Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1846 - Régis Evariste Huc
Im Kloster Kumbum
Kumbum Champra Ling, Tibet

 

Als wir noch etwa eine Li [ca. 600 m] vom Kloster entfernt waren, begegneten uns vier Lamas, mit denen Sandara [ein mitreisender Lama aus Kumbum] gut befreundet war. Sie machten auf uns einen eigentümlichen Eindruck mit ihrer geistlichen Tracht, mit der roten Schärpe und der gelben Mütze, die der der katholischen Bischöfe glich, auch sprachen sie leise und mit Würde und Anstand. Das Ganze hatte einen Hauch von religiösem und klösterlichem Leben. Erst abends gegen neun Uhr hatten wir die ersten Klostergebäude erreicht. Überall war es still, und um die Ruhe nicht zu stören, ließen die Lamas unseren Karren anhalten und füllten die am Hals der Pferde hängenden Glöckchen mit Stroh. Langsam und schweigend zogen wir durch die ruhigen öden Gassen dieser großen Klosterstadt. Der Mond war bereits untergegangen, aber der Himmel war so klar und der Glanz der Gestirne so hell, daß wir recht gut die zahllosen Häuschen der Lamas erkennen konnten, die am Abhang des Gebirges liegen. Über ihnen erhoben sich die buddhistischen Tempel mit ihren wundersamen, aber großartigen Formen wie Riesenphantomen. Allüberall herrschte eine majestätische Ruhe, die eine feierliche Stimmung hervorbrachte; nur in Zwischenräumen hörten wir Hundegebell oder den Ton einer Seemuschel, welche die Stunden der Nacht anzeigte.
    Endlich gelangten wir an das kleine Haus, in welchem Sandara wohnte. Er überließ uns für diese Nacht seine Zelle und fand für sich Unterkommen in der Nachbarschaft. Die vier Lamas, die mit uns gekommen waren, gingen erst fort, nachdem sie uns Tee, Butter, Hammelfleisch und ein vortrefflich schmeckendes Brot vorgesetzt hatten. Wir waren allerdings sehr ermüdet, aber von ganzem Herzen zufrieden. Trotzdem wollte sich kein Schlaf auf um herabsenken. Alles kam uns so seltsam vor. Da waren wir im Lande Amdo, das in Europa völlig unbekannt ist, in der großen weltberühmten Klosterstadt Kumbum, in einer Lamazelle. Es war wie ein Traum!
    Am anderen Morgen standen wir früh auf. Ringsum war noch alles still. Wir beteten, und unser Herz war von Gefühlen bewegt, wie wir sie noch nie gekannt hatten; wir meinten, die ganze buddhistische Welt für das Christentum gewinnen zu können. Bald nachher kam Sandara, brachte uns Tee mit Milch, Rosinentrauben und in Butter gebackene Kuchen. Er zog aus einem kleinen Schrank eine glänzend lackierte Schüssel; sie war rot und mit goldenen Blumen verziert. Er wischte sie mit einem Zipfel seiner Schärpe ab, breitete Rosapapier darüber und legte vier schöne Birnen darauf, die wir in der Stadt gekauft hatten. Über das Ganze deckte er ein seidenes Tuch, das ein längliches Viereck bildet und Khata genannt wird. Damit, sagte er, sollten wir uns »ein Haus borgen«.
    Die Khata oder das Glückstuch, die Glückschärpe, spielt im gesellschaftlichen Verkehr der Tibeter eine so wichtige Rolle, daß wir etwas darüber sagen müssen. Das Seidengewebe, aus welchem sie besteht, ist fast so fein wie Gaze, die Farbe ein bläulich angehauchtes Weiß, sie ist dreimal so lang wie breit, und die beiden Enden haben gewöhnlich Fransen. Es gibt Khatas von verschiedener Größe, teure und wohlfeile. Sie sind für Arme wie für Reiche gleich unentbehrlich, und jedermann trägt stets einige bei sich. Wenn man einen Höflichkeitsbesuch macht, jemand um etwas bittet, für etwas dankt - allemal faltet man eine Khata auseinander und bietet sie der Person an, welcher man eine Artigkeit zeigen will. Zwei Freunde haben sich eine Weile nicht gesehen und begegnen einander; dann ist das erste, daß sie einander eine Khata reichen. Es ist etwa so, wie man in Europa einander die Hand drückt. Auch legt man Briefen eine kleine Khata bei. Auf diese Khataüberreichung legen die Tibeter, Si Fan, Hung Mao Eül und alle Völker im Westen des Blauen Sees einen ganz ungemeinen Wert, sie ist der höchste Ausdruck aller edlen Gesinnungen, gegen den alle schönen Worte und die prachtvollsten Geschenke verschwinden, während auch an sich geringfügige Sachen hohen Wert erhalten, wenn eine Khata dabei ist. Bittet man jemanden um etwas und hat man dabei eine Khata in der Hand, so darf er keine abschlägige Antwort geben, sonst verstößt er gegen alle Regeln der Höflichkeit. Dieser ursprünglich tibetische Brauch hat unter den Mongolen, namentlich auch in den Klöstern, weite Verbreitung gefunden. Für die Stadt Tang Keu Eül bilden die Khatas einen wichtigen Handelszweig. Insbesondere kaufen die tibetischen Gesandten eine ungeheure Menge davon ein.
    Als wir uns aufmachten, um eine Wohnung zu mieten, ging Sandara mit der oben erwähnten Schüssel mit feierlicher Würde vor uns her. Die Lamas, denen wir begegneten, schritten still dahin und schienen uns gar nicht zu bemerken; nur die kleinen Schabis, junge Schüler und in Kumbum mutwillig wie anderwärts auch, beachteten uns. Endlich traten wir in ein Haus, dessen Besitzer im Hof Roßdünger in der Sonne ausbreitete. Er nahm sogleich seine Schärpe um und trat in die Zelle, wohin wir ihm folgten. Sandara bot ihm die Khata nebst den Birnen und hielt dabei eine Anrede in osttibetischer Sprache, von der wir kein Wort verstanden. Auf Ersuchen des Lamas nahmen wir auf einem Teppich Platz, er bot uns eine Tasse Tee und Milch und sagte auf Mongolisch, er freue sich sehr, daß Freunde aus so weiter Ferne, Lamas aus Ländern unter dem westlichen Himmel, seine bescheidene Wohnung ihrer Blicke gewürdigt hätten. Wir entgegneten: Wenn man eine so gastfreundliche Aufnahme fände, sei man fast wie zu Hause im eigenen Vaterland. Wir sprachen einiges mit ihm von Frankreich, Rom, dem Papst und den Kardinälen und besahen dann die für uns bestimmte Wohnung, die für arme Nomaden, wie wir waren, sich prächtig ausnahm. In dem geräumigen Zimmer war ein großer Kang. Die Küche war mit Herd, Kesseln und anderem Geräten versehen, für Roß und Maultier war ein Stall vorhanden. Wir hätten vor Freude beinahe geweint.
