Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1854 - Johann August Miertsching (Inuit-Missionar und Dolmetscher auf der Expedition des Captain McClure zur Rettung von Franklin und seinen Leuten )

 

Die Nordwestpassage durchquert - aber zu Fuß

 

Freitag den 14. April. Heute gingen die Letzten der ehemaligen Mannschaft des Investigator [das Schiff, das von Westen in die Passage eingefahren war und nach zweimaliger Überwinterung aufgegeben werden mußte] von hier [dem Schiff Intrepid, auf dem im Eis ein weiteres Mal überwintert wurde] ab. Wir bestehen aus drei Schlitten, geführt von Kapitän McClure, Dr. Piers und mir. Der Abschied von den Schiffen wurde uns nicht gerad schwer, denn jeder Schritt brachte uns nun der Heimat näher, und haben wir nur den North Star [von Osten in die Passage eingefahren] erreicht, so wird uns wenigstens kein Eis mehr den Weg nach England versperren. Wir traten deshalb unsere Reise über das Eis mit frohem Mute an, und hoffen, den 200 Meilen langen Weg in weniger als zwanzig Tagen zurücklegen zu können. Dies ist nun das zweite Mal, daß wir ohne Schiff sind. Als wir unser gutes Schiff Investigator verließen, mußte alles zurückgelassen werden, und jeder konnte nur das, was er auf dem Leibe trug, mitnehmen. Hier hingegen brauchten wir nichts zurückzulassen, denn wir hatten nichts mitgebracht. Es war für uns alle wohltuend, daß wir in Liebe und Freundschaft von den Bewohnern dieser Schiffe scheiden konnten. Es hatte in der Zeit des beengten Beisammenwohnens nicht an mancherlei Reibungen fehlen können, und die pietistischen Investigators hatten manchen Spott zu erfahren. Aber auch dabei bewiesen unsere Matrosen, daß die Erfahrungen der vergangenen Jahre [die Expedition hatte im Januar 1850 begonnen] nicht vergeblich für sie gewesen sind, denn sie wichen jeder Gelegenheit zum Streit aus und gewannen es über sich, die Äußerungen des Spotts still zu erfahren, ja sie baten nun beim Abschied ihre Kameraden um Verzeihung, wenn sie sich irgend Beleidigungen hätten zu Schulden kommen lassen. Auch ich kann dem Herrn nicht genug danken, der die Herzen der Menschen lenkt, für die mir von den Kapitänen, Offizieren und der Mannschaft bewiesene Achtung und Liebe. Ehe wir die Schiffe verließen, versammelte Kapitän Kellet die ganze Mannschaft aufs Verdeck, dankte öffentlich für die geleisteten Dienste und das außerordentlich gute Benehmen, welches die Mannschaft des Investigator bis zur letzten Stunde ausgezeichnet habe, und übergab unserem werten Kapitän McClure einen Brief an die Admiralität, in welchem er der Mannschaft des Investigator ein so gutes Zeugnis gab, wie es wohl selten zu finden sein dürfte.
   Dienstag den 25. April. Heute schlugen wir unsere Zelte nahe bei Kap Hotham, der westlichen Ecke am Eingang des Wellington-Kanals, auf. Von hier sollen noch 40 Meilen bis Kap Riley sein, wo der North Star eingefroren liegt. Das Eis bis dahin ist, wie wir gehört haben, ganz flach und ohne Schnee. Die Reise von dem Resolute bis hierher war nicht so beschwerlich, wie wir im Anfang glaubten. Das Eis war meistenteils flach und eben, nur wenige Stellen waren zu passieren, wo die aufgeschichteten Eismassen bis 45 Fuß hoch waren. Sehr ermüdend ist der Schnee auf dem flachen Eise. Bei jedem Schritt sinkt der Fuß 6 bis 8 Zoll tief ein in den lockeren, trockenen Schnee. Unsere Tageszeiten sind so eingeteilt, daß wir 5 Stunden scharf fortmarschieren und dann 7 Stunden im Zelt verbringen, so daß in 24 Stunden zweimal