Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1783 - Samuel Turner
Das Mausoleum des 6. Panchen Lama
Tashilhunpo
Bei Shigatse, Tibet

 

Wir konnten aus unseren Zimmern im Kloster, ohne dessen Ringmauern zu verlassen, das Grabmal besuchen. Es stand innerhalb eines viereckigen, mit Mauern umgebenen Platzes, welcher an drei Seiten mit einer Colonnade für Pilgrimme und andere Andächtige versehen war. An den Wänden dieser Colonnade waren mancherlei gigantische Figuren ihrer Mythologie mit blauen und roten Farben gemalt. Die Säulen waren rot angestrichen und vergoldet. Das Grabmal stand gerade vor dem Thor der Colonnade, welche eigentlich der Vorhof oder Eingang des ganzen Gebäudes war. Das Gebäude bestand aus einem hohen viereckigen Turm, von dicken Mauern, die keine anderen Öffnungen als eine einzige in der Front hatten, um das Innere zu erhellen. Vorn über diesem Eingang sah man ein acht Fuß hohes Schnitzwerk, welches ein Blatt des Pepul-Baumes (Ficus indica), wie ein langer Speer gestaltet, vorstellt, und an beiden Seiten lagen zwei Tier mit aufgereckten Köpfen. Das Blatt selbst soll einige ihrer heiligen Schriften enthalten.
   Unter dem Säulengange saß ein Geistlicher, in einem Buch lesend, der auf uns gar nicht achtete. Weil hier ohne Unterlaß gebetet wurde, auch das heilige Feuer vor dem Sarge unterhalten werden mußte, so wechselten die Ghylongs miteinander ab. Hier auf öffneten sich zwei ungeheure Pforten, rot angestrichen, und mit großen vergoldeten Buckeln beschlagen, und man sah, daß das ungeheure Gebäude nur als Gehäuse oder als Einfassung einer schönen Pyramide diente, in welcher der goldenen Sarg des verstorbenen Lama [des 6. Panchen Lama] stand.
   In Tibet werden bloß die Leichname der regierenden Lamas ganz aufbewahrt, und gleich nach ihrem Ableben gibt man ihnen die sitzende Stellung, die sie bei ihren Elbzeiten gewöhnlich hatten.
   Oben auf dieser Pyramide war eine große Muschel angebracht, in deren Höhlung sich eine goldene Bildsäule des Lama befand.
   Er saß auf Kissen, war mit einem Mantel aus gelbem Atlas bekleidet und hatte eine Art von hoher Mütze auf dem Kopf. Aus dem Innern der Muschel brachen rote und weiße Strahlen hervor, welche einen Baldachin über dem Bildnis bildeten. Da der Gossein Purungir und meine andern Begleiter sich neunmal vor diesem Heiligtum zur Erde warfen, opferte ich eine weiße Schärpe. Der anwesende Geistliche hielt sie über das brennende Rauchwerk, stieg eine Leiter heran, und hing sie auf die ausgestreckte Hand des goldenen Bildes. Von dessen Baldachin hingen mehrere Rosenkränze herab, welche der Lama zu seinen Lebzeiten gebraucht hatte. Sie waren von Perlen, Smaragden, Rubinen, Saphiren, Korallen, Ambra, Kristall, Lapislazuli und selbst von gemeinem Rohr.
   Die Pyramide selber war mit Silberplatten belegt und hob sich stufenweise empor. Auf diesen Stufen waren allerlei Seltenheiten und Kostbarkeiten gestellt, die der Lama von Zeit zu Zeit als Geschenk von seinen Anhängern erhalten hatte. Darunter befanden sich kostbare Tabatieren, große blaue japanische Vasen und Stücke von Lapislazuli, ohne Ordnung und Geschmack zusammengebracht.
   Etwa zwei Fuß von der Erde waren auf einer breiteren Stufe zwei liegende Löwen und dazwischen eine menschliche Figur im Basrelief ausgehauen. Die Figur hatte sehr große hervorstehende Augen, schien in gewaltiger Gemütsbewegung zu sein und spielte auf einer Guitarre. Vor der Figur und den Löwen lagen musikalische Instrumente wie Trompeten, Oboen und Cymbeln, und der übrige Raum war mit chinesischen, blauen japanischen und silbernen Vasen angefüllt.