    Welch ein Unterschied ist zwischen diesen Lamas, die so hochherzig, gastlich und voll Bruderliebe Fremdlinge aufnehmen, und den Chinesen, diesem Krämervolk mit ausgetrockneten Herzen und habgierigem Sinn, die sich von dem Reisenden sogar ein Glas Wasser bezahlen lassen! Wir dachten in Kumbum unwillkürlich an die christlichen Klöster, die vor Zeiten auch dem Reisenden gastliche Aufnahme und Seelenerquickung gaben. Wir bezogen noch am selben Tag unsere Wohnung, wobei die Lamas aus der Nachbarschaft uns freundlich halfen. Man sah, wie gern jeder ein Stück von unserem Gepäck auf den Schultern herbeitrug. Sie kehrten das Zimmer rein, machten Feuer unter dem Kang und brachten im Stall alles in Ordnung. Und nachdem alles hergerichtet war, gab der Wirt uns ein Festmahl, wie das die Gastfreundschaft dortzulande erfordert, denn es wird ganz richtig angenommen, daß man beim Umziehen keine Zeit zum Kochen findet. Mit unserer Wohnung verhielt es sich folgendermaßen. Die Eingangstür führte in einen länglichen Hof, der von bequem verteilten Pferdeställen umschlossen war; links kam man durch einen Gang in einen zweiten, viereckigen Hof, dessen vier Seiten durch die Zellen der Lamas gebildet wurden. Auf der Seite, welche dem Gang gerade gegenüber lag, befand sich die Wohnung des Herrn vom Hause, der Akayeh, das heißt alter Bruder, hieß. Er war etwas über sechzig Jahre alt, hochgewachsen, dürr und sehr mager, buchstäblich nur Haut und Knochen, und noch gut auf den Beinen; aber sein Gang war schon etwas schwankend. Seit achtunddreißig Jahren war er Verwalter in diesem Kloster, hatte viel Geld verdient, dasselbe aber zu wohltätigen Zwecken verwendet, so daß ihm nichts weiter geblieben war als sein Haus, das jetzt unverkäuflich dastand. Vermieten konnte er es auch nicht, weil das Herkommen in den Lamaklöstern dergleichen nicht gestattet und keine Mittelstufe zwischen Verkauf und freier Wohnung anerkennt. Akayeh hatte sich so wenig mit den Studien abgegeben, daß er nicht einmal lesen und schreiben konnte. Dagegen betete er von früh bis spät und murmelte zu seinem Rosenkranz. Er war unendlich gutmütig, aber man machte sich nicht viel aus ihm. Er war ja alt und arm.
    Rechts von ihm, auf der anderen Seite, wohnte ein Lama von chinesischer Abkunft, der deshalb Kitat Lama hieß. Er war siebzig Jahre alt, sah aber weit besser aus als sein Nachbar und trug einen stattlichen weißen Bart. Er war in der buddhistischen Literatur bewandert, sprach und schrieb mongolisch, tibetisch und chinesisch gleich gut und geläufig, hatte in der Mongolei und China ein beträchtliches Vermögen gesammelt und verwahrte in seiner Zelle mehrere Kisten voll Silberbarren. Aber dieser Chinese war ein arger Geizhals, lebte kärglich und in steter Sorge vor bösen Dieben. In der Mongolei hatte er als Oberlama gegolten, aber in Kumbum, wo es viele buddhistische Kirchenlichter gibt, verlor er sich in der Masse. Bei ihm lebte ein sorgfältiger Schabi, ein munterer, etwas mutwilliger, aber wackerer Knabe, der allabendlich mit seinem Lehrer Zank hatte, weil er angeblich zu verschwenderisch mit Tee, Butter und Lampendochten umgehe. Wir unsererseits hausten dem Kitat Lama gerade gegenüber. Dicht neben uns wohnte ein Studiosus der Medizin, ein junger Lama von vierundzwanzig Jahren, mit einem großen, plumpen Körper und mit dickem Buttergesicht. Dazu stotterte er, daß uns angst und bange wurde. Er war deshalb schüchtern, zurückhaltend, aber gutmütig. Dem kleinen Schabi, der ihm nachstotterte, ging er gern aus dem Weg. Jeder Hausbewohner hatte seine eigene Küche; und nach der Ausdrucksweise der Lamas waren wir vier Familien.
    Obwohl in den meisten Häusern mehrere »Familien« nebeneinander wohnen, herrscht doch viel Ruhe und Ordnung, man besucht sich nicht oft, und jeder kümmert sich bloß um seine Angelegenheiten. In unserem Haus sah man sich nur, wenn schönes Wetter war. Sobald die Sonne schien, verließen die vier »Familien« ihre Zellen und nahmen auf einem Filzteppich im Hof Platz. Der Chinese flickte seine zerlumpten Kleider; Akayeh murmelte Gebete und kratzte dabei auf seinen knochendürren Armen, daß man es Schritte weit hören konnte; der Mediziner sang ohne zu stottern seine Lektion, wir unsererseits lernten tibetische Dialoge.
    Die Klostergemeinde Kumbum zählt etwa viertausend Lamas. Ihre Lage gewährt einen entzückenden Anblick. Man denke sich ein breites, tiefes Tal, mit hohen, von Krähen und Elstern belebten Bäumen. Zu beiden Seiten am Berg hinaus stehen wie stehen wie im Amphitheater die weißen Häuser der Lamas, große und kleine, alle aber von einer Mauer umschlossen und mit einem Belvedere versehen. Aus der Masse sauberer Häuser steigen die Tempel heraus mit ihren vergoldeten Dächern. Die Häuser der Oberen und der Vorsteher erkennt man daran, daß von kleinen sechseckigen Türmen Wimpel flattern. Überall trifft das Auge auf geistliche Sprüche in roten und schwarzen tibetischen Schriftzügen: dergleichen sieht man über jeder Tür, auf Wänden, Steinen, Leinwandflicken und auf Zeugstreifen, die wie Flaggen an einer Stange hängen, welche auf dem Dach steht. Unzählig ist die Menge der zuckerhutförmigen Nischen, in welchen Weihrauch, wohlriechendes Holz und Zypressennadeln verbrannt werden. Das alles gewährt einen eigentümlichen Eindruck, und auf den Straßen wandelt, man möchte sagen, ein ganzes Volk von Lamas auf und ab. Jeder trägt einen roten Rock und eine gelbe Mütze, jeder schreitet ernst und würdig einher, spricht wenig und immer leise; Schweigen ist nicht befohlen. Eigentlich belebt sind die Gassen übrigens nur, wenn die Gebet- oder Schulstunden anfangen oder aufhören. Sonst bleiben die Lamas meist in den Zellen.
