Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1098 - Albert von Aachen - Kreuzfahrer erobern Antiochia
Antakya, Türkei

 

Der Wächter der Mauern nahm die Fackel zur Hand, ging rings um die Stadt, alle Mauern zu besichtigen und die Wachposten zu besuchen und aufzumuntern, und stieß nun plötzlich auf die eingedrungenen Männer. [Etwa 60 Ritter waren durch Verrat über eine Leiter auf die Mauerkrone gelangt.] Aber in einem Augenblick hatte ein Schwertstreich ihm den Kopf abgeschlagen, die Ritter gingen weiter und betraten den nächsten Turm. Dort fanden sie die Wachen noch in tiefen Schlaf versunken und machten sie mit dem Schwerte nieder. Und im gleichen Anlauf drangen sie auch in andere Türme ein und richteten das größte Blutbad an, bis sie schließlich in diesem Teil der Stadt in ungefähr zehn Türmen die tiefschlafenden Wachposten in lautloser Stille getötet hatten. Und da so diese alle vom Schwert getroffen am Boden lagen, zerbrachen die Ritter die Riegel der Hintertür, die den Bergen zu nahe der Stelle lag, wo sie heraufgestiegen waren, und ließen nun mit einem Male den größten Teil jener 700 in die Stadt ein. Nun stießen sie laut in die Hörner und riefen so den Herzog Gottfried, Robert und die andern Fürsten herbei, sie möchten so schnell als möglich den Eingedrungenen zu Hilfe in die Stadt einbrechen. Die hören die Hörner und erkennen das Zeichen, da sie ja alle in des Geheimnis eingeweiht waren, fliegen mit starker Schar herbei zu jenem Tor, das zu den Bergen hinaufführt, und eilen, in die Stadt einzudringen. Nun aber hören die Türken droben im Schloß des Bagi-seian [Herrscher von Antiochia], daß diesem Tor zunächst lag, den Lärm, erwachen und vertreiben die Franzosen draußen durch Steinwürfe und dulden keineswegs, daß ihre schon in die Stadt eingedrungenen Gefährten zum Tor gelangen, dies zu öffnen. So kehren diese Ritter, dieselben, die auf der Leiter in die Stadt eingedrungen waren, zu einem Hinterpförtchen zurück und reißen hier mit scharfen eisernen Werkzeugen, die dort die Türken hatten bereit liegen, eine breite Bresche in die Mauer, und so halten nun die Fürsten und ihre Gefolge zu Pferde und zu Fuß geräumig und bequem ihren Einzug.
   Von diesem plötzlichen Geschrei und dem lauten Lärm der Trompeten und Hörner erwachen jetzt die Türken, eilen zu den Waffen, greifen ach Bogen und Pfeilen, verteidigen die Türme und herauf und herunter kommt es zu schweren Kämpfen. Und mitten im Schreien und Rufen der Schlacht lassen die Krieger des Bagi-Seian, die droben auf dem Berggipfel in der höhergelegenen Burg stehen, kräftig die Hörner erschallen, damit dort die Türken, die in der Stadt und in den einzelnen Türmen noch im hellen Morgenrot schnarchend lagen, erwachen und ihren Gefährten zu Hilfe eilen sollten, auf daß sie so gemeinsam den eingedrungenen Christen Widerstand leisten könnten. Und als nun das große Heer der Pilger, das noch außerhalb der Mauern auf der anderen Seite der geräumigen Stadt lagerte, dies alles hörte, glaubte es, die auf den Bergen droben und in der Burg schrien und jubelten und ließen die Hörner erschallen aus Freude über die Ankunft und den Einzug des Kerbogha [Emir von Mossul, der mit Entsatztruppen erwartetet wurde], denn niemand wußte davon, daß die Stadt verraten worden und schon in den Händen der Franzosen sei. Bohemund, Raimund und Tankred, denen die ganze Sache wohl bekannt war, und die zur Belagerung jeder an seinem Platz geblieben waren, ziehen die Panzer an, umgürten sich mit den Waffen, richten die Banner auf und fliegen zum Kampfe nach der Stadt, indes die Pilger, die von der Sache nichts wußten, zum Ansturm wider die Stadt ermuntern und ihnen alles enthüllen, was geschehen war.
   Und während so die Türken im Kampfe von innen und außen hart bedrängt werden, laufen die griechischen, syrischen und armenischen Bürger, lauter Leute christlichen Glaubens, fröhlich zu den Toren, zerbrechen ihre Riegel und öffnen sie, und Bohemund und das ganze christliche Heer wird eingelassen. Und im ersten Morgengrauen glänzt über den Mauern droben auf der Höhe, wo Verrat und Übergabe der Stadt geschehen waren, das blutrote Banner Bohemunds, damit allen offenbar werde, daß durch Gottes Huld und Gnade diese für menschliche Kräfte unüberwindliche Stadt in die Hände Bohemunds und aller Christgläubigen ausgeliefert und übergeben sei. Und als nun die Riegel weggeschoben und alle Tore weit geöffnet waren, da wunderten