Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1608 - Thomas Coryate
Über die Kurtisanen von Venedig

 

Was die Anzahl der Kurtisanen in Venedig betrifft, so ist sie sehr groß. Man nimmt an, dass es in der Stadt selbst und in den benachbarten Orten wie Murano, Malomocco usw. mindestens 20.000 gibt, von denen viele als so liederlich gelten, dass sie ihren Köcher für jeden Pfeil öffnen. Zweifelsohne ist das Tolerieren solcher Zügellosigkeit in dieser rumreichen, mächtigen und bekannten Stadt eine gottlose Sache. Ich denke, dass die Venezianer jeden Tag sich davor fürchten sollten, dass Gottes Fluch und Rache vom Himmel kommt und ihre Stadt in Feuer und Schwefel untergehen lässt wie ehedem Sodom und Gomorrha, weil sie bei solch schmutzigen Geschäften durch die Finger sehen. Aber sie fürchten sich nicht, lassen sie zu und begünstigen sie sogar, und das aus zwei Gründen: Erstens, ad vitanda maiora mala [um schlimmeres zu verhüten]. Sie denken nämlich, dass die Tugendhaftigkeit ihrer Ehefrauen sonst in Gefahr wäre und ihnen Hörner aufgesetzt würden (was der schlimmste Schimpf wäre, und den könnte ein Venezianer nicht aushalten), gäbe es nicht solche Ausweichmöglichkeiten. Ich wundere mich aber, wie es denn dazu kommen könnte, wenn die Kurtisanen aus der Stadt entfernt würden. Denn die Herren sperren ihre Frauen immer, auch wenn es Kurtisanen gibt, in ihren vier Wänden ein aus Furcht vor eben diesen Unannehmlichkeiten. Deshalb sieht man selten die Gattin eines venezianischen Herrn, höchstens bei einer großen Hochzeitsfeier, der Taufe eines Juden oder spät am Abend in einer Gondel. Der zweite Grund ist, dass von den Abgaben, die die Kurtisanen an den Senat zahlen, damit ihre Geschäfte ungestört bleiben, ein Dutzend Galeeren unterhalten werden können (das haben mir viele berichtet), und so dem Senat große Ausgaben ersparen. Diese beiden Gründe haben dazu geführt, dass schon mehrere hundert Jahre lang diese Arten von Lais und Thais toleriert worden sind; man könnte sie als den Schandfleck der Christenheit bezeichnen wie die eben genannten den von Griechenland. Die Verlockungen dieser liebesbereiten Calypsos sind so zahllos, dass ihr Ruhm viele Männer aus den entlegendsten Gegenden der Christenheit nach Venedig gelockt hat, um ihre Schönheit zu genießen und sich an ihren Tändeleien zu erfreuen. Und wirklich sind sie ihren Liebhabern gegenüber so abwechslungsreich, dass es an keinem Vergnügen fehlt. Denn wenn du in einen ihrer Paläste kommst (einige wenige der vornehmsten leben tatsächlich in höchst großartigen und eindrucksvollen Gebäuden, geeignet für den Empfang großer Prinzen), kommst du dir vor, als ob du den Palast der Venus beträtest. Ihre Empfangsräume sind großartig und glänzend anzusehen. Die Wände sind ringsum mit der schmuckvollsten Tapete oder vergoldetem Leder dekoriert. Dann gibt es vielleicht noch ein Bildnis der edlen Kurtisane, hervorragend gemalt. Und sie selbst kommt dir entgegen gekleidet wie die Königin und Göttin der Liebe, dass du denkst, sie sei gerade aus Paphos, Knidos oder Cythera erschienen, den alten Wohnsitzen der Venus.
   Ihr Gesicht ist die Quintessenz der Schönheit. Auf ihren Wangen sieht man die Lilie und die Rose um die Vorherrschaft streiten, und die silbernen Haarnetze, auf merkwürdige Weise mit zwei gekräuselten Spitzen ähnlichen hübschen Pyramiden drapiert, erscheinen dir als wahres Liebeszeichen.