    Kumbum ist, wie schon bemerkt, eine hochberühmte Klosterstadt, wohin aus allen Teilen der Mongolei und Tibets fromme Wallfahrer pilgern. Täglich kommen dergleichen Andächtige. Zur Zeit der vier großen Kirchenfeste, deren alljährlich vier gefeiert werden, ist der Zudrang gewaltig, besonders aber, wenn das Blumenfest abgehalten wird.
    Dieses Blumenfest wird gerade in Kumbum mit größerem Pomp als anderwärts begangen; selbst das von Lhasa kann nicht mit ihm verglichen werden. Wir hatten unsere Wohnung am sechsten Tag des ersten Mondes bezogen, und schon kamen viele Karawanen mit Pilgern. Man sprach von nichts als vom Fest, und diesmal sollten die Blumen ganz besonders schön sein. Ein »Rat der schönen Künste« hatte sie genau geprüft und für ausgezeichnet erklärt. Es verhält sich damit in folgender Weise: die »Blumen« am fünfzehnten Tag des ersten Monats bestehen in geistlichen und weltlichen Darstellungen, bei welchen viele asiatische Völker in ihrer Eigentümlichkeit und die Tracht zur Anschauung kommen. Personen, Physiognomien, Kleider, Landschaften, Zierrate, das alles wird mit Figuren aus frischer Butter dargestellt. Die Vorbereitungen zum Fest nehmen rund drei Monate in Anspruch. Zwanzig Lamas, die sich durch besondere Kunstfertigkeit einen Namen erworben haben, arbeiten tagtäglich in Butter und haben bei dieser eigentümlichen Arbeit von Bildnerei nicht wenig auszustehen, denn die Arbeit fällt in den Winter. Zuerst kneten die Lamas die Butter im Wasser, um sie recht fest und steif zu bekommen, dann beginnt die eigentliche Arbeit unter Anleitung eines Künstlers, welcher die Skizzen und Pläne zu den Gruppen und Figuren entworfen hat. Er leitet das Ganze und übergibt dasselbe rechtzeitig einer anderen Gruppe von Künstlern, welche die Farben auf die Figuren zu malen haben.
    Am Abend vor dem Fest wollte der Andrang von Fremden gar kein Ende nehmen. Kumbum war nicht mehr die schweigsam ernste Klosterstadt, sondern ein weltlicher, unruhig bewegter Ort. Hier schrien Kamele, dort grunzten Yaks, auf den Bergen standen Zelte, weil nicht alle Pilger in den Häusern Unterkommen fanden. Am vierzehnten machten unzählige Menschen die Pilgerwanderung um das Kloster, und es gewährte einen peinlichen Anblick, zu sehen, wie diese Menschenmassen sich bei jedem Schritt niederwarfen und leise ihre Gebete murmelten. Unter diesen eifrigen Buddhisten waren manche aus sehr entfernten Gegenden der Mongolei, Leute mit einem schwerfälligen, plumpen Wesen, aber ungemein andächtig. Auch Hung Mao Eül oder Langhaare sahen wir. Sie machten auf uns keinen günstigeren Eindruck als ihre Landsleute in Tang Keu-Eül. Ihre wilde Andacht bildete einen schroffen Gegensatz zu dem mystischen Gehaben der Mongolen. Sie gingen stolz einher, mit hintenüber geworfenem Kopf und nackten Armen, mit Säbel und Schießgewehr. Den größten Teil der Pilger bilden Si Fan aus dem Lande Amdo. Sie sind nicht so roh und wild wie die Langhaare, aber auch nicht so redlich und gutmütig wie die Mongolen. Sie machten die Pilgerbräuche rasch und leichthin ab. Es schien, als wollten sie sagen: Wir sind hier daheim und kennen die Dinge.
    Hübsch ist der Kopfputz, den die Frauen aus Amdo tragen; ein schwarzer oder grauer spitzer Filzhut ist mit roten oder gelben Bändern geschmückt, das in vielen feinen Flechten über die Schultern herabhängende Haar ist mit Perlmutter und roten Korallen geziert. Im übrigen tragen sie sich wie andere Mongolinnen. Aber der kleine Hut mildert doch die Schwerfälligkeit des Rockes aus Schafspelz. Uns fiel auf, daß sich unter den Andächtigen auch einige Chinesen befanden, die sehr eifrig den Rosenkranz beteten und sich wie alle übrigen zur Erde warfen. Unser Sandara sagte, es seien Handelsleute aus Khata, die zwar nicht an Buddha glaubten, sich aber andächtig stellen, um Kunden anzulocken und ihre Waren desto vorteilhafter abzusetzen.
    Auch am fünfzehnten dauerten die Wallfahrten um das Kloster fort, doch war die Aufmerksamkeit schon mehr dem Fest zugewendet. Abends holte Sandara uns ab; wir gingen mit dem stotternden Mediziner, dem Kitat Lama und seinem kleinen Schabi. Der alte Akayeh blieb zu Hause. Die »Blumen« waren in der freien Luft vor den verschiedenen Tempeln aufgestellt und strahlten in wunderbarem Lichtglanz, der eben auch von Butter herrührte. Große, kelchartige Gefäße aus Kupfer und aus Messing standen auf Gerüsten und dienten als Lampen, deren Docht in Butter steckte. Alles war im höchsten Grade geschmackvoll angeordnet. Wir waren voller Erstaunen, als wir die »Blumen« sahen. Wir hätten es kaum für möglich gehalten, daß es in diesen Wüsteneien unter halbwilden Völkern so ausgezeichnete Künstler geben könne. Was wir bisher in den Klöstern an Malern und Bildnern gefunden hatten, war keineswegs ausgezeichnet. Jetzt sahen wir wunderbar schöne Skulpturen aus Butter! Diese »Blumen« waren von halb erhabener Arbeit und von kolossaler Größe. Sie stellten Begebenheiten aus der Geschichte des Buddhismus dar, die Gesichter hatten einen Ausdruck von Wahrheit, der gar nicht getreuer gedacht werden kann. Die Figuren waren voller Leben, die Stellungen natürlich, die Trachten anmutig und ohne allen Zwang. Man konnte auf den ersten Blick erkennen, welche Zeuge und Stoffe der Maler hatte darstellen wollen, besonders erregte die Nachbildung des Pelzwerkes unsere besondere Bewunderung: Schaffelle, Tigerhäute, Fuchs- und Wolfspelze, kurz, alles war so vortrefflich gemacht, daß man Lust bekam, mit der Hand danach zu greifen und sich zu überzeugen, ob man wirklich nur gemalte, auf Butter gemalte Sachen vor sich habe.
