Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1897 - Georg Wegener
Ein Fest in Peterhof
Russland

 

Ich fuhr zur See von Petersburg nach Peterhof. Gerade als wir frei auf dem offenen Finnischen Meerbusen schwammen, löste sich die drückende Schwüle des Tages in einem heftigen Gewitter. Schon von weitem sahen wir die Wolkenwand heranbrausen. Meer und Himmel glühten in seltsam wilder, an Aiwasowskische Bilder erinnernder Beleuchtung; dann raste ein Regensturm über uns hin, so daß eine lange Zeit ringsum nur schäumende graue See und vom Himmel stürzendes graues Wasser sichtbar blieben. Ebenso plötzlich aber, wie der Regen gekommen, ging er wieder vorüber, und als wir den weit ins Meer hinausgebauten Dampfersteg von Peterhof betaten, tropfte es nur noch von den Bäumen.
   Große Aufregung herrschte in dem Städtchen, denn alle die Hunderttausende, ja Millionen von offenen Glaslämpchen, die seit vielen Tagen zu Illumination von Schloß und Park des Zaren vorbereitet und im freien angebracht worden waren, mußten sich mit Wasser gefüllt haben. Nur kurze Zeit war noch bis zum Einbruch der Dunkelheit; sollte der Zar heute abend siegen oder das Element? Das war die Frage, die alle Einwohner und die zahllosen Scharen der zum Schauen Hierhergekommenen bewegte.
   Nach Einbruch der Dunkelheit wanderte ich vom Hotel Samson dem Park von Peterhof zu; in den Händen eine kleine, vom Hofministerium ausgestellte Karte mit allerlei Stempeln und Unterschriften. Auf dem langen Hauptwege, der durch den oberen Park zum Schlosse führt, stand zu beiden Seiten eine Allee hölzerner, säulenartiger Pfeiler, die von oben bis unten mit Lämpchen bedeckt waren, aber sie waren dunkel geblieben. War also die Illumination wirklich verregnet? Doch nein, dort hinten in der Ferne blitzte und funkelte es seltsam zwischen den mächtigen Stämmen des Parks, und reicher, immer reicher entfaltete sich beim Näherkommen ein Gewimmel farbiger Lichtpünktchen. Unentwirrbar zunächst, bald leuchtend, bald verdeckt, je nachdem die Bäume sich verschoben, als tanzte dort ein Heer phantastisch leuchtender Glühwürmchen durch den nächtlichen Urwald. Endlich trat ich hinaus auf den großen Platz, der sich an die Westseite des Schlosses anschließt.
   Welch ein Anblick! Reihen vom Sockel bis zum Kapitell lichtflammender griechischer Säulen umrahmten ihn und gossen ihren Glanz auf die gegenüberliegenden dichten Baumwände des unteren Parks, der hier beginnt und der Hauptschauplatz der Illumination werden sollte.
   Die Absperrung war eigentlich sehr viel geringer, als man bei dem zu erwartenden Besuch des Zaren und seiner hohen Gäste hätte denken sollen. Der ganze Park war dem Publikum zugänglich gemacht, nur war das freie umhergehen innerhalb desselben beschränkt. Um die Menschenansammlungen auf einzelnen Punkten nicht zu groß werden zu lassen oder um sie besser überwachen zu können, war der Park in lauter einzelne Bezirke geteilt, innerhalb deren die Leute, die dort jedesmal zugelassen waren, sich bewegen konnten; aus diesen Kreisen in andere überzutreten, war aber dem gewöhnlichen Sterblichen versagt. Nicht mir! Meine Karte sollte auf Zutritt zu dem Bezirk des am Meeresufer gelegenen Schlößchen Monplaisir lauten, wo die kaiserlichen Herrschaften nach der Galatafel im großen Schloß den Tee einnehmen und das große Feuerwerk auf dem Finnischen Meerbusen mit ansehen würden. Ich selbst wurde aus den krausen Zeichen auf ihr nicht klug, aber mit umso größerem Respekt hielt ich sie fest, wie einen geheimnisvollen Talisman, auf dem „Sesam, öffne Dich!“ stand. Unaufhörlich, ungefähr alle hundert Schritt, wurden ich von irgendeinem gebieterischen Wächter zu Fuß oder zu Pferd, in dieser oder jener Uniform, mit europäischem oder asiatischen Gesicht angehalten, aber, nachdem die Karte gelesen, mit der höflichsten Verbeugung weitergewiesen, unter staunender Hochachtung des Spalier bildenden und an seinen Ort gefesselten Publikums. Gerade dieses langsame Vorwärtsdringen von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, in immer intimere Wunder, immer näher an den Mittelpunkt des funkelnden Feenreiches, erinnerte an die Wanderung Aladins im diamantenblitzenden Reich der unterirdischen Geister.
