Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1894 - Fritz W. Up te Graff
Über den Isthmus von Panama

 

Am 18. November 1894 fuhr ich von New York mit dem Dampfer „Advance“ mit 100 Dollar in der Tasche ab; die Fahrt ging über Colon nach Panama. In zehn Tagen wurde der Hafen von Colon erreicht, nach einer Überfahrt, die vermutlich so ereignislos wie irgendeine andere war. Die Fahrt war zwar nicht besonders spannend gewesen; für mich aber bedeutete sie ein großes Abenteuer. War ich doch auf dem Weg nach meinem Ziel!
   Colon fiel mir auf als die Stadt der Truthahngeier und der Neger. Von beiden war eine große Anzahl erschienen, um die Ankunft der „Advance“ zu beobachten. Ich konnte nicht viel von der Stadt sehen; es war nur ein Haufen Strohdächer, die sich um die hölzernen Kais reihten, halb versteckt hinter Palmen und Bananenstauden, die es in überreicher Menge gab. Inmitten eines Sumpfes gelegen, mit schmutzigen Wegen als Straßen und Geiern als Straßenreinigern, war es ein wenig anziehender Ort.
   Auf der Landungsbrücke bestieg ich einen Zug und wurde in ungefähr zweieinhalb Stunden über den Isthmus beförderte, vorbei an verschiedenen kleinen Landstädten, die genau wie Colon aussahen. Oftmals boten sich Durchblicke nach dem alten Lesseps-Kanal. Die verlassenen Maschinen lagen noch da, wie die Franzosen sie hatten liegen lassen; sie verrosteten in Schlamm und Wasser. Tropische Gewächse quollen aus den Schornsteinröhren, die großen Kessel waren halb verborgen in der wirren Masse des wuchernden Unkrauts. Es war ein trübseliger Anblick.
   In Panama angelangt, schrieb ich am 12. Dezember 1894 aus dem Grand Hotel - dem einzigen, dessen sich die Stadt rühmte, nach Hause. Das Hotel gab sich auf seinem Briefpapier aus als „in dem Sankt Anna Park gelegen, dem zentralsten und auch gesündesten Teil der Stadt. Erstklassiges Restaurant. Herrliche Schlafzimmer für Reisende und Passanten. Bar und Ballsaal“.
   In Wirklichkeit waren Schmutz, Wanzen und vollkommene Mißachtung der notwendigsten Lebensbedürfnisse nach unseren Begriffen die auffallendsten Eigenschaften dieses Hotels. Die sanitären Einrichtungen waren äußerst eigenartig. Der Besitzer hatte geschäftsgewandt seine moderne Wasserleitungsanlage so auffallend als möglich angebracht, wobei er wahrscheinlich alle anderen Besitzer zwischen Mexiko und Argentinien überflügelte, denn eine Reihe von Kabinetten [Toiletten] war quer durch das eine Ende des Speisesaals gelegt; sie waren nur durch kleine Halbtüren geschlossen, die den Benutzern erlaubten, die Unterhaltung mit ihren an der Speisetafel sitzenden Freunden fortzusetzen.
   Das Zimmer war auf zwei Seiten nach der Straße zu offen, aber ohne jeglichen Schutz vor den nackten Kindern, Geiern, Hunden und Schweinen der Straße, die in nie endendem Zug auf der Suche nach Speiseresten ein- und ausströmten. Die „herrlichen Schlafzimmer“, von denen das Briefpapier Zeugnis ablegte, waren so voll Ungeziefer, daß es jeder Beschreibung spottete. Ich wußte damals nicht, ob es gebräuchlich war, das Gras und das Unkraut zu schneiden, bevor man einem Gast in sein Zimmer führte - jedenfalls hatte der Eigentümer dieses Hotels verabsäumt. Überall sproß das Grün zwischen den Dielen bis zur Höhe von 30 Zentimetern hervor, als ich von meinem Zimmer Besitz ergriff. Ich machte mich eine Weile ans Jäten, bevor ich meinen Schiffskoffer hereintrug und auf die von mir geschaffene Lichtung niederstellte. Ich schlief die Nacht auf ihm und entging so dem kriechenden Getier, das in dem Bett wohnte und das sich in dem Urwald auf dem Fußboden hätte verirren müssen, wenn es zu mir dringen wollte. Aber die Moskitos waren trotzdem fürchterlich.
   Herr Soresby, der amerikanische Konsul, bemühte sich liebenswürdig um mich und gab mir eine Menge freundschaftlicher Ratschläge, für die ich ihm sehr dankbar war. Der Fallstricke waren es viele, die den jungen unerfahrenen Reisenden aus dem Norden erwarteten. An meinem zweiten Abend in der Stadt nahm der Konsul mich mit, um uns die Vergnügungslokale anzusehen. Unter anderem zeigte er sein Geschick beim Glücksrad. In wenigen Augenblicken hatte er die Bank mit 2.000 kolumbischen Pesos gesprengt. Dem Eigentümer, der kam, ihn zu bitten, ihm die Hälfte des Geldes zu leihen, um das Spiel fortsetzen zu können, stellte er eine Gewissensfrage:
   „Würden Sie“, sagte er, „mir die Hälfte meines Geldes zurückgeben, wenn ich ein Vermögen an Sie verloren hätte?“
   Er bekam keine Antwort.
   Damals empfand ich dieses Vorgehen als ziemlich schäbig. Seither bin ich allerdings anderer Ansicht geworden.
   Am nächsten Tag war ich froh, daß ich an Bord der „Santiago“ von der Pazifiklinie zu gehen und Panama aus den Augen zu verlieren.
   
Graff, Fritz W. Up te
Bei den Kopfjägern des Amazonas. Sieben Jahre Forschung und Abenteuer
Leipzig 1924

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!