    Buddha war auf allen diesen Basreliefs sogleich zu erkennen. Sein edles majestätisches Gesicht trug den Typus der kaukasischen Menschenrasse. Das entspricht auch den Überlieferungen. Nach ihnen kam Buddha vom westlichen Himmel her. Er hatte ein weißes Gesicht mit rötlichem Anflug, weit gespaltenen Augen, großer Nase und langes weiches herabwallendes Haar. Alle übrigen Personen hatten die mongolischen Gesichtszüge in ihren verschiedenen Abstufungen: mongolisch, tibetisch, si-fan und chinesisch. Auch einige Hindu- und Negerköpfe bemerkten wir, sie waren ebenso genau und treffend wie alle übrigen und erregten ganz besonders die Aufmerksamkeit der Beschauer. Die Verzierungen, welche diesen großen Reliefs als Rahmen dienten, bildeten vierfüßige Tieren, Vögel und Blumen nach, alles aus Butter, und in Formen und Färbung ausgezeichnet fein und prächtig.
    Auf den Wegen, die von einem Tempel zum andern führen, standen in einiger Entfernung voneinander kleinere Basreliefs. Sie stellten Schlachten, Jagden und Begebenheiten aus dem Nomadenleben dar, auch Ansichten von den berühmtesten Klöstern der Mongolei und Tibets. Vor dem Haupttempel endlich erhob sich ein Theater mit Personen und Dekorationen und allen möglichen Dingen aus Butter. Diese Theaterfiguren waren etwa einen Fuß hoch und stellten eine Lamaversammlung dar, welche auf den Chor zum Gebet geht. Erst war die Bühne leer. Dann vernahm man den bekannten Ton der Seemuscheln, und sogleich kamen aus den beiden Seitentüren zwei Reihen Lamas; ihnen folgten die Oberen in festlichem Gewande folgten. Alle blieben ein Weilchen auf der Bühne, gingen dann aber wieder hinter die Bühnenwände zurück, und damit war die Vorstellung beendet. Sie fand bei den asiatischen Zuschauern ungeteilten Beifall. Wir aber gingen weiter und betrachteten gerade einige Gruppen von Teufeln, als Trompetenschall und die Töne der Seemuschel in unser Ohr drangen. Es war das Signal, daß der Großlama sein Heiligtum verließ, um sich die »Blumen« anzusehen. Er kam an uns vorüber. Eine Anzahl von Lamas, die Trabantendienste verrichteten, gingen vor ihm her und trieben mit langen schwarzen Peitschen die Volksmenge auf die Seite, um Platz zu machen. Der Großlama - eine Art von Erzbischof - ging zu Fuß und war von den höchsten Würdenträgern der Klosterstadt umgeben. Dieser lebende Buddha mochte etwa vierzig Jahre alt sein, war von mittlerem Wuchs, hatte ein plattes ordinäres Gesicht und eine sehr dunkle Hautfarbe. Wenn er die schönen Buddhagesichter ansah, mußte er sich wohl sagen, daß sie infolge der vielen Überwanderungen sehr viel von ihren Urzügen eingebüßt haben. Die Kleidung, die der Großlama trug, war ganz genau die der katholischen Bischöfe. Er hatte eine gelbe Mitra auf dem Kopf, hielt den Stab mit dem Kreuz in der rechten Hand, trug einen Mantel aus violetter Seide, der vor der Brust mit einer Spange zusammengehalten wurde und völlig einem Chormantel glich. Wir könnten noch in sehr vielen anderen Dingen nachweisen, wie große Übereinstimmung zwischen dem Kultus der Buddhisten und dem der Katholiken herrscht.
    Die Zuschauer betrachteten den Buddha aus Butter mehr als den lebenden Buddha, und jener war ohne allen Zweifel weit hübscher, nur die Mongolen bewiesen dem lebenden Bischof dadurch Ehrfurcht, daß sie die Hände falteten und den Kopf neigten, denn zur Erde konnten sie sich in einem solchen Menschengewühl nicht werfen. Nachdem der Heilige wieder in sein Allerheiligstes zurückgegangen war, überließ sich alles unbändiger Lustigkeit. Die Leute sangen, sprangen, tanzten, drängten durcheinander, stießen und schoben sich und heulten, daß es weit in die Steppe hinaus geschallt haben muß. Es war, als wären diese Menschen plötzlich alle toll geworden. Um die Gerüste und Buttergemälde vor jedem Schaden zu schützen, hielten die Lamas brennende Fackeln in den Händen, denen keiner zu nahe kommen durfte. Uns war das Treiben zu wild, und wir folgten wir spät am Abend der Mahnung des Kitat Lama zur Heimkehr.
    Am anderen Tage war von dem großen Fest keine Spur mehr vorhanden. Man hatte die Basreliefs zerschlagen und in die Talschlucht geworfen. Diese ungeheure Masse Butter war nun Leckerspeise für die Raben. Die kunstreichen Arbeiten hatten zur Schaustellung für nur einen einzigen Abend gedient. Alljährlich werden neue Gegenstände angefertigt. Mit den »Blumen« verschwanden auch die Pilger. Sie zogen schweigsam heim in ihre Steppen.
    Das Land Amdo liegt im Süden des Kuku-nor und wird von Osttibetern bewohnt, die gleich den Mongolen als Hirten ein Nomadenleben führen. Es ist eine wilde traurige Gegend mit Gebirgen von roter ockergelber Farbe, von Schluchten durchzogen und fast ohne Pflanzenwuchs. Nur hin und wieder sind Talgründe mit Weiden vorhanden.

    Das Land Amdo war früher wenig bekannt und völlig unbeachtet, ist aber seit der Reform des Buddhismus in der ganzen lamaischen Welt hochberühmt. Zu dem Berg, an welchem der Reformator Tsong Khapa das Lebenslicht erblickte, pilgern unablässig Scharen von Andächtigen. Nach und nach erhob sich dort die blühende Klosterstadt Kumbum, das heißt im Tibetischen die zehntausend Bilder. In dieser Benennung liegt eine Anspielung auf den Baum, welchen die Sage aus dem Kopfhaar Tsong Khapas wachsen lässt und an dem jedes Blatt ein tibetisches Schriftzeichen trägt. Man wird fragen, was wir von diesem Wunderbaum halten, ob er noch vorhanden sei, ob wir ihn gesehen haben, und welche Beschaffenheit es mit den Blättern habe?
    Der wunderbare Baum ist noch heute vorhanden. Wir hatten während unserer Reise so oft von ihm erzählen hören, dass wir sehr begierig waren, ihn mit eigenen Augen zu sehen. Wir säumten also nicht. Unten am Berg, wo die Klosterstadt erbaut ist, unfern vom Haupttempel, liegt ein großer viereckiger Platz, von einer Backsteinmauer eingefriedet. Wir gingen in diesen Hofraum, in welchem der Baum steht. Wir konnten ihn dort in Muße betrachten. Einige seiner Zweige hatten wir schon von draußen bemerkt. Vor allem fassten wir neugierig und scharf die Blätter ins Auge und waren im höchsten Grad erstaunt und betroffen, als wir wirklich auf jedem einzelnen sehr wohl gebildete tibetische Schriftcharakter fanden. Sie sind allemal grün, manchmal dunkler, zuweilen auch heller als das Blatt selbst.