und freuen sich alle, daß dieser ganze Plan so geheim war gehalten worden. Und vom Schlafe erwacht, greifen alle schnell zu den Waffen, einer ermahnt den anderen und in raschem Lauf eilt alles, bewaffnet Stadt und Tore zu erreichen. Und nicht länger als einer braucht, eine Meile Wegs zu laufen, dauerte es, bis das ganze christliche Heer eingedrungen war. Und bald waren durch das Toben und Lärmen so vieler Tausender, die die Stadt stürmten, durch den fürchterlichen Ton der Trompeten und das Flattern der zahllosen Banner, durch das ungeheure Geschrei aller Kämpfenden und das Wiehern der Pferde die Türken in Schreck und Bestürzung geraten; andere, die noch in ihren Häusern ruhten, erwachten plötzlich, überrascht und unbewaffnet. Ein Teil dieser Leute hofft, sich noch verteidigen zu können, tut sich zusammen und greift nach Bogen und Waffen; andere bleiben in ihren Türmen und festen Häusern und treffen mit ihren Pfeilen die unvorsichtigen Christen vom gemeinen Volk, Männer und Weiber. Überall ist ein Zusammenlaufen und ein vereintes Kämpfen und alle treibt der blindwütige Kriegsgott.
   Die Christen, deren Menge größer und größer wird, gewinnen die Oberhand. Durch die Häuser, über die Plätze und Gassen der Stadt verfolgen sie die zerstreut umherirrenden Türken und machen sie mit dem Schwerte nieder. Kein Aller und kein Geschlecht der heimischen Bevölkerung wird verschont, bis die Erde mit Blut und mit den Leichen der Erschlagenen bedeckt ist. Darunter mischen sich freilich auch die Leichen erschlagener und entseelter Christen, Franzosen wie Griechen, Syrer und Aremenier. Kein Wunder, denn kaum war es hell geworden, vielfach lag noch Finsternis auf der Erde und keiner wußte, wen er schonen und wen er treffen solle. Denn in der Todesangst suchten viele Türken und Sarazenen die Pilger durch christliche Worte und Zeichen zu täuschen, und so verloren viele ihr Leben im allgemeinen Morden. Zehntausend waren es der Erschlagenen, deren Leichen, von französischem Eisen getötet, auf den Straßen und Plätzen der Stadt lagen.
   Als nun die Türken das entsetzliche Morden und die ganze Stadt von den Waffen und Truppen der Pilger voll sehen, verzweifeln die meisten an ihrem Leben, fliehen aus den Türmen und festen Häusern und Plätzen der Stadt und eilen durch das ihnen wohlbekannte Gewirr der Gassen hinauf auf die Höhe, wo sie in die schützende Burg flüchtend den verfolgenden Franzosen entrinnen. Denn Schloß und Burg, die droben auf dem Berggipfel liegen, können durch keine Gewlat überwunden werden und keiner vermag die drin Verweilenden zu bekämpfen und zu schädigen.
   Andere, ungefähr tausend, die von weither zu Hilfe gerufen und in die Stadt eingelassen worden waren, erschraken vom Schall der Hörner und Trompeten, verloren angesichts des gewaltigen Hinmordens all der Ihren den Mut, aber da ihnen alle rettenden Wege unbekannt waren, gerieten sie, als sie gleichfalls auf die Höhe und nach dem droben gelegenen Schloß fliehend den Händen der Christen zu entrinnen hofften, in blindem Irrlauf auf einen engen und unbekannten Pfad. Plötzlich hört der Pfad auf und von der Höhe des Berges haben sie keinen Rückweg mehr. Und nun stürzen sie sich mit Pferden und Maultieren die Abhänge und steilen und ganz ungangbaren Felswände herab, brechen Hälse, Beine, Arme und alle Glieder und gehen bei diesem wunderbaren und ganz unglaublichen Sturze alle miteinander zugrunde.
   Als aber das Volk Gottes von dem Morden und der Verfolgung der in das Schloß und auf die Höhen flüchtenden Heiden zurückkehrte, da strahlte die Sonne schon hoch am Himmel und der Tag war weit vorangeschritten. Da durchziehen sie die Stadt und suchen nach Lebensmitteln, fanden aber nur wenige. Nur Purpur verschiedener Art und Farbe fanden sie, Pfeffer und viele Spezereien, Kleider und Zelte der Heiden, Würfel und Spielzeug, auch Geld, doch nicht viel. Kein Wunder, denn während der Belagerung, die neun Monate lang gedauert hatte, waren so viele Tausende von Heiden in der Stadt zusammengekommen und hatten alles aufgezehrt. Es war dieser Tag ein Donnerstag, ein überaus heiterer Tag, der 3. Juni, da die Stadt Antiochien verraten wurde und nach der Niederlage und Flucht der Türken in die Hände der Christen fiel.

 

Albert von Aachen (Albericus Aquensis)
Geschichte des Ersten Kreuzzuges
Übersetzt und eingeleitet von Herman Hefele
1. Band, Jena 1923

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