Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1832 - George Catlin
Über die Blackfoot-Indianer
Fort Union Trading Post, North Dakota

 

Es gibt vielleicht, mit Ausnahme der Krähenindianer, keinen Stamm in Nordamerika, der sich bequemer und prächtiger kleidet als die Schwarzfüße. Beide Stämme unterscheiden sich wenig hinsichtlich der Kostbarkeit und Eleganz des Kostüms sowie der Stoffe, obgleich die Näherei und die Verzierungen mit den Stacheln des Stachelschweines, die einen Hauptschmuck ihrer Staatskleider bilden, bei jedem Stamm verschieden ist, so daß jeder, der sich mit diesen Moden etwas vertraut gemacht hat, sogleich danach den Stamm zu bestimmen vermag. So bestand zum Beispiel die Kleidung des Häuptlings, den ich zeichnete, in einem Hemd oder einer Tunika aus zwei Hirschhäuten, mit dem Halsteil abwärts und so aneinandergefügt, daß die Hinterläufe zusammengenäht waren und die Nähte längs des Armes von den Schultern bis zu den Handknöcheln hinliefen. Jede Naht war mit einer zwei Zoll breiten, sehr schönen Stickerei von Stacheln des Stachelschweins bedeckt, und von dem unteren Rand derselben, von der Schulter bis zur Hand, hingen Fransen von schwarzem Haar, das er den von ihm im Gefecht getöteten Feinden geraubt hatte. Die Beinkleider bestanden aus demselben Stoff, und von der Hüfte bis zum Fuß hinab war ein Streifen von gleicher Breite, und auf gleiche Weise mit Stacheln und Haarlocken verziert, angebracht. Letztere werden von den Skalpen entnommen und als Siegeszeichen getragen.
   Die Frau (Squaw) dieses Häuptlings, Ih-nis-kin (Kristall), habe ich ebenfalls gezeichnet. Sie hat ziemlich angenehme Gesichtszüge, was bei den Schwarzfußindianern eine Seltenheit ist. Sie trug eine Kleidung aus Fellen und war die jüngste und zuletzt gewählte von sechs oder acht Frauen, weshalb sie von ihrem Mann wie ein Augapfel bewacht wurde. Der Enkel dieses Häuptlings (Satschem), ein Knabe von sechs bis acht Jahren und zu jung, um schon einen Namen zu haben, wurde auch von mir gezeichnet, und zwar in der Tracht eines Kriegers mit Bogen und Köcher und einem Mantel von der Haut eines Waschbären. Die Geschichte dieses Kindes ist interessant. Sein Vater ist tot, und nach dem Ableben des alten Häuptlings wird es erbliches Oberhaupt des Stammes. Die Krähenindianer hatten diesen Knaben bereits zweimal geraubt, aber die Schwarzfüße ihn jedesmal mit großem Verlust an Menschen wieder befreit und ihn dann zu Herrn M'Kenzie in das Fort gebracht, wo er bleiben soll, bis er sein Amt als Häuptling zu übernehmen imstande ist.
   Der Skalp, von dem oben die Rede war, besteht aus einem Teil der Kopfhaut von der Größe der Handfläche oder auch kleiner, welcher auf dem Wirbel des Kopfes, da wo das Haar strahlenförmig von einem Punkt ausgeht, herausgeschnitten und mit großer Sorgfalt getrocknet und aufbewahrt wird, als Beweis von der Erlegung eines Feindes dient und dem Mann Anspruch auf den Namen eines Kriegers gibt. Wenn der Skalp „umtanzt“ worden ist, das heißt, nachdem die Krieger um den auf eine Stange gesteckten oder von einer alten Frau emporgehaltenen Skalp herumgetanzt haben, welches in Zwischenräumen zwei bis drei Wochen lang geschieht, so wird er an den Stiel einer Lanze oder Kriegskeule befestigt, oder der Sieger teilt das Haar in kleine Locken und schmückt seine Kleidung damit. Es ist sehr schwer, einen so verzierten Anzug von den Indianern zu erlangen, da er ihnen gewöhnlich um keinen Preis feil ist.
