Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1779 - Jacob Jonas Bjoernståhl
In den Meteora-Klöstern

Griechenland

 

Ich begab mich zu Fuß nach dem Kloster Hagios Stephanos. Da das Dorf Stagi unmittelbar unter den steilsten und höchsten Felsen liegt, muß man mit unsäglicher Mühe und Gefahr von einer Klippe auf die andere klettern. Diese Felsen sind senkrecht abschüssig und von entsetzlicher Höhe: einige bestehen aus nichts anderem als einem großen runden Stein, der auf der Spitze eines anderen Steins wie auf einem Pfeiler ruht. Von diesen Steinen und zerstückten Felsen gilt, was Livius im 6. Kapitel seines 44. Buches vom Olympus und Ossa sagt: Rupus utrimque ita abseisse sunt, ut despici vix sine vertigine quadam simul oculorum animique possit [Auf beiden Seiten sind die Klippen so schroff, daß man nicht hinabsehen kann, ohne schwindlig oder bewußtlos zu werden]. Unstreitig muß irgendein Erdbeben sie auf diese Art in Stücke geschlagen haben.
   Im Vorbeigehen sah ich das Kloster Hagi Triada, das auf einer senkrecht abgerissenen Klippe liegt. Wer diese Wohnung der Andacht besuchen will, wird in einem an einem Tau befestigten Netz hinaufgewunden. Man kann auch auf einer lotrecht hängenden Leiter hinaufsteigen: auf diesen Weg aber darf sich nur begeben, wer dergleichen gewohnt ist, weil man sonst Gefahr läuft, nach Wallhall zu reisen; außerdem wird diese Leiter in unruhigen Zeiten wie den gegenwärtigen aufgezogen, so daß kein Feind zu diesen hohen Behausungen kommen kann.
   Nach einem mühseligen Klettern kam ich endlich zum Kloster Hagions Stephanos hinauf. Es steht auf einem einzelnen Felsen, der vom Fuß an vierhundert Orygien oder Klafter in der Höhe hat. Man geht über eine Zugbrücke hinein, die die Mönche in gefährlichen Zeitläuften aus Vorsicht alle Nächte nach dem Kloster zu hochziehen. Der Eingang in diese geistliche Festung wurde mir nicht eher verstattet, als bis ich durch meinen Brief vom Metropoliten zu Larissa bewiesen hatte, daß ich in freundschaftlicher Absicht kam; so beurkundet wurde ich von den Mönchen eingelassen und wohl bewirtet.
   Ich traf hier eine ganze Gesellschaft Leute, die, um den Unruhen auszuweichen, hierher ihre Zuflucht genommen hatten, sogar Frauenspersonen. Dies ist nämlich das einzige Kloster in der Gegend, wohin Frauenspersonen kommen dürfen; von den übrigen Klöstern, Meteoron und Varlaam, sind sie gänzlich ausgeschlossen, und es ist in keinem einzigen Fall erlaubt, sie da aufzunehmen. So streng gegen sich selbst und das schöne Geschlecht sind diese griechischen Mönche; oder vielmehr ihre Ordensregeln.
   Die Bekanntschaft mit dem würdigen Vater, Bischof von Stagi, den ich hier traf, war mir eine Quelle großen Vergnügens; in seiner Gesellschaft brachte ich die Zeit auf angenehme Weise zu. Er ließ mir sämtliche Manuskripte des Klosters zeigen, unter denen ich jedoch keine von besonderem Wert fand; sie enthielten fast nicht anderes als die Kirchenväter. Früher soll, wie der Bischof behauptete, hier ein ganz ansehnlicher Vorrat guter Handschriften gewesen sein; man hat aber einmal von Rom aus Mönche in dieses und die übrigen Klöster geschickt, die die einigermaßen wichtigen Manuskripte teils gekauft, teils entwendet haben… Man sieht also, daß wir Kinder des Nordens uns nicht als die einzigen ansehen dürfen, die von den geistlichen Römern auf diese Weise geplündert worden sind; wir können uns wenigstens mit den gewöhnlichen Trost der Unglücklichen aufrichten, daß es anderen nicht besser als uns ergangen ist. Außerdem hat auch eine Feuerbrunst vor etwa zweihundert Jahren eine beträchtliche Sammlung Manuskripte vernichtet. Und noch ein jüngeres Unglück, das den literarischen Vorrat dieser Klöster betroffen hat, besteht darin, daß der Fürst von der Moldau, Nikolaus Ghika, vor einigen Jahren jemand in die hiesigen Klöster geschickt hat, der den Auftrag hatte, die merkwürdigsten hier befindlichen Handschriften zu leihen, mit dem Zusatz, der Fürst sei Willens, sie auf seine Kosten drucken zu lassen, und werde sie hernach gleich