Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1099 - Wilhem von Tyrus, Bischof, Politiker und Chronist
Die Kreuzfahrer erobern Jerusalem

 

Das Heer des Herzogs und der Grafen also, das auf der Seite gegen Mitternacht die Stadt bestürmte, hatte es mit Gottes Hilfe so weit gebracht, daß die Feinde ermattet keinen Widerstand mehr zu leisten wagten, und der Graben völlig ausgefüllt, die Vormauern erbrochen waren. Sie konnten also ungestraft an die Mauern herankommen, und nur selten wagten es die Feinde, sie hinter den Öffnungen der Mauern anzugreifen. Die aber, welche in den Kastell waren, warfen auf Befehl des Herzogs Feuer in die mit Wolle angefüllten Polster und in die Säcke, die voll Streu waren, das der Nordwind, welcher eben wehte, noch stärker anfachte, und so drang ein so finsterer Rauch in die Stadt, daß die, welche die Mauern verteidigen sollten, Mund und Augen nicht mehr öffnen konnten, und von dem Qualm betäubt und bestürzt die Wache der Mauern verließen. Hierauf ließ der Herzog in aller Schnelligkeit die Balken, welche sie den Feinden entrissen hatten, heraufbringen, sie von der Maschine nach der Mauer hinüber legen und dann die bewegliche Seite des Castells abnehmen. Dieses legte man nun auf die genannten Balken, und so erhielt man eine Brücke, die eine sehr starke Unterlage hatte. So wurde also das, was die Feinde zu ihrem Schutz erfunden hatten, zu ihrem Schaden angewandt.
   Als nun auf diese Art die Brücke geschlagen war, drang vor allen Anderen der erlauchte und herrliche Mann, Herzog Gottfried, mit seinem Bruder Eustachius in die Stadt, und ermahnte die Übrigen, ihm nachzufolgen. Es folgten ihm auch alsobald die Halbbrüder Ludolf und Gislebert, edle und ewigen Angedenkens würdige Männer, die aus Tournai gebürtig waren, und dann folgte eine so unermeßliche Anzahl von Rittern und Fußgängern nach, daß die Maschine und die Brücke nicht mehr weiter fassen konnten. Wie die Feinde sahen, daß die Unsern die Mauern besetzt hatten, und daß der Herzog bereits mit seinem Heere in die Stadt gebrochen war, flüchteten sie von den Türmen und Mauern nach den Engpässen der Stadt.
   Die Unsern aber, als sie sahen, daß der Herzog und der größte Teil der Edlen die Türme in Besitz genommen hatten, konnten nicht mehr erwarten, bis sie über die Brücke hereinkämen, sondern stellten um die Wette Leitern an die Mauern deren sie einen großen Vorrat hatten, denn je zwei Ritter hatten sich auf einen öffentlichen Befehl hin eine Leiter machen müssen, stiegen dann hinauf und vereinigten sich mit den Übrigen, die sich schon auf der Mauer befanden, wo sie die weiteren Befehle des Herzogs erwarteten. Sogleich nach dem Herzog drangen folgende in die Stadt: der Graf von Flandern und der Herzog von der Normandie, der tapfere und durchaus lobenswerte Herr Tankred, Hugo der Ältere, der Graf von Saint-Pol, Balduin von Burg, Gaston von Bearn, Gaston von Bezieres, Gerhard von Roussillon, Thomas von Feria, Conan der Bretagner, der Graf Raimbold von Orange, Louis von Monson, Kuno von Montaigu und sein Sohn Lambert, und viele andere, deren Zahl und Namen wir nicht wissen. Als der Herzog sah, das diese alle unverletzt in die Stadt gekommen waren, sandte er einige von ihnen mit einem stattlichen Gefolge nach dem Tore gegen Mitternacht, das jetzt das Sanct Stephanstor heißt, um es zu öffnen, und das Volk, welches draußen wartete, einzulassen. Als dieses in aller Eile aufgeschlossen worden war, drang das ganze Volk miteinander