marschiert und zweimal geruht wird. Die Nächte hindern uns nicht, da es schon sehr lange hell bleibt. Nur zwei Stunden um Mitternacht ist es dunkel, und diese Zeit wird im Zelt verbracht. Ist das Wetter sehr kalt und windig, so wird eine Stunde länger auf dem Marsch und eine weniger im Zelt zugebracht. Unsere Schlittenladungen sin nicht schwer, und die Mannschaft ist frohen Mutes, zumal die täglichen Portionen hinreichend sind. Dabei fehlt es nicht an mancherlei, wenn auch nicht immer angenehmen, doch interessanten Vorkommenheiten, die dann, wenn sie glücklich überstanden, Stoff zur Unterhaltung geben. So ereignete es sich, daß in Mr. Omaneys Zelt, als sich nach dem Abendsegen alle bereits in ihren Schlafsäcken befanden, ein Eisbär plötzlich durch den Zelteingang, den man gehörig zu schließen vergessen hatte, den Kopf hereinstreckte. Der Offizier, welches es allein bemerkte, ergriff augenblicklich seine in der Zeltecke stehende Flinte, aber während er auf den unwillkommenen Gast anlegen will, geht der Schuß los, die Kugel fährt durch’s Zelt und trifft die Zeltleine. Das ganze Zelt stürzt sogleich zusammen und bedeckt die Darinliegenden und zum Teil den Eisbären mit. Indessen waren die Bewohner der anderen beiden Zelte durch den Schuß und das Geschrei herausgelockt worden, und in wenigen Augenblicken war der Eisbär erlegt.
   Wenige Tage zuvor hatten wir in unserm Zelt ein ähnliches Abenteuer. Wir lagen zusammengedrängt bis über den Kopf in unsere Schlafsäcke eingehüllt; da hörten wir Tritte um unser Zelt, ließen uns indessen, da wir meinten, es sei jemand von den anderen Zeltgesellschaften, dadurch nicht stören. Plötzlich hörten wie ein seltsames Schnaufen und sahen, als wir das Gesicht aus unseren Schlafsäcken herausstreckten, den Kopf eines Eisbären, der seinen langen Hals durch die nur nachlässig zugeschnürte Öffnung im Zelt über uns weg streckte. Was war nun zu tun? Hart aneinandergepreßt, wie wir lagen, zudem in unseren Säcken, konnten wir uns nicht rühren. Endlich hatte ein Matrose den glücklichen Einfall, sein große Messer zu ziehen und mit einem Arm aus dem Schlafsack herauslangend, eine Öffnung in die Seite des Zeltes zu schneiden. Durch dieselbe rollten wir nun eilig in unseren Säcken hinaus, ergriffen die auf den Schlitten bereit liegenden und mit Kugeln geladenen Flinten, und nach wenigen Augenblicken lag jener unwillkommene Gast von mehreren Kugeln durchbohrt tot zu unseren Füßen. Dies sind Reiseabenteuer, die glücklicherweise nicht oft vorkommen, dagegen gibt es andere kleine Beschwerlichkeiten, die nicht selten sind, und ebenfalls Stoff zu mancherlei scherzhaften Unterhaltungen geben. So ist es oft der Fall, daß einem Schläfer während der Nacht der Bart an den wollenen Schlafsack anfriert, weil sich bei der strengen Kälte der Atem sogleich als Eis niederschlägt. Da man nun auf der Reise seinen Schlafsack unmöglich am Kinn hängen haben kann, so muß man sich ein tragikomisches Befreiungsmittel gefallen lassen, was darin besteht, daß die sämtlichen Zeltgefährten ihre kurzen Tabakspfeifen in Brand setzen und vermittelst des heißen Rauches den gefrorenen Bart auftauen. Es läßt sich aber leicht denken, wie unangenehm, fast erstickend diese Mittel ist, wenn 6 bis 8 brennende Pfeifen hart unter dem Gesicht ihren heißen Qualm ausströmen. Ist dies glücklich überstanden, so muß man die Stiefel, welche als Kopfkissen gedient haben und die nun ebenfalls hart gefroren sind, aufzutauen suchen, indem man sich über dieselben