Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1692 - Engelbert Kämpfer
Straßengewimmel auf dem Tokaido

Zwischen Tokio und Kyoto, Japan

 

Die Heerstraßen des Landes sind täglich mit einer unglaublichen Menge Menschen und zu einigen Jahreszeiten so stark wie die Gassen in einer europäischen volkreichen Stadt angefüllt; von dem beschriebenen Tookaido, der unstreitig der vornehmste der sieben Hauptwege ist, kann ich das aus Erfahrung bezeugen, weil ich ihn viermal passiert habe. Dieses verursachen teils die starke Anzahl der Einwohner des Reiches, teils die vielen Reisen, die sie, wider die Gewohnheit anderer Nationen, anstellen. Ich will hier die merkwürdigsten Parteien der Reisenden anführen.
   Zuerst nenne ich die großen und kleinen Landesfürsten, die hohen und niederen Gouverneure der kaiserlichen Städte und Landschaften nebst ihrem Gefolge, welche den Weg in der Zeit von einem Jahre hin und her und also zweimal machen, indem sie am Hofe zu bestimmter Zeit erscheinen und wieder von da abreisen müssen. Sie verrichten dies jedesmal in Begleitung ihres ganzen Hofstaats mit einem so zahlreichen und kostbaren Aufzug, als es ihr Stand und Vermögen nur immer erlauben, daher der Zug der größten Landesfürsten den Weg auf etliche Tagereisen füllt; wie es uns denn begegnet ist, daß ihr Vortrab, der aus den geringen Bedienten, Bagageführern und Troßknechten besteht, allemal zwei Tage lang, jedoch in zerteilten Haufen bei uns auf unserer schleunigeren Fortreise vorbeigezogen, ehe wir den Landesfürsten selbst mit seinem Hofschwarm in einer regelmäßigen Ordnung gesehen haben, welches erst am dritten Tage zu geschehen pflegte.
   Einen Zug der mächtigsten Daimio oder Landesfürsten schätzt man mehr oder weniger auf 20.000, den eines Sjomio auf die Hälfte und den eines kaiserlichen Stadt- oder Landgouverneurs, nach den verschiedenen Einkünften und Würden; auf ein- oder etliche hundert Köpfe. Wenn zwei oder mehr solcher volkreichen Aufzüge auf einmal zugleich geschehen sollten, so würde einer dem anderen großes Hindernis und Ungelegenheit verursachen, besonders wenn sie in ein und demselben Sjuku oder Flecken zusammenträfen, welcher mit allen seinen Häusern ohnedies nicht einmal hinreicht, das Gefolge eines einzigen Daimio zu beherbergen. Es lassen daher, um dem zuvorzukommen, die großen Herren, und zwar die größeren einen Monat, die geringeren ein oder zwei Wochen vorher, die Herbergen und Sjuku für gewisse Tage in Beschlag nehmen und die Zeit ihres bevorstehenden Durchzuges in allen Dörfern, Flecken und Städten kund machen; dies geschieht mittels eines vor und hinter jedem Dorfe und Flecken auf einer ziemlich hohen Stange von Bambus aufgerichteten schmalen und mit wenig Charakteren beschriebenen kleinen Brettes, worauf die Nachricht befindlich ist, an welchem Tage des Monats dieser oder jener Herr daselbst durchreisen, zu Mittag speisen oder das Nachtlager nehmen werde.
   Mit Übergehung des voranziehenden Trosses von Bagage, Tragkörben und Handpferden bis auf den Hauptweg will ich |hier eine ganze Vorstellung von einem landesfürstlichen Aufzug beifügen; und wenn ich dabei eigentlich nur den von einem Daimio, so wie er uns verschiedenen Malen begegnet, zum Vorwurf nehme, so hat man von den übrigen eines noch etwas mächtigeren Satzuma, Cango, Owari, Kino Luni und Mito ebenfalls einen Begriff, welche, außer ihren Piken und Leibwachen, Anzahl der Handpferde, Fassanback und Korbträger nebst deren Begleitern, auch willkürlichen Ordnung im Marschieren, gar nicht von jenen unterschieden sind. Es kommen also:
I     Ein Vortrab von Quartiermeistern, Schreibern, Köchen und anderen Gehilfen, die in den Gasthöfen für den Fürsten und sein Gefolge zu der nötigen Bewirtung Anstalt machen.
