Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1883 - Carl Humann, preussischer Architekt und Ingenieur
Auf den Nemrud Dag
Türkei

 

Hier in 1665 m Seehöhe lag der erste Schnee. Hoch über uns im Norden ragte unser Endziel empor, ein gewaltiger Hügel auf der Bergspitze, auch Statuen neben ihm schon deutlich erkennbar. Unsere Führer geleiteten uns schräg an den Felswänden nach Ostnordost hinan, so daß wir das Monument zunächst weit hinter uns ließen, dann schwenkten wir nach Norden, uns durch ein wahres Felsenlabyrinth windend, bogen dann westlich ein, unser Ziel also im Halbkreise umgehend, und gelangten auf eine kleine grüne Weide, rings von zackigen Felsen, an deren Fuß der Schnee zusammengerutscht lag, eingeschlossen, von wo wir nun das Denkmal viel näher vor uns sahen. Ein Felsblock war gegen die Wand gelehnt, so dass er einen einige Meter langen Durchschlupf ließ: hier hatte Puchstein während der vorjährigen Untersuchung des Denkmals die Nächte verbracht. Eine kleine Quelle war in der Nähe und die Führer erklärten, dies wäre der beste Lagerplatz. An guter Weide für die Pferde fehlte es nicht; neben dem feinen und weichen Grase sproßten, teilweise die Ränder des Schnees durchbrechend, Hyazinthen und rote Tulpen auf. Wir befanden uns in 1945 m Seehöhe, wie sich
später aus dem Mittel einer sechszehntägigen Barometerbeobachtung ergab.
   Da wir hier schon um zwei Uhr nachmittags angelangt waren, ließ es uns keine Ruhe, noch heute einen Blick auf das hoch auf der Bergspitze gelegene Denkmal zu werfen. Wir ließen daher die Pferde am gewählten Lagerplatz zurück und stiegen weiter bergauf, bis wir 247 m höher endlich den Gipfel des Nemrud-dagh und auf ihm den Tumulus des Königs Antiochos erreichten. Der erste Eindruck war ein wahrhaft überwältigender. Wie ein Berg auf dem Berge erhob sich auf dem höchsten Felsgipfel der Grabhügel, an sich noch 40 m über der Terrasse, die wir erstiegen hatten, empor ragend. Ihm den Rücken wendend, saßen da auf erhöhter Felsenbank die Riesengebilde von fünf Gottheiten, von denen nur eins ganz unversehrt geblieben war.
   Nach dem ersten Anschauen des Nächstliegenden schweifte der Blick unwillkürlich in die Ferne. Wenn das Meer im wütendsten Orkan, während eine quer kommende Dünung die grausigen Wellenberge zu schwindelnder Höhe aufthürmt und wieder wild durcheinander würfelt, plötzlich erstarrte, so würde es im kleinen ein Bild dessen geben, was sich uns im Osten, Norden und Westen, soweit der Blick reichte, und im Süden auf einige Meilen Entfernung darbot. Die weißen Schaumkämme der Wellen sind hier die schneeglänzenden Grate des Tauros. Wohl mögen die Thäler und Schluchten sich in fortlaufenden, wenn auch gewundenen Linien durchziehen, uns erschien es als ein wildes Durcheinander, aus dem sich, gleichsam Ruhepunkte für das Auge, nur hier und dort ein massiger Gebirgsstock hoch empor hob. Nach Süden senkte sich das Felsenmeer; zuweilen blitzte der Spiegel des Euphrat herauf und drüben verlor sich der Horizont in unabsehbare Weite, tief hinein nach Mesopotamien.
   Wir wußten kaum, was wir zuerst anschauen sollten, die Nähe oder die Ferne. Vor uns lagen die herabgestürzten Köpfe der Statuen, jeder einzelne größer als eines Mannes Länge, lag ein Berg von Steinblöcken, lagen Platten mit Reliefbildern vor niedrigen Mauern mit Löchern auf ihrer Oberseite, in denen die Platten einst eingezapft gestanden hatten. Der ganze Platz eine dem Fels abgewonnene geebnete Terrasse. Wir gingen um den Tumulus herum; scharf schnitten die Steine in das Schuhleder; denn der ganze Hügel ist von gleichmäßig, ganz wie bei unseren Chausseesteinen, künstlich zerkleinerten Kalksteinen aufgeführt, so steil als die Schüttung zuließ. An der andern Seite des Hügels erreichten wir im Westen wieder eine Terrasse, die bedeutend tiefer lag, als die erste. Hier sind die Statuen ganz zerstört, die einzelnen Blöcke, aus denen sie aufgeführt gewesen, zu Hauf daliegend, die Köpfe weit auf die Terrasse hingerollt. Eine ganze Anzahl von Reliefplatten gegenüber den Statuen fesselte hier das Auge; nach Norden zu schloß sich an die Götterbilder eine andere größere Art von Reliefplatten seitlich an, fünf an der Zahl, die früher auf dem Gesicht lagen und von Puchstein 1882 nur teilweise und von unten hatten gesehen werden können. Jetzt waren sie von Hamdy-Bey herumgedreht und schräg gegen den Schutt gelehnt worden. Endlich gingen wir noch weiter nach Norden um das Denkmal herum, überschritten eine dritte Terrasse, die kein Bildwerk zeigte, und stiegen wieder zum Lagerplatz hinab.
   Dort fanden wir die Zelte schon aufgeschlagen und für einen längeren Aufenthalt eingerichtet; aus dem Schlupfwinkel unter dem Felsstück, wo Puchstein früher gewohnt hatte, war ein photographisches Atelier gemacht. Als wir abends müde auf den Feldstühlen vor den Zelten saßen, ertönte von allen Seiten das Gegacker der Steinhühner; bald erschien hier und da eins neugierig auf den Felsblöcken und wir konnten uns gleich einige zum Abendbrot schießen. In den nächsten Tagen brachten uns die Kurden hunderte von frischen Eiern solcher Hühner, denn die Tiere sind in unglaublichen Mengen vorhanden, da Füchse und Schakale hier oben wegen des langen Winters nicht hausen. Diese hübschen, stahlgrauen, schwarz gebänderten Vögel mit roten Füßen und Schnabel, vertreten in Kleinasien unsere Rebhühner. In der Felswand unmittelbar über dem Zelte fütterte auch schon ein grauer finkenartiger Vogel seine Jungen. Sonst sahen wir während unseres Aufenthalts außer einigen Adlern an bemerkenswerten Tieren nur noch Bären, deren es ziemlich viel geben muß. Über Panther, die sonst in Kleinasien, selbst in der Nähe von Smyrna [Izmir] vorkommen, war nichts zu erfahren, doch gibt es Hirsche und Steinböcke.
   
Humann, Carl
Die zweite Reise auf den Nemrud Dag
In: Humann, Carl; Puchstein, Otto
Reisen in Kleinasien und Nordsyrien, ausgeführt im Auftrag der Königlichen Preussischen Akademie der Wissenschaften
Berlin 1890

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!