Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1903 - Theodor Koch-Grünberg
Das Indioleben in einem Gemeinschaftshaus
Cururu-cuara, Brasilien

 

Die Maloka liegt immer auf hohen, der jährlichen Überschwemmung nicht ausgesetzten Uferstellen, in unmittelbarer Nähe eines Nebenbaches, der fruchtbaren Boden für die ausgedehnten Pflanzungen einer jeden einzelnen Familie und gesundes Trinkwasser gewährt. Vor dem Hause, dessen Front stets nach dem Fluß hin gerichtet ist, erstreckt sich ein weiter freier Platz, der unvergleichlich viel sauberer gehalten wird als die Höfe unserer größeren Bauerngüter. Häufig liegt hier ein Baumstamm, auf dem sich die Männer in der kühleren Abendzeit zu einem Plauderstündchen niederlassen. Der Dorfplatz ist umrahmt von einem kleinen Hain breitblätteriger Bananen und hoher Pupunhapalmen, deren Früchte von den Frauen zu allen möglichen Delikatessen verarbeitet werden. Die Palme gehört zu den wichtigsten Nutzpflanzen des Indianers, der sie mittels Schößlinge fortpflanzt, da der steinharte Samenkern die Fortpflanzung nicht mehr ermöglicht, ja bisweilen gänzlich verschwunden ist, was auf eine jahrhundertelange Kultur schließen läßt.
   Hinter dem Hause trennt nur ein schmaler Streifen gerodeten Landes, bisweilen auch eine Mandioca-, Mais- oder Zuckerrohrpflanzung die menschliche Wohnstätte von dem ewigen Urwalde.
   Die Bewohner einer solchen Maloka gehören meistens im weiteren Sinne einer Familie an; häufig ist es nur ein älteres Paar mit seinen erwachsenen Söhnen und ihren Familien. Da aber die Frau nie aus dem eigenen Stamm genommen wird, so trifft man gewöhnlich unter den Weibern einer Maloka Angehörige mehrerer Stämme mit verschiedenen Sprachen. Der Familienälteste ist in diesem Falle zugleich der Orts- oder Gemeindevorsteher.
   Die Konstruktion dieser Malokas bleibt sich überall, abgesehen von Unterschieden in den Größenverhältnissen, gleich und ist die folgende: Der Grundriß ist oblong bis quadratisch. Sechs Hauptstrebepfeiler, zu je zwei oben einen Querbalken verbunden, tragen das allmählich ansteigende, hohe Dach, das fast bis zur Erde herabreicht und durch das Gitterwerk der langen Dachsparren gebildet wird. Von der Mitte eines jeden Querbalkens aus geht ein Vertikalpfosten in die Höhe, auf dessen häufig gabelförmigem oberem Ende der Dachfirst ruht, der außerdem noch von mehreren, gewöhnlich vier, kurzen HorizontalbaIken gestützt wird. Zwei Reihen von je fünf oder sechs kleineren Strebepfeilern stehen näher den sehr niedrigen Seitenwänden. Die gleich hohen Strebepfeiler werden untereinander und mit den Dachsparren durch je einen Horizontalbalken verbunden. An der Frontseite steht das Dach weit über und bietet einen gewissen Schutz vor dem Regen.
   Der Längsraum in der Mitte des Hauses bleibt als Durchgang und Verkehrsraum, als Festsaal und Tanzplatz frei. In den Seitenräumen befinden sich die Wohnstätten der einzelnen Familien, die meistens durch niedrige Mattenwände voneinander getrennt sind. Mannigfache Hausgeräte liegen hier umher; braune Palmfaserhängematten ziehen sich von Pfosten zu Pfosten; kohlende Holzkloben, zwischen einigen Steinen sternförmig zusammengelegt, bilden den häuslichen Herd, dessen Feuer selten erlischt. Ein allen Bewohnern der Maloka gemeinsamer Herd großer runder Tonplatte dient zur Herstellung der Mandiocafladen und zum Rösten des Mandiocamehls, der Hauptnahrung der Indianer. Bisweilen fehlt auch nicht die primitive hölzerne Zuckerrohrpresse des brasilianischen Ansiedlers. An den kaum einen Meter hohen Seitenwänden laafen gewöhnlich mannshohe Gerüste aus Paxiubalatten entlang, wo Körbe und anderer Hausrat untergebracht werden. Andere Körbe, für den Handel