II    Des Fürsten Leibbagage, die teils in Bündeln oder Felleisen, jedes mit einem Leibfähnlein und Namen des Besitzers versehen, auf Pferden geführt, teils in großen, mit lackiertem Leder überzogenen Kästen und mit dem fürstlichen Leibwappen bemalt, getragen wird. Jedes Stück ist von verschiedenen Aufsehern zu desto größerer Pracht begleitet.
III    Ein langer Schwarm, der zum Gefolge der höheren Bedienten und Edelleute, welche in Norimons [Prachtsänften], Cangos [einfachen Sänften] oder zu Pferde sitzen, gehört und sie mit Piken, Sensen, Bogen und Sonnenschirmen, Tragkästchen (Palankins) und Handpferden, so wie eines jeden Geburt, Stand und Rang es erfordert, begleitet.
IV. Der Hauptzug des Fürsten in einer besonderen Ordnung, in verschiedene Trupps geteilt, deren jeder einen Marschall zum Anführer hat, als
1.     Fünf weniger oder mehr mutige Handpferde, jedes von zwei Stallknechten zur Seite und zwei dahinter folgenden Dienern begleitet.
2.     Fünf, sechs, oder mehrere einzelne, kostbar gekleidete Träger mit Fassanbacken oder lackierten Kästchen, auch gefirnißten zierlichen Körben auf den Schultern, worin einige Kleider und andere Sachen für den Fürsten bei der Hand gehalten werden. Jedem Träger folgen zwei Aufwärter.
3.     Zehn oder mehr .einzeln hintereinander gehende Träger mit Sensen, Piken, kostbaren Säbeln und Schießgewehren in hölzernen lackierten Futteralen, auch mit Köchern samt Pfeil und Bogen. Zuweilen wird dieser Trupp mit dazwischen gehenden Fassanbackträgern und Handpferden verlängert.
4.    Zwei, drei oder mehr ebenfalls einzeln hintereinander gehende Träger mit Prunkpiken, oben mit schwarzen Büschen von Hahnenfedern und gewissen rauhen Fellen oder anderen, einem jeden Fürsten eigenen Verzierungen überzogen, jeder in Begleitung zweier nachfolgender Diener.
5.     Einer mit dem Sonnenhut, der mit einer schwarzen Samtkappe überzogen ist, begleitet von zwei nachfolgenden Staatsbedienten.
6.     Einer mit einem Sombrero oder Sonnenschirm, der ebenso. wie der Hut überzogen und ebenso begleitet ist.
7.     Verschiedene mit Fassanbaken und Comtoirs, die mit gefirnißtem Leder überzogen und mit des Fürsten vergoldetem Wappen verziert sind. Bei jedem zwei Aufseher.
8.    Sechzehn, auch mehr oder weniger Leibheiducken und Vorgänger des fürstlichen Norimons, je zwei in einem Gliede, wozu die größten Personen, so wie sie nur anzutreffen, ausgewählt und gebraucht werden.
9.    Der fürstliche Norimon oder die Sänfte, worinnen der Fürst sitzt, und von sechs bis acht in Livree gekleideten Personen, denen stets ebenso viele andere zur Abwechslung beigegeben, getragen wird. Zu jeder Seite befinden sich zwei oder drei Kammerdiener, um dem Fürsten, wenn er etwas begehrt,  oder auch beim Ein- und Aussteigen, aufzuwarten.
10.    Zwei oder drei mit schwarz überzogenen Sätteln ausgerüstete Reitpferde, deren letzteres auf einer schwarzsamtenen Norikaki einen von ebendiesem Stoffe überzogenen großen Lehnstuhl führt. Jedes Pferd ist mit seinen zugehörigen Führern und Begleitern versehen. Bei vielen pflegen solche Leitpferde vor den Heiducken geführt zu werden.
11.Zwei Pikenierer und
12.Zehn oder mehr Personen, deren je zwei ungeheuer große Körbe mehr zum Staate als zu einem Gebrauche vor und hinter sich auf einem Stabe über der Schulter trägt; diesen pflegen sich dann noch einige Fassanback- oder Kastenträger beizugesellen.
Nach diesem fürstlichen Aufzuge folgen dann weiter:
V     Sechs bis zwölf Handpferde mit Führern und Beiläufern.
VI    Ein zahlreicher Nachtrab der fürstlichen Haus- und Hofdienerschaft mit ihren eigenen Bedienten, Pikenieren und Fassanbackträgern. Einige derselben lassen sich in Cangos, des Fürsten oberster Hausdirektor oder Hofmeister aber in einem Norimon, den man ganz vorn sieht, tragen. Wenn ein Sohn des Landesfürsten mit auf der Hofreise ist, so folgt derselbe unmittelbar mit seinem Gefolge nach dem Norimon seines Vaters.

