Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1860 - Heinrich Brugsch
Die erste preussische Gesandtschaft beim Schah von Persien
Teheran, Iran

 

Die Stadt lag endlich deutlich sichtbar vor uns. Mit vielen schlanken Bäumen geschmückt, umgeben von Türmen und Festungsmauern aus ungebrannten Ziegeln, mit den goldenen und silbernen, im Strahle der Sonne leuchtenden Kuppeln der Moscheen dehnte sich Teheran in der Nähe einer niedrigen Bergkette lang vor unseren Blicken aus. Nachdem wir die persische Rennbahn (asp-dewani) hinter uns gelassen, kamen wir endlich bis zu einem Stadttore mit Türmen aus blau und weiß glasierten Steinen, wo persische Infanterie aufgestellt war und unter dem Schall vieler Trommeln und Pfeifen das Gewehr nach französischer Weise präsentierte. Wir ritten alsdann durch einen Teil der Vorstadt, zogen durch einen unfreundlichen Basar und hielten endlich vor der Tür des königlichen Gartens, in welchem sich ein für uns als einstweiliger Wohnsitz bestimmter Sommersitz des Schah befindet. Hier war eine große Musikbande aufgestellt, die bei unserem Eintreffen wörtlich mit Pauken und Trompeten aufspielte. Der Garten aus hübschen Bäumen und Blumensträuchern, vor allem aus zahlreichen Rosenhecken bestehend, in welchem bunte und schneeweiße Pfauen herumspazierten, hat in der Mitte ein vieleckiges Lusthaus, Kulah-i-frengi - die fränkische Mütze, Gott weiß warum so genannt, worin man uns einzutreten nötigte. Der Kiosk hatte im Innern so ziemlich die Gestalt eines Kreuzes, die Deckengewölbe waren mit sauberer Blumenmalerei geschmückt, die Wandtäfelchen mit Bildern persischer Tänzerinnen geziert, und auf einem großen Tische wechselten volle Rosensträuße mit Tellern, auf denen die verschiedenartigsten Zuckerwerke zur Schau lagen, ab. Die Treppen waren mit Rosenwasser besprengt, auf den Filzteppichen lagen ganze Haufen abgepflückter Rosenblätter, wir allein, bestaubt und ermüdet, befanden uns nicht in der rosigsten Laune. Man setzte sich um den Tisch herum, Tee, Kaliun [Wasserpfeife]und Kaffee wiederholten sich in zweiter Auflage, und wir schieden endlich voneinander, um Platz in dem Königshause zu nehmen.
   Wir hatten uns kaum in dem vorstädtischen Gartenschlosse des Königs der Perser in Teheran einigermaßen einzurichten gesucht, ausgepackt und ausgekramt, was unsere Koffer an zerstoßenen, zerfetzten oder noch leidlich erhaltenen Habseligkeiten enthielten, hatten kaum Luft und Atem geschöpft nach den Mühen der großen Reise durch das iranische Hochland, als die Nachricht am dritten Tage nach unserer Ankunft in Teheran eintraf, daß der Schah von Persien den Abgesandten unseres preußischen Vaterlandes vier Stunden vor Sonnenuntergang selbigen Tages zu empfangen wünsche.
   Freilich stand der Tag des 9. Mai im persischen Kalender als ein Unglückstag rot angestrichen, denn der Krieg Uhuds und die Ermordung Hamzehs, «über welchen der Friede sei», hatte an ihm stattgefunden; aber ungeduldig, die Mission zu sehen, hatte sich Seine Majestät dennoch beeilt, nach Teheran von einer Jagdpartie zurückzukehren und sein Schloß in dem Ark [Burg] als Empfangsort bestimmt. Überhaupt wäre es auch nach landesüblicher Auffassung ein Verstoß gegen die Etikette gewesen, die Gesandtschaft mit dem Empfange länger als drei Tage warten zu lassen. Um 9 Uhr morgens war die Nachricht zu uns gekommen, um 2 Uhr sollten wir vor dem König der Könige stehen, da hieß es denn, in der kurzen zugemessenen Zwischenzeit rührig sein. Die Geschenke, welche unser erlauchter König für den Schah von Persien bestimmt hatte, wurden ausgepackt, und bald stand das wohlgetroffene Bild Seiner Majestät in einem schönen, vergoldeten Rahmen da, ihm zur Seite eine Reihe großer prächtiger Porzellanvasen aus der k. Porzellanmanufaktur zu Berlin. Die Geschenke wurden vorausgesandt, um in dem Audienzsaale des Schah aufgestellt zu werden, wir selber legten unsere Uniformen an und suchten uns aufs stattlichste herauszuputzen, um vor dem «Mittelpunkt der Welt» mit Ehren zu bestehen.
