Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1903 - Erich von Salzmann, deutscher Diplomat
Der Kaiserpalast von Xi‘an
China

 

Wir gingen dann zum kaiserlichen Palast; eigentlich sollten Kaiserin und Kaiserin-Mutter im Fu-tai-Yamen, als dem größten und geräumigsten Yamen der Stadt, wohnen. Der Fu-tai hatte alles zur Aufnahme hergerichtet, aber der Kaiserin-Witwe war die Lage nicht zur Verteidigung geeignet genug; sie zog den später vom Hofe bewohnten Yamen vor, der schon viele, viele Jahre leer stand und von dem man im Volksmunde sagte, es spuke darin. Das scheint die Kaiserin jedoch nicht zurückgehalten zu haben, und wie man jetzt sieht, hat ihr der Spuk auch nichts angehabt. [Von 1900 bis 1902, während des Boxeraufstandes, lebte die Regentin Cixi in Xi’an; der Palast steht heute nicht mehr.] Der Yamen liegt in dem Teil der Stadt, in dem vorherrschend Mohammedaner wohnen, also im nordwestlichen Viertel; er besteht ebenso aus mehreren hintereinander liegenden Höfen mit Gebäuden dazwischen, wie jeder andere chinesische Yamen auch.
   Man sieht ihm an, daß es noch nicht sehr lange her ist, daß er geräumt wurde, denn alle Malereien usw. sind noch wie neu; anderseits sah ich mehrfach in den Räumen oder außerhalb Renovierungsarbeiten vollziehen. Schwarzseher schlossen daraus auf einen baldigen neuen Aufstand und eine abermalige Verlegung des Hofes nach Hsi Ngan Fu. Der Kenner weiß, daß vom Kaiser auch nur kurze Zeit bewohnt gewesene Räume dadurch geheiligt sind und gleichsam als Tempel auf Staatskosten in Ordnung gehalten werden. Haarscharf nimmt man es hiermit jedoch nicht, denn ich sah auf dem Herwege mehrfach kaiserliche Rasthäuser bewohnt und Hund und Schwein vergnügt in den Höfen herumlaufen, in denen der Sohn des Himmels über die Wandelbarkeit des Schicksals, also über seine liebe Mutter nachgedacht hatte.
   Der kaiserliche Yamen liegt nicht etwa auf freiem Platze, sondern ist von Gebäuden dicht umgeben. Man sieht zuerst einen langen offenen Hof mit Sperrbäumen umgeben; im Hofe zwei Steinlöwen, die "Wächter", vor einem Tor, das geschlossen ist. Ich ging durch eine Seitentür auf der östlichen Seite hinein; mein Führer zeigte oder übergab einem Beamten Herrn Shorrocks und meine chinesische Visitenkarte mit der Bitte, uns den Palast ansehen zu dürfen. Die englischen Missionare scheinen sich hier eines guten Rufes zu erfreuen, denn sofort wurde alles geöffnet.
   Wir traten ein und schritten durch ein weiteres dreiteiliges Tor in einen zweiten Hof, der an beiden Seiten Dienerschaftsgebäude hat. Ein ferneres Tor in der natürlich roten Mauer brachte uns in einen dritten Hof, der, zuerst schmal, nach ungefähr 30 Metern rechtwinklig nach beiden Seiten ausspringt, und vor uns lag der erste Thronsaal, einfach ausgestattet im Innern, mit einem ganz einfachen, hölzernen, breiten, vergoldeten Sessel und einem Wandschirm dahinter, der sehr schöne eingelegte Arbeiten zeigte. Außerdem waren in diesem Raume viele mit Drachenstickereien überdeckte Stühle und einige Spiegel. Rechts und links, in je zwei kleineren, aber auch höchst einfach eingerichteten Nebenräumen konnte man einige sehr schöne Porzellanvasen auf Tischchen sehen. Die Wände zierten von der Kaiserin-Mutter selbst auf Seide gemalte riesige Schriftzeichen. Die übrigen Kuriositäten scheint man nach Peking mitgenommen zu haben, denn in fast allen Zimmern konnte man die einstigen Behälter aufgeschichtet stehen sehen.
   Die Dimensionen der Räume und der Höfe sind nicht entfernt so kolossal wie in Peking, aber wenn mir auch dort die Größenverhältnisse imponiert hatten, so gefiel mir dieser Palast doch besser, er ist, ich möchte sagen, gemütlicher und zeigt nicht solche "kalte Pracht" wie jener in Peking. Doch weiter: Hinter dem ersten Thronsaal liegt ein weiterer Hof und ein zweiter, ähnlich ausgestatteter Thronsaal, für Empfänge der Kaiserin-Witwe bestimmt, mit kleinem Thron und in heller Farbe gehaltenen, mit Seide ausgeschlagenen Nebenräumen, in dessen einem zur Linken das kaiserliche Bett steht. Ein einfaches, nicht sehr langes,drei viertel Meter hohes Holzbett mit in Holz geschnitztem Himmel darüber, im Bett selbst nicht etwa eine Springfedermatratze, sondern eine wattierte dicke Decke als Unterlage. Auch hier einige Wandbehänge, Vögel im Baum darstellend, unter Glas, einige blue and white-Vasen, eine herrliche große Sang de boeuf und einige Kuriositäten, Schränke mit Intarsienarbeit, das ist alles. Hinter dem Schlafzimmer befindet sich ein dunkler, leerer Raum, der als Badezimmer gedient hat.
   An den zweiten Thronsaal nach Osten schließt sich ein weiterer Hof an, in den man, durch das Seitengebäude gehend, gelangt. Hier ist ein Felsengarten, am südlichen Ende ein langes Gebäude, das kaiserliche Privaträume enthält. An dieses Gebäude, wiederum nach Süden entsprechend dem dritten Hauptsaal, reiht sich ein Gebäude an, das für die Kaiserin-Witwe bestimmt ist. Die Räume sind steif und einfach ausgestattet, einige Stühle, Hocker, Spiegel, Tischchen, auf diesen meist große Uhren oder Vasen, auf dem Boden der übliche große Drachenteppich, weiter enthalten sie nichts. In den Nebenräumen ist auch die Ausstattung nichts als Schund. Nach Osten folgt noch ein zu Wohnzwecken bestimmtes kaiserliches Privatgebäude, vor ihm liegt ein hübscher, großer Felsengarten mit Wasserbassin, hoher künstlicher Terrasse mit schöner Aussicht und einem Gartenhäuschen. Man hört den Straßenlärm bis hierher schallen, und oft wird der Kaiser wohl hier gesessen und den ihm bis dahin unbekannten Äußerungen des Volkslebens gelauscht haben.

 

Salzmann, Erich von
Im Sattel durch Zentralasien - 6000 Kilometer in 176 Tagen
Berlin 1912

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