   An der rechten Seite der Pyramide stand ein anderes Bild des verstorbenen Lama von gediegenem Silber in Lebensgröße. Er stand auf einer Art von Katheder in andächtiger Stellung unter einem seidenen Baldachin, und vor ihm lag ein Buch. Purungir versicherte, es habe große Ähnlichkeit mit dem Lama. Vor der Pyramide lagen auf einem weiß bedeckten Altar Früchte, Blumen, verschiedene Getreidearten, Öl und andere tägliche Speiseopfer. Dazwischen standen die immer brennenden Lampen, und die angezündeten wohlriechenden Kerzen, welche überall einen lieblichen Duft verbreiteten.
   Von der Decke hingen ganze Stücke Atlas und andere Seidene Zeuge herab, und dicht an der Pyramide zwei Stücke von schwarzen Samt, reichlich mit Perlen bestickt. Außer diesen bemerkte ich ganze Stücke von englischem Brokat und geblümte seidene Zeuge, welche man in Benares verfertigt. An den Wänden des Hauptgebäudes waren Reihen von Ghylongs in betender Stellung gemalt. Auf dem Fußboden lagen ganze Haufen religiöser tibetanischer Bücher umher, welche die gelehrten Lamas mit Commentaren versehen.
   Die hier zusammengehäuften Reichtümer wage ich nicht zu schätzen, noch weniger die mir darüber mitgeteilten übertriebenen Angaben zu wiederholen. (Anmerkung des Übersetzers: Die vom Verfasser beschriebenen Kostbarkeiten wurden 1792 vom Rajah von Nepal geraubt.)
   Das hohe äußere Gebäude, welche alle diese Schätze umschließt, nimmt sich gut in der Ferne aus, und ist viel höher als das benachbarte Kloster. Die Mauern sind unten sehr dick und laufen allmählich einwärts. In der Front über dem Eingang befindet sich ein großes Fenster mit Gardinen von Ziegenhaar behangen. Über diesem Fenster läuft ein braunroter Streifen um das ganze Gebäude. Die äußeren Mauern sind außerdem mit vergoldeten Sonnen, Monden und halben Monden verziert, und die Front enthält eine Tafel, auf welcher die gewöhnliche Gebetsformel Umm mani etc. mit großen goldenen Buchstaben geschrieben ist. Hierauf folgt, um alle Seiten des Turms herum, ein breiter, wie angestrichener leer Raum, und über demselben wieder ein breiter carmoisinrother Streifen, und der oberste Teil ist mit Friesen und weißen Cornichen verziert. Ein vergoldetes gebrochenes [geschweiftes] chinesisches Dach bedeckt das Ganze, dessen Ecken mit vorlaufenden chinesischen Drachen verziert sind, und an seinem Rande hängen eine Menge kleiner Glocken, welche bei jeder Bewegung der Luft ein beständiges Geklingel ertönen lassen. Auch erheben sich über dem äußeren Rand des Dachs besondere Zierrate, die Herr Turner Fasces [Rutenbündel] nennt. Sie bestehen aus einem metallenen, stark vergoldeten Cylinder, der fünf Fuß hoch ist und zwei bis drei Fuß im Umfang hält. Einige sind mit schwarzem Tuch bedeckt, welches ein horizontal und perpendikulär laufender breiter Streif umgibt, und auf diese Weise ein ordentliches Kreuz nach allen Seiten bildet. An einigen Stellen sind auch Buchstaben zu sehen, und oben haben diese Cylinder einen Zierrat. An einigen Seiten sind auch Buchstaben zu sehen, und oben haben diese Cylinder einen Zierrat. Da, wo der erste braunrot gemalte Streifen des Hauptgebäudes anfängt, sind an dessen Ecken hervorstehende Löwenköpfe angebracht, von deren Unterlippe gleichfalls Glöckchen herabhängen.
   
Turner, Samuel
Reisen nach Butan und Tibet
Berlin 1801

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