und ohne weitere Ordnung hinein. Es war aber an einem Freitag, um die neunte Stunde des Tages, und es scheint eine göttliche Veranstaltung gewesen zu sein, daß an dem Tage und zu der Stunde, in welcher der Herr in eben dieser Stadt litt, das gläubige Volk, das für den Ruhm seines Erlösers focht, seine Wünsche glücklich erfüllt sah. An diesem Tag soll der erste Mensch erschaffen und der zweite für die Erlösung des ersten in den Tod gegeben worden sein, und darum ziemte es sich auch, daß die Nachfolger von diesem, die Glieder seines Leibes, über seine Feinde in seinem Namen den Sieg davontrugen.
   Sofort durchzogen der Herzog und die, welche mit ihm waren, in geschlossenen Gliedern, mit gezückten Schwertern und mit Schilden und Helmen bedeckt, die Straßen und Plätze der Stadt, und streckten alle Feinde, die sie finden konnten, ohne auf Alter oder Rang Rücksicht zu nehmen, mit der Schärfe des Schwertes nieder. Und es lagen überall so viele Erschlagene und solche Haufen abgeschlagener Köpfe umher, daß man keinen andern Weg oder Durchgang mehr finden konnte als über Leichen. Und unsere Fürsten waren mit einer unermeßlichen Menge Volkes, das, ohnedies mordlustig, nach dem Blute der Ungläubigen noch besonders dürstete, auf verschiedenen Wegen, Unzählige niedermetzelnd, beinahe schon bis nach der Mitte der Stadt gekommen, als der Graf von Toulouse und die übrigen Fürsten, die mit ihm waren, noch immer den Streit an dem Berge Zion fortsetzten und nichts davon wußten, daß die Stadt erobert und der Sieg in den Händen der Unsern sei. Endlich machte die Bürger, welche hier Widerstand leisteten, das furchtbare Getöse und das große Geschrei, das sich von dem Eindringen der Unsern und dem Niedermetzeln der Feinde erhob, aufmerksam. Sie fragten sich verwundert, was das ungewöhnliche Geschrei und der Tumult des lärmenden Volkes zu bedeuten habe, und erfuhren nun, daß unser Herr bereits in der Stadt sei, worauf sie die Türme und die Mauern verließen, und sich, um ihr Leben zu retten, nach verschiedenen Orten hin flüchteten. Die meisten von ihnen begaben sich nach der benachbarten Burg, und nun drang das Heer über die Brücke, die sie ohne alle Schwierigkeit nach der Mauer hinüber legen konnten, und auf Leitern um die Wette in die Stadt, wo ihnen Niemand Widerstand leistete. Sobald sie in der Stadt waren, öffneten sie das Tor gegen Mittag, das ihnen zunächst lag, damit das übrige Volk ohne Schwierigkeiten hinein kommen könnte. Es kamen also in die Stadt der tapfere und ausgezeichnete Mann, der Herr Graf von Toulouse, Graf Isoard von Die, Raimund Pelet, Wilhelm von Sabran, der Bischof von Albara und viele andere Edle, deren Namen und Anzahl uns nicht überliefert worden sind. Diese Alle zogen einmütig bis an die Zähne bewaffnet in geschlossenen Gliedern durch die Stadt, und richteten ein furchtbares Blutbad an. Die welche dem Herzog und den Seinigen entkommen waren, und dem Tod entfliehen zu können meinten, wenn sie sich nach anderen Seiten der Stadt wendeten, fielen nun diesen in die Hände, und kamen so aus den Strudeln der Charybdis in die der Scylla. Es wurden aber in der Stadt so viele Feinde erschlagen und so viel Blut vergossen, daß die Sieger selbst mit Schauder erfüllt werden mußten.
