Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1856 - Hermann Schlagintweit
In Leh, Ladakh
Indien

 

In Le trafen Angang Juli 1856 Robert und ich zusammen nach längeren, getrennten Märschen, wobei ich den Weg über Spiti und die tibetischen Salzseen, Robert jenen durch Kulu, Lahol und Rupchu eingeschlagen hatte. Robert war zu Le am 30. Juni und ich am 6. Juli eingetroffen. Unser erstes Verweilen währte bis 23. Juli, bis zum Aufbruch nach Turkistan.
   […]
   Le ist auf der rechten Seite des Indus gelegen. Der Abhang gegen den Indus ist sanft geneigt. Die ganze Breite des Tales ist hier eine sehr große, die anstehenden Felsen sind auf der linken Indus-Seite dem Flußrande viel näher als auf der rechten.
   Gegen Norden und Westen ist die Stadt in geringer Entfernung von ziemlich hohen Felsen überragt, auf denen mehrere Befestigungen sich erheben, die uns als einstige Gompas bezeichnet wurden; wohl hier ebenso wie zu Kordzok nicht als „Klöster“, sondern als „isolierte Gebäude“ zu verstehen; es sind dies jene „Zitadellen“, welche, wie in den historischen Notizen erwähnt, im 16. Jahrhundert gebaut wurden. Die höhere der beiden ist auf dem Gipfel des unmittelbar bei Le sich erhebenden Felsenkammes gelegen und dominiert hier die Ansicht. Der Stadt am nächsten steht der Hauptturm; dieser ist gespalten, die eine Hälfte steht noch.
   Eine hübsche grüne Fläche, die sich auf der Westseite der Stadt aus einem Seitentale herabzieht, schließt sich an diese Felsen an und gibt dem Bilde ein für Tibet seltene Frische; dagegen erinnerte der Anblick des Berges gegen Nordwesten deutlich genug an den sterilen Charakter der Umgebungen. Auf der südöstlich exponierten Seite sind alle Mulden und Einschnitte dicht mit Flugsand ausgefüllt, ganz entsprechend den allerdings noch ungleich öderen Umgebungen der Salzseen.
   Auch am Ton der Luft konnte man ungeachtet klaren, dunklen Blaus in den höheren Teilen, erkennen, daß ziemlich dichte Suspensionen von erdiger Ockerfarbe an sieben bis acht Grade über den Horizont reichten.
   Die Häuser haben, wie zu erwarten, ausschließlich den tibetischen Typus. „Flache Dächer, eingeschlossene Höfe, sehr kleine Fenster“, solches ist das Vorherrschende. Das Baumaterial für die gewöhnlichen Häuser ist Ton, an der Sonne getrocknet, mit möglichst allgemeiner Verwendung für die Mauern von nassem Ton auch als Bindemittel statt des Kalks.
   Die Mauern nehmen nach aufwärts an Dicke ab, und zwar so, daß nur eine schiefe Ebene sich bildet, welche die äußere ist. Bei manchen Gebäuden ist die Veränderung der Mauerdicke so groß, daß sie sich beim Anblick sogleich bemerkbar macht.
   Das Bauholz für die gewöhnlichen Häuser sind Pappel- und Weidenstämme, die flachen Dächer sind mit Weidengeflecht bedeckt, das oft auf ziemlich weit abstehenden Balken ruht und auf seiner oberen Fläche ebenfalls mit feuchtem Ton bestrichen ist; auch mit Erde und Rasen sieht man die Dächer oft belegt. Die Böden im Hause sind stets mit Ton dicht gemacht. Wo Veranlassung sich bietet, zu kochen oder, im Winter, zu heizen, wird Feuer ohne geschützte Stelle direkt .am Boden gemacht.
   In Le, als der Hauptstadt, sah ich das erste Mal in Tibet auch Architektur von etwas größerem, monumentalem Charakter.