    Wir dachten an eine Betrügerei der Lamas, konnten aber nicht das Geringste entdecken, was unseren Verdacht bestätigte, wiewohl alles von uns mit großer Sorgsamkeit untersucht wurde. Uns schien es, als ob die Charaktere ebenso wesentlich zu den Blättern gehören wie die Adern selbst. Ihre Lage und Stellung ist nicht allemal dieselbe, denn bald sind sie in der Mitte oder an der Spitze des Blattes, bald unter oder an den Seiten. Bei den jungen, noch ganz zarten Blättern treten sie in Anfängen, noch halb entwickelt, auf. Auch die Rinde des Stammes und der Zweige, die sich ähnlich wie die der Platane abschält, hat gleichfalls derartige Schriftzeichen. Wenn man ein Stück alter Rinde abhebt, sieht man auf der darunter befindlichen neuen Rinde die noch unbestimmten Formen der Charaktere, die schon herauszuwachsen beginnen und, was uns sehr merkwürdig erschien, sehr oft von denen, die man auf der alten Rinde bemerkte, verschieden sind. Wir gaben uns alle mögliche Mühe, irgendeinen Betrug aufzufinden, aber vergeblich. Es hatte mit der Sache seine volle Richtigkeit. Uns trat der Schweiß vor die Stirn. Andere Leute, die geschickter sind als wir, mögen ausreichende Erklärungen über diesen Baum geben. Wir können nichts weiter sagen als das, was wir selbst gesehen haben. Man lächelt vielleicht über unsere Ignoranz, aber die Aufrichtigkeit dessen, was wir sagen, wird man nicht in Abrede stellen dürfen.
    Der Baum der zehntausend Bilder oder Zeichen schien uns sehr alt zu sein. Sein Stamm, den drei Männer kaum zu umspannen vermögen, ist nicht höher als acht Fuß. Die Äste steigen nicht empor, sondern breiten sich aus wie ein Federbusch und sind sehr buschig belaubt. Manche fallen von selbst ab, weil sie alt und dürr sind. Die Blätter bleiben immer grün; das Holz hat eine rötliche Farbe und einen sehr angenehmen, etwas zimtartigen Geruch. Die Lamas sagten, im Sommer, um den achten Monat, trage der Baum große rote Blüten von außerordentlicher Schönheit. Auch wurde uns versichert, dass es keinen anderen Baum dieser Art gebe. Alle Versuche, ihn, gleich auf welche Weise fortzupflanzen, seien vergeblich gewesen, obwohl man sich in vielen mongolischen und tibetischen Klöstern deshalb große Mühe gegeben habe. Kaiser Khang Hi war einmal als Pilger in Kumbum und ließ über den Baum der zehntausend Bilder ein silbernes Gewölbe bauen; auch schenkte er dem Oberlama einen prächtigen Rappen, der, wie die Sage wissen will, in einem Tag tausend chinesische Meilen zurücklegen konnte. Das Pferd ist lange tot, aber der Sattel wird noch in einem Tempel gezeigt und hoch verehrt. Khang Hi stiftete auch für dreihundertfünfzig Lamas beträchtliche Summen.
    Kumbum weiß sich seinen hohen Ruf zu bewahren, weil dort viele ausgezeichnete Gelehrte leben und strenge Klosterzucht gehalten wird. Man nimmt an, dass ein Lama sein Leben lang ein Studierender bleibe, sintemalen die Wissenschaft der Religion unerschöpflich und unergründlich sei. Die Studenten zerfallen in vier Abteilungen oder, wie wir sagen würden, Fakultäten, je nachdem sie sich vorzugsweise für das eine oder das andere Fach entschieden haben. Die erste Fakultät ist die der Mystik. Sie lehrt die Regeln des beschaulichen Lebens und erläutert sie durch Beispiele aus dem Leben der Heiligen. Die zweite Fakultät ist die liturgische. Der Schüler wird zum Studium der religiösen Feierlichkeiten angeleitet und lernt alles, was überhaupt auf den lamaischen Kirchendienst Bezug hat. Die dritte Fakultät, die medizinische, lehrt die vierhundertundvierzig Krankheiten des menschlichen Körpers kennen. Die Schüler werden des Weiteren in der Pflanzenkunde und in der Zubereitung der Heilmittel unterwiesen. Die vierte Fakultät ist die der Gebete. Sie gilt für die höchste, bringt am meisten ein und wird daher auch am stärksten besucht. Die sehr umfangreichen Bücher, welche dem Unterricht in dieser Fakultät zu Grunde liegen, zerfallen in dreizehn Serien, die ebenso viele Stufen in der Hierarchie darstellen. Der Platz, den ein Student in der Schule oder im Chor einnimmt, wird nach der Serie theologischer Werke bestimmt, die er schon studiert hat. Unter der großen Menge von Lamas sitzen manche mit grauem Haar in der letzten und fleißige junge Leute in der ersten Reihe. Zur Erlangung der verschiedenen Grade in der Fakultät der Gebete wird weiter nichts gefordert, als dass der Student den Inhalt der vorgeschriebenen Bücher hersagen kann. Sobald er sich hinlänglich vorbereitet glaubt, meldet er sich beim Oberlama der Gebete, das heißt, er überreicht ihm eine hübsche Khata, eine Schüssel voll Rosinen und einige Unzen Silber, alles je nach dem Grad, den er erlangen möchte. Auch die Examinatoren bekommen Geschenke.
    Vor dem Haupttempel der Klosterstadt befindet sich ein großer viereckiger Hofraum. Er ist mit großen Platten gepflastert, und an den Seitenwänden stehen Bildsäulen und bemalte Skulpturen. Auf diesem Platz versammeln sich die Lamas, die zur Fakultät der Gebete gehören: die Stunde des Unterrichts wird mit der Seemuschel angekündigt, deren Ton weithin schallt. Alle setzen sich, je nach dem Grade, auf das platte Pflaster. Im Winter sind sie der Kälte und dem Schnee, im Sommer der Hitze und dem Regen preisgegeben. Nur die Lehrer, die auf einer Art von Katheder sitzen, haben ein Schutzdach. Es ist ein seltsamer Anblick, wenn man sieht, wie alle diese Lamas dasitzen, in ihre roten Schärpen eingewickelt, mit der gelben Mütze auf dem Kopf, so dicht aneinander gedrängt, dass man vom Pflaster nichts mehr sehen kann. Nachdem einige Studenten die allen aufgegebene Lektion hergesagt haben, trägt der Professor Erläuterungen dazu vor. Diese sind aber ebenso unverständlich wie der Text selber. Dagegen hat aber keiner etwas einzuwenden, weil man annimmt, eine Lehre sei umso erhabener, je dunkler und unbegreiflicher sie ist. Am Schluss muss einer der Studenten eine These verteidigen, und jeder hat das Recht, ihm Einwürfe zu machen. Diese Disputationen erinnern an die unserer mittelalterlichen Scholastiker. In Kumbum ist es herkömmlich, dass der Sieger sich auf die Schultern des Besiegten stellt und im Triumph um die Mauern des Schulhofes getragen wird. Einst kam unser Sandara mit freudestrahlendem Gesicht aus dem Tempel zurück, denn er hatte seinen Gegner mausetot disputiert, und zwar über die hochwichtige Frage, weshalb Hühner und andere Vögel keinen Urin lassen. Wir erwähnen das, weil es zeigt, wie es mit dem Unterricht beschaffen ist. Einige Male im Jahr erscheint der lebende Buddha als erster Vorsteher des Klosters mit großem Gepränge und gibt offizielle Erläuterungen und Auslegungen der heiligen Bücher, die zwar nicht besser sind als jene der Professoren, auf die man aber großes Gewicht legt. In allen Schulen wird nur die tibetische Sprache geredet und geschrieben.