   Die Mokassins des Häuptlings sind ebenfalls von Hirschhaut gemacht und auf ähnliche Weise verziert. Sein Mantel ist aus der Haut eines jungen Büffelstieres verfertigt, die das Haar behält und auf der inneren, mit Stacheln des Stachelschweins verzierten Seite die Kämpfe der Helden auf sehr sinnreiche, wenn auch rohe Weise in Zeichnungen darstellt. Das Rohr seiner Pfeife ist vier bis fünf Fuß lang und zierlich mit den Spitzen von Stachelschweinstacheln von verschiedener Farbe umwunden; der Kopf ist aus Speckstein geschnitten, wie fast alle Pfeifenköpfe der Indianer. Nach der Aussage der Wilden findet sich dieser Speckstein an einem Ort zwischen dem Fort und den St.-Anthony-Wasserfällen an den Quellen des Mississippi. Der Fundort ist geheiligt und neutraler Boden, wo alle Stämme dieser Gegenden, sowie vom Mississippi und den großen Seen, zusammentreffen, und auf Befehl des Großen Geistes selbst die erbittertsten Feinde sich als Freunde behandeln müssen.
   Auf ähnliche Weise wie dieser Satschem (Häuptling) kleiden sich alle oben erwähnten Häuptlinge der Schwarzfüße und sind, wie alle diese nordwestlichen Stämme, mit Bogen, Köcher und Lanze bewaffnet und tragen am linken Arm einen Schild zum Schutz gegen die Pfeile.
   Die Kleidung und Rüstung dieser „Lanzenritter“ ist ganz klassisch. Sie sind, im wahren Sinn des Wortes, fast beständig zu Pferde und führen ihre Waffen auf den offenen Ebenen mit furchtbarem Erfolg, wo sie im vollen Jagen das Wild erlegen und den Feind töten. Es herrscht in dieser Beziehung bei allen Stämmen, die diese großen Ebenen oder Prärien des Westens bewohnen, derselbe Brauch. Diese Ebenen liefern ihnen einen Überfluß an wilden und schnellen Pferden, auf deren Rücken sie im vollen Jagen jedes Tier erreichen können und dann mit Leichtigkeit töten.
   Der Bogen, scheinbar eine unbedeutende Waffe, wird in den Händen seines Besitzers, der von Jugend auf an dessen Handhabung gewöhnt ist, zu einer Waffe von fast unglaublicher Kraft. Seine Länge beträgt gewöhnlich etwa drei, zuweilen nur zwei und einen halben Fuß. Diese geringen Dimensionen haben gewiß ihren guten Grund, denn ein kleiner Bogen ist zu Pferde allerdings besser zu gebrauchen als ein großer. Die meisten dieser Bogen sind von Eschenholz gemacht und auf der Außenseite mit Lagen von Büffel- oder Hirschsehnen versehen, die unzertrennlich daran befestigt sind und ihnen eine große Elastizität geben. Viele Bogen bei den Schwarzfüßen und den Krähenindianern sind auch aus Knochen oder aus den Hörnern des Bergschafes verfertigt. Die Bogen von Knochen sind die besten und werden hier nur für den Preis von einem oder zwei Pferden verkauft. Ich habe mehrere sehr schöne Bögen dieser Art erhandelt. Wenn ich aber fragte, aus welchen Knochen dieselben verfertigt worden, so erhielt ich stets die Antwort: »Das ist Medizin«, das heißt, es ist ein Geheimnis für sie, oder sie wünschen nicht, darüber befragt zu werden. Diese Knochen stammen offenbar von keinem der Tiere her, die gegenwärtig auf den Prärien oder in den Gebirgen zwischen dem Fort und dem Großen Ozean leben, denn einige dieser Bogen sind drei Fuß lang, aus einem Stück und dabei so dicht, hart, weiß und poliert wie Elfenbein; sie können daher nicht, wie manche glauben, von dem Geweih des Elens gemacht sein, das dunkelfarbig und porös ist, und ebensowenig von Büffelhörnern. Ich bin daher der Meinung, daß die Indianer an der Küste des Großen Ozeans die Kinnbacken des Pottfisches, der daselbst oft auf den Strand geworfen wird, sammeln und im Gebirge an die Schwarzfuß- und Krähenindianer verkaufen, die dann ihre Bogen daraus verfertigen, ohne über ihre Herkunft mehr zu wissen als wir.