   Vor allem ist der am oberen Ende der Stadt sehr schön und frei gelegene Gyalpo- oder „Königs“palast zu nennen; er hat sieben Stockwerke. Beinahe am ganzen vorderen Hauptteil entlang sind drei dieser Stockwerke (und zwar von oben nach unten gezählt) mit großen balkonartigen Öffnungen, Fenstern entsprechend, versehen. Die östliche Ecke umläuft statt der Fenster eine Galerie. Glas fehlt, und es sind statt dessen Vorhänge, meistens von Wollstoffen, angebracht. Gewöhnlich ist bis zu halber Manneshöhe ein Gesimse eingesetzt oder es läuft ein Querholz durch, zum Auflegen der Arme beim Hinaussehen. Unterhalb der Stockwerke mit Balkonen sind selbst im Gyalpopalast alle Öffnungen nur klein statt von ordentlicher Fenstergröße. Auf dem Bergabhange hinter dem Palaste sind noch mehrere Nebengebäude aufgeführt, welche in der Form breiter Turmwerke das Hauptgebäude überragen. Gleichfalls nennenswert ist, daß einer der schönsten Chorten am unteren Eingang zum Gyalpopalast aufgeführt ist.
   In der Stadt gab es hier in Le noch mehrere Häuser, etwa fünf bis sieben, die mit einigen großen Balkonöffnungen versehen waren und die in ihrer allgemeinen Konstruktion zu den mehr als mittelguten Bauten in Tibet gehören; aber auch bei diesen beschränkt sich alles, was von „Stil“ zu sagen wäre, auf symmetrische Anwendung von Architraven über Balkonen, Luken und Toren, auf die Anlegung der Holzgalerien, die den inneren Hof im ersten oder in einem der höheren Stockwerke umgeben, und auf wenige Holzornamente; letztere sind deutlich indobuddhistischen Ursprungs.
   Harkishen, unser Native Doctor, hatte nach meiner Anleitung mit Sextant und prismatischem Kompaß einen Plan der Stadt angelegt im Maßstabe 1:1.000, den ich nach unserer Rückkehr aus Turkestan in seinen Einzelheiten durchging; er ist jetzt auf 1:2.000 reduziert. Die Straßen selbst sind nicht minder unreinlich als überall in Tibet, der Gyalpopalast hat in seiner nach Süden gekehrten Vorderseite etwas über 200 Fuß Länge. Der Bazar, der sich schon damals bedeutend über die Stadt hinaus erstreckte, hat 1.030 Fuß Länge bei 170 Fuß Breite. Westlich vom Gyalpoberge zeigt sich eine Reihe kleiner Mühlen, den Le-Bach entlang, und überdies die in Tibet seltene Erscheinung von zwei Weihern. Auch eine Vorstadt gibt es, westlich vom Centrum der Stadt.
   Das Haus, das wir angewiesen erhielten, war ganz einfacher Konstruktion, aber es war fest gebaut und günstig gelegen. Es befand sich am Ende von Le, schon außerhalb der „Stadt“, aber das südliche „Tor“ lag uns sehr nahe, auch der Bazar. In einiger Entfernung gegen Osten vom Hause befand sich eine der massivsten Gebetsmauern, 370 Fuß lang.
   Das Innere des Hauses bot nur kahle Wände, die untern Räume waren der Platz für Gepäck und Pferde; im ersten Stockwerk, das wir bewohnten, war der kleinen Luken wegen so wenig Licht, daß wir, was ganz natürlich gefunden wurde, eine große rechtwinklige Öffnung in die Decke machen ließen, die schönes und reichliches Oberlicht gab. Die Ursache der so geringen Dimension der Luken, die man als einzige Maueröffnungen hier gewöhnlich findet, liegt in der Schwierigkeit, gegen Winterkälte (ohne Glas) sich zu schützen. Im Sommer aber sind dadurch die Räume um so schwüler und drückender. Man zieht deshalb vor, wo möglich in Zelten zu schlafen, und in zwar in solchen, die, wenn das Dach fest genug ist, auf dem Dache aufgeschlagen sind. Auch wir hatten uns so eingerichtet.
   Unser Haus stand ganz frei und hatte außer einem großen Hofe, der ummauert und durch ein Rückgebäude geschlossen war, einen Garten, der genügend Raum bot, sowohl die meteorologischen als auch, in passender Entfernung, die magnetischen Instrumente aufzustellen.
   
Schlagintweit, Hermann
Reisen in Indien und Hochasien …
Band 2, Jena 1871

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