Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1588 - James Melvill
Die Überlebenden der Armada
Anstruther, Schottland


Früh am Morgen [des 6. Dezember], bei Tagesanbruch, kam einer der Ratsherren an mein Bett und erklärte (ohne Furcht in der Stimme): »Es gibt Neuigkeiten, Sir. Heute Morgen ist ein Schiff voller Spanier angekommen. Sie wollen uns aber keine Gnade erweisen, sondern sie bitten darum.« Und er erzählte mir, dass die spanischen Offiziere gelandet wären, er sie aber auf ihr Schiff zurückbefohlen habe, bis der Magistrat der Stadt entschieden hätte, was zu tun sei, und die Spanier hatten ergeben gefolgt. Deshalb wollte er, dass ich aufstünde, mit ihm ginge und mir anhörte, was der Spanier Begehr sei. Ich erhob mich sogleich und versammelte die Honoratioren um mich im Tolbooth [Rathaus und Gefängnis] und beriet mich mit ihnen. Dann kam ein Mann von großer Statur, von ernsthaftem und eindrucksvollem Benehmen, grauhaarig und sehr bescheiden, der sich mit vielen Höflichkeiten tief verbeugte und meine Schuhe mit den Händen berührte und dann auf Spanisch zu sprechen anfing. Ich verstand ungefähr den Inhalt und wollte auf Latein antworten; er hatte einen jungen Mann als Übersetzer bei sich, und der erzählte uns nun die Geschichte noch einmal in gutem Englisch.
   Der Inhalt war etwa folgendermaßen: Sein Herr, König Philipp, hätte eine Flotte und ein Heer zur Landung in England ausrüsten lassen, um sich gerechterweise für viele, nicht hinnehmbare Missetaten zu rächen, die er von dieser [der englischen] Nation erhalten habe. Aber Gott habe ihre Sünden gestraft und die Flotte die englische Küste entlang treiben lassen. Er als Kommodore über zwanzig Schiffe und eine gewisse Anzahl Kapitäne hätten auf der Fair Isle [einer der Orkneys] Schiffbruch erlitten; diejenigen, die die erbarmungslose Brandung und die Felsen überlebt hätten, hätten sechs oder sieben Wochen großen Hunger gelitten, dann wären sie mit einem Schiff hierher gekommen, zu ihren Freunden und Verbündeten, um die Hände des Königs zu küssen (dabei verbeugte er sich tief), auf dass er, die Herren Kapitäne und die armen Soldaten Erleichterung von ihren Leiden finden könnten, denn es ginge ihnen höchst miserabel und sie befänden sich in großem Elend.
   Ich antwortete ihm etwa so: Wenn auch unsere Freundschaft nicht groß sein könne, weil der spanische König und seine Untertanen zu dem größten Feind der Christenheit, dem Papst, hielten, dem unser König und wir die Stirn böten, und weil sie gegen unsere besonderen Freunde, nämlich England, in den Krieg gezogen seien, könnten sie von unserer Seite eigentlich keine Hilfe erwarten. Aber sie sollten erfahren, dass wir menschlich seien, von Mitleid ergriffen, und bessere Christen als die Spanier in Worten und Taten. Denn unsere Leute, die bei ihnen friedlich Handel treiben wollten, seien von ihnen mit Gewalt ergriffen und ins Gefängnis geworfen, ihr Eigentum eingezogen und sie selbst aus Gründen des Glaubens den grausamen Flammen überlassen worden. Aber bei uns sollten sie Mitleid, Erbarmen und Almosen erhalten, und Gott möge nach seinem Willen Glaubensgefühle in ihnen erwecken.
   Dies berichtete der Übersetzer getreulich. Medina drückte seine tiefe Dankbarkeit aus und sagte, er könne nicht für seine Kirche und deren Gesetze sprechen, nur für sich selbst; es gäbe einige Schotten, die ihn aus Cádiz kennen würden und von denen er glaube, dass sie aus Anstruther stammten. Diesen hätte er manchen Dienst erwiesen.
   Dann wurde ihm von Ratsherren gezeigt, wo er mit seinen Offizieren unterkommen konnte, den Mannschaften wurde die Landung aber nicht erlaubt, so lange der Grundherr es nicht gestattete und der König sich nicht geäußert hatte. Unter großen Höflichkeitsbezeigungen verabschiedete er sich.
   Am Abend kam der Grundherr, und am nächsten Morgen traf er den Kommodore und die Kapitäne, und nach Reden ähnlich denen am Vortag nahm er sie in sein Schloß auf und bewirtete sie großzügig. Die Seeleute ließ er alle an Land kommen; es waren um die 260. Die meisten waren junge, bartlose Männer, sie waren geschwächt, konnten sich nur noch mit Mühe dahinschleppen und waren ausgehungert. Sie erhielten Kohlsuppe und Fisch. Ich sagte, was der Prophet Elias schon dem König von Israel gesagt hatte: Gebt ihnen Brot und Wasser! Der Name des Kommodore war Juan Gómez de Medina, Befehlshaber von zwanzig Schiffen, die anderen waren Kapitän Patricio, Kapitän de Legoretto, Kapitän de Luffera, Kapitän Maurizio und Señor Serrano.
   Mir schwoll das Herz vor Dankbarkeit gegen Gott in der Brust, als ich daran dachte, wie überheblich und grausam die Spanier uns behandelt hätten, wären sie mit ihren Streitkräften unter uns gelandet. Und ich sah, wie Gottes wunderbare Gnade und Gerechtigkeit die Kapitäne so unterwürfig und die Soldaten so jämmerlich erschienen ließen, dass sie vor unseren Türen und auf der Straße nach Almosen bettelten.
   Bisher wussten die Spanier noch nichts vom Schiffbruch der restlichen Flotte. Sie nahmen an, sie sei heil nach Hause zurückgekehrt, bis ich eines Tages in St. Andrews ein Flugblatt über deren Untergang bekam. Es standen auch die Namen der wichtigsten Männer darin, und wie es ihnen in Irland, auf unseren Inseln, in Wales und Teilen von England ergangen war. Als ich Juan Gómez davon berichtete, brach er in Tränen aus.
   Dieser Juan Gómez erwies sich später einem unserer Schiffe gegenüber sehr freundlich, das er bei seiner Heimkehr in Cádiz antraf. Er trat vor Gericht für das Schiff ein, lobte Schottland sehr vor seinem König, nahm die Männer freundlich in sein Haus auf, fragte nach dem Herrn von Anstruther sowie dem Pfarrer, und ließ ihnen seine Empfehlung überbringen. Und wir dankten Gott aus tiefstem Herzen, dass wir die Spanier damals in dieser Form behandelt hatten.

 

Pitcairn, R. (Hrg.)
The autobiography and diary of James Melvill
Edinburgh 1942
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Ulrike Keller (Hrg.)
Reisende in Schottland seit 325 v. Chr.
Wien 2008

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!