Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1897 - Fritz W. Up te Graff
Vom Kautschuksammeln
Am Yasuni, Ecuador

 

Als sollte uns ein Begriff davon gegeben werden, was das Land uns zu bieten hatte, hatte die Natur den größten Gummibaum, den ich jemals gesehen habe, gerade an den Rand der Lichtung gepflanzt, auf der wir wohnten. Die Gummibäume in jenem Teil der Welt, deren Erzeugnis als Kautschuk bekannt ist, wachsen auf nicht überschwemmtem Boden, zum Unterschied von der Seringa, die in den Tiefländern des unteren Amazonas gedeiht. Die erstere Gattung kommt einzeln im Wald verstreut vor, während die letztere in Hainen von Hunderten von Bäumen gefunden wird. Die Kautschukbäume werden nicht durch Anzapfen bearbeitet, mit Rücksicht auf die große Entfernung, die zurückgelegt werden müßte, um dieselbe Menge Milch zu sammeln, die von einem einzigen Seringal, wie die Haine örtlich bezeichnet werden, gewonnen werden kann. Während man nur wenige Kilometer zu gehen hätte, um hundert Seringas anzuzapfen, würde man wahrscheinlich auf jeden einzelnen Kautschukbaum fast zwei Kilometer rechnen müssen.
   Aus all diesem folgt, daß es nicht der Mühe wert ist, die kleineren Bäume zu bearbeiten, die im Vergleich mit der Zeit, die auf das Sammeln verwendet wird, zu wenig einbringen. Die Bäume werden, anstatt angezapft zu werden, gleich umgehauen und zerstückelt; der ganze Stamm und die großen Äste werden in kurzen Zwischenräumen mit Ringen versehen und bis auf den letzten Tropfen Saft zur Ader gelassen.
   Obwohl dies das einzige Verfahren ist, das in den Wäldern tatsächlich Erfolg hat, wird derselbe Baum manchmal, aber nicht allgemein, in Zentralamerika und Mexiko angepflanzt; hier werden die Bäume natürlich in entsprechender Entfernung für das Abzapfen gepflanzt und bilden nach etwa 10 Jahren eine sichere Einnahmequelle für ihre Besitzer.
   Wir fanden es nie der Mühe wert, einen Kautschukbaum zu bearbeiten, der unter 3 ½ Meter bis 4 ½ Meter Durchmesser am Boden hatte, falls er sich nicht zufällig in der Nähe größerer Baumes befand, die wir ausgewählt hatten. Ein wirklich einträglicher Baum hat gewöhnlich einen Durchmesser von 60 oder 90 Zentimeter gerade über dem Punkt, von dem die Wurzeln nach allen Seiten ausgehen, und einen 6 bis 15 Meter hohen Stamm, bevor die ersten Äste abzweigen. Die Rinde eines Stammes von dieser Größe ist zwischen 2 bis 3 Zentimeter dick, glatt, schwammig und von gelblichgrauer Farbe. Die Gummimilch ist in der Rinde enthalten.
   Der große Baum, der auf unserer Lichtung in der Ecke stand, lieferte allein siebzig Kilo Gummi; er ist ein paar Worte wert. Er war gut sechsunddreißig Meter hoch. Die Höhe von der Erde bis zur Ansatzstelle der flachen, abfallenden Wurzeln, die den Riesen trugen, belief sich auf drei Meter.
   Die Wurzeln des Kautschukbaumes gehen nicht tief in die Erde, sondern breiten sich an der Oberfläche aus und nehmen eine große Fläche ein; im Fall dieses besonderen Baumes war es ein Kreis, dessen Halbmesser die halbe Höhe des Baumes selbst betrug. Die Bäume werden im tiefsten Dickicht des Waldes entdeckt, indem man den Erdboden nach diesen leuchtend gelben Wurzeln absucht und ihnen folgt.
   Die Stärke der Wurzeln und der Umstand, daß es unbequem ist, sie unterhalb ihrer Ausgangsstelle abzuschneiden, machte es nötig, ein Gestell zum Hacken zu errichten. Dies stellten wir unmittelbar über ihnen auf. Ein gespaltener, etwa zwei Meter langer junger Baum wurde in einem Schlitz, der in den Stamm geschnitten war, eingeführt und, auf seiner flachen Seite stehend, hackten wir drauflos. Es war für uns die Arbeit eines ganzen Tages, das Gestell aufzurichten und den Baum zu fällen. Der Einschnitt mußte etwa einen Meter hoch sein, bevor der Baum fiel. Als dieser zu krachen anfing, mußten wir eiligst davonlaufen, um aus dem Gefahrenbereich zu kommen, denn er riß beim Fallen eine Anzahl kleinerer Bäume mit, deren Zweige durch ein Flechtwerk aus Lianen mit ihm verwickelt waren, und durch seinen Fall schlug er eine kleine Lichtung ins Dickicht. Vierundzwanzig Stunden lang konnten wir keine weitere Arbeit unternehmen wegen der Myriaden von aufgescheuchten Insekten, die überall umherschwärmten.
   Am anderen Tag kamen wir wieder und begannen aufzuräumen. Der Stamm unseres Kautschukbaumes war kaum sichtbar in dem Gewirr großer und kleiner Vegetation, die auf dem gefällten Riesen lag. Das Werk zweier weiterer Tage war es, einen Raum um den Stamm und den Stumpf herauszuschneiden, eine Arbeit, die notwendig war, damit wir genug Platz zum Abzapfen der kostbaren Milch erhielten. Dann endlich begann der eigentliche Vorgang des Gummisammelns. Nachdem wir die Vegetation unter dem Stamm weggeräumt hatten, stampften wir eine Reihe von Vertiefungen in den gesäuberten Erdboden; über jedem dieser »Brunnen« wurde ein breiter Ring in Form eines V in die Rinde geschnitten, aus dem das schneeweiße milchige Naß in stetigem Fluß strömte.
   Überall machten wie diese Schnitte, in Stamm, Wurzeln und Stumpf. Nach Ablauf einer Woche kehrten wir zurück, das nunmehr hart gewordene Gummi zu sammeln. Jedem Brunnen entnahmen wir einen großen, etwa 5 Zentimeter dicken, bis 90 Zentimeter breiten Pfannkuchen; während wir aus den Einschnitten selbst lange, dreieckige Stricke zogen, die sich gebildet hatten, als das Ausströmen aufhörte. Schließlich einigten wir die Oberfläche des Gummis und machten feste Bälle daraus, indem wir die Stricke um die Pfannkuchen wickelten.
   Ich habe die Art und Weise, wie wir diesen großen Baum anpackten, geschildert, weil sie typisch ist für die vielen Arbeitsmonate, die wir am Yasuni verbrachten.

 

Graff, Fritz W. Up de
Bei den Kopfjägern des Amazonas. Sieben Jahre Forschung und Abenteuer
Leipzig 1924

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