Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1848 - Franz Junghuhn, Naturforscher
Landung in Suez
Ägypten

 

Ich setzte mich bald nach unsrer Ankunft in einen kleinen Kahn, den zwei Araber fortruderten. Das Meer war bis auf meilenweite Entfernungen vom Ufer so seicht, daß ich im Mondschein überall den weißen Korallengrund sehn und nachher selbst mit meinem Spazierstocke auf den Meeresboden aufstoßen konnte.
   Wir kamen dann auch erst eine gute Stunde später an's Land, – der Anblick aber, der sich mir daselbst, in der Nacht vom 11ten zum 12ten October, darbot, war so höchst eigenthümlich, so bizarr, die ganze Scene war so spukhaft und so voll romantischer Contraste, – daß sie nimmer wieder aus meiner Erinnerung verschwinden wird.
   Mein Kahnführer setzte mich an einem großen, zweistöckigen Gebäude ab, das noch zwei Flügel hatte und dessen Hauptfront an's Meer gränzte; hier stieg ich auf breiten Treppen hinan zu einer überdeckten Galerie und gelangte aus dieser durch einen Thoreingang in den innern, viereckigen Hofraum des Hotels von Suez, das seiner Form nach eher einem Kloster, als einem Gasthause glich. Hier war Alles voll Leben und Menschengewimmel. – Wir waren fast anderthalbhundert Passagiere, die wir uns ausschifften und aus Indien im Hotel ankamen, – 160 andere aber, aus Europa angekommene, warteten schon im Hotel und standen reisefertig da, oder waren mit dem Einpacken ihrer Güter und dem Ordnen ihrer Koffer beschäftigt, um sich auf dem Bentinck einzuschiffen und nach Indien zu gehen. Also, außer den Dienern des Hotels, den Officianten, Gepäckbesorgern, Lastträgern, Kahnführern, wimmelten und flutheten hier mehr als 300 Reisende, deren Interessen sich regelrecht durchkreuzten, weil die eine Hälfte derselben gerade dahin wollte, wo die andere herkam, durch einander. Dazu kam noch, daß die Cholera, die in Cairo aufgehört hatte zu wüthen, hier noch täglich ihre Opfer fraß und daß ein Jeder verlangte, so schnell wie möglich von hier wegzukommen, nämlich anderthalbhundert vom Hotel auf's Schiff und anderthalbhundert, so schnell wie möglich, vom Schiffe in's Hotel und aus dem Hotel nach Cairo. Hier hatte Keiner Lust, zu bleiben, ein Jeder hatte Eile, das Wachtwort aller war nur „für sich selbst zu sorgen,“ und so sah man in dem engen Raume des Hotels das Schauspiel von anderthalbhundert Doppel-Interessen, die mit einander in Conflict geriethen. So zahlreich die Zimmer des Hotels auch waren, so hatte die erste Hälfte der Reisenden, die nach Indien verlangten, doch bereits alle vorhandenen Räume in Beschlag genommen; ja, wenn noch leere Zimmer vorhanden gewesen wären, so würde es an Dienern gefehlt haben, um sie dem Reisenden anzuweisen, da das Personal dieser letztern der Dienerschaft weit überlegen war. Man mußte selbst suchen und nehmen, was man haben wollte. Wenn die Passagiere eine Räuberbande gewesen wären, so hätten sie das Hotel nebst der ganzen Stadt Suez bequem ausplündern können. Als ich in den weiten Corridoren des Gebäudes herumschritt, dessen weiße Gemäuer von dem Mondschein hell beleuchtet waren, traf ich wirklich leere Zimmer an, die von den Reisenden, die sich auf's Schiff begeben hatten, schon verlassen waren. In einigen brannten auf Waschtafeln, oft mitten zwischen Bettvorhängen, noch Kerzen, welche der vorige Bewohner in der Eile vergessen hatte, auszulöschen, und in andern lagen zwischen nur halb erloschenen, noch glimmenden Kerzen die Betten auf der Flur. – Malerische Unordnung! – In dem allgemeinen Gelag- oder Speisezimmer, das in der untern Etage war, konnte man Wein, Bier, Milch, Kaffee, Thee, Bouillon, Brot u. dergl. erhalten, aber hier war das Gedränge derjenigen, die anderwärts keinen Platz hatten finden können, so groß, daß sich ein Jeder selbst nehmen mußte, was er haben wollte, und daß die Kränklichen oder Müden der Passagiere froh waren, in irgend einer Ecke noch eine unbesetzte Bank oder einen Stuhl anzutreffen, um daselbst ausruhn zu können. Draußen, im Freien, war es empfindlich kalt und man hörte viele von denen mit den Zähnen klappern, die aus Indien gekommen waren.