   So sehr es übrigens bei einem fürstlichen Zuge zu verwundern und zu rühmen ist, daß alle Personen, außer den Piken- und Norimonträgern auch andere Livreebediente, in nichts als in schwarzer Seide gehen, und in was für einer regelmäßigen schönen Ordnung eine so große Menge Volks ohne den geringsten Lärm einherzieht, außer dem, der von dem Rauschen der Kleider und Bewegung der Menschen und Pferde entstehen muß, so belachenswert ist es hingegen, daß die Piken- und Norimonträger sich hinten so hoch aufgeschürzt haben, daß sie alles, außer daß das Schamtuch zu einiger, doch nicht hinlänglichen Bedeckung dient, preisgeben; noch mehr aber, daß die Heiducken, Prunkpiken-, Sonnenhut-, Schirm- und Kastenträger, wenn sie bewohnte Straßen oder andere Aufzüge passieren, einen Narrengang annehmen. Diese ziehen bei jedem Schritte den Fuß beinahe bis ans Kreuz hinauf und werfen zugleich den einen Arm weit hervor, daß es scheint, als wenn sie durch die Luft schwämmen; jene lassen bei eben einem solchen Gange auch die Prunkpiken, den Hut und Sonnenschirm mit jedem Tritte einigemal sich hin und her bewegen, auch den Fassanback auf der Schulter nicht still liegen. Die Norimonträger haben ihre Ärmel mit einer durchgehenden Schnur aufgebunden und die Arme bloß; sie tragen bald auf der Schulter, bald auf der einen über den Kopf erhobenen Hand und recken den anderen freien Arm mit der flachen Hand horizontal aus, womit sie samt kurzen Tritten und steifen Knien eine lächerliche Furcht und Vorsichtigkeit affektieren.
   Will etwa ein großer Herr hie und da einen Trunk Tee zu sich nehmen oder rauchen oder er tritt zur Verrichtung seiner Notdurft in eine dazu überall vorhandene grüne Hütte oder Bauernhäuschen auf eine kurz Zeit ab, so gibt er dem Wirte jedesmal einen Coban zur Belohnung, in den Mittags- und Nachtherbergen aber weit mehr.
   Die Personen, die eine Betfahrt nach Isje unternehmen, haben gleichfalls, aus was für einer Provinz sie auch kommen mögen, einen Teil der großen Landstraßen zu berühren. Diese Betfahrt wind das ganze Jahr durch, vornehmlich aber im Frühling, unternommen, daher denn der Weg um diese Zeit von solchen Wandersleuten voll ist. Alte und junge, reiche und arme aus beiden Geschlechtern machen sich eine Andacht und Verdienst aus dieser Reise und suchen sich zu Fuße und so gut sie können durchzubringen. Die Vielheit derer, die ihre Kost und Zehrgeld unterwegs erbetteln müssen, fällt dann den nach Hofe Reisenden nicht wenig verdrießlich, da sie alle Augenblicke angegangen werden, welches jedoch nicht anhaltend ist, sondern nur einmal mit bloßem Haupte und demütiger Stimme mit diesen Worten geschieht: »Großer Herr, gebt dem Betfahrenden nach Isje einen Heller zur Reise.«
   Die Einwohner der Stadt Jedo und der Provinz Osju haben vor allen anderen die Gewohnheit, diese Wallfahrt, auch wohl ohne Erlaubnis der Obrigkeit, zu unternehmen, ja, sogar die Kinder, denen begangener Übeltat halber eine Züchtigung bevorsteht, laufen nach ihrem eigenen Sinne von hier vielmals ihren Eltern weg, gehen nach Isje und holen Ablaß, der ihnen dann zur Absolution gültig sein muß.
   Da des Volks auf diesem Wege so viel ist, daß in den Herbergen nicht alle unterkommen können, so findet man sowohl aus diesem Grunde wie wegen ihrer Armut öfters im Felde übernachten, andere bisweilen am Wege krank und tot liegen; die dabei verlorenen Ablaßschachteln werden von den Findern aufgehoben und in die Zweige des nächsten Baumes oder Strauches gesteckt.