legt. Sobald dieselben nur so weit geschmeidig geworden sind, daß man sie anziehen kann, geschieht dies, und damit ist unsere mangelhafte Toilette beendigt. Unterdessen hat der Koch außerhalb des Zeltes über einer Spirituslampe in einem Kessel Schnee oder Eis in Wasser verwandelt und in dasselbe geriebenen Cacao und etwas braunen Zucker gerührt. Die Blechtassen, seit Anfang der Reise nicht gewaschen und gereinigt von den angefrorenen Überresten der vorigen Tage, werden vom Schlitten gebracht, der darin befindliche Schnee mit dem Handschuh ausgewischt und die bestimmte Portion Chocolade hinein gegossen. Bringt man nun das kalte Blech an die Lippen, so bleibt nicht selten die Haut fest daran hängen. Solche Kleinigkeiten, die zum täglichen Leben in jenen kalten Regionen gehören, gab es noch gar manche, aber sie störten im Ganzen die gute Laune nicht, und das Sprichwort: Wer den Schaden hat, darf für Spott nicht sorgen! bewährte sich bei solchen Gelegenheiten auch unter uns.
   Wir hatten hier auf Kap Hotham Rasttag gehalten und waren statt fünf, zehn Stunden im Zelt geblieben, da starker Wind und Schneegestöber herrschte. Als wir wieder aufgebrochen waren, begegneten wir Kapitän MacClintock mit seinem Schlitten, der Sir [Edward] Belcher besucht hatte und sich nun auf der Rückreise zu Kapitän Kellet befand. Er brachte den nochmaligen Befehl Sir Belchers, die Schiffe Resolute und Intrepid sollten verlassen werden, und die sämtliche Mannschaft solle sich unverzüglich auf die Reise nach der North Star begeben. Die Schiffsuhren und andere wertvolle Instrumente sollten mitgenommen, alles andere zurückgelassen werden.
   Mittwoch den 26. April. Auf unserem letzten Marsch in der Nacht kamen wir bei einer Landspitze des Kap Hotham dem Lande ganz nahe und besuchten daselbst das von dem North Star dahin gebrachte Depot an Lebensmitteln für Franklin oder Collinson. Wir fanden daselbst mehrere zerschlagenen Kisten und Fässer, und weil es uns an Brennmaterial fehlte, so nahmen wir einen guten Vorrat davon auf unsere Schlitten. Da es hier auf dem flachen Eis nicht nötig war, daß die Offiziere mit den Schlitten zogen, so ging ich ein gut Stück voraus. In der Ferne bemerkte ich auf dem Eise einen auffallend dunklen Gegenstand. Ich näherte mich, das Gewehr im Anschlag, vorsichtig schoß, als ich nahe genug gekommen, hörte die Kugel einschlagen; aber das vermeintliche Tier blieb regungslos wie zuvor. Als ich herangekommen, fand ich, daß es ein Blechkasten war, durch welchen die Kugel hindurchgegangen war. Beim Öffnen desselben fanden wir 14 Pfund gemahlenen Kaffee, was eine große Freude unter der Schiffsmannschaft verursachte. Da wir nun auch Brennmaterial genug hatten, so wurde bei jedem Haltpunkt ein guter Kaffee gekocht, von dem ein Jeder nach Belieben trinken konnte. Heute Nachmittag begegneten wir 6 Schlittengesellschaften, welche, mit Proviant beladen, von dem North Star kamen und nach dem Kap Hotham gingen, um daselbst das Depot zu vergrößern, welches für Franklin oder Collinson hinterlassen werden soll.
   Freitag den 28. April. Nun sind wir wieder auf einem Schiff, und hoffentlich ist dieses das letzte bis England.
   [Im Oktober 1854 kam die North Star nach England zurück.]

 

Miertsching, Johann August
Reisetagebuch des Missionars, welcher als Dolmetscher die Nordpolexpedition zur Aufsuchung Sir John Franklins auf dem Schiff Investigator begleitete in den Jahren 1850 bis 1854
Gnadau 1855

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!