   Um 2 Uhr erschien der Zeremonienmeister in unserem Serai. Er trug hohe Reitstiefel von blutrotem Tuch, ebensolche Hosen, einen Kaschmirkaftan, einen hohen, mit Kaschmirschals umwundenen Turban und einen mit kostbaren Steinen reich verzierten Amtsstock. Mit ihm zugleich kam unser alter Mehmendar und ganz in rot gekleidete Diener des Schahs, die Schatirs, welche mich unwillkürlich in ihren weiten faltigen Gewändern an die Pedelle unserer Universität erinnerten. Nachdem die Hauptfrage erörtert war, «ob sich unser Gehirn in gutem Zustand befände», der unvermeidliche Kalian die Runde gemacht, Kaffee, und Tee eingenommen, setzte sich der Zug durch den Garten, der Ausgangstür zu, in langsam-feierliche Bewegung. Vor der Tür harrten stampfenden Fußes reichgeschirrte Pferde aus dem Marstall des Schahs der europäischen Reiter. Wir stiegen sämtlich auf, und bald hüllten uns und die übrigen Teilnehmer des Zuges dichte Staubwolken ein.
   Vorauf gingen Soldaten und eine große Zahl persischer Diener in roter Galatracht, dazwischen die Jedek- oder Luxuspferde, welche von dem Schah gesandt waren und von Stallmeistern, welche die gestickten Zimpusch oder Decken auf ihren eigenen Schultern trugen, geführt wurden. Gewiß ein Zug von über 100 Menschen. Unser Ministerresident folgte nun als Hauptperson in großer Uniform, ihm zur rechten Seite ritt der Zeremonienmeister, wir anderen folgten hinterher, mit uns der ganze übrige persische Troß.
   Teheran ist von Erdtürmen und Erdmauern eingeschlossen und von einem trockenen Graben umgürtet. Zu jedem einzelnen Turmstadttor führt eine Brücke. Vor der Brücke des Stadttores, das wir zu passieren hatten (es war das Tor von Schimran), war eine Kompanie persischer Serbazen aufgestellt, welche vor dem preußischen Abgesandten unter gehörigem Trommel- und Paukenschlag das Gewehr präsentierte. Angestaunt von dem Volke auf der Gasse, ging der Zug rechts und links durch enge Straßen und bedeckte Basare, die trotz ihres schmutzigen Aussehens doch den Vorzug der Kühle hatten. Hier und da an den einzelnen Straßenecken präsentierten die Karaul oder Wachtposten, eine schwache Erinnerung an die Pariser Corps de Garde.
   Nachdem die Schlangenlinie unseres Weges glücklich überwunden war, gelangten wir nach einem vorzüglich von Blumen- und Früchteverkäufern bewohnten viereckigen Platze (dem Sebzehmeidan - Grünplatz), von dem aus ein rechts abliegender steiler Steindamm zu einem mit dem persischen Wappen und persischen Bildern verzierten Turmsäulentore führte, welches den inneren Eingang zur Zitadelle Teherans von der Stadt aus vorstellt. Die Zitadelle bildet einen eigenen kleinen Stadtteil für sich. Auf dem größten der Plätze (meidan-i-ark) war nach allen Richtungen hin persisches Militär, Infanterie und Artillerie in Paradeanzug aufgestellt, die beide bei Eintritt der Gesandtschaft sofort salutierten, natürlich unter Pauken- und Trompetenschall.
   Vor einem Portal wurden wir genötigt abzusteigen, um über einen kleinen Gang in eine Art von Vorhof einzutreten, woselbst wohl an 12 «Säulen» oder Großwürdenträger des persischen Reiches versammelt waren. Ihre Zahl ließ sich bereits vor der Tür an den zurückgelassenen Schuhen berechnen, da sie der Sitte des Landes gemäß in Strümpfen auf den Teppichen des Zimmers saßen. Einige persische Generale trugen reichgestickte, etwas altväterliche europäische Uniform, die Zivilbeamten ihre persische Tracht. Die an Schmuck reichste Person der ganzen Versammlung war ohne Zweifel der alte, rotgestiefelte Oberzeremonienmeister, dessen Dolch im Gürtel eben so sehr von Diamanten und sonstigen wertvollen Steinen blitzte als der Stock, den seine dürren Hände hielt. Kaliun und Tee ward wie gewöhnlich als Ehrengabe den fremden Gästen geboten.
   Der Zeremonienmeister kündigte an, daß der König der Könige bereit sei, den preußischen Abgesandten zu empfangen. Allgemeine Bewegung. Unser Eltschi ging voran, ihm zur Linken der alte Oberzeremonienmeister, hinter ihm der Dagoman und meine Wenigkeit, das Etui mit den Insignien des Schwarzen Adlerordens auf einem Samtkissen und den schweren goldenen Schüssel tragend, dann ein zahlreiches Gefolge.