    Die Klosterzucht ist streng, die Überwachung scharf. Während der Lehrstunden, beim Beten und beim Chorsingen stehen die Zensoren mit spähendem Blick, auf einen eisernen Stab gelehnt, und sorgen für Ordnung. Niemand darf plaudern oder den anderen stören, und das geringste Vergehen zieht auf der Stelle einen Verweis nach sich, beim ersten Male nur mündlich. Im Wiederholungsfall bleibt ein Denkzettel mit dem eisernen Stock nicht aus, und es wird keine Rücksicht darauf genommen, ob der Student ein Greis oder ein junger Schabi ist. Die Klosterpolizei wird von Trabanten ausgeübt, die gleichfalls Lamas sind. Sie tragen nur graue Röcke und schwarze Mützen. Sie ziehen bei Tag und Nacht mit einer langen Peitsche in den Straßen umher und sind stets bei der Hand, um die gestörte Ordnung wieder herzustellen. Wo die Autorität der Trabanten aufhört, beginnt die Zuständigkeit dreier Gerichte, die gleichfalls mit Lamas besetzt sind. Wer sich auch nur des allergeringsten Diebstahls schuldig macht, wird aus der Klosterstadt vertrieben, nachdem er zuvor mit einem glühenden Eisen auf beiden Backen gebrandmarkt worden ist.
    Die Klöster der Buddhisten haben mancherlei Übereinstimmung mit denen der Christen, aber doch auch viele Unterschiede. Allerdings sind die Lamas zwar ein und derselben Regel und Zucht unterworfen, man kann aber doch nicht sagen, dass sie gemeinschaftlich leben. Man findet bei ihnen vielmehr alle Abstufungen zwischen Bettelarmut und großem Reichtum In Kumbum haben wir gesehen, dass arme, in Lumpen gehüllte Lamas an den Türen ihrer wohlhabenden Kollegen um ein wenig Gerstenmehl bettelten. Alle drei Monate bekommt jeder Lama ohne Ausnahme von der Klosterverwaltung eine - freilich unzureichende - Mehlspende. Die freiwilligen Gaben der Pilger sind deshalb sehr willkommen; sie hängen aber vom Zufall ab, man kann nicht fest damit rechnen, und mancher Lama bekommt sehr wenig davon, weil die Verteilung sich nach den verschiedenen Graden richtet.
    Man unterscheidet Tee- und Geldspenden. Mit der ersten verhält es sich folgendermaßen: Der Pilger, welcher Gaben verabreichen will, geht zu den Oberen, überreicht ihnen eine Khata und meldet an, dass er aus Ergebenheit für die Priesterschaft einen allgemeinen oder einen besonderen Tee veranstalten wolle. An dem allgemeinen Tee kann jeder Lama ohne Unterschied teilnehmen, am besonderen aber nur eine der vier Fakultäten je nach Wahl und Bestimmung des Pilgers. Gibt also ein Wallfahrer einen allgemeinen Tee, dann wird der Versammlung am Morgen nach dem Gebet vom Vorsteher kundgetan, dass sie nicht auseinander gehen soll. Darauf erscheinen etwa vierzig durch das Los bezeichnete Schabis. Sie holen aus der Küche große Gefäße, die mit Milchtee gefüllt sind. Mit diesen gehen sie durch die Reihen der Lamas, und jeder schöpft, sobald der Schabi vor ihm steht, einen Holznapf voll, trinkt und hält dabei einen Zipfel seiner Schärpe vor das Gesicht, um nicht sehen zu lassen, dass er etwas tut, was so wenig mit der Heiligkeit des Ortes in Einklang steht. Insgemein ist so viel Tee vorhanden, dass jeder Lama seinen Napf zweimal füllen kann. Je nach der Freigebigkeit des Pilgers ist die Farbe des Teewassers heller oder dunkler. Manchmal wird auch für jeden Lama noch ein Stückchen Butter oder ein kleiner Kuchen aus Weizenmehl hinzugefügt. Nach beendetem Festmahl verkündet der Lama-Präsident feierlich den Namen des Pilgers, der sich das große Verdienst erwarb, die heilige Familie der Geistlichkeit zu bewirten. Meistens ist der Wohltäter anwesend. Er wirft sich zur Erde nieder, die Lamas stimmen einen Gesang an, gehen um den Pilger herum, und der erhebt sich erst wieder, wenn alle Geistlichen fortgegangen sind. Bei derartigen Spenden trifft auf den einzelnen Lama nicht viel, aber der Pilger tut doch Erkleckliches, wenn er viertausend Menschen mit Tee erquickt. In Kumbum kostet ihn ein einfacher Tee, ohne Butter und Kuchen, reichlich fünfzig Silberunzen.
    Die Geldspenden kosten noch weit mehr, weil mit ihnen immer ein allgemeiner Tee verbunden ist. Nach dem Gebet verkündet der Vorsitzende Lama, dass der Pilger N. N. aus dem und dem Land der heiligen Familie der Lamas so und so viel Unzen Silber gespendet hat, dass also auf jeden Kopf so und so viel kommt. Dann begeben sich die Lamas ins Zahlamt, um ihren Anteil in Empfang zu nehmen. Dabei verfährt man stets mit großer Gewissenhaftigkeit. Spenden und Opfergaben sind der Geistlichkeit jederzeit willkommen, doch sind die Spenden, die gelegentlich der vier großen Jahresfeste gegeben werden, von besonderem Belang, weil dann die Scharen der Pilger und Zahl der Spender größer sind als zu anderen Zeiten. Als das oben geschilderte Blumenfest vorüber war, opferte der in Kumbum anwesende König von Suniut sechshundert Unzen Silber und veranstaltete dazu einen allgemeinen Tee mit Butter und Kuchen. Acht Tage lang dauerte dieses höchst kostspielige Fest, das etwa 8.000 Gulden rheinisch kostete. Bei Spenden, die von einem angesehenen Mann gegeben werden, pflegt der lebende Buddha zugegen zu sein. Man überreicht ihm in einem mit Blumen und Bändern geschmückten Körbchen einen Silberbarren von fünfzig Unzen Gewicht, ein Stück Seidenzeug von roter oder gelber Farbe, ein Paar Stiefel und eine Mitra. Über das alles wird eine Khata gebreitet. Der Pilger wirft sich vor den Stufen des Altars, auf dem der Buddha sitzt, zur Erde und stellt ihm das Körbchen mit den Opfergaben vor die Füße. Ein Schabi nimmt es auf und überreicht im Namen des Buddha, der in einer Art von göttlicher Ruhe unbeweglich dasitzt, dem Pilger eine Khata.