bestimmt, hängen hoch im Giebel des Hauses. In der Bekleidung des Daches, die aus mehreren schindelartigen Lagen von den Fächerblättern der Carana-Palme besteht, stecken die wohl geglätteten, nicht sehr langen Bogen und ungefiederten Pfeile, die häufig schon europäische Eisenspitzen mit Widerhaken, bei den wenig berührten Stämmen aber noch Spitzen aus den harten Knochen des Barrigudoaffen (Lagothrix olivaceus) tragen und neben großen und kleinen Handnetzen zum Fischfang verwendet werden. Bündel längerer, ebenfalls ungefiederter Rohrpfeile mit vergifteten Holzspitzen, die außer wenigen Feuerwaffen zur Jagd auf größeres Wild dienen, lehnen an der hinteren Giebelwand; daneben mächtige Blasrohre, die Hauptjagdwaffe dieser Indianer, in deren Hand-habung schon die Knaben eine große Gewandtheit zeigen. Von einem Gerüst hängen zierlich geflochtene Köcher herab, die die todbringenden Giftpfeilchen bergen.
   Der Eingang und der ihm gerade gegenüber liegende Ausgang des Hauses sind hoch und breit. Den Verschluß bildet eine Art Falltür, die von nach unten klappt und während der Nacht geschlossen bleibt. Sie besteht aus zwei aufeinander gepaßten und durch Sipo miteinander verbundenen Gittern aus Paxiubalatten, zwischen die eine dichte Blätterfüllung gelegt ist. Bei Tagesanbruch wird die Tür aufgeklappt und an einem Giebel herabhängenden Strick oder einer Liane, die unten in eine Schlinge ausläuft, befestigt.
   Gestelle aus rechtwinklig sich kreuzenden Stangen bilden die Grundlage niedrigen Seitenwände und die beiden Giebelwände. Sie werden außen mit mehreren Schichten Caranablätter bedeckt, auf die Paxiubalatten horizontal gelegt und mit aller Kraft angedrückt werden. Das Ganze wird mit Sipo fest zusammengebunden, so daß eine wasserdichte Decke entsteht. Auch jedes Palmblatt der Dachbekleidung wird sorgfältig mit Sipo an den Horizontalsparren befestigt. Bisweilen sind die Giebelwände mit großen Matten aus den herrlichen Wedeln der Inayapalme bedeckt, deren Fiedern einmaschig miteinander verflochten sind.
   Bei vielen Malokas ist die Frontseite bis über Mannshöhe mit aufrechtstehenden, auseinander gebreiteten Rindenstücken belegt.
   Ein Rauchfang fehlt; der Rauch entweicht durch die lockere Palmstrohbekleidung des oberen Teiles der beiden Giebelwände.
   Jeder, auch der kleinste Teil des Hauses führt seinen besonderen Namen.
   Dem ganzen Bau, der Wind und Wetter erfolgreich Trotz bietet, obwohl aus mächtigen Baumstämmen hergestellten, wohlgeglätteten, zylindrischen Pfosten und Querbalken ohne alle Beschläge und Nägel nur durch Bänder von Schlingpflanzen zusammengehalten werden, kann man die gebührende Bewunderung nicht versagen.
   Das Innere der Maloka wird meistens sauber gehalten. Der festgestampfte Boden wird von den Bewohnern, denen Reinlichkeit eine Hauptlebensbedingung öfters gefegt. In der Regel überläßt man dieses schmutzige Geschäft, wie viele andere unangenehme Sachen, den alten Weibern, die sich ihrer Arbeit mit Liebe und Vehemenz hingeben. Leider wirbelt ihr großer Reiserbesen Wolken von Staub auf, denn sie kehren trocken und sprengen erst nachher. Kehricht aus dem Hause wird am Rande des Dorfplatzes in den Wald geschüttet, wo er sich häufig zu einem niedrigen Wall anhäuft. Zu gewissen Geschäften geht der Indianer weit in den Wald hinein, wodurch er sich auch vorteilhaft vor unseren Bauern auszeichnet.
   Die Malokas zeigen häufig ansehnliche Dimensionen. So war das Häuptlingshaus in Cururu-cuara 18,60 m lang, 16,80 m breit und 7 m hoch. Die Höhe der Seitenwände betrug 1 m; das Gerüst zum Aufbewahren von Hausgerät war 1,8 m hoch und 2 m breit. Das andere Haus war nur wenig kleiner.