   Wir durchschritten in dieser Ordnung zwei Vorhöfe mit Gärten, in welchen eine dichte Menge neugieriger Zuschauer auf unserem Wege Spalier bildete. Endlich hielten wir vor einer Pforte still. Der Oberzeremonienmeister vertauschten schnell hoch seine persische Pelzmütze mit einem Kaschmirturban, winkte dem Gefolge zurückzubleiben, und so betraten wir denn, um die Person eines dolmetschenden jungen persischen Legationsrates, Milkolm-Khan, vermehrt, den Hauptgarten.
   Ich müßte ein persischer Dichter sein, um die Fülle der Rosen, Fontänen, Quellen und Wandbilder (meist schnurrbärtige Soldaten in der Stellung: Präsentiert das Gewehr!), in bunten glasierten Ziegeln ausgeführt, und sonstige Herrlichkeiten zu schildern, welche hier dem Auge entgegentraten. Versunken in deren Betrachtung, bemerkte ich kaum, daß der Zeremonienmeister Halt gebot und sich tief verneigte. Wir desgleichen.
   Ich sah nun vor mir einen mächtig großen Bau (imaret) aus Holz und buntem Steinwerk mit offener Vorder- und Hinterwand sowie eine kleine Tür und mehrere Stufen, die zu einem großen, mir noch halb unsichtbarem Saale (talar) führten. Der Oberzeremonienmeister sprach nun mit lauter Stimme auf Persisch einige Worte, die sich auf die Ankunft des preußischen Abgesandten bezogen. Wie es mir vorkam, erfolgte eine bejahende Antwort von dem Imaret her. Weiter vorschreitend, dem Hause zu, mußten wir die Überschuhe ausziehen und uns wiederum verneigen. Da sahen wir plötzlich in dem offenen Saale den Padischah vor seinem Throne stehen. Zum dritten Male tiefe Verneigungen. Nun betraten wir die Stufen, gingen in die Türe hinein und befanden uns endlich vor dem Schah: ein schöner Mann, anfangender Dreißiger, mit klugen durchdringenden Zügen und großem schwarzem Schnurrbart. Er trug einen hell leuchtenden goldbraunen Kaftan, den auf der Brust eine große Agraffe von echten Perlen und blauen Edelsteinen zusammenhielt. Sein Haupt bedeckte die persische hohe schwarze Pelzmütze, welche ein Büschel von Glasfedern und eine kostbare Diamantagraffe zierte. Im Übrigen war der Schah europäisch gekleidet, in weißen Strümpfen vor seinem von Diamanten und Steinen blitzenden Throne stehend.
   Der offene Saal, welcher nach der einen Seite die Aussicht auf ein großes Bassin gewährte, mit Wasserrinnen aus hellblauen gebrannten Ziegeln konstruiert, war ganz mit Spiegelwerk bedeckt. An der einen Seite, sehr hoch, waren einige Ölbilder älterer europäischer Meister und ziemlich verschossene Gobelins angebracht, von der Decke hingen drei große Glaskronen hernieder, im Saale standen zum größten Teil feine europäische Möbel und Schmucksachen. Im Hintergrunde öffnete sich ein kleines Arbeitszimmer.
   Das Bild unseres königlichen Herrn stand an eine Säule gelehnt, gegenüber die Porzellanvasen mit Ansichten von Babelsberg, Sanssouci und des Berliner Schlosses. Hinter diesen letztgenannten Geschenken hielten vier persische Großwürdenträger mit Diamanten besetzte Säbel über die Brust hin.
   Herr Baron von Minutoli hielt seine Antrittsrede, die der uns begleitende persische Dolmetscher aus dem Französischen in das Persische übersetzte. Der Schah war in seiner Antwort äußerst lebhaft und drückte seine Freude über die Ankunft der ersten preußischen Gesandtschaft in Persien aus. Als ihm der Minister den Schwarzen Adlerorden überreichte, öffnete er das Etui, betrachtete eine Zeitlang den Orden und übergab ihn alsdann nebst dem Anschreiben dem Oberzeremonienmeister. Er fragte nach dem Befinden unseres Königs, auch nach Sanssouci und schien mit der Geschichte unseres großen Königs Friedrich vertraut zu sein.
   Wir zogen uns endlich rückwärtsschreitend mit angemessenen Verbeugungen zurück, machten noch dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten im Palast einen Besuch und kehrten dann unter demselben Geleite, wie wir gekommen, nach unserem Garten um 7 Uhr abends heim.

 

Brugsch, Heinrich
Reise der k. preussischen Gesandtschaft nach Persien 1860 und 1861
Band 1, Leipzig 1862

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