Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1865 - Queen Victoria
Ausflug von Balmoral nach Glen Mark
   
19. September 1865. Beim Aufwachen fühlte ich mich sehr niedergedrückt und unsicher über den Ausflug. Alles ist so zum Traurigen verändert. [Ehemann Albert ist im Dezember 1861 gestorben.] Um 11 Uhr fuhren wir los mit Lenchen [Tochter Helena] und Jane Churchill, Grant und Brown auf dem Bock, wie in früheren, glücklicheren Zeiten. General Grey war uns vorausgefahren und wir trafen ihn an der Brücke von Muich, wo die Ponys auf uns warteten. Vier Gillies waren dabei, von denen drei, Smith, Morgan und Kennedy, schon 1861 dabei gewesen waren. Auf den Polach hinauf war die Hitze groß. Ich kam gut durch die morastigen Stellen, aber das Pony von Jane Churchill sträubte sich ziemlich. Nachdem wir den Tanar überschritten und ein Stück den Mount Keen hinauf gekommen waren, frühstückten wir und General Grey ging Lord Dalhousie entgegen. Zwei seiner Förster waren gekommen, um uns den Weg zu zeigen. Nachdem wir eine Zeitlang geruht und gesessen hatten, stiegen wir wieder auf die Ponys und erklommen die Schulter des Mount Keen. In der Ferne war es diesig. Wir stiegen ab und gingen zu Fuß, und dann ritt ich den schönen, wilden Pass hinunter, der Ladder Burn heißt. Aber er beeindruckte mich nicht so wie beim ersten Mal, denn er erschien nun flacher. Am Fuß des Weges trafen wir Lord Dalhousie, der uns freundlich begrüßte, und General Grey. Und an dem Häuschen, ein bisschen weiter, wo wir 1861 gefrühstückt hatten, trafen wir Lady Christian Maule, Lord Dalhousies Schwester. Dann gingen wir wenige Meter weiter zum Brunnen, wo wir abstiegen. Er ist wirklich schön, aus weißem Stein in Form der alten schottischen Krone gebaut. In einer der Säulen ist eine Platte eingelassen, auf der die Inschrift steht: »Königin Victoria und der Prinzgemahl besuchten diese Quelle und trank von seinen erfrischenden Wassern am 20. September 1861, dem Jahr der großen Trauer Ihrer Majestät.« Rund um die Quelle, die munter sprudelt, und auf Bodenniveau ist in alten englischen Lettern der folgende Spruch eingemeißelt:
Rest, traveller, on this lonely green,
And drink and pray for Scotland's Queen.
   Wir tranken schweren Herzens aus eben dieser Quelle, aus der ich vor gerade vier Jahren mit meinem geliebten Albert getrunken hatte. Und Grant gab mir seine Feldflasche, die ich ihm einmal geschenkt hatte und aus der wir an dem Tag getrunken hatten. Lord Dalhousie hat freundlicherweise den Brunnen als Erinnerung an diesen Tag bauen lassen. Es war wie eine Pilgerfahrt.
   Dann nahmen wir in der Nähe den Tee. Das weite schöne Tal wirkte prächtig, erleuchtet von der Abendsonne, warm wie an einem Sommertag und ohne einen Windhauch. Der Himmel färbte sich rot und röter. Wenn man das Tal hinunter blickte, sah man die Hügel den glühenden Ton des Abends annehmen. Die Hochländer und die Ponys, die um den Brunnen herum standen, sahen sehr malerisch aus. Aber auf mich wirkte alles fremd, ungewohnt und traurig.