   Eine schräg geneigte Fahrstraße führte zunächst hinein in den Park; leuchtende Balustraden in opalschimmerndem Weiß begleiteten sie in ihrer ganzen Länge, und bunte Girlanden aus roten, grünen, blauen und gelben Glaslampen schlangen sich als funkelnde Schnüre durch die schweren Massen des Laubes, das sich über dem Wege wölbte. Die Straße mündete auf einen freien Platz, der rings von etwa 20 Meter hohen, aus lauter Lämpchen gebildeten Obelisken und Säulen umgeben war. Springbrunnen, nicht nur von außen, sondern auch von innen beleuchtet, standen als lebendige, schimmernde Kristallglocken inmitten weiter Blumenbeete, die mit verschieden farbigen Lampenreihen wie mit leuchtenden Perlenschnüren umsäumt waren. Zwischen den Büschen aber rieselte eine große, breite, Treppenkaskade hernieder, über Stufen aus schräggeneigten, glatten Marmorflächen mit schachbrettartigem Muster. Diese Flächen bewirkten, daß das Wasser nicht rasch abwärts rauschte, sondern sanft dahinglitt und wie ein dünner, unzerrissener seidiger Schleier blieb. Die ganze Kaskade war von rosigen Lämpchen eingefaßt, so daß in ihrem Lichte diese feine, bewegliche, rosig schimmernde Schleierdecke über dem farbigen Marmorgrunde einen entzückenden Anblick gab. Doch ein Eindruck verdrängte und überstrahlte immer den anderen. Da glühten überall aus den dunklen Laubmassen, schöner als die Goldorangen des Südens, zu unseren Häupten, zur Seite und in letzter, weitester Ferne, schlingpflanzenähnliche Gewinde aus edelsteinfarbigen Lämpchen und zogen sich als bunte Festons von Baum zu Baum. Da erhoben sich am Ende größerer Prospekte riesige Gerüste, die großartige, aus verschiedenfarbigen elektrischen Birnen leuchtend zusammengefügte Wappen, Adler, strahlenumgebene Namenszüge trugen. Die Wasser der großen Simsonkaskade, wo Dutzende von mächtigen Wasserstrahlen Marmorstufen und goldfunkelnde Bronzefiguren besprühten, glühten in einem märchenhaften Rosenrot. Und nun zwischen alledem die gewaltigen Menschenmassen, wunderlich beleuchtet, mit den verschiedendsten Gesichtern und Trachten Europas und Asiens, die glänzenden Wagen und Kleider und die fremdartigen Uniformen der Wachtmannschaften: kaukasische Reiter auf herrlichen, silberfarbenen Pferden, die schlanken Gestalten mit spitzer Lammfellmütze und gegürtetem, reichgestickten Kaftan.
   Von Kreis zu Kreis rückte ich dem Mittelpunkte des Festes näher, und immer wundervoller wurde das Farbenmosaik zwischen den Bäumen vor mir. Endlich war ich gerade an der Umfriedigung des Gartens von Monplaisir angelangt, als aus den Tiefen des Parkes sich ein lawinenartig anwachsendes Hurrageschrei heranwälzte. Ein glücklicher Zufall hatte mich in dem Augenblick hierhergeführt! Die Kaiser mußten das Schloß verlassen haben und eben jetzt ankommen. Auf dem breiten, von Lichtwänden eingefaßten, von Tausenden von Menschen umrahmten Hauptwege des Parkes jagt ein Trupp tscherkessischer Reiter daher und hinter ihnen ein Zug von Hofkutschen. Die erste von ihnen, mit sechs riesigen Schimmeln bespannt, ist ein prachtvoller, zehn- bis zwölfsitziger offener Jagdwagen. Er stürmt bis zur Gitterpforte des Montplaisirgartens und hält dort mit