   Aber wenn du genau hinsieht, erkennst du leicht die Wirkungen der wohl bekannten Apothekermittel, die schon die Damen in Rom benutzt haben, Augenschminke, Salbe und Purpur, denn nur wenige Kurtisanen halten sich an die Natur, die meisten helfen ihr nach und verunstalten ihr Gesicht. Das ist so verbreitet, dass viele von feiner natürlicher Schönheit ihr Gesicht mit diesem schmutzigen Ramsch anmalen. Mir scheint das wie ebur atramento candefacere, dem klugen Sinnspruch des Plautus, der da heißt, Elfenbein mit Tinte zu weißen.
   Ihr Putz ist so reich, dass - außer wenn man sich seine Lust verkneift, was man kaum schafft, oder Moly benutzt, das Homer bei Odysseus als Gegengift bei amourösem Kitzel erwähnt -, sie die Sinne gefangen nimmt: Ade Vernunft, willkommen Leidenschaft. Denn du siehst sie mit vielen Ketten aus Gold und Perlen aus dem Orient bedeckt wie eine zweite Kleopatra (die sie aber eigentlich nicht ist), mit Ringen, noch verschönert durch Diamanten und andere Edelsteine, und mit Juwelen in den Ohren, die sehr kostbar sind. Ein Oberkleid aus Damast (ich rede hier von den vornehmeren Kurtisanen) hat entweder einen breiten goldenem Saum oder fünf oder sechs Lagen goldener Spitze, jede fünf Zentimeter breit. Ihr Gewand darunter ist aus roter, feinster Angorawolle mit breitem Goldrand, ihre Strümpfe sind aus fleischfarbener Seide. Ihr Atem und ihr ganzer Körper sind mit Düften parfümiert, um dich noch verliebter zu machen.
   Wenn auch all diese Dinge dir auf den ersten Blick höchst verlockend erscheinen, so wirst du doch, wenn du es recht bedenkst, völlig zu Recht und als weiser Mann meinen, sie seien wie ein Goldring in einem Schweinerüssel.
   Dann wird sie auch noch versuchen, dich zum einen mit süßen Melodien zu betören, die sie auf ihrer Flöte zwitschert und die sie so gekonnt beherrscht wie ein Professor der löblichen Kunst der Musik, und zum anderen mit der herzerwärmenden Harmonie ihrer Stimme. Du wirst auch feststellen, dass die venezianische Kurtisane (wenn sie wirklich von besonderer Klasse ist) eine gute Rednerin ist und elegant debattieren kann, sodass sie deine Widerstandskraft mit ihrer Rhetorik versucht, wenn all die erwähnten Reizmittel keine Wirkung gezeigt haben. Und schließlich wird sie dir vielleicht als stärkste Versuchung ihr Ruhezimmer zeigen, wo du alle möglichen schönen Dinge bemerkst, viele schön bemalte Truhen, einen eindrucksvollen milchweißen Baldachin, von Hand gearbeitet, eine Seidendecke mit Gold bestickt, und alles Bettzeug von süßem Wohlgeruch. Neben weiteren verführerischen Dekorationen wird sie dir das einzige in diesem Raum zeigen, was an Selbstbeherrschung gemahnt, sehr fremdartig unter so vielen irritamenta malorum: Das Bild der Jungfrau, mit Christus in den Armen, steht neben ihrem Bett in einem Kristallglas.
   Aber sei zurückhaltend gegenüber all diesen illecebrae und lenocinia amoris [Verlockungen und Kuppeleinen der Liebe], auf dass du nicht in ein privates Gespräch mit ihr gezogen wirst. Denn dann wirst du feststellen, dass Lipsius‘ Bezeichnung richtig ist, der sie callidam et calidam solis filiam nennt, das heißt, die berechnende und hitzige Tochter der Sonne. Ich sage dir auch, und das ist wirklich wahr: Wenn du dich verleiten lässt, dich mit ihr einzulassen und nicht das ihr zugesagte salarium inquitatis zu bezahlen, sondern dich aus ihrer Gesellschaft davonstehlen willst, lässt sie entweder ihren Raufbold deine Kehle durchschneiden, wenn er dich in der Stadt ausfindig gemacht hat, oder sie lässt dich festnehmen (wenn man dich denn findet) und ins Gefängnis werfen, wo du bleibst, bis du alles bezahlt hast, was abgemacht war.

 

Coryat’s Crudities, reprinted from edition of 1611, to which are added …
Vol 2, London 1776

Übersetzung: U. Keller

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