   In demselben Gebäude befand sich das Bureau der Landmail-Beamten, wo diejenigen Reisenden, die, wie ich, nicht bis England Passage genommen hatten und deshalb nur bis Suez hatten bezahlen können, sich für 12 Pf. Sterling mit einem Passagescheine bis nach Alexandrien versehen mußten. Auch hier war das Gedränge groß und die Bänke im Vorzimmer waren mit Reisenden besetzt, die sich sitzend oder liegend einige Ruhe zu verschaffen suchten. – In dem kahlen Sandgrunde des Hofraumes lagen Kisten und Waarenballen in wilder Unordnung umher und außerhalb des Gebäudes lagen sie nach dem Strande zu in ganzen Bergen auf einander gestapelt.
   Der Transport der Reisenden durch die Wüste geschieht von hier in zweirädrigen Wagen, in deren jedem sechs Mann Platz haben. Damit sich die Zahl der Reisenden in den kleinen Stationen, die in der Wüste liegen, nicht zu sehr anhäufe, so werden jedes Mal nur vier Wagen zugleich befördert und die verschiedenen Züge oder Transporte, deren Zahl sich nach der Zahl der Reisenden regelt, folgen einander in Zwischenzeiten von 1½–2 Stunden. Die, welche Passage bis England genommen haben, haben den Vorrang und von den übrigen werden Diejenigen zuerst befördert, die sich am Bureau von Suez zuerst gemeldet haben und sich zuerst in die Liste haben einschreiben lassen. Da ich zu keinen von beiden gehörte, so wurde mir mitgetheilt, daß ich unter die Zahl derjenigen Reisenden eingeschrieben sei, die mit dem Transporte um 4 Uhr von Suez abreisen würden.
   Ich hätte also Zeit genug gehabt, einiger Nachtruhe zu pflegen. Da aber vor der Abreise der früher angekommenen Gäste auf's Schiff keine Zimmer mit frischen Betten zu bekommen waren, und das Ausruhn auf Bänken oder aneinander gesetzten Stühlen, dem sich manche überließen, mir nicht behagte, so zog ich es vor, dem Gewühle des Hotels zu entfliehen und ungeachtet der Kälte und der Cholera, meine Zeit auf Spaziergänge durch die Stadt zu verwenden.
   So glühend die Hitze ist, welche die Sonnenstrahlen über Tag auf der Oberfläche von Sand und Fels hervorrufen, so groß ist die Abkühlung der starren Wüste des Nachts. Die Kälte war daher empfindlich und ich bedauerte, meine leichte, indische Kleidung nicht sogleich mit wärmerer, europäischer Bedeckung verwechseln zu können. Der Mond schien so hell durch die heitre Wüstenluft herab, daß auch im Schatten der Mauern alle Gegenstände deutlich sichtbar waren. Die Todtenstille, in welcher die Stadt dalag, machte einen tiefen Eindruck auf mich, der ich so eben erst das lärmerische, von Leben wimmelnde Gasthaus verlassen hatte. Ich sah auf dem Kai und in den benachbarten Straßen Hunderte von plumpen Massen liegen, die mit den Mauern der Gebäude und dem Sande, woraus der Boden bestand, so vollkommen ein und dieselbe fahlgraue Farbe hatten, daß ich sie für Felsblöcke oder große Waarensäcke hielt. Zwischen ihnen waren hier und da pyramidenförmige oder längliche Gestalten von völlig weißer Farbe sichtbar, die wie Gespenster und schweigsam wie diese, hin- und herschlichen. – Alles war still. – Man konnte kein Athmen, kein Geräusch hören, und erst als ich mich mitten unter jenen plumpen „Felsblöcken“ oder „Säcken“ befand und als lange, gebogene Körper, wie krumme Baumstämme, mir zur Seite und höher, als ich selber war, emporragten, da erkannte ich erst, daß jene schleichenden Gestalten Beduinen mit ihren weißen Mänteln waren, aus deren Kappe oben ein schwarzer Bart und zwei funkelnde Augen hervorguckten, – und ich erschrak fast, als einer von jenen lang emporgereckten Körpern