   Der Bau der Maloka bleibt allein den Männern überlassen, wie ich in Cururu-cuara beobachtete. Jeder von ihnen übernimmt nach den Anweisungen des Häuptlings einen bestimmten Teil der Arbeit. Bei Arbeiten in größerer Höhe vom Erdboden bedient man sich einer primitiven Leiter, zweeri dünner Baumstämme, die durch einen horizontalen Stamm miteinander verbunden sind.
   Die Zahl der Bewohner ist sehr verschieden und schwankt zwischen 10 und an 100 Seelen, die in diesem einen großen Raum einträchtig beisammen leben. Monatelang habe ich in einzelnen dieser Malokas gewohnt, aber nie hörte ich unter normalen Verhältnissen Zank und Streit, und der hohen Sittlichkeit dieser Leute kann ich nur das beste Zeugnis ausstellen.
   Das Leben in einem dieser großen Gemeindehäuser spielt sich an gewöhnlichen Tagen mit idyllischer Gleichmäßigkeit ab. Schon lange vor Tagesanbruch sind die Bewohner wach und unterhalten sich von Hängematte zu Hängematte quer durch die ganze Maloka hin mit rücksichtsloser Stimme, oft zu meinem Verdruß, wenn ich noch bis in die Nacht hinein gearbeitet hatte, denn an Schlaf war bei dem Geschnatter nicht mehr zu denken. Beim ersten Morgengrauen, gegen 5 Uhr, gehen alle zum Baden im nahen Flusse. Bald rufen die Frauen zum ersten Frühstück. Eine jede setzt in einem großen Tontopf die aufgewärmten Reste des gestrigen Mahls, zerkochtes und stark gepfeffertes Fischgericht oder Wildbret, und eine flache Korbwanne mit Mandiocafladen in die Mitte des Hauses. Nun verlassen auch die Männer die Hängematte. die sie nach dem Bade wieder aufgesucht hatten, hocken sich in einem Kreis um die Genüsse herum und erheben die Hände zu dem lecker bereiteten Mahle. Nach dem Essen spült sich jeder mit frischem Wasser den Mund aus und wäscht sich die Hände, um den Nachtisch in Empfang zu nehmen. Große Kalabassen gehen reihum, gefüllt mit erfrischender und zugleich nahrhafter Mandiocabrühe. Nach den Männern essen die Weiber, wie es dort Sitte und Anstand gebieten. Dann geht alles seinen Beschäftigungen nach, die Männer auf Jagd und Fischfang, die Frauen zur Arbeit in den Pflanzungen, und friedliche Stille herrscht im ganzen Dorf. Nur einige Alte sind zurückgeblieben und schaukeln sich untätig in der Hängematte. Vom Hafen her ertönt von Zeit zu Zeit der gedämpfte Lärm einiger Kinder, die dort im Wasser herumplätschern, oder aus dem Gipfel eines Baumes am Waldesrande der heisere Schrei eines zahmen Papageis.
   Steigt die Sonne höher, und wird die Hitze für die Arbeit im Freien unerträglich, so kehren die Frauen allmählich vom Felde zurück, gebückt daherkeuchend unter der schweren Last der mit Mandiocawurzeln wohlgefüllten, großen Tragkörbe, die ihnen an einem über die Stirn gelegten Bastband auf dem Rücken hängen. Das kleinste Kind, das die sorgliche Pflege der Mutter noch nicht entbehren kann, reitet lose umschlungen auf ihrer Hüfte oder ruht in der breiten Tragbinde aus rotem Bast schlummernd an der Brust der Mutter, die das zarte Köpfchen mit einem Bananenblatt oder einem kleinen Sieb vor Sonnenstrahlen schützt. Sofort nach ihrer Heimkehr gehen die fleißigen Frauen an die Verarbeitung der mitgebrachten Vorräte. Bald kommen auch die Männer zurück mit der Beute, die ihnen die fischreichen Gewässer gewähren. Die Fische werden von den Frauen mit viel Pfeffer zum Abendbrot gekocht, das gegen 6 Uhr stattfindet. Die Szenen vom Morgen wiederholen sich. Dann sitzt man noch ein bei einer Zigarette zusammen und erzählt sich Jagderlebnisse und Geschichten. Kurz nach Sonnenuntergang sucht die ganze Bürgerschaft ihre Lagerstätten auf.

 

Koch-Grünberg, Theodor
Zwei Jahre unter den Indianern
1. Band, Berlin1909, Nachdruck Graz 1967

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