    Außer jenen Gaben und Spenden haben die Lamas noch andere Erwerbsquellen. Manche halten Kühe und verkaufen Milch und Butter, andere bilden Kommanditgesellschaften und übernehmen gegen Vergütung die Herrichtung der allgemeinen Tees. Wieder andere sind Schneider, Färber, Schuster, Hutmacher und dergleichen mehr. Auch Krämer findet man in Kumbum, die allerlei Waren aus Tang Keu Eül oder Si Ming Fu kommen lassen und mit erheblichem Nutzen verkaufen. Es gibt aber auch Lamas, die eine mit ihrem geistlichen Beruf mehr in Einklang stehende Beschäftigung treiben: sie schreiben theologische Werke ab oder drucken sie. Die tibetische Schrift geht horizontal und von der Linken zur Rechten. Das Idiom der Lamas ist alphabetisch, etwa so wie unsere europäischen Sprachen. Man verwendet trotzdem keine beweglichen Lettern, sondern hat nur eine Stereotypdruckerei mit hölzernen Platten. Die tibetischen Bücher sehen aus wie ein großes Kartenspiel. Die Blätter sind beweglich und auf beiden Seiten bedruckt. Sie werden weder zusammengeheftet noch gebunden, sondern zwischen zwei Holzdeckel gelegt, um die man ein gelbes Band wickelt. Die Ausgaben, die von den Pressen zu Kumbum geliefert werden, sind plump, mit unreinen, ungefälligen Lettern und stehen weit hinter jenen aus der kaiserlichen Druckerei von Peking zurück. Dagegen sind die handschriftlichen Ausgaben ganz ausgezeichnet, die Buchstaben sauber und hübsch und die Zeichnungen, die man in ihnen findet, äußerst nett. Die Lamas schreiben nicht wie die Chinesen mit dem Pinsel, sondern mit Bambusröhren, die sie schneiden wie wir unsere Federn. Ihr kupfernes Tintenfass sieht aus wie eine Schnupftabakdose mit Scharnieren. Die Tinte darin ist auf Baumwolle gegossen. Das Papier wird geleimt, damit es nichts durchschlagen lässt. Sie verwenden dazu nicht Alaun wie die Chinesen, sondern Wasser mit einem Zehntel Milch. Diese einfache Methode ist vollkommen hinreichend.
    Sandara der Bärtige gehörte keiner von allen genannten Klassen an: sein Handwerk bestand darin, die Fremden auszubeuten, die aus Andacht oder zur irgendeinem anderen Zweck die Klosterstadt besuchten. Er hatte es vor allem auf die Mongolen abgesehen, denen er sich als Cicerone vorstellte. Bei der Gewandtheit seines ganzen Wesens und der Geläufigkeit seiner Zunge gelang es ihm in der Regel, auch ihr Geschäftsführer zu werden. Eines beneidenswerten Rufes erfreute er sich in Kumbum nicht; man deutete uns sogar an, wir möchten die Börse wohl vor ihm in acht nehmen. Wir erfuhren, dass er wegen Gaunerei aus Lhasa verwiesen worden war und sich einige Jahre in Setschuan und Kansu als Komödiant und Wahrsager herumgetrieben hatte. Das alles überraschte uns keineswegs, weil wir schon oft bemerkt hatten; dass er etwas Komödiantisches an sich hatte, sobald er sich gehen ließ.
    Einige Tage nach dem Blumenfest nahmen wir das Studium der tibetischen Sprache wieder eifrig auf und übersetzten einen Abriss der heiligen Geschichte bis auf die Zeit der Apostel. Wir überzeugten uns, dass Sandra mit seiner Scheinfrömmigkeit und mit dem Kreuzschlagen nur Komödie getrieben hatte. Er rühmte er sich seines Unglaubens. In seinen Augen war jede Religion ein sinnreiches Mittel, durch das die klugen Leute den Dummkopf ausbeuten können, und Tugend war für ihn ein hohler Begriff. Mit anderen Lamas sprach er viel über unsere Glaubenslehren, und man wurde bald auf uns beide Jehovah-Lamas aufmerksam. Ohnehin warfen wir uns nie vor dem Buddha nieder, beteten täglich drei Mal, aber nicht tibetisch, redeten untereinander eine Sprache, die kein anderer verstand, und konnten uns doch auch mongolisch, tibetisch und chinesisch ausdrücken. Nun erhielten wir oft Besuche, und allemal kam das Gespräch auf religiöse Gegenstände. Aber von allen Lamas, die wir kennen lernten, war keiner von dem ungläubigen Schlag Sandaras; wir fanden sie all voll guten Glaubens und von aufrichtiger Religiosität. Manche waren sogar eifrig bemüht, die Grundlagen des Christentums kennen zu lernen. Dabei verfuhren wir historisch, um alle Streitpunkte beiseite zu lassen. Wir haben uns auf unseren langen und weiten Reisen überzeugt und namentlich zu Kumbum die feste Ansicht gewonnen, daß man auf dem Weg der Kontroverse den Nichtchristen schwer beikommen kann. Man muß sie unterrichten und belehren.
