Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1860 - Max von Brandt, preußischer Diplomat
Konflikte auf dem Tokaido

 

Nach japanischen Gesetzen durfte niemand, der nicht den höheren Klassen angehörte, und nach denselben gehörte der Kaufmann zu den niedrigsten, anders als auf einem Packpferd reiten und mußte selbst dann von demselben absteigen, wenn er einem Beamten oder dem Zuge eines Adligen begegnete. Bei einem solchen Zuge mußte jeder Japaner sich niederkauern und, sobald die lackierte oder vergoldete Sänfte der Hauptperson sich näherte, sich auf die Erde werfen. Da die Fremden nicht mit Unrecht sich weigerten, sich diesen und ähnlichen Gebräuchen zu unterwerfen, kam es zu zahlreichen Konflikten, bei denen sie und ihre eingeborenen Diener von den Pferden oder Wagen gerissen und schlimmere Sachen nur durch die vernünftige Haltung der Fremden vermeiden wurden. Die japanischen Behörden, von dem Wunsche beseelt, alle solche Konflikte möglichst zu vermeiden, verlangten, daß den Fremden verboten werde, den Tokaido zu betreten, wenn der Zug eines Landesherrn sich auf demselben befinde, und versuchten die Befolgung dieses Ersuchens dadurch zu erzwingen, daß sie entweder die Tore der Niederlassung schlossen oder auf dem von Yokohama nach Kanagawa führenden Damme Wachen aufstellten, die die Fremden verhindern sollten, sich nach dem letzteren Platze zu begeben, durch den der Tokaido führte. So war die Luft mit Elektrizität geladen, und es schien nur eines Funkens zu bedürfen, um einen Konflikt hervorzurufen, der für die soeben erst mit Japan angeknüpften internationalen Beziehungen verderblich werden mußte. Das Gefühl der Entrüstung und Besorgnis war ersichtlich größer in Yokohama als in Jedo [Tokio], obgleich die dort residierenden Vertreter der Vertragsmächte unzweifelhaft größeren Gefahren ausgesetzt waren als die Kaufleute in Yokohama; aber das Gefühle der größeren Verantwortlichkeit trug nicht wenig dazu bei, die Lage hier ruhiger als dort betrachten zu lassen.

 

Brandt, Max von
Japan. Erinnerungen eines deutschen Diplomaten
Hamburg/Berlin 1912

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!