   Es gibt auch lose Vögel, die unter dem Schein der Wallfahrt den größten Teil des Jahres hier mit Betteln zubringen, solange sie sich wohl dabei befinden; andere wissen diese Fahrt auf eine komische Weise zu einer Bettelfahrt zu machen und das Auge und Geld anderer Leute leichter und mit Kurzweil an sich zu ziehen. Es gesellen sich zu diesem Zweck gewöhnlich vier Personen zusammen, die sich wie die Hofbedienten eines Kuge oder Dairi in ein weißes weites Leinengewand kleiden. Ihrer zwei tragen mit langsamen Schritten und öfters stillstehend eine mit Tannenzweigen und zerschnittenem weißem Papier ausgezierte und behangene Bahre und auf derselben eine aus leichter Materie gemachte große Glocke, Kessel oder etwas anderes, das aus den alten Fabeln ihrer Vorfahren und Götter etwas abbilden oder vorstellen soll. Der dritte geht aus Hochachtung vor der heiligen Vorstellung mit einem Kommandostabe in der Hand, der oben mit einem weißen Busche geziert ist, voraus und stimmt mit grober Kehle ein Lied an, das darauf paßt. Der vierte geht sodann vor die Häuser oder zu den mildtätigen Zuschauern und sammelt die Gaben. Sie machen dabei ihre Tagereisen so kurz, daß der ganze Sommer daraufgeht.
   Man sieht auch hier und da die sogenannten Sjunre, d. i. Pilgrims, die die 33 vornehmsten und in ganz Japan verstreuten Quanwon-Tempel besuchen, zu zweit und dritt umherschweben. Sie singen Haus für Haus ein Quanwon-Liedchen erbärmlich auf und spielen, wie in Deutschland die Landstreicher, mit einer Violine oder Zither mitunter dazu, sprechen aber keinen Reisenden um ein Almosen an. Diejenigen Tempel, die sie noch nicht besucht haben, stehen namentlich nach der Reihe auf einem besonderen Brettchen, das sie um den Hals tragen, und sie sind im übrigen mit einem Brusttuch von Leinwand, auch sonst noch besonders, wie es die ganz eigene Sitte bei dieser Wallfahrt erfordert, gekleidet. Vielen gefällt ein solches andächtiges Umherwandern so wohl, daß sie ihr ganzes Leben damit zubringen und durch ein anderes Gewerbe ihren Unterhalt sich zu schaffen gar nicht wünschen.
   Sehr sonderbar kommt es einem vor, daß man zur Winterszeit manchmal nackte Leute antrifft, welche nur zur Bedeckung der Scham mit einem Strohbusche umgürtet sind. Diese haben an gewisse Tempel und Abgötter ein Gelübde der Wallfahrt getan, um die verlorene Gesundheit oder sonst etwas anderes für ihre Eltern, Blutsfreunde oder sich selbst dadurch zu erlangen; unterwegs leben sie sehr streng und armselig, suchen keine Almosen und gehen allezeit einzeln und ohne daß sie sich viel aufhalten, ihren Weg fort.
   Ferner sieht man unsere Landstraße auch mit vielerlei anderen, mehrenteils jungen und kahl geschorenen Bettlern erfüllt. […]
   Das Gewimmel auf unserem Wege wird ferner nicht wenig durch die geringen Krämer und Bauernkinder, vergrößert, die bis in die Nacht umherlaufen und den Reisenden ihre armseligen Waren anbieten, wie allerlei Gebackwerk, worin der Zucker kaum zu schmecken ist, Mehlkuchen, Soccani und allerhand mit Wasser abgesottene Wurzeln, gedruckte Wegweiser oder Reisebücher, Strohschuhe für Menschen und Pferde, Seile und Stricke, Zahnstocher und andere nach Gelegenheit des Ortes aus Stroh, Bisam, Bambus und Holz gemachte Kleinigkeiten. So stehen auch an vielen Orten in und unweit den Dörfern eine Partie Träger mit Cangos oder Sänften, auch Knechte mit nachlässig und schlecht gesattelten Pferden bereit, welche sie den ermüdeten Fußgängern bis zur nächsten Post oder soweit sie wollen für einen geringen Lohn anbieten. Es sind dies gewöhnlich Leute, die etwas auf eine Station gebracht haben und leer wieder zurückkehren.
   Schließlich gehören noch die unzüchtigen Weibspersonen vor den großen und kleinen Herbergen, Teebuden und Garküchen in den Dörfern und Flecken der großen Insel Nippon hierher, weil sie, sobald sie gegen Mittag gekleidet und geschmückt sind, den Reisenden von dem Sitze der Galerie vor ihren Häusern stets entgegenschauen, sie, die eine hier, die andere dort, mit einem weit schallenden, liebkosenden Geschrei zur Einkehr einladen und ihnen die Ohren vollschwatzen. In den Sjuku oder Postflecken, wo verschiedene Herbergen nebeneinander stehen, ist es in diesem Stücke am ärgsten.

 

Kämpfer, Engelbert
Geschichte und Beschreibung von Japan
Hrg. von C. W. von Dohm
2. Band, Lemgo 1779

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