einem Ruck. Hofbedienstete eilen hinzu, um die temperamentvollen, schäumenden Tiere festzuhalten. Vom vordersten Sitz springt unter den brausenden Rufen der Menge Prinz Heinrich, aus dem Innern schwingt sich elastischen Schrittes Kaiser Wilhelm, dann sein kaiserlicher Gastgeber [Zar Nikolaus II.], und in strahlenden Gewändern entstiegen dem Gefährt die beiden Kaiserinnen. Was sonst noch für ein Gewühl von goldbetreßten Röcken, Uniformen, Adlerhelmen, Ordensbändern und seideschimernden Damentoiletten sich im Nu um diesen Mittelpunkt sammelte, beachtete ich nicht, sondern betrachtete nur die beiden Kaiser, die wenige Meter von mir entfernt sich bewegten; beide in ganz einfacher, schmuckloser Uniform, mit weißen Mützen – und doch das Zentrum all diesen Glanzes. Lächelnd winkt jetzt die schöne Kaiserin Rußlands, gekleidet in ein langfließendes, reinweißes Gewand mit schmalen Goldbändern, der unsrigen, farbiger angetanen, mit dem Haupte, und die beiden hohen Frauen schreiten gemeinsam durch die Pforte, gefolgt von dem glänzenden Schwarm. Langsam wandelt der Zug im Geplauder, magisch beleuchtet, zwischen den Beeten und Gebüschen dahin, bis er im Schlößchen Monplaisir verschwindet. Dort wird er die auf der anderen Seite, dem Meere zu gelegenen Terrasse gewinnen und das Feuerwerk ansehen. – An der Gitterpforte ist die Macht meines Talismans zu Ende; der Prozession in das Allerheiligste dieses Feenreiches zu folgen, ermächtigt er mich nicht.
   Aber einen anderen Teil des Monplaisirgartens erschließt er mir doch, einen Seitenflügel der Meerterrasse macht er, wie mir der wachhabende Offizier freundlich bedeutet, zugänglich; ich werde dort zwar den Hof nicht sehen, jedoch das Feuerwerk auf dem Meere, den Gipfelpunkt des Ganzen, ebenso wie er betrachten können. Mit energischen Ellbogen, mit hochgeschwungener Karte dringe ich mühsam bis zu dem mir gewiesenen andern Eingang vor. Die andrängende Menschenmasse macht sein Öffnen unmöglich, ich muß ihn unter Beihilfe der bewachenden Baschkiren oder Tscherkessen, oder was es für Leute waren, überklettern; und nun wandle ich gelassen, fast allein, unter mächtigen Bäumen am Rande der See, die sich stahlgrau und schweigend vor mir ausdehnt und in der Ferne mit dem dunkelblauen Sommernachthimmel vermählt.
   Eine Weile liegt Himmel und Meer in träumender Stille; nur die zarte Musik klingt herüber, die die Teestunde der kaiserlichen Gäste begleitet. Da kracht ein Kanonenschuß!  - Öffnen sich die Tiefen des Erdballs, um ihr glutflüssiges Inneres emporzusprühen? - Doch das Wort versagt. Was kann es denn wiedergeben von der unerhörten Pracht des Feuerwerks, das jetzt dort draußen auf der See, von dunklen Schiffen aus, vor uns gen Himmel steigt? Was von den Flammenströmen, die plötzlich senkrecht sich erheben, wie aus dem Schlunde eines Vulkans, und in der Höhe in tausend Gestalten verglühen? Von den aus Hunderten von Raketen bestehenden Girandolen, die, tropischen Reisepflanzen ähnlich, fächerförmig aufwachsen, um n der Höhe auf ihrem goldigen Grunde zahllose, in allen Farben funkelnde Blumen aufblühen und sie dann langsam, wie einen Regen von Edelsteinen, in das schimmernde Wasser hinabrieseln zu lassen? Was von den unablässig durcheinander tanzenden bunten Feuerkugeln, die dem reizenden Spiel zauberischer Jongleure gleichen? Was endlich von dem wunderbaren Reiz der melodischen Volksgesänge, die aus unsichtbaren Booten vom Wasser her dazu erklingen, geleitet von den leise schwirrenden Lauten der Balalaika, der russischen Gitarre?
   Feenmärchen des Orients an den Ufern des nordischen Meeres!

 

Wegener, Georg
Der Zaubermantel
Leipzig 1919

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