen, ob er nichts Derartiges erwähne; ich glaube mich bestimmt zu erinnern, daß er neben den ganz alten Kunstwerken im Heraion auch Späteres erwähne. Da in der Tat bei der noch sehr im Rückstand befindlichen Aufdeckung dieses Teiles der Altis das Gesamtbild noch sehr dunkel war, begriff ich vollkommen, daß die ausgrabenden Herren gerade über diesen Teil ihren Pausanias noch nicht so im Kopfe hatten, daß ihnen jede Notiz gegenwärtig war. Hirschfeld erhob sich und ging ins anstoßende Arbeitszimmer, um Pausanias zu holen; wir setzten zunächst ohne besondere Spannung unser Frühstück fort, nicht ohne einen leise scherzenden Tadel der freundlichen Wirtin, daß die Wissenschaft uns selbst bei Tisch keine Ruhe ließe. Da wurde rasch die Tür aufgestoßen, und von der erhöhten Schwelle rief Hirschfeld, das Buch hoch in der Hand schwingend, freudestrahlend: «Meine Herren, wir haben Praxiteles!» Und verlas die wenigen Worte, in denen Pausanias im Heraion die Statue des Hermes nennt, der den kleinen Dionysos auf dem Arm trage. «Es ist aber ein Werk von Praxiteles.» Wir flogen auf und hinab zur Altis, hinein in den Schuppen und auf die Knie rings um die Statue. Und es begann ein Schaben und Putzen, ein Befühlen und Beschauen durch uns glückliche Menschen, ein fröhliches Durcheinander der Freude und kritischen Betrachtung der Einzelheiten und nun auch der Gesamtwirkung der aus ihrem Erdmantel sich herausarbeitenden Statue, ein Beachten der damals noch an verschiedenen Punkten deutlichen Farbspuren, ein Bewundern der Erhaltung der Oberfläche da, wo sie überhaupt vorhanden ist, das uns nun auf die Fundumstände führte, auf die Tatsache, daß sie ungefähr genau da gefunden wurde, wo Pausanias sie im Heraion nennt, auf ihre Einbettung in den aufgelösten grünlich-weißen Lehm vom Kronion, aus dem die Luftziegel der aufgehenden Mauern des Tempels bestanden, deren Niederstürzen die Statue mit sich riß und sie dadurch so wunderbar einschloß, auch gegen Zerstörung durch Feuchtigkeit sicherte, so daß sie bis auf die Stücke, welche Mittelaltergräbern, die Material für Füllung ihrer leidigen Kalköfen sammelten, zufällig in die Hände fielen, so unberührt geblieben ist wie wenige Werke der hohen Kunst des Altertums. Somit war auch die Entdeckung des zweiten von unsrer deutschen Expedition gefundenen Tempels, des Heraion, des ältesten Tempels auf dem Boden Griechenlands, nunmehr bestätigt. Es war ein kurzes und doch inhaltreiches Telegramm, das angesichts der vor uns liegenden herrlichen Statue an Ernst Curtius nach Berlin aufgesetzt wurde.

 

In: Zwischen Olymp und Acheron
Hrg. von Editha Wolk-Chrome
Zürich 1971

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!