wieder an Ort und Stelle liefern; es ist aber weder das eine noch das andere geschehen. Dies sind die Widrigkeiten, die die Wissenschaften in diesen Gegenden haben erfahren müssen. Es ging mir nahe, daß ich mich in der Hoffnung, hier Sammlungen bedeutender Manuskripte zu finden, betrogen sah. Großenteils aber wurde dieser Verlust durch die sonderbare Lage der Örter, die gewiß in Augenschein genommen zu werden verdient, gelindert oder ersetzt. Denn schwerlich findet sich irgendein Platz auf dem Erdboden, der diesem gleicht, und diese Klöster können mit Fug und Recht zu den so genannten Wunderwerken der Welt gerechnet werden. Doch ich muß wohl eine ausführliche Beschreibung davon mitteilen.
   Ich fange mit Hagios Stephanos an. Die geistliche Gesellschaft, die hier außerhalb der Gemeinschaft mit der übrigen Welt lebt, hat dabei doch für die Bequemlichkeiten des Lebens aufs beste zu sorgen gewußt. Es fehlt daher auf diesem eingeschränkten Platz nicht an Magazinen, Stallraum und dgl., der nötigen Wohnzimmer nicht zu gedenken. Auch hat man hier verschiedene Arten Bäume wie Lorbeer, Pflaumen, Kirschen und dgl. hingepflanzt, und sogar Spaziergänge, so klein sie auch sind, hat man angelegt. Nach unten hinab sieht man nicht ohne Entsetzen. Außerhalb der Zugbrücke ist in den Felsen selbst eine Inschrift eingehauen, aus der man schließt, daß ein Jeremias im Jahr der Welt 6001 oder nach Christi Geburt 493 dieses Kloster gestiftet hat, folglich hätte es ein Alter von mehr als 1.200 Jahren; aber die Buchstaben sehen so aus, daß man aus ihrem Anblick urteilen muß, daß sie nicht so alt sein können.
   Anfänglich ist dieses Ordenshaus für Personen von weiblichem Geschlecht, die ein Vergnügen daran finden, in einer andächtigen Stille zu leben, angelegt, später aber zerstört und verlassen worden, bis Mönche es aufs Neue bewohnt haben. Man sieht hier noch ein abgebranntes Haus, das aus vier Zimmern bestanden hat. Die Klosterbibliothek, die mich hauptsächlich heraufgelockt hatte, besah ich vor allen Dingen. Sie enthält aber nichts von besonderem Wert… Da ich hier oben nichts weiter fand, das noch Aufmerksamkeit verdient hätte, nahm ich von diesem Felsen Abschied, und begab mich wieder auf die Erde.
   Darauf ging ich zu dem anderen Kloster, Hagia Triada, das ungefähr eine Viertelstunde entfernt liegt und noch sonderbarer angelegt und gebaut ist. Ein neues Grauen und Entsetzen überfiel mich, als ich seine Lage und Beschaffenheit sah, besonders, als ich die Höhe und Strecke, womit man sich in einem Netz dreißig Klafter hoch, und zwar in senkrechter Richtung von der Grundfläche des Felsens bis an seine Spitze, hinaufziehen lassen muß. Mein Janitschar, der sonst nicht eben zu den furchtsamsten Türken gehörte, verlor sogleich Mut und Lust, diese Wallfahrt anzutreten. Um einen etwaigen Begriff davon zu bekommen, wie es bei der Hinaufkunft zugehe, ließ ich vorher meine Sachen aufwinden, und zwar in den beiden türkischen Seisame oder Mantelsäcken, womit ich mich zum Behufe meiner griechischen Reise versehen hatte. Als ich gewahr wurde, daß alles binnen vier Minuten glücklich ablief, wurde ich in meinem Vorhaben, den Weg auch zu machen, bestärkt, besonders bestimmte die Kürze der Zeit, die zu dieser Fahrt durch die Luft erfordert wurde, meinen Entschluß völlig: für eine Bangigkeit von nur vier Minuten, dachte ich, habe ich das Vergnügen, oben zu sein und mich über die Anwesenheit an einem so sonderbaren und in seiner Art vermutlich einzigen Ort zu freuen u.s.w. Unterdessen ließ man im Netz zwei Personen herunter, um die sich während der Herabfahrt ein anderes Seil schnürte, und die daher beinahe auf eine schreckliche Weise kopfüber heruntergestürzt und ums Leben gekommen wären; man war also genötigt, sie von Neuem hinaufzuwinden und de Stricke und Haken auseinander und wieder in Ordnung zu bringen. Nach diesem Umschweife wurden sie glücklich und  unbeschädigt auf die Erde befördert. Aber auch der Gedanke an diese Gefahr schreckte mich nicht ab, sondern ich setzte mich ins Netz hinein. Der Mönch, der uns aus dem ersten Kloster als Begleiter mitgegeben war, sage mir, ich sollte die Augen verbinden lassen. Ich tat es und ließ mich in das Netz einwickeln, daß man mir über dem Kopf mit einem sehr großen eisernen Haken zumachte; an diesem Haken hängt man und läßt sich so hinaufwinden. Ich stellte meine Seele in meine Hand und beschäftigte mich mit Todesgedanken; dachte aber dabei mit jenem Weltweisen: Omnia mea mecum porto [Alles, was mein ist, trage ich bei mir] und langte endlich glücklich in dieser überirdischen Behausung an.