    Die vielen Besuche, die wir von Lamas erhielten, und ihre günstige Stimmung für das Christentum verdrossen unseren Sandara. Es war kaum noch mit ihm auszukommen. Wir nahmen daher unsere Zuflucht zu unserem Nachbarn, dem jungen Mediziner, der sehr gutmütig war und auch einigermaßen tibetisch verstand. Er war aber ein unentschiedener Charakter, wollte mit dem Buddhismus nicht völlig brechen, betete bald zu Tsong Khapa, bald zu Jehovah, und forderte uns auf, seine religiösen Gebräuche mitzumachen. Seine Zumutungen waren seltsam genug. Vor allem hätte er uns gern bewogen, bei der »Andacht zum Besten der Reisenden in aller Welt« teilzunehmen. Viele Reisende, so erläuterte er. wandeln auf mühseligen Pfaden, namentlich Pilger und heilige Lamas. Können sie vor Ermattung nicht weiter, dann schickt man ihnen Pferde aus Papier zu Hilfe. Er ging in seine Zelle und holte einige Papierstückchen, die er uns zeigte. Auf jedem stand das Bild eines gesattelten Pferdes in vollem Lauf. »Diese schicken wir den Reisenden«, sprach der Mediziner. »Morgen gehen wir auf einen hohen Berg dreißig Li (drei Wegstunden) von hier, beten und besorgen die Pferde in der Weise, dass wir ein Päckchen dieser Zettel in die Lüfte werfen. Der Wind treibt sie fort. Durch Buddhas Macht werden sie in lebendige Rosse verwandelt, und der Reisende kann sich in den Sattel setzen.« Unser guter Nachbar nahm die Sache ernst. Er arbeitet die Nacht durch, um möglichst viele Pferde anzufertigen. Am nächsten Morgen ging er mit einigen Lamas fort, trotz des abscheulichen Schneewetters. Am Abend kam er halb erstarrt zurück. Er war aber hoch erfreut, dass der Sturm seine Papierpferde in alle Welt hinausgejagt hatte. Der fünfundzwanzigste Tag eines jeden Monats ist für diese fromme Handlung bestimmt. Es steht aber jedem frei, ob er für die Reisenden auf diese Weise sorgen will oder nicht.
    An einer anderen Feier jedoch, die am achtundzwanzigsten stattfindet, muß sich jeder Lama beteiligen. Unser Mediziner prophezeite uns eine unruhige Nacht. Es kam auch so, denn wir wurden schon sehr früh gestört. Es war uns, als ob hoch in den Lüften eine große Menschenmenge ihre Stimmen erhebe. Diese wurden nach und nach stärker und deutlicher. Wir kleideten uns rasch an und traten in den Hof, wo der alte Akayeh saß und den Rosenkranz betete. Er sagte, wir möchten nur auf das Dach steigen. Wir taten es und waren sehr überrascht. Auf allen Häusern brannten rote Laternen an hohen Stangen. Alle Lamas hatten ihren Festmantel an und die gelbe Mütze auf dem Kopf. Sie saßen auf den Dächern und sangen Gebete, langsam und nicht sehr laut. Auf unserem Dache fanden wir den Stotterer, den Kitat Lama und seinen Schabi sehr eifrig am Werk. Die unzähligen Laternen mit ihrem roten, phantastisch flimmernden Licht, das Konzert von viertausend geistlichen Stimmen, die sich auf den Dächern hören ließen, dazu Trompeten- und Seemuscheltöne, das alles machte einen wunderbaren und mächtig ergreifenden Eindruck. Akayeh setzte uns auseinander, dass durch diese Gebete die bösen Geister verscheucht werden sollen: »In alten Zeiten haben sie das Land schwer heimgesucht, Menschen und Tiere krank gemacht, den Kühen die Milch verdorben, sie sind sogar in die Zellen der Lamas eingedrungen und haben den Gesang im Tempel verwirrt. Nachts kamen sie in großer Menge in die Talschlucht, hielten Versammlungen ab und schrien und stöhnten so seltsam, dass kein Mensch es ihnen nachtun konnte. Da hat ein frommer Lama diese Nachtgebete erfunden. Seitdem haben die bösen Geister nichts mehr von sich hören lassen. Wenn je noch einer kommt, dann richtet er doch kein großes Unheil mehr an, und einem guten Lama kann er ohnehin nichts anhaben.« Plötzlich verstummte der Gesang auf den Dächern. Gleich nachher wurden Trompeten geblasen, die Glocken läuteten, der Schall der Seemuscheln wurde lang gezogen, man schlug Wirbel auf den Trommeln, alles in einem wirren Durcheinander und in drei Absätzen. Dazu heulten die viertausend Lamas wie wilde Tiere und erhoben ein grässliches Geschrei. Damit war die Feierlichkeit zu Ende, die Laternen wurden ausgelöscht, und alles war wieder still.
    Unser Aufenthalt in Kumbum hatte nun schon über drei Monate gedauert. Die buddhistische Geistlichkeit war uns gewogen und die Behörde zeigte uns Wohlwollen, aber wir verstießen gegen eine Vorschrift, die streng beobachtet werden muss. Der Fremde, der sich nur kurze Zeit in Kumbum aufhält, mag sich tragen, wie er will. Wer aber irgendwie mit dem Kloster in Verbindung steht und längere Zeit im Ort bleiben will, muss die Kleidung der Lamas tragen, nämlich den roten Rock, die kleine Dalmatica ohne Ärmel, die rote Schärpe und die gelbe Mütze. Auf diese Gleichkleidung wird scharf gehalten. Eines Tages schickte uns der Vorsteher, der auf Ordnung und Zucht zu halten hat, einen Boten und forderte uns auf, die vorschriftsmäßige Kleidung anzulegen. Wir sagten, dass wir keine Buddhisten, also auch nicht verpflichtet seien, das geistliche Gewand von Kumbum anzulegen. Um aber allen Anstoß zu vermeiden, wollten wir das Kloster verlassen, im Fall, dass man uns nicht etwa Dispens gewähren könne. Nach einigen Tagen kam Samdadschiemba mit den drei Kamelen von der Weide zurück, gerade zur gewünschten Zeit. Wir erhielten nämlich eine neue Aufforderung. Der Bote musste uns erklären, daß keine Ausnahme gestattet werden könne; es tue aber der Behörde leid, dass unsere »erhabene und heilige Religion« uns hindere, die vorgeschriebenen Kleider zu tragen. Man werde sehr gern sehen, dass wir in der Nähe blieben. Man lud uns ein, nach Tschogortan zu gehen, wo wir uns kleiden könnten, wie wir möchten. Wir hatten schon oft von diesem kleinen Klosterort sprechen hören, der nur etwas über eine halbe Stunde von Kumbum entfernt ist und als eine Art Sommeraufenthalt der medizinischen Fakultät betrachtet werden kann, denn kurz vor Herbstbeginn gehen sämtliche Angehörige der Fakultät auf einige Zeit dorthin, um in den Bergen Arzneipflanzen zu sammeln. In den übrigen Monaten sind die meisten Häuser unbewohnt. Nur einige Lamas bleiben dort, um in ungestörter Einsamkeit ein beschauliches Leben zu führen. Sie wohnen in Felsenzellen.
    Uns kam diese Einladung, nach Tschogortan zu gehen, sehr gelegen, denn die gute Jahreszeit nahte heran. Wir kauften eine Khata und eine Schüssel Rosinen, um sie dem Lama, dem die Klosterverwaltung oblag, zu überreichen. Er nahm uns freundlich auf und ließ eine Wohnung für uns einrichten, die wir bezogen, nachdem wir vorher dem alten Akayeh, dem Kitat Lama und dem stotternden Mediziner einen Abschiedstee gegeben hatten.

 

Huc und Gabet
Wanderungen durch die Mongolei nach Tibet zur Hauptstadt des Tale-Lama
Leipzig 1855

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