   In den Händen eines Indianers auf schnellem, gut dressiertem Pferd ist dieser Bogen in den offenen Ebenen eine höchst wirksame, gewaltige Waffe. Von der Kraft, womit die Pfeile abgeschossen werden und von den tödlichen durch sie verursachten Wunden kann sich niemand eine Vorstellung machen, wenn er nicht einer Jagd der Indianer auf eine Büffelherde beigewohnt hat. Die Pfeilspitzen sind entweder aus Feuerstein oder Knochen von den Indianern selbst gemacht, oder es sind Stahlspitzen, wie sie gegenwärtig hauptsächlich von den Pelzhändlern bis an die Rocky Mountains geliefert werden. Der Köcher, der stets auf dem Rücken getragen wird, ist aus Panther- oder Otterfell gemacht und enthält gewöhnlich zweierlei Arten von Pfeilen: die eine Art ist für den Feind bestimmt, gewöhnlich vergiftet und mit langen Widerhaken versehen, damit die Spitze in der Wunde zurückbleibt, wenn der Schaft, an den sie nur leicht angeleimt ist, herausgezogen wird; bei der anderen Art, die nur zur Jagd dient, sind die Spitzen gut an dem Schaft befestigt und die Haken umgekehrt, damit sie leicht aus der Wunde gezogen und wieder benutzt werden können.
   Menschen und Pferde sind in diesem Land so eingeübt, daß dies Geschäft des Tötens für sie ein leichtes Spiel ist. Die Pferde sind so abgerichtet, daß sie sich den Tieren auf der rechten Seite nähern, so daß der Reiter seinen Pfeil nach links hin abschießen kann; sie laufen, ohne daß der Zügel gebraucht wird, der lose auf dem Nacken hängt, und bringen den Reiter bis auf drei oder vier Schritte von dem Tier, worauf der Pfeil mit großer Leichtigkeit und Sicherheit ins Herz geschossen wird, und zwar geschieht dies zuweilen mit solcher Kraft, daß er durch den Körper des Tieres hindurchgeht.
   Ein Indianer auf einem schnellen und gut abgerichteten Pferd, mit seinem Bogen in der Hand und dem Köcher auf dem Rücken, der an hundert Pfeile enthält, von denen er fünfzehn bis zwanzig in einer Minute abschießen kann, ist daher ein furchtbarer und gefährlicher Feind. Manche Indianer führen auch eine Lanze von zwölf bis fünfzehn Fuß Länge mit einer Spitze von poliertem Stahl; alle aber haben einen Schild aus der Nackenhaut des Büffels, die geräuchert und mit einem aus den Hufen dieses Tieres gezogenen Leim gehärtet wird. Diese Schilde sind undurchdringlich für die Pfeile, und selbst eine Büchsenkugel prallt ab, wenn sie den Schild schief halten, was sie mit großer Geschicklichkeit zu tun wissen.
   Auf solche Weise sind alle diese wilden, roten Ritter der Prärie ausgerüstet, und wie es nichts Malerischeres oder Ergreifenderes gibt als einen über die grünen, endlosen Prärien galoppierenden Trupp dieser Krieger, ebenso würde auch keine gleiche Anzahl berittener Männer in diesem Land so unwiderstehlich und unbesiegbar sein wie sie, wenn man ihnen Vertrauen auf ihre Macht und ihre Überlegenheit einflößen könnte; allein, dies ist niemals der Fall, denn so weit der Name der weißen Männer gedrungen ist, und selbst lange vorher, ehe der Indianer Gelegenheit hatte, sich mit ihnen zu messen, zitterte er vor Furcht und Angst bei seiner Annäherung. Er hört von den Künsten und der Geschicklichkeit des weißen Mannes, von seiner List und Verschlagenheit, von seinen hundert Todes- und Zerstörungswerkzeugen, er fürchtet seine Nähe, bebt mit Furcht und Zittern vor ihm zurück, und sein Stolz und sein Mut verlassen ihn bei dem Gedanken, mit einem Feind zu streiten, der, wie er glaubt, ihn mit Medizin oder geheimen Waffen bekämpft.

 

Catlin, George
Die Indianer Nordamerikas
Berlin 1924; Nachdruck 1979

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