   Der größte Teil des Volkes hatte sich nach der Halle des Tempels geflüchtet, weil dieser in einem entlegenen Teil der Stadt stand, auch mit einer Mauer, mit Türmen und starken Toren verwahrt war. Diese Flucht brachte ihnen aber keine Rettung, denn sogleich begab sich Herr Tankred mit einem sehr großen Teil des ganzen Heeres dahin. Er brach mit Gewalt in den Tempel ein, und machte Unzählige nieder. Er soll auch eine unermeßliche Menge von Gold, Silber und Edelsteinen hinweggenommen, nachher jedoch, als der erste Tumult vorüber war, Alles an den alten Platz zurückgebracht haben. Sofort gingen auch die übrigen Fürsten, nachdem sie, was ihnen in den übrigen Stadtteilen unter die Hände gekommen war, niedergemacht hatten, nach dem Tempel, hinter dessen Umschanzungen sich das Volk, wie sie gehört hatten, geflüchtet hatte. Sie drangen mit einer Menge von Reitern und Fußgängern ein, und stießen, ohne Jemand zu schonen, was sie fanden mit den Schwertern nieder, und erfüllten Alles mit Blut. Es war dies ein gerechtes Urteil Gottes, daß die, welche das Heiligtum des Herrn mit ihren abergläubischen Gebräuchen entweiht und dem gläubigen Volk entzogen hatten, es mit ihrem eigenen Blute reinigen und den Frevel mit ihrem Tode sühnen mußten. Schauerlich war es anzusehen, wie überall Erschlagene umher lagen und Teile von menschlichen Gliedern, und wie der Boden mit dem vergossenen Blute ganz überdeckt war. Und nicht nur die verstümmelten Leichname und die abgeschnittenen Köpfe waren ein furchtbarer Anblick, den größten Schauder mußte das erregen, daß die Sieger selbst von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt waren. Im Umfang des Tempels sollen an die zehntausend Feinde umgekommen sein, wobei also die, welche da und dort in der Stadt niedergemacht und deren Leichen in den Straßen und auf den Plätzen umher lagen, noch nicht gerechnet sind, denn deren Zahl soll nicht geringer gewesen sein. Der übrige Teil des Heeres zerstreute sich in der Stadt und zog die, welche sich in engen und verborgenen Gassen, um dem Tode zu entkommen, verborgen hatten, wie das Vieh und stieß sie nieder. Andere machten sich zu Scharen zusammen und gingen in die Häuser, wo sie die Familienväter mit Weibern und Kindern und dem ganzen Gesinde herausrissen, und entweder mit den Schwertern durchbohrten oder von den Dächern herabstürzten, daß sie den Hals brachen. Das Haus aber, das einer erbrach, nahm er sich mit Allem, was darin war,  zum Eigentum für immer, denn man war vor der Eroberung der Stadt miteinander dahin übereingekommen, daß nach der Eroberung derselben jeder, was er sich erwerbe, für alle Zeit als rechtliches Eigentum ansprechen dürfe. Wenn sie also in der Stadt umher gingen, um die Wohnungen der Bürger und ihre geheimsten Zufluchtsörter zu erbrechen und einer ein Haus in Besitz genommen hatte, so heftete er seinen Schild oder irgendein anderes Waffenstück an die Tür, um den andern anzuzeigen, daß sie weiter gehen sollen, weil der Platz schon einen Herrn habe.
   Wie nun die Stadt völlig unterjocht und die Bürger getötet waren, auch der Tumult sich ein wenig gelegt hatte, traten die Fürsten, noch ehe sie die Waffen niederlegten, zusammen und verordneten, daß jeder Turm zu größerer Sicherheit mit Wachen besetzt werden, auch an jedem Tor der Stadt ehrenhafte Männer als Pförtner aufgestellt werden sollten, bis durch allgemeine Übereinkunft und durch den Beschluß der Fürsten Einem die Sorge für die Stadt übertragen würde, der dann alles nach seinem Gutdünken einrichten könnte.

 

Wilhelm von Tyrus
Geschichte der Kreuzzüge und des Königreiches Jerusalem
Bearbeitet von E.H. und R. Kausler
Stuttgart 1840

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