   Wir stiegen wieder auf und verfolgten den gleichen Weg wie vor vier Jahren, vorbei am alten Schloß von Invermark. Da wir Zeit hatten, ritten wir weiter zum Loch Lee, das wir beim letzten Mal nur aus der Ferne gesehen hatten. Es ist ziemlich klein, aber außergewöhnlich hübsch und lag in wunderschönem Licht. Dann ritten wir zum Jagdschloss, an dessen kleinen Salon ich mich wohl erinnerte. Es brachte mir alles wieder in den Sinn. Lady Christian begleitete uns nach oben. Ich hatte zwei hübsche kleine Zimmer. Zwei Zofen, Lenchen, Lady Churchill und Brown waren in Zimmer am selben Flur untergebracht, ein bisschen entfernt vom Rest des Hauses. Ich fühlte mich müde, traurig und verwirrt. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einem fremden Haus ohne Mutter oder Ehemann, und der Gedanke daran war überwältigend und zutiefst quälend. Ich hatte ein geliebtes Kind mit mir, aber diese beiden geliebten Menschen waren nun nicht mehr und ihr Beistand dahin. Es kam mir schrecklich vor. Wie viele Besuche hatten wir abgestattet, mein Liebling und ich, und wie viel Vergnügen hatte uns das gemacht! Selbst wenn sie anstrengend und vom Protokoll bestimmt gewesen waren, hatten wir das Glück der Gemeinsamkeit und das Gefühl unserer eigenen Welt gehabt.
   Die Mahlzeit wurde unten serviert, in einem hübschen kleinen Raum, an den ich mich ebenfalls erinnerte. Nur Lord Dalhousie, Lady Christian, der General, Lady Churchill, Lenchen und ich waren zugegen. Ich blieb nur kurz nach dem Essen, ging dann mit Lenchen und Jane Churchill hinauf und dann noch ein bisschen mit Jane spazieren. Es war sehr warm.
   Mittwoch, 20. September. Ein wunderschöner Morgen. Frühstückte allein mit Lenchen in meinem kleinen Wohnzimmer, bedient von Brown, der immer bereit ist, alles Nötige in die Hand zu nehmen. Um 11 Uhr gingen wir hinaus und ich pflanzte zwei Bäume, Lenchen einen, ach! für ihren seligen Vater. Dann bestiegen wir wie gestern unsere Ponys und ritten auf einem kürzeren Weg zusammen mit Lord Dalhousie, Lady Christian und einigen Förstern am Brunnen vorbei, wo wir nicht Halt machten, und dann den Ladder Burn hinauf in Richtung Heimat. Wir nahmen den gleichen Weg und hielten am March, wo wir in einem kräftigen Wind absaßen und im Schutz einiger Steine frühstückten. Der gute Lord Dalhousie war sehr gastfreundlich und nett. Nach dem Frühstück verabschiedete er sich und kehrte um, General Grey ritt uns voraus. Da es erst ein Uhr war, als wir uns zum Frühstück setzten, blieben wir noch eine Weile, bevor wir unseren Weg bergab fortsetzten. Merkwürdig, es war heute der Jahrestag unseres ersten Besuches in Invermark. Dann brachen wir wieder auf, verfolgten den gleichen Weg wie am Tag zuvor, über den Tanar, und hielten nach einer kurzen Strecke noch einmal an, da wir nicht zu früh ankommen wollten und die Kutsche noch nicht bereitstand. Wir nahmen Tee, zeichneten ein wenig, und ritten weiter. Der Himmel war nun dunkel und wolkenverhangen, und plötzlich kam ein gewaltiger Schauer herunter, den der Wind vor sich her trieb. Wir waren gerade dabei, die sumpfigen Stellen zu überqueren, was uns auf gut gelang. Als wir über den Polach kamen, hörte der Regen auf. Beim Abstieg war der Blick auf das Valley of the Gairn und Muich wunderschön und erinnerte mich stark an unseren letzten vergnügten Ausflug im Jahr 1861, als Albert anhielt, um mit Grant über die zwei Forsten zu sprechen und sagte, er und Grant wären vielleicht schon tot, wenn sie ausgewachsen wären! Da lag die Landschaft vor uns, die gleiche wie früher. Aber alles andere war verändert!
   Um zehn Minuten nach sieben kamen wir nach Hause; es regnete noch ein wenig.

 

Victoria, Königin von Großbritannien
More leaves from the journal of a life in the Highlands
London 1884
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Ulrike Keller (Hrg.)
Reisende in Schottland seit 325 v. Chr.
Wien 2008

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