   Nach meiner Ankunft untersuchte ich Winde und das Seil, womit man in die Höhe gebracht wird: es ist eine einfache Maschine, die von zwei, vier oder mehr Personen gedreht oder getrieben wird. Außerdem ist auch noch eine hölzerne Leiter da, die einige Schritte weit von der Stelle, wo die Winde ist, am Felsen hängt, und auf der man ebenfalls hinaufsteigen kann; man muß aber ein guter Seiltänzer sein, wenn man es wagen will, denn einige Stufen hängen wirklich außerhalb der Perpendikularlinie. Den Janitscharen konnten keine Bewegungsgründe reizen, meinem Beispiel zu folgen, sondern er rief ohne Unterlaß: "Istaghfar Ulla!" und beschloß, unten meine Zurückkunft von diesem Luftkloster abzuwarten. Dies alles geschah am 6. April.
   Im Kloster wurde ich vom Prior, den die Griechen Pater Igumenos nennen, mit möglichster Gastfreiheit aufgenommen. Zur Herberge räumte man mir eine kleine Zelle ein, die mit Habseligkeiten derjenigen Flüchtlinge angefüllt war, die der gegenwärtigen Unsicherheit im Lande wegen von Trikkala ihre Zuflucht zu diesen unzugänglichen Wohnungen genommen hatten.
   Hier oben weht der Wind beständig, und  zwar stark. Die Aussicht aus meinem Gemach war unvergleichlich. Ich sah die drei anderen, auf den Klippen liegenden Klöster, nämlich Meteoron, Varlaam und Rosan, die nordwärts von Hagia Triada liegen, Hagios Stephanos aber liegt ostwärts und ist nicht zu sehen, weil andere Berge davor liegen, die es verdecken.
   Ich besah die Kirche: sie ist ziemlich groß. Darauf spazierte ich auf dem Felsen umher: er ist geräumiger als der, auf dem Hagions Stephanos steht. Hier sind auch drei Zisternen. Die Anzahl der Mönche beträgt acht, den Prior oder Igumenos mit gerechnet. Nahe bei der Kirche in der Mauer außerhalb des Korridors ist eine griechische Inschrift mit schlechten Buchstaben zu lesen mt folgendem Inhalt: "Im Jahr 6984 von der Hand Nikodemos, welcher ein armer und in Lumpen gekleideter Mann war". Das Kloster ist also im Jahr der Welt 6984, das ist 1476 der christlichen Ära, gebaut, mithin 303 Jahre alt.
   Am folgenden Tage untersuchte ich die hiesigen Handschriften, die in der Kirche an die Seite geworfen ohne Aufsicht und Ordnung liegen… Danach ging ich umher und besah die hangenden Stiegen nebst den großen eisernen Ketten, mit denen sie, wenn man will, aufgezogen werden. Nachmittags sahen wir von unserer Höhe, wie Kurd Pascha mit seinen Albanesen unten im Dorf Stagi ankam. Er hatte Trommeln und Beirake oder Fahnen bei sich. Er kommt als Befehlshaber hierher, denn der Sultan hat ihn zum Derwend (dies ist eigentlich ein Beamter, der für die Sicherheit der Landstraßen zu sorgen hat) fürs laufende Jahr bestellt. Man fürchtet sich vor ihm, denn er ist grausam. Er ist schon einmal, vor einem Jahr, Derwend gewesen. Er ist Pascha von zwei Roßschweifen; von dieser Art gibt es außer ihm keinen in Albanien. Wir konnten von unseren Felsengipfeln in vollkommener Ruhe die Ankunft und dem Einzug dieser wilden und unbändigen Leute zusehen.
   Am 8. April wohnte ich als Zuschauer in der griechischen Kirche dem Hagion Deipnon bei, das die Griechen an diesem Tag, der ihr Gründonnerstag war, begingen. Nach Mittag nahm ich von diesem Kloster Abschied und ließ mich im Netz wieder hinunter. Mich schaudert noch jetzt beim Andenken an diese Luftreise: in zwei Minuten war ich glücklich auf der Erde.

 

Bjoernståhl, Jacob Jonas
Briefe aus der Türkei und Griechenland
Stralsund 1781

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