an seiner Spitze anfing, sich langsam zu bewegen und mir – einen Kopf zudrehte, mit Augen darin und einem käuenden Gebiß – – –; ich schritt zwischen Kameelen, dem Bilde der Geduld, dahin. Diese Thiere, Dromedare oder einbucklige Kameele,lagen in der That eben so unbeweglich wie Felsblöcke im Sande hingestreckt, und der einzige Theil ihres Körpers, an dem man zuweilen eine leise Bewegung spüren konnte, war der Kopf, den sie langsam zur Seite drehten, wenn ein Araber oder ein fremder Reisender vorüberschlich. Man hätte dann diesen so unverhältnißmäßig kleinen Kopf, wenn er sich auf dem ungeheuer langen Halse nach einer Seite zu bewegte und sich allein bewegte, während kein andres Glied des Körpers Zeichen von Bewegung gab, leicht für einen ganz andern Gegenstand, für ein Thier an und für sich selbst, oder auch für eine Windfahne halten können.
   Ich wandelte durch die engen Straßen zwischen den Häusern dahin, die schmutzig-grau oder bräunlich, wie der Sand des Bodens, sind, platt von oben, kahl und einförmig an ihren Wänden, die aber durch ihre kleinen, sehr vereinzelten, regellos angebrachten und dann noch gewöhnlich mit Gitterwerk geschlossenen Fensteröffnungen ein fremdes, geheimnißvolles Vorkommen erhalten. Manche Gassen sind so eng, daß nicht zwei Menschen neben einander gehen können. Die Häuser sahen aus, wie aus der Wüste herausgewachsene Erd- oder Felsstücke, von kubisch-plattgedrückter Form und ihre Vereinigung zu einem Ganzen glich einer platten Bergmasse, durch welche man schmale, sich regellos durchkreuzende Gassen hindurchgehauen hat. Alles war kahl und staubig. Nur hier und da blickte aus dem innern Hofraume, deren ein jedes größere Haus einen hat, eine Dattelpalme hervor und in dem Hintergrunde einer schmalen Gasse machte sich zuweilen die weiße, unheimliche Gestalt eines Beduinen kenntlich, die schnell hinter der Ecke verschwand. Sonst war Alles einförmig und bewegungslos. – Nackte äußere Wände der Häuser, mit kleinen vergitterten Gucklöchern, – viereckige innere Hofräume, nach welchen die Fensteröffnungen hingerichtet sind, – Cisternen in diesen Höfen, – hier und da die Minaret's einer Moskee, ähnlich den cylindrischen Schornsteinen europäischer Fabriken, – platte Dächer – Alkoran und – Harem! – das sind hier unzertrennliche Sachen.
   Auf meinem Spaziergange durch dieses Chaos, diesen regellosen und schmutzigen Schutthaufen von Mauern, (als solcher erscheint die Stadt dem Reisenden auf den ersten Blick) – empfanden auch meine Geruchsnerven den bündigen und anhaltenden Beweis, daß das Wort schmutzig kein unverdientes Prädikat von Suez sei. Denn Kothhaufen und todte Ratten waren aller Ecken zu sehen, halb verfaulte Kadaver von Eseln lagen hier und da umher, sogar ein todtes Kameel zwang mich zur Rückkehr aus einer von den engen Gassen, die es ganz versperrte, – vielleicht lagen auch menschliche Leichen, die an der Cholera gestorben waren, noch unbegraben in den Häusern, oder nur lose verscharrt unter dem Sande, – und ein gräulicher, allerwidrigster, süß-fauliger Gestank erfüllte, als ein nicht unpassender Duft für das Heimathland der Pest, – weit und breit alle Räume der Stadt.
   Doch hatte die Landschaft und Stadt mit der eigenthümlichen Bauart ihrer Häuser, mit ihren Kameel- und Beduinengestalten, ihren regellos aufgehäuften Transportwaaren und Kisten und eben so regellos umhergestellten zweirädrigen Karren, und mit ihrem klosterartig abgesonderten Hotel, worin mehr als 300 Fremdlinge durch einander wogten, – so wie sie da lag bei nächtlicher Weile, hell vom Mond beschienen, – einen, wo nicht schönen, doch desto eigenthümlichern Reiz.

 

Junghuhn, Franz
Rückreise von Java nach Europa mit der sogenannten englischen Überlandpost